Achtes Kapitel. Aufhebung des Stiftes Muri.

Bereits am 5. Jänner 1840 war eine Proklamation an das Volk des Kantons Aargau ergangen, durch welche alle Bürger aufgefordert wurden der zur Revision eingesetzten Commission, ihre Ansichten, Wünsche und Anliegen kundzugeben.1 Die Katholiken, deren einige sich zu Bünzen zuvor über ihre Angelegenheiten besprachen, woher der Name Bünzener-Comite stammt, veranstalteten eine Volksversammlung zu Mellingen, wobei sie ausser andern Wünschen auch für die Klöster die Selbstverwaltung ihres Vermögens und freie Novizenaufnahme verlangten. Auch die Geistlichen trugen der Kommission ihre Anliegen vor, ebenso die Klöster selber. Als aber nachher der Entwurf der revidirten Verfassung in die Öffentlichkeit kam, sah das katholische Volk des Freiamtes deutlich, dass es auf weitere Verfolgung seiner Kirche und gänzliche Vernichtung der kirchlichen Institute abgesehen sei. Erhob ein Katholik seine Stimme dagegen, ging er nicht durch dick und dünn mit den Radikalen, so wurde er kurzweg als Mitglied des Bünzener-Comite, d. h. als ein Aufwiegler gegen die radikale Regierung (II-443) bezeichnet, obwohl längst kein solches Comite mehr bestand, da es sich schon nach der Mellinger-Volksversammlung aufgelöst hatte. Wider alle Erwartung wurde der Verfassungsentwurf am 5. Oktober 1840 mit ungeheurer Majorität verworfen. – Doch die niemals müden Machthaber verfertigten eine neue Verfassung, aus welcher sie alles wegliessen, was den Reformirten missfallen hatte und erlangten so mit dem Aufgebote aller Mittel eine Majorität von 4000 Stimmen am 5. Jäner 1841. „Stumm“, schreibt ein Chronist damaliger Ereignisse,2 „beugte sich das katholische Volk unter das durch die Mehrheit einer andern Confession seiner Kirche von Neuem auferlegte Joch.“ Es wurden keine Versammlungen mehr gehalten, keine Schriften, nicht einmal Versuche zu neuen Petitionen gemacht. Die Gewaltigen hatten den Katholiken Rache geschworen, die sie befriedigen wollten. Ueberdies standen Neuwahlen bevor, bei welchen mancher Radikale seinen Sitz im Rathe verlieren konnte; darum sollte ein Gewaltstreich zum letzten Siege verhelfen. In der Nacht vom 9.-10. Jänner wurden in Bremgarten und am Sonntage den 10. Jänner Morgens in Muri unbescholtene und ehrenwerthe Männer wie gemeine Strassenräuber mit roher Gewalt verhaftet und in die Kerker geschleppt. Dies war dem katholischen Volke zu viel; solche Schmach wollte es nicht ertragen und setzte der Gewalt Gewalt entgegen, ohne auf die Stimme der Geistlichkeit zu hören. In Bremgarten befreite das Volk die Gefangenen, in Meyenberg, wo der Bezirksamtmann Weibel einen Ehrenmann (Suter) mit Landjägern verhaften wollte, wurde Weibel selbst festgenommen. Ebenso sammelten sich in Muri um die Mittagszeit, ohne dass es verhindert werden konnte, grosse Volksmassen und verlangten die Freilassuug der Eingekerkerten, und Regierungsrath Waller traurigen Andenkens war genöthigt, dem Begehren der Menge nachzugeben. Waller fürchtete für seine Person, und zwei katholische angesehene Männer waren es, die ihn vor dem erbitterten Volke schützten, ihn in ein Privathaus geleiteten und dort sein Leben durch eine Wache sicherten. Darauf kam die Reihe an den beim Volke vom Jahre 1835 her verhassten Oberrichter Müller und an den Verwalter Lindenmann; jener wurde festgenommen, ohne dass man ihm ein Leid zufügte und zu Waller gebracht; letzterer musste Misshandlungen erdulden, und hatte dem ehemaligen Klosterschaffner Huwiler seine Rettung zu verdanken. Man brachte ihn in das Innere des Klosters und dort schützte und pflegte ihn P. Leodegar Kretz. Diesen bat Lindenmann wegen der Vergangenheit um Verzeihung und versicherte ihn, er werde solche (II-444) Liebe zu vergelten wissen. Allein das Kloster erhielt dafür keinen Dank. Doch übergehen wir das, und folgen wir den traurigen Ereignissen, die sich rasch abwickelten.

