Siebentes Kapital. Adalbert Regli, XLIX. Abt. (1838-1881).

Seine Wahl und seine 2 Regierungsjahre in Muri.

(II-430) In Muri war die Trauerbotschaft von dem Hinscheiden des Abtes Ambros in der Frühe des 6. November eingetroffen. Schon zuvor, da man den bald möglichen Tod desselben befürchtete und einen Ueberfall der Regierung voraussah, berieth sich der Konvent, wie er, wenn der Abt sterbe, mit dessen Hinterlassenschaft in Engelberg schalten und walten könne oder müsse, da mit dem Absterben seines Abtes der Konvent kirchenrechtlich Dispositionsberechtigter und haftbar für das Klostervermögen bis zur Ernennung eines neuen Abtes, also auch jenes Vermögens würde, welches der Abt Ambros bei sich habe. Nach reiflichem Berathen fand der Konvent, dass er dieses Vermögen zu eigenen Händen nehmen müsse; denn entfliehen, wie seinerzeit der Abt könne der Konvent nicht, und in loco bleibend dürfe er sich einem Criminalprozess wegen Klostervermögensverschleppung, wie er gegen den Abt Ambros wirklich obwaltete, und der sofortigen sicher erfolgenden Klosteraufhebung ohne absolute Noth nicht blosstellen. Beides aber wäre vorauszusehen, wenn der Konvent anders disponiren, z. B. das Vermögen ignoriren oder an Dritte übergeben, in fremden Händen oder sonst abhanden kommen lassen wollte. Als nun die Todesnachricht, wie gesagt, angelangt war, versammelte sich nach der Prim das Kapitel, bestätigte die bisherigen Beamteten des Klosters, beschloss dem apostolischen Nuntius in Schwyz, dem Präses der Benediktiner-Congregation in Einsiedeln und der aargauischen Regierung durch Expressen aus dem Kapitel den Todesfall anzuzeigen und setzte einstweilen den 21. November als Wahltag des neuen Prälaten fest. Der Landammann Dorer-Egloff,1 welchem P. Adalbert in Aargau (II-431) mündlich das Ableben des Abtes mittheilte, entgegnete hinsichtlich der Wahl, dass er die Regierung davon verständigen wolle.

Am 8. November wurde vom Bezirksamte dem Kapitel angezeigt, dass es sich um 1 Uhr zu versammeln habe, um Eröffnungen eines Abgeordneten der Regierung entgegen zu nehmen. Dieser (Landammann Dorer) erschien in Begleitung des Bezirksamtmanns und eines Standesweibels um 1 ½ Uhr. Es waren jedoch nur 9 Patres zugegen, weil einige nach Engelberg zu den Exequien und andere, Einladungen für die künftige Abtwahl zu machen, verreist waren. Der Commissär erklärte, es handle sich um die ausländischen Schuldtitel, um die Sicherstellung dieses gefährdeten Klostergutes und die Mitwirkung des Konventes zu dessen Erhaltung, widrigenfalls eine Abtwahl nicht gestattet würde; sodann legte er 5 darauf bezügliche Punkte zur Beantwortung vor und wollte dazu anfänglich nur bis 3 Uhr Zeit gewähren. Auf die Vorstellung des Dekans, dass ihrer zu wenige seien und man die nicht zu weit vom Kloster entfernten Pfarrer berufen könne, verlängerte dann Dorer die Frist bis Abends 7 Uhr. Von diesen war die Möglichkeit zu kommen nur dem Pfarrer von Boswil geboten. Um halb 5 Uhr traten die Kapitularen zusammen und beriethen die Antwort auf die gestellten Fragen. Der Commissär verlangte nämlich : a) die Statuten des Klosters in Betreff der Abtwahl; b) eine Erklärung des Konventes, ob mit seinem Wissen und seiner Zustimmung der verstorbene Abt einen bedeutenden Theil des Klostervermögens entfernt habe; c) eine Erklärung, dass es der Wille des Konventes sei, dieses Vermögen solle zu dem im Kanton befindlichen zurückgezogen und demselben einverleibt werden; d) eine Erklärung des Konventes, dass die gegen die Abbezahlung der ausländischen Schuldtitel erhobenen Protestationen als dahingefallen betrachtet und auch dieses Gut anher verabfolgt werde; e) die Zurückberufung des P. Beat Fuchs, welcher bei dem Abte in Engelberg gewesen war, in's Kloster. Um halb 7 Uhr wurde dem Landammann die schriftliche Antwort des Kapitels übergeben. Die beiden erstern und der letzte Punkt boten keine Schwierigkeiten. Die Fragen, betreffend die auswärtigen Schuldtitel, beantwortete das Klosterkapitel im Sinne obgemeldeter Vorberathung; nämlich ad c) erklären Dekan und Kapitel, „dass es ihr Wille sei, dass jenes Vermögen, jedoch unbeschadet ihrer gemachten Rechtsverwahrungen gegen die bestehende Klostergutsverwaltung, zu dem im Kanton befindlichen Klostergut zurückgezogen und demselben einverleibt bleibe, da der verstorbene Herr Prälat gemäss seinen wiederholten Versicherungen es dem Kloster nie (II-432) zu entziehen gedachte.“ Ad d) erklären sie, dass der Konvent gegen die Abbezahlung ausländischer Schuldtitel keine Protestationen erhoben habe, und die allenfalls vom verstorbenen Herrn Prälaten gemachten mit seinem Tode dahingefallen seien. In Hinsicht dessen, dass dieses Gut anher verabfolgt werde, wiederholen sie die ad c) gegebene Antwort.“ Der Landammann fand diese Erklärungen seinerseits genügend, nur verlangte er Aufschub der Abtwahl, bis die Angelegenheit der fremden Schuldtitel in Ordnung sei.

Schon am folgenden Morgen (9. November) erhielt das Kapitel vom Bezirksamts den Auftrag, unverweilt die in Engelberg anwesenden Konventualen von Muri anzuweisen, „zur Inventarisation des Gutes mitzuwirken“, ferner den auswärtigen Debitoren und Gerichtsstellen die Zurückziehung und den Hinfall der Protestationen wegen der Schuldtitel mitzutheilen und sich über den Vollzug auszuweisen und unterdessen keine Abtwahl vorzunehmen. Allein bevor noch dieses Schreiben an das Kapitel gelangt war, hatte die schlaue aargauische Regierung bereits nach Engelberg eine Commission entsendet, bestehend aus dem Regierungsrath Waller, dem Rathschreiber Suter und dem Verwalter Lindenmann, um, gestüzt auf obige Erklärungen des Kapitels von Muri vom 8. November, den Rücklass des Abtes Ambrosius in Empfang zu nehmen. Den weitern Verlauf können wir aus dem Verbalprozess entnehmen, der darüber aufgenommen wurde. „Actum in Engelberg den 10. November Nachmittags 12 ½ Uhr 1838. Nachdem Se. Hochwürden Titl. Herr Prälat Eugenius, des löblichen Gotteshauses Engelberg Vorsteher, auf Ansuchen der von der hohen Regierung des Standes Aargau entsendeten Abordnung, bestehend in den (oben Genannten), die in dem Gotteshause Engelberg vorfindlichen Relicten des in Gott ruhenden Prälaten des Titl. Stiftes Muri der erwähnten Abordnung nach vorgewiesenem Kapitelsbeschlusse des löblichen Gotteshauses Muri vom 8. dies aushinzugeben sich bereit gezeigt2 und zu diesem Behufe eine mit seinem Abatial-Insigill besiegelte Kiste auf dem Abtei-Saale vorgewiesen und die Sigille erbrochen, sind die Unterzogenen … zur Aufzeichnung und Beschreibung des vorgewiesenen Nachlasses des selig verstorbenen Prälaten Ambrosius geschritten und haben gefunden: 7258 Fr. 60 Rappen in verschiedenen Geldsorten, 7 Pektoralien nebst Ketten und Ringen und eine zweispännige Chaise. Die obbezeichneten Gegenstände sind von (II-433) Seite der von der h. Regierung des Standes Aargau entsendeten Abordnung zu Handen des Gutes des Gotteshauses Muri in Empfang genommen worden“. Von den Muri-Konventualen wohnten diesem Akte bei und liehen ihm auch ihre Unterschrift P. Beat Fuchs und P. Beda Fischer. Doch die Schuldtitel hatte P. Beat der Commission vorenthalten. Erst nach eingeholtem weitem Kapitelsschlusse (12. November), auch diese zur Ermöglichung der Abtwahl zu opfern, stellte er den drei Abgeordneten die sehnlichst verlangten Schuldtitel (13. November) zu. Dem Bezirksamtmann in Muri gab (16. d. M.) das Kapitel vom Geschehenen in Engelberg Nachricht, und bemerkte, dass es zufolge seiner Erklärung vom 8. Nov. den nach Muri zurückgekehrten P. Beat bereits beauftragt habe, den Debitoren der ausländischen Schuldtitel von seinen Beschlüssen die geeigneten Mittheilungen zu machen.

Als der Bezirksamtmann am 20. d. M. an das Kapitel neue Forderungen wegen obiger Kapitalien stellte, so erklärte dasselbe am folgenden Tage, bei seinen abgegebenen Erklärungen vom 8. November, die genügend seien, stehen zu bleiben. Das Kapitel machte ihm zugleich die Mittheilung, es habe im Hinblick auf die Erfüllung der von der Regierung gestellten Bedingungen für eine Abtwahl den 5. Dezember hiezu bezeichnet.

Der Bezirksamtmann erhob am 26. November noch einmal Schwierigkeit. Allein das Kapitel wendete sich jetzt unmittelbar an die hohe Regierung. Der Landammann äusserte sich nach eingesehenem Schreiben dem P. Adalbert gegenüber am 29. November sehr befriedigt und erklärte ihm denselben Abend, im Namen der Regierung, dass die Wahl am vorgeschlagenen Tage, 5. Dezember, vorgenommen werden könne, zu welcher er selber als Repräsentant der Regierung kommen und bei dieser Gelegenheit die unter Siegel liegenden Pretiosen, welche übernommen wurden, dem Konvente übergeben werde. Was auch geschah.

Da der apostolische Nuntius Philipp de Angelis der Wahl persönlich anzuwohnen verhindert war, substituirte er den Abt Eugen von Engelberg, welcher am 5. Dezember Morgens 7 Uhr die Missa de Spiritu sancto celebrirte, bei welcher alle Kapitularen die heil. Kommunion empfingen. Um 9 Uhr versammelten sie sich zur Wahl selbst. Ausser dem genannten Wahlvorstande waren noch zugegen der Abt Januarius von Rheinau, und als Zeugen, der Prior P. Fridolin Waltenspüel desselben Stiftes, der Subprior P. Thomas Weber von Engelberg und der Oekonom P. Augustin Frey von Einsiedeln wie auch P. Bernard Foresti von Einsiedeln als apostolischer Notar. Die (II-434) Zahl der Stimmfähigen war 28.3 An diese richtete der Präses eine herzliche Ansprache, nach welcher man unter den vorgeschriebenen Formalitäten zur Wahl selbst schritt. Diese fiel auf den bisherigen provisorischen Statthalter, P. Adalbert Regli, welcher sie unter Thränen und Seufzern annahm, da er sich der schweren Bürde und grossen Verantwortung wohl bewusst war. Hierauf begaben sich alle Anwesenden in die Kirche, wo unterdessen dem zahlreich gegenwärtigen Volke der neue Abt verkündet worden war. Man brachte dem Neuerwählten das übliche Homagium dar und sagte Gott für die glückliche Wahl innigen Dank. Am 6. Dezember wurde dann durch den hiezu bevollmächtigten Präses der Informationsprozess mit dem Neugewählen behufs Confirmation desselben durch den apostolischen Nuntius aufgenommen und vom Gewählten die Professio fidei abgelegt. Die apostolische Bestätigung wurde schon am 8. Dezember ausgefertigt. Auch die aargauische Kantonsregierung drückte durch Patent vom 7. d. M. ihre Genehmigung aus. Es war wohl der Wunsch des Erwählten, seines Konventes und der ganzen Gemeinde Muri, dass die feierliche Benediktion in der Klosterkirche stattfinden möchte; allein weil der Nuntius nicht ganz gesund war und im Winter die Reise von Schwyz nach Muri aus diesen und andern Rücksichten nicht zu unternehmen wagte, auch einen andern Prälaten zu diesem Akte nicht deligiren wollte, so wurde die Weihe in der Hauskapelle des päpstlichen Legaten zu Schwyz am vierten Adventsonntage (23. Dezember) vorgenommen. Am hl. Weihnachtsfeste hielt Abt Adalbert das erste Pontificalamt.

Adalbert wurde am 13. November 1800 in Prato, einem tessinischen Pfarrdorfe im Livinerthale, wo sein Vater damals wohnte, geboren. In der hl. Taufe erhielt er den Namen Georg. Nach 5 Jahren übersiedelte die achtbare Familie Regli von Prato in ihre Heimatgemeinde Ursern, Kt. Uri. Die Väter Kapuziner ertheilten dem jungen Georg Unterricht in den Primarschulen und in den ersten Lateinklassen. Nach dem Wunsche Mehrerer sollte er sich der Malerkunst widmen, allein er fühlte grössere Neigung zur Fortsetzung der Studien und fand im Kloster Muri Aufnahme. Mit glücklichem Erfolge und guten Zeugnissen vollendete er an der Seite des an Fähigkeiten ihm ebenbürtigen Meng die Rhetorik, Philosophie und Theologie. Beide baten in Muri um das Kleid des hl. Benedikt, legten am 9. Mai 1819 die hl. Profession ab und wurden am 18. Dezember 1824 zu Priestern geweiht. Den Fr. Adalbert (II-435) Regli gewann der gelehrte Fürstabt von St. Gallen Pankratius4 besonders lieb und ertheilte ihm mit seinem Begleiter P. Kolumban Ferch in der höhern Mathematik und in der griechischen, italienischen und französischen Sprache Unterricht. Schon vor Erlangung der Priesterwürde wurde Fr. Adalbert für fähig gehalten, andere Lernbegierige in diese obgenannten Fächer einzuführen. In den Jahren 1825-1827 tradirte er als Pater die Philosophie und Physik, von 1827-1830 die Theologie und wirkte 1830-1833 als Unterpfarrer in der grossen Pfarrei Muri. In dieser Eigenschaft legte er mit ausdauernder Mühe das Stammbuch aller Geschlechter und Familien, ein unentbehrliches Werk von 2 Bänden, für besagte Pfarrei an. Endlich ernannte ihn der Abt zum Kanzleidirektor und 1835 zum provisorischen Oekonom (Statthalter) des Klosters, während des Aufenthaltes des Abtes Ambros in Engelberg war P. Adalbert die Seele des Kapitels; die Schreiben an die Regierungen hatte grösstentheils seine Feder entworfen.

Die Erhebung zur äbtlichen Würde war ein neuer Sporn, seine Thätigkeit für die Erhaltung des Klosters zu mehren.

Nachdem die vielen und verschiedenen Gratulationschreiben aus allen Theilen der Schweiz erwiedert waren, wendete Abt Adalbert seine ganze Kraft und Sorgfalt dem leiblichen und geistigen Wohle seines Stiftes zu und erfüllte gewissenhaft alle Pflichten, die seine hohe Würde ihm auflegte. Zunächst erlangte er vom päpstlichen Nuntius die Gnade, dass zwei Konventualen zu apostolischen Notaren ernannt wurden und erhielt durch dessen Vermittlung vom Papste Gregor XVI. reichliche Ablässe für sein Gotteshaus. Wie mit dem Nuntius Philipp de Angelis, so stand Adalbert auch mit dessen Nachfolger Paschalis Gizzi, Erzbischof von Theben, auf freundschaftlichem Fusse; und wie Ersterer dem Abte von Muri alles Vertrauen schenkte, so kam auch Letzterer gleich nach seiner Ankunft in der Schweiz in freundlichster Weise ihm entgegen und bat ihn um seinen Rath und sein Gebet. Das gleiche Verhältniss bestand später zwischen Abt Adalbert und dem Nuntius d'Andrea. Ueber sein rastloses Wirken durch Wort und Schrift geben die „Scriptores O. S. B. Imperii austr. hung., p. 362 ff. Aufschluss. Wie für die Erhaltung des eigenen Stiftes war er auch für den Fortbestand der übrigen aargauischen Klöster besorgt; mit dem Cistercienserstift Wettigen ging Muri am 14. (II-436) und 18. Februar 1839 eine engere geistliche Verbrüderung ein. Mit der inkorporirten Pfarrgemeinde Wohlen schloss der Abt einen besondern Vertrag wegen Abhaltung der Frühmesse durch einen Klostergeistlichen. Im Stifte selber führte er, da die Zahl der Mönche sich nicht vermehren durfte und manche alt und unbrauchbar wurden mit Berathung des Kapitels, des Visitators der Congregation und des päpstlichen Legaten eine zweckmässige Tagesordnung ein. Namentlich war er bemüht, im Kloster wiederum eine Schule zu errichten. Er schickte deshalb zwei Konventualen, P. Ambros und P. Gerold, in das Seminar nach Nancy, um sich in der französischen Sprache auszubilden, und setzte sich mit dem Bezirksschulrathe ins Einvernehmen, welcher hinwieder den Wunsch und die Absicht des Prälaten dem Kantonsschulrathe berichtete. Auf dessen Aufforderung erklärte sich der Abt bereit (22. März 1839) eine dem Schulgesetze entsprechende Schule zu errichten, für Schullokal und alles Nothwendige zu sorgen, auf die Geldunterstützung des Staates zu verzichten und die Schule der gesetzlichen Aufsicht zu unterstellen. Später wurde ein detaillirter Plan entworfen und am 10. Oktober d. J. dem Bezirksschulraths-Präsident übermittelt.

Darnach übernimmt aber der Abt die Oberleitung der Schule, behält sich selbstverständlich das Recht vor, die geeigneten Konventualen als Professoren zu stellen und will eine gesetzliche höhere Privatlehranstalt gründen, die er jedoch mit den gesetzlichen Bezirksschulen in Einklang zu bