Neuntes Kapitel. Die Zeit des Exils (1841-1845).

Kurz nach der Vertreibung aus Muri that Abt Adalbert, in der Hoffnung, dass noch Recht und Gerechtigkeit im übrigen Schweizerlande walte, die ersten Schritte um das Verlorene wieder zu erhalten, indem er eine Eingabe an den Bundestag ausarbeitete und sie gemeinsam mit den übrigen Klöstern an das Präsidium absandte. Auch der Nuntius Gizzi schickte am 21. Jänner eine Note an den Bund, worin er den Beschluss des aargauischen Grossen Rathes über die Aufhebung der Klöster als eine Strafmassregel ohne vorausgegangene Untersuchung und mit Berufung auf Art. XII des Bundesvertrages als eine ungesetzliche Massregel darstellt und den Vorort auffordert, Aargau zur Zurücknahme seines Beschlusses anzuhalten, auch eine Note Oesterreichs, unterzeichnet vom Gesandten, Grafen von Bombelles, lief am 8. Februar ein.1 Sie enthält eine feierliche Verwahrung des Kaisers von Oesterreich als Nachkommen des Hauses Habsburg, welches die Abtei Muri gegründet und mehrere andere, durch den aargauischen Grossrathsbeschluss vom 13. Jänner aufgehobene Klöster des Kantons Aargau dotirt habe, gegen jeden Akt, wodurch die aus Patrimonialvermögen (II-455) seiner Ahnen herstammenden Güter der durch die Stifter festgesetzten Bestimmung entzogen würden und macht die Regierung des Kantons Aargau für jede Entheiligung und Zerstörung verantwortlich, welcher die Grabstätte seiner Vorfahren und die im Archive verwahrten Stammurkunden der Grafen von Habsburg ausgesetzt werden möchten. Wirklich fand vom 15. März bis 5. April 1841 eine ausserordentliche Tagsatzung statt, in welcher am 2. April ein Majoritätsantrag angenommen wurde, des Inhalts, dass das Klosteraufhebungsgesetz in Aargau dem Art. XII der Bundesverfassung widerstreite und dass der Stand Aargau neue mit jenem Artikel vereinbare Gesetze machen müsse, einstweilen aber das Klostergut unversehrt erhalten solle. Auf dieses hin versammelte sich am 13. Mai der Grosse Rath Aargau's und richtete an die eidgenössischen Stände die Bitte, auf die Exequirung dieses Beschlusses nicht zu dringen, und versprach dagegen, nichts thun zu wollen, was im Widerspruche mit dem Administrationsdekrete vom 7. November 1835 stünde.

Unterdessen hatten die aargauischen Klöster, denen sich jetzt auch die Kapuziner anschlossen, eine Denkschrift (vom 20. Mai 1841 datirt) verbreiten lassen.2 Veranlasst wurde dieselbe durch eine vom kleinen aargauischen Rath veröffentlichte Denkschrift an die hohen eidgenössischen Stände unter dem Titel: „Die Aufhebung der aargauischen Klöster“, unterzeichnet vom Präsidenten Waller und Staatsschreiber Ringier im März 1841, welche von Unrichtigkeiten, Entstellungen, Verdrehungen, missbrauchten Akten, falschen Angaben und offenbaren Lügen strotzt, so dass eine Widerlegung nicht schwer fallen konnte.3 Jene Denkschrift der Klöster nun, unter dem Titel: „Die aargauischen Klöster und ihre Ankläger, eine Denkschrift an alle Eidgenossen und an alle Freunde der Wahrheit und Gerechtigkeit, 1841“, gedruckt bei Hurter in Schaffhausen, umfasst 154 Seiten Text und 41 Seiten Beilagen in 4°. Sie widerlegt Schritt für Schritt die Denkschrift der aargauischen Regierung, schildert in der Einleitung die Stellung der Klöster zur Staatsgewalt und behandelt dann in 6 Abtheilungen die Entstehung der Klöster, ihre Stellung und Wirksamkeit in Kirche und Staat, ihre Aufhebung und schliesst mit einer rechtlichen Erörterung und Bitte an das Bundespräsidium um Restitution ihrer Rechte. Wir verweisen auf dieselbe ausdrücklich, weil (II-456) sich darin auch eine eingehende Widerlegung der Anschuldigungen findet, die von feindlicher Seite gegen das Stift Muri vorgebracht worden waren.

Als im Juli 1841 wiederum eine Tagsatzung abgehalten wurde, welche das Dekret vom 2. April bestätigte und Aargau an seine Pflicht erinnerte, versprach dieses am 19. Juli die Wiederherstellung von 3 Frauenklöstern, jedoch unter Bedingungen, welche mehr Spott als Unterwürfigkeit verriethen, und erklärte zugleich, so viel wolle es thun, mehr aber nicht. Ueberdies fuhr es fort, ungeachtet des ausdrücklichen Verbotes vom 2. April, Klostergüter zu verkaufen. Desshalb verlangten in der ausserordentlichen Tagsatzung am 12. August mehrere Stände, Aargau solle von nun an Veräusserungen von Liegenschaften der Klöster unterlassen und noch nicht ratificirte Verkäufe rückgängig machen; allein eine Stimmenmehrheit kam nicht zu Stande.

Am 1. April 1842 erliess Papst Gregor XVI. ein Schreiben an die Bischöfe der Schweiz, worin er nach Erwähnung der traurigen Vorfälle daselbst die katholischen Kantone belobt und dann die Klosteraufhebungsdekrete verwirft, die Veräusserungen der Klostergüter verbietet und den Besitzern solcher unrechtmässig erworbenen Güter zu verstehen gibt, dass keiner mit ruhigem Gewissen eine solche Besitzung zu behalten oder fürder eine solche zu erwerben berechtigt sei.

Im Juli und August 1842 kam die Angelegenheit der Klöster auf der Tagsatzung wieder zur Sprache. Nur eine halbe Stimme fehlte, um den Klöstern zu ihrem Rechte zu verhelfen; die übrigen Stände stellten sich mit dem Anerbieten Aargau's drei Frauenklöster wieder zu öffnen, zufrieden, um das übrige geraubte Gut bekümmerten sie sich aber nicht, so dass Aargau jetzt freie Hand hatte.4 Daher beschloss der aargauische Grossrath am 16. Dezember 1842 eine Bezirksschule als Staatsanstalt in den Räumlichkeiten und aus dem Vermögen Muri's zu errichten. Als diese Schule im folgenden Mai wirklich eröffnet wurde, betrachtete der Radikalismus dies als einen solchen Sieg, dass ihn die lange stumm gebliebenen Klosterglocken verkünden mussten. Aus einem Kreisschreiben des Vororts Luzern vom 1. Februar 1843 ersehen wir auch, wie viele Muri-Güter die aargauische Regierung vom 18. Dezbr. 1841 bis 17. Dezbr, 1842 verkauft hatte, es sind theils Lehen, theils Waldungen und sonstige Besizungen, nämlich 29 Gebäude und 474 ½ Juchart Land, wofür 207,409 alte Franken gezahlt wurden.

Am 1. Mai 1843 erhoben die Klöster neuerdings ihre Stimme in einer gedruckten Eingabe an sämmtliche Stände der (II-457) Eidgenossenschaft und an die hohe Tagsatzung. Sie legen dar, wie die Klösteraufhebung im Aargau nicht nur ein Bundes- sondern auch ein Verfassungsbruch in formeller und materieller Beziehung und zugleich eine Ueberhebung über die oberste Behörde der Eidgenossenschaft sei, weil der Kanton Aargau deren Beschluss vom 2. April gänzlich unbeachtet lässt. Sie erneuern daher ihr Gesuch, man möchte den Stand Aargau zur Einhaltung dieses Bundesbeschlusses und zu treuer Beachtung der bundesurkundlich gegebenen Garantie der Stifte und Klöster vermögen, und diese wieder in ihr Eigenthum und in ihre Rechte einsetzen. Noch viermal thaten die Aebte von Muri und Wettingen ähnliche Schritte, so am 1. Mai 1844, am 30. Mai 1845, am 24. April 1846 und im März 1847, indem sie jedesmal Wiedereinsetzung in ihre Rechte und in ihr Vermögen, sowie unbedingte Zusicherung eines standesmässigen Unterhaltes bis zur vollen Erlangung ihres Eigenthumes begehrten. Allein es war, die Erlangung der Pension abgerechnet, alles vergebens, und mit dem Ausgange des Sonderbundkrieges im Herbste 1847 war jede Hoffnung für Wiederherstellung, wenn auch nicht für immer, so doch auf lange Zeit entschwunden. Den mit Gewalt unterdrückten Klöstern, ihren Obern und allen Mitgliedern blieb jedoch das ruhige Bewusstsein, kein erlaubtes Mittel zu ihrer Wiederherstellung unversucht gelassen zu haben.

Zur Erhaltung des guten Geistes war Abt Adalbert sogleich nach der Aufhebung des Klosters bemüht, seinen Mitbrüdern passende Beschäftigung anzuweisen. Zu Sarnen im Kanton Obwalden befand sich ein aus dem Nachlasse eines Exjesuiten, Dr. Johann Bapt. Dillier († 1746), entstandenes Collegium, worin zwei Weltgeistliche den Gymnasiaiunterricht ertheilten. Die Professoren des Schuljahres 1840/41, die etwa 12 Studenten zu leiten hatten, waren nur provisorisch angestellt. Schon im Februar 1841 liess daher die oberste Landesbehörde bei dem Abte mündlich anfragen, ob er geneigt wäre, diese Lehranstalt zu übernehmen. Die Gelegenheit, seinen Mitbrüdern einen entsprechenden Wirkungskreis zu geben, schien ihm günstig. Doch wegen der schwebenden Verhandlung der Wiederherstellung Muri's konnte er keine bestimmte Antwort ertheilen. Bald erfolgte eine amtliche Anfrage an ihn in dieser Sache. Jetzt sagte er mit seinen Konventualen bedingt zu und fügte die Uebernahmebedingungen bei. Diese waren für Obwalden sehr günstig, so dass die Behörde selbe gerne verbriefte. Grössere Sorge und viele Unkosten verursachte dem Abte die Instandsetzung des Hauses, um die wenigen bei ihm weilenden Konventualen unterzubringen. Vor Beginn der Schule war jedoch die Hauptsache in Ordnung. (II-458) Abt Adelbert brachte 7 Patres und 2 Brüder mit sich. Diese Wenigen begannen sogleich in der Hauskapelle das gemeinsame Chorgebet und eröffneten am vierten Tage nach ihrer Ankunft die Schulen mit 25 Studenten. In Erkrankungsfällen und bei sonstigen Verhinderungen der Professoren supplirte nicht selten der Abt selbst längere Zeit. Die höhere Mathematik tradirte er einmal ein ganzes Jahr. So ging es zur allseitigen Zufriedenheit 4 Jahre fort. Als daher die Regierung von dem inzwischen gereiften Entschlusse des Abtes, nach Gries bei Bozen in Tirol zu übersiedeln, confidentielle Kenntniss erhielt, liess sie ihn durch eine eigene Abordnung ersuchen, das seit Jahren übernommene Schulwesen im Collegium auch ferner beizubehalten und Sarnen mit Gries zu verbinden. Der Abt hatte schon früher den gleichen Wunsch gehegt und darüber in Wien angefragt und zur Antwort erhalten, dass nichts im Wege stehe, ja dass man es gutheisse, damit der schweizerische Murikonvent auf diese Weise noch einen schweizerischen Communalbesitz behalte. Er kam also dem Verlangen der Regierung gerne entgegen, bat jedoch um Entschuldigung und Nachsicht, wenn er einige Zeit das Sarner-Collegium spärlicher behandeln müsse, bis der Konvent von Muri-Gries erstarkt sei, zumal seit der Aufhebung schon einige Konventualen gestorben waren. Es blieben P. Beat Fuchs als Superior, P. Benedikt Waltenspül als Rektor und P. Johann Evangelist Kuhn zurück, welche den nöthigen Unterricht für die 6 Lateinklassen zu ertheilen hatten, für den Lehrer der Sekundarschule musste einstweilen die Regierung sorgen. Im Herbste 1850 kam P. Augustin Grüniger als junge Lehrkraft nach Sarnen und so nahm diese Lehranstalt immer grössern Aufschwung.


  1. S. über diese und die folgenden Verhandlungen: „Repertorium der Abschiede der eidgenössischen Tagsatzungen aus den Jahren 1814 bis 1848, von W. Fetscherin“, Bern 1874, Bd. I., S. 813 f.

  2. Ueber die Entstehung derselben siehe „Friedrich v. Hurter und seine Zeit“, Bd. 1., S. 262 ff.

  3. Eine vernichtende Kritik dieser aargauischen Staatsschrift siehe „Historisch-politische Blätter“, 7. Bd. 1 S. 539 ff. Ueber die Denkschrift der Klöster siehe daselbst, Bd. 8., S. 337 ff,

  4. Repertorium, S. 852 ff.