Den aus dem Gefängnisse befreiten Männern blieb nichts anders übrig, als die Geschicke der durch unbegründetes polizeiliches Einschreiten der Regierung gegen das ehemalige Bünzener-Comite aufgeregten Volksmenge zweier Bezirke möglichst zu mildern. In diesem Sinne beschlossen sie in der Nacht vom 10. auf den 11. Jänner: das Land von militärischer Besetzung, Personen und Eigenthum vor willkührlicher Gewalt zu wahren und zu diesem Ende die Waffen zu ergreifen; mit der Regierung selbst wollten die zusammengetretenen Männer auf dem Wege der Unterhandlung eine Verständigung suchen. So folgte der Meuterei in Bremgarten und Muri der bewaffnete, regellose Aufbruch des ergrimmten Volkes an die Grenze des Freiamtes in der Richtung nach Wohlen und Villmergen. Die Regierungstruppen unter Frei-Herose waren schon am 11. in der Früh von Lenzburg aufgebrochen, lieferten mit dem Landsturme bald nach Mittag ein kleines Gefecht in Villmergen und nöthigten diesen zur Flucht. Die Unterhandlungen mit der Regierung konnten auf diese Weise begreiflich nicht stattfinden. Eine Abtheilung der siegreichen Truppen wandte sich am 12. Jänner nach Bremgarten und eine andere nach Muri. Als die Soldaten3 des Klosters ansichtig wurden, erhoben sie ein wildes Geschrei, dass die Bewohner der umliegenden Dörfer dessen Zerstörung und die Niedermetzlung sämmtlicher Konventualen befürchteten. Vor dem Kloster wartete der ankommenden Truppen ein zahlreiches Gesindel von dem benachbarten Kanton Zürich und dem protestantischen Aargau; es war mit Säcken versehen, in der Hoffnung, beim Niederbrennen des Klosters sich eines guten Fanges zu erfreuen. Oberst Frei-Herose hielt diese Leute für Bewaffnete und pflanzte die Kanonen gegen sie auf. In diesem Augenblicke kamen die von der Haft der Bauern entlassenen Freunde der Regierung, Waller, Bezirksamtmann Weibel und Oberrichter Müller und benahmen dem Feldherrn die Täuschung. Waller hielt an die Truppen eine hochpatriotische Ansprache; darauf ging der Marsch wie im Sturme dem Kloster zu. Mit den Soldaten drang auch obiges Gesindel in dasselbe ein und verbreitete sich in alle Gänge und Ecken. Oberst Frei-Herose hielt diese Leute für Freiämtler und wollte den Abt tadeln, dass er solches Gesindel in seinem Hause dulde. Dieser meldete ihm dessen Herkunft, deutete auf die schlimmen Absichten hin und bat, (II-445) der Oberst wolle dasselbe entfernen. Es geschah und die in ihrer Hoffnung getäuschten Leute zogen fluchend sich zurück und plünderten auf dem Heimwege noch einige Häuser katholischer Freiämtler.4

Etwa 600 Mann und die meisten Offiziere wurden im Kloster einquartirt. Die Heldenthaten dieser Krieger aber bestanden darin, dass sie binnen 14 Tagen 13,303 Pfund Fleisch auf Kosten des Klosters vertilgten und den Wein aus den Kellern buchstäblich fliessen liessen, da die Soldaten den Wein, den sie nicht mehr zu trinken vermochten, auf den Boden schütteten, wo er bei grosser Kälte zu Eis gefror. Küchen- und Kellerpersonal war den ungestümen Leuten gegenüber kaum mehr des Lebens sicher; auf andere Rohheiten kommen wir später zurück.

Schon den folgenden Tag nach dem Einzuge der Truppen in Muri, am 13. Jänner, erfolgte die Aufhebung der Klöster durch den Grossen Rath. Hierüber lassen wir grösstentheils Landammann Baumgartner5 sprechen:

„Unmittelbar nach den Vorgängen in Muri, Bremgarten und Villmergen (10. und 11. Jänner) wurde der Grosse Rath einberufen.6 Die Regierung erstattete Bericht (den sie allein von ihren Parteigenossen hatte), Antrag stellte sie keinen. Den grossen Schlag hatte der katholisch getaufte Augustin Keller, damals Direktor des Schullehrerseminars in Wettingen und ein Hauptführer der Radikalen, sich vorbehalten. Die Klöster waren ihm die Quelle alles Unheils.“

„Kaum war das die Sitzung vom 13. Jänner einleitende Gerede vorüber, ergriff Keller das Wort, gab dem Kleinen Rathe das Zeugniss des Wohlverhaltens in den verlaufenen kritischen Tagen, gedachte der unglücklichen Lage des Landes und verkündete als deren Ursache die Klöster. Er deklamirte ungeschichtlich genug, dass die Klöster mit Müssigang und Intriguen enden werden, dass sie im Morgenland und Abendland nichts als öde Steppen der Barbarei und Unkultur (!) hinterlassen, – dass der Mönch „in der Regel“ ein schlechtes, verdorbenes Geschöpf sei. „„Stellen sie einen Mönch in die grünsten Auen des Paradieses, und so weit sein Schatten fällt, versengt er jedes Leben, wächst kein Gras mehr““! So rief Keller in die vorherrschend protestantische Versammlung hinaus. In den drei katholischen Bezirken des Aargaus, denen die acht (II-446) Klöster angehörten, übten diese, nach seiner Anschauung, den allerschlechtesten Einfluss. Der Schluss machte sich leicht: Die Klöster im Kt. Aargau sollen, ja müssen aufgehoben werden; vollzieht es der Grosse Rath nicht, – vollzogen wird es doch; aber dann nicht auf dem Wege des Gesetzes, sondern das Urtheil wird an den Bajonnetten und an den Mündungen der Kanonen geheftet sein.“ Diesen Worten folgte eine Aufzählung von Gerüchten und angeblichen Thatsachen, dass der Aufstand von den Klöstern, von Muri zumal, ausgegangen sei, und endlich ein derber Fingerzeig, dass die Okkupationskosten diesmal den Schuldigen auferlegt werden.“

„Der Rath war höchst aufgeregt, die Leidenschaft Meister der Sitzung, Dr. Tanner nebst Keller ihr hitzigstes Organ, Mahnungen zur Mässigung und Ueberlegung, einlässlich vorgetragen von Dr. Leonz Bruggisser (von Laufenburg), Versuche, zu diesem Zwecke eine ordentliche Commissionalprüfung vorangehen zu lassen, waren vergeblich. – Die Aufhebung der Klöster, aller ohne Ausnahme (auch die der zwei Kapuzinerklöster in Baden und Bremgarten) wurde beschlossen mit 115 gegen 19 Stimmen, in Abwesenheit von zwei Drittheilen der katholischen Räthe“.

Die Aufhebungsurkunde will den Beschluss begründen: 1. mit der Verderblichkeit des Einflusses und Wirkens der Klöster im Kantone auf wahre Religiosität, Sittlichkeit und moralische und ökonomische Selbstständigkeit der Bürger; 2. mit der unablässigen Bearbeitung, Aufreizung und Verführung der Gemüther des Volkes durch die Klöster; 3. aus dem Umstande, „dass in diesem letzten Aufstande denselben und ganz insbesondere dem Kloster Muri die Hauptanstiftung und thätliche Förderung des verbrecherischen Attentats auf die vom Volke sanktionirte verfassungsmässige Ordnung und die volle rechtliche Verantwortlichkeit für ihre diesfälligen strafwürdigen Handlungen auffällt und der Konvent von Muri sich zudem bereits faktisch aufgelöst und zerstreut hat“,7 4. mit der Befugniss, die jedem Staate zukommt, offen und geheim gegen ihn frevelnde Institute und Corporationen von fernerem Rechtsschutze auszuschliessen,8 und endlich mit der Behauptung, der Stand Aargau habe im Jahre 1814 gegen ausdrückliche Gewährleistung der Klöster bei der Berathung des Bundesvertrages (II-447) förmlich Verwahrung eingelegt.9 Dieser Grossrathsbeschluss erregte bei Protestanten wie Katholiken grosses Erstaunen, weil er dem klaren Inhalte des Bundesvertrages, der im XII. Artikel den Bestand der Klöster garantirte, zuwiderlief. Selbst eifrige Liberale beider Confessionen missbilligten offen ein solches Verfahren, welches nicht bloss die Kantonalsouveränität über die vom Bundesvertrag gesetzten Schranken erhob, sondern auch den immer lebhafter erwachenden confessionellen Hader zu bitterem Hasse entflammen musste.

Von den schweren Anschuldigungen, die als Aufhebungsgründe in obiger Urkunde erscheinen, ist keine amtlich erhärtet worden, weil gar keine Verhöre der Verurtheilten stattgefunden hatten. Waller's unwahre Behauptung, dass Kloster Muri habe am 11. Jänner Sturm geläutet,10 hat Abt Adalbert an der Spitze seines Konventes am 14. Jänner 1841, als ihm vom Oberkommandanten Frei-Herose die Aufhebung angekündigt wurde, entschieden in Abrede gestellt, dasselbe that er beim amtlichen Verhöre am 29. Jänner d. J., das einzige Verhör, welches der schwerangeschuldigte Murikonvent 16 Tage nach seiner Verurtheilung zu bestehen hatte.11 Ebenso widersprach er diesem Vorwurfe am 14. August 1843 in einer schriftlichen Eingabe zu Handen der hohen Tagsatzung in Luzern. Mit dem Abte widersprachen vom Konvente zuvörderst die Brüder, welche die Glocken zu besorgen hatten, wie auch 155 Ehrenmänner, denen sich bald noch 70 andere beigesellten, die am 11. Jänner stets in der Nähe des Klosters sich befanden und im März 1841 zu Handen der Tagsatzung ihr Zeugniss schriftlich abgaben, mit der Erklärung, sie wollen ihre Aussage eidlich bezeugen. Die Regierung nahm von keinem dieser 225 Männern die eidliche Aussage entgegen! Doch genug hievon; hören wir die weitern Ereignisse dieser höchst traurigen Zeit.

Am 14. Jänner12 befahl der Oberkommandant Frei-Herose, dass sich der Konvent13 um 9 Uhr versammeln sollte. Frei-Herose erschien zur bestimmten Zeit an der Spitze der Offiziere (II-448) und sagte zu den versammelten Konventualen: es sei ihm von Aarau eine Depesche zugekommen, worin angezeigt wäre, dass der Grosse Rath mit einer an Einheit grenzenden Mehrheit, nämlich mit 115 gegen 19 Stimmen, die Klöster des Aargau's aufgehoben habe;14 die fernern Massnahmen würden folgen. In Kraft dieses Beschlusses sollen sofort das Archiv, die Bibliothek und die Sakristei versiegelt und die Klosterkirche geschlossen werden. Eine weitere Disposition bestand darin, dass er den Konventualen unter schwerster Verantwortung und crimineller Behandlung verbot, das Kloster zu verlassen. „Alle müssen für Einen und Einer für Alle haften.“ Der Herr Prälat erwiederte hierauf: „Mit tiefster Bestürzung vernehmen wir die Gewaltmassnahmen. Wir protestiren dagegen im Namen der Stiftungsurkunden, im Namen der Bundesurkunde, welche die Existenz der Klöster und ihren Besitzstand gewährleistet und besonders im Namen der katholischen Kirche und ihrer Rechte; denn da die Klöster kirchliche Institute sind, können diese nur durch die Kirche rechtsgiltig aufgelöst werden.“ Hierauf erhob Oberkommandant Frei Herose mit der Linken seinen Säbel und stiess selben mit Zorn auf den Boden mit den Worten: „Ein Oberkommandant an der Spitze von 15,000 Mann nimmt keine Protestationen an; der Aufruhr muss im Herde, wo er entstanden, erstickt werden; das Kloster hat durch Sturmläuten und Schiessen den Sturm provocirt und organisirt.“ Der Abt bemerkte, dies in Abrede stellend, dass nicht bloss nicht Sturm geläutet, sondern vielmehr ein zweimaliges gewöhnliches Läuten, um allen Schein des Sturmläutens zu vermeiden, unterlassen worden sei;15 das Schiessen aber und den Sturm des Volkes habe man nicht verhindern können. Der Kommandant versetzte: „Eine Korporation, die das, was sie als bös erkennt, nicht zu verhindern vermag, hat auch die Kraft, ferner zu existiren verloren (!!); als Mensch bedaure er unser Schicksal, als Bürger fühle er sich geehrt, diesen Auftrag zu vollführen (!).“ Jetzt verlangte er das Personal,16 welchem die Besorgung der Sakristei und der Bibliothek anvertraut sei. Die Herren PP. Johannes Kuhn und Benedikt (II-449) Waltenspül wurden vom Gnädigen Herrn bestimmt. Mit diesen machte sich Herose unter Bedeckung des ganzen Offizierstabs und des mitgebrachten Militärs ans Werk. Wir wurden unterdessen im Konvente durch eine Wache zurückgehalten und später, als die hl. Gefässe in die Bibliothek übertragen waren, in unsere Zellen entlassen.“

„Auf den 25. Jänner erhielten wir von Herose abermals einen schriftlichen Befehl, dass der Konvent um 10 Uhr so zahlreich als möglich sich versammeln solle. Auch die ausgesetzte Pfarrgeistlichkeit wurde einberufen. Der Gnädige Herr ordnete an, dass wir schon ½ 10 Uhr im Refektorium versammelt wären. Nach dem gewöhnlichen Gebete sprach er: Schon früher hätte er im Sinne gehabt, eine Abschiedsrede an uns zu halten, aber der Drang der Umstände hätte es gehindert. Er möchte uns vor Allem bitten, dass wir Gott aus ganzem Herzen, aus allen Kräften und über Alles lieben sollten. Wir sollten keine Rache gegen unsere Feinde und Verfolger hegen. Gott habe diese Prüfung über uns kommen lassen, auch dieses müsste uns zum Heile gereichen. Wir sollten unsern Feinden verzeihen, wie wir wünschten, dass Gott uns verzeihe. Wir sollten einander immer als Brüder betrachten, ausser dem Kloster unseres Standes und unserer Pflichten eingedenk sein und besonders uns bestreben, aller Orten gutes Beispiel zu geben. Wenn er Jemanden aus uns beleidigt hätte, so bitte er von Herzen um Verzeihung; er gebe die Versicherung, dass er Alle herzlich liebe, – mehr zu sprechen, verhinderte der Schmerz. Lautes Schluchzen wurde gehört, und in Strömen flossen die Thränen. – Nachdem der Prälat sich wieder gefasst hatte, traf er noch vorläufige Anordnungen wegen der Stiftsmessen und sagte, dass er in Bälde mit dem Legaten über diesen Punkt sprechen und dann Allen das Ergebniss mittheilen wolle.“

„Noch hatte die Schreckensstunde nicht geschlagen. In banger Erwartung sassen wir ohne Sprache wie versteinert da, als Waffengeklirr und Pochen an die Konventthüre uns auf's Neue aufschreckte. Frei-Herose an der Spitze seiner Offiziere, vom Bezirksamtmann Weibel und dem Amtsschreiber Strebel begleitet (auch Peter Leonz Bruggisser wollte sich an dieser Scene weiden), trat rasch in den Konvent, sah herum und sprach: „Hochwürdiger Herr Abt! Hochwürdige Herren! Es wird Ihnen bereits bekannt sein, dass der Grosse Rath am 20. dieses auch das Vollziehungsdekret über die Aufhebung der Klöster erlassen habe. Ich bin mit dem unangenehmen Auftrage von der hohen Regierung belastet, dieses Dekret zu (II-450) vollziehen“. Dann befahl er dem Oberst Schmitter, das angeführte Vollziehungsdekret zu verlesen. Wie zum Tode Verurtheilte hörten wir dasselbe an. Jetzt setzte Herose bei: Die Konventualen hätten von nun an in zweimal vierundzwanzig Stunden das Kloster zu verlassen, mit Ausnahme derer, die wegen Verification der Inventarien zurückbehalten und hernach namentlich bezeichnet würden. Die Expositi könnten einstweilen auf ihren Pfründen bleiben und dürften ohne vorhergegangene Anzeige an das Oberamt dieselben nicht verlassen. – Der Herr Prälat entgegnete mit Nachdruck: Er erneuere hiemit alle früher gemachten Rechtsverwahrungen, hiezu fühle er sich verpflichtet, dann seien die Konventualen durch ein feierliches Gelübde verpflichtet, das Kloster nicht zu verlassen, wenn sie nicht mit Gewalt dazu gezwungen würden. Ob man Gewalt anwenden würde? Frei-Herose sagte hierauf: Die Herren würden so klug sein und ihn nicht in die Nothwendigkeit versetzen, Gewalt zu brauchen, wenn sie aber dessenungeachtet sich nicht fügen sollten, so habe er das Militär zu seiner Verfügung und so wüsste er schon, was ihm zu thun zustände, er würde seine Stellung zu behaupten wissen. „Also, sprach der Prälat, ist Gewalt vorhanden?" „Ja, erwiderte Herose, Gewalt“. Nun trug der Gnädige Herr noch eine Bitte vor. Man wäre, sprach er, schon lange gesinnt gewesen, ein Armenhaus zu bauen, nur die bedrängten Verhältnisse hätten es verhindert; dieses Vorhaben möchte er zur Ausführung dringenst empfehlen. Wie den Willen eines Sterbenden, versetzte Herose mit einiger Rührung, werde man dieses Ansuchen ehren, er werde der hohen Regierung unsere Aeusserungen berichten. Dann setzte er für die Expositen noch bei, sie sollten das Volk beruhigen, ihm sagen, dass man die Religion nicht gefährden werde, diese müsse blühen mehr als zuvor. Der Prälat, der Statthalter, der Küchenmeister und Bruder Urban wurden zurückbehalten. Am 27. Jänner erfolgte der jammervolle Auszug („lacrymosus discessus“).“ – Ehe wir darüber berichten, müssen wir noch einige Umstände beifügen.

Sobald das Kloster von den Truppen besetzt war, durfte das heiligste Sakrament nicht mehr öffentlich zu den Kranken getragen werden. Am Kloster vorübergehende Geistliche wurden von den einquartirten Soldaten nicht selten mit Unrath begossen und beworfen; nicht einmal Leichenbegängnisse konnten ungestört abgehalten werden. Der Gang, durch welchen die Konventualen zur Kirche gingen, wurde in gemeinster Weise verunreinigt, der Weihwasserkessel in empörender Weise profanirt; Bilder in den Gängen hatte man durchstochen, Statuen der Heiligen entstellt, nicht einmal die Bilder Christi und der (II-451) seligsten Jungfrau blieben verschont. Der Dekan P. Bonaventura wurde am Altare während der Feier des hl. Messopfers insultirt. P. Gregor Meng, vor dessen Pfarrwohnung eigens eine Wache aufgestellt war, schwebte in Gefahr, erschossen zu werden, da ein abtretender Posten dem ablösenden Soldaten einfach sagte, er solle den heraustretenden Pfaffen niederschiessen. Dieser schlug wirklich das Gewehr auf P. Gregor an, als dieser das Haus verlassen wollte, besann sich aber doch eines bessern. Nebenbei wurde auch wacker gestohlen; selbst das Tischgeräthe war nicht mehr sicher; Zimmer wurden erbrochen und Gemälde und andere Gegenstände daraus geraubt, Uhren entwendet, Bücher und Kunstsachen von einzelnen Offizieren in Kisten abgeschickt, ganze Körbe voll von Büchern von den Soldaten zu den Fenstern hinausgeworfen oder in den Oefen verbrannt.17 Besonders vandalisch war man mit dem Münzkabinet umgegangen. Als P. Dominik nach erhaltener Erlaubniss mit einem höher gestellten Offiziere etwas holen wollte, fanden sie die Thüre eingesprengt, die Schränke aufgerissen und die Münzen waren verschwunden. Und nicht genug, dass man das Kloster, wo man konnte beraubte, mussten Abt und Koventualen sich zuletzt noch darüber verantworten, dass nicht alles mehr vorhanden sei, was früher dagewesen. Selbst Privateigenthum, wie z. B. mehrere Kunstgegenstände des P. Leodegar, hatte man weggenommen; die Thäter sahen sich aber später zur Restitution genöthigt. Endlich war das Allerheiligste im Tabernakel nicht mehr sicher. Schon gleich nach der Verkündigung der Aufhebung wollte der Bezirksamtmann, dass die hl. Hostien aus dem Ciborium im Tabernakel „in etwas Anderes gelegt werden“, um den Speisekelch mit den andern Kirchengeräthen in die Bibliothek zu bringen. Auf gemachte Einwendung des Custos P. Benedikt trat er davon zurück. Im Anschlusse an dieses wüste Treiben möchten wir einer Thatsache gedenken, die sich kurz nach der Abreise der Konventualen (3. Februar) in Muri ereignete, einer Thatsache, die ein gläubiges Christenherz an jenes bekannte Wort erinnert: „Der Arm Gottes ist nicht verkürzt.“ P. Dominik Tschudi war als Pfarrhelfer in Muri zurückgeblieben. Um 6 Uhr las er am genannten Tage die heil. Messe, purifizirte die Kelche in den zwei Tabernakeln und legte alle hl. Hostien in ein Ciborium. Herr Apotheker Weibel ministrirte dabei. Es war die letzte heil. Messe in der Klosterkirche bis zu ihrer Wiedereröffnung im Jahre 1850. Nach derselben trug P. Dominik das Allerheiligste in Begleitung des Messdieners durch die (II-452) vordere Pforte in die Pfarrkirche. Die Wache liess ihn ungehindert passiren, denn Oberst Frei-Herose hatte den Befehl gegeben, den P. Dominik ungestört aus- und eingehen zu lassen. Als er darauf noch einen andern Kelch und ein Missale in den Pfarrhof bringen wollte, begann die bei der Apothekerpforte aufgestellte Wache, welche meinte, er trage das Sanctissimum, zu schimpfen und zu spotten und wollte ihn durchaus nicht passiren lassen. P. Dominik berief sich auf die erhaltene Erlaubniss, wurde aber von der Wache nur mit Spott überhäuft. Er gab nun den Kelch, den er offen in der Hand trug, einem in der Nähe stehenden Klosterdiener, um die schriftliche Erlaubniss des Commandanten aus der Tasche zu ziehen. Allein im nämlichen Momente fiel die Wache der Länge nach auf die Strasse hinaus, warf das Gewehr von sich, ballte die Fäuste, verzog das Gesicht und bekam schreckliche Zuckungen, so dass die Herbeigekommenen einen epileptischen Anfall vermutheten. Dem widersprachen jedoch die gegenwärtigen Offiziere, da kein Mann mit solcher Krankheit in das Militär eingereiht wird. Man schleppte nun den Unglücklichen in das Pfortnerstübchen hinein, wo er bald den Geist aufgab. Die Leiche wurde noch am gleichen Tage nach Aarau abgeführt. Der Soldat war ein Reformirter.

Wie erging es den Bendiktinerinnen in Hermetschwil? Wie alle Klöster des Kantons Aargau, wurde auch dieses ohne Grund aufgehoben. Den Nonnen wurde die Aufhebung am 26. Jänner angezeigt, mit dem Befehle, bis zum 5. Februar ihr Kloster zu verlassen. Der kranken und altersschwachen Abtissin bot der Arzt, Herr Dr. Abt, in seinem Hause eine Wohnung an, die sie annahm und mit zwei Schwestern bezog. Sie blieb daselbst bis zu ihrem Tode am 27. Februar 1842. Als die Frauenklöster durch Beschluss der Tagsatzung vom 31. August 1843 wieder aufleben durften, konnten die Frauen von Hermetschwil im Dezember d. J. in ihr Kloster zurückkehren. Sie nahmen jedoch zuvor zu Sarnen, wo mehrere Frauen aus Hermetschwil bei den dortigen Benediktinerinnen Aufnahme gefunden hatten, unter der Leitung des Abtes Adalbert die Wahl einer neuen Abtissin vor. Diese fiel auf Frau M. Josepha Huber, welche vom Abte am 4. Dezember benedicirt wurde. Am 12. Dezember zogen sie wieder in Hermetschwyl ein, 13 Frauen und 5 Laienschwestern. Die aargauische Regierung wollte aber die zu Sarnen gewählte Oberin nicht anerkennen. Am 20. Dezember erschien der Bezirksamtmann und forderte eine Neuwahl. Da erhob die Frau Priorin ihren Arm und sagte: „Ich stimme für die schon gewählte Abtissin.“ Die übrigen Nonnen sagten dasselbe. Der (II-453) Bezirksamtmann erstattete darüber Bericht und die Regierung bestätigte die Wahl. „So“, schrieb nachher eine Klosterfrau, „ist die giltige Wahl verworfen und die ungiltige gutgeheissen worden“. Im Jahre 1876, den 16. Mai wurde dieses Kloster zum zweiten Mal aufgehoben. Ob auf immer? Wenden wir uns wieder nach Muri und vernehmen wir den Abschied der Mönche von ihren Zellen.

Nichts fiel den Konventualen bei der unglücklichen Aufhebung ihres Klosters schwerer als die Trennung, da sie an das religiöse Zusammenleben von Jugend auf gewöhnt und einander herzlich zugethan waren. Jeder äusserte darüber unsägliches Leid und alle ersuchten den Abt, wo möglich einen Ort zu corporativer Vereinigung ausfindig zu machen. „Am 27. Jänner“, so lautet der Bericht eines Betheiligten, „hatte die Mehrzahl der Konventualen das Kloster zu verlassen. Die Scene des Austrittes war schauerlich! Es erschienen bei den Klosterpforten mit einer Menge Wagen Verwandte und Bestellte, welche Tische und Stühle, Betten und Kleider, Bücher und Geräthe eines jeden Konventualen unter umstehendem Militär verluden und innerhalb weniger anberaumter Stunden fortzuführen hatten. Der Wirrwarr mag gedacht, statt beschrieben werden. Die Klosterfeinde, freilich meist nur auswärtige, triumphirten und spotteten; die Konventualen mit dem guten zuschauenden Volke weinten und schluchzten und zogen einer nach dem andern unter wildem Schneegestöber nach allen Richtungen fort, an die verschiedensten Orte sich zerstreuend. Allen Wegziehenden wurde ein Reisegeld auf die Hand gegeben und später die zuerkannte Pension – den Obern der Klöster hatte man sie wegen der eingereichten Protestation vorenthalten – genau verabreicht. Abt Adalbert hatte mit seinen Oekonomieangestellten noch bis zum 3. Februar zu verbleiben und Rechnungen oder deren Belege, Bücher und Schriften abzugeben und ein politisches Verhör zu bestehen und dann auch fortzugehen.18 Er ging in den nahen Kanton Zug, wo sich schon einige Konventualen zerstreut aufhielten, miethete alsbald ein geräumiges Haus ausser der Stadt Zug und sammelte da einige Mitbrüder um sich.

Das Stift Muri zählte bei seiner Aufhebung ausser dem Prälaten 28 Priester und 8 Laienbrüder. Einige von ihnen sammelten sich, wie gesagt, um ihren Abt, andere blieben auf ihren bisherigen Seelsorgsposten in Muri, Wohlen, Bünzen und Boswil als Pfarrer und Pfarrhelfer; einige begaben sich auf (II-454) Verwendung des Abtes nach Engelberg oder Einsiedeln, andere fanden vorläufig bei ihren Verwandten eine Zufluchtsstätte. Obwohl so überallhin zerstreut blieb der Konvent dennoch in geistiger Verbindung. Alle standen mit dem Abte in regem Verkehre, besuchten ihn häufig in seinem kleinen Communalsitze in Zug und seit dem November in Sarnen, unterstützten ihn gemeinsam mit den erübrigten Pensionsgeldern, wogegen er gegenseitig Benöthigten aushalf. Es war eine Art ecclessia dispersa. „Möchten wir doch“, schrieb damals Abt Adalbert an den Nuntius, „hier (im Kt. Zug) Ruhe und Frieden finden, bis auch uns, wie der Taube Noa's in die Arche von Muri zurückzukehren gestattet wird, was wir von ganzem Herzen und mit heissestem Verlangen vom allmächtigen Gott erbitten.“19


  1. Vgl. Fried. Hurter: „Die Befeindung der katholischen Kirche in der Schweiz seit dem Jahre 1831“. Schaffhausen 1842, S. 657 ff.

  2. Die Katholiken des Aargau's und der Radikalismus, S. 116.

  3. Sie waren grösstentheils Protestanten, seit Jahren schon durch Brandschriften fanatisirt.

  4. S. „die Katholiken des Aargaus“. S. 147 ff.,

  5. Die Schweiz in ihren Kämpfen, Bd. II., 444 ff.

  6. Zwei Drittheile der katholischen Grossräthe waren abwesend, weil sie entweder keine Anzeige erhielten oder wegen zu grosser Entfernung nicht rechtzeitig erscheinen konnten.

  7. Richtig ist, dass im ersten Schrecken von 31 Konventualen, die mit Abrechnug der 7 Expositen noch im Kloster sich befanden, 17 sich entfernten; von denen aber am 12. Jänner Abends schon 8 wieder innerhalb der Klostermauern waren; die übrigen, 4 Kranke ausgenommen, kamen in den nächst folgenden Tagen zurück.

  8. Aber dann sollte der Frevel erwiesen sein.

  9. Allein die Bundesverfassung vom J. 1815 wurde am 7. August von den Abgeordneten aller 22 Kantone, also auch vom Stande Aargau, beschworen.

  10. Er mag allenfalls in seinem Verhaftzimmer durch das Sturmläuten der nahen Pfarrkirche getäuscht worden sein?

  11. Vgl. Protokolle des Bezirksgerichtes Muri. Wörtlich abgedruckt ist das Verhör in der Schrift „Bengalische Beleuchtung von Sigfried Abt's Aufruhr im Freiamte 1841“. Schwyz 1874.

  12. Vgl. Kapitelsakten von Muri-Gries.

  13. Also hatte der Konvent sich nicht aufgelöst, wie die Aufhebungsurkunde vom 13. Jänner sagt.

  14. Historisch-politische Blätter, 7. Bd., S. 422 ff.

  15. Am 12. Aug. 1843 wurde der Abt im Auftrage des aargauischen Obergerichtes vom Bezirksgerichte Muri wegen des angeblichen Geläutes öffentlich nochmals vorgeladen. Er rechtfertigte sich durch eine schriftliche Eingabe so apodiktisch, dass Kläger und Vertheidiger bei der gerichtlichen Beurtheilung über seine volle Schuldlosigkeit übereinkamen. (Vgl. Vorstellung der Aebte von Muri und Wettingen an die Tagsatzung vom 1. Mai 1844, Beilagen).

  16. Tagebücher des P. Johannes Kuhn und P. Beat Fuchs (Arch. Gries).

  17. Vgl. Nachträge, S. 220, ff.

  18. Es bedarf keines Commentars, dass mit Keinem der vielen vertriebenen Mitglieder der Klöster Muri und Hermetschwil vor ihrer Auflösung ein Verhör aufgenommen wurde.

  19. Utinam requiem hic et pacem inveniamus donec ut columba Noë in arcam Murensem revolare concedatur, quod totis animis ardentissimisque desideriis a D. O. M. efflagitamus“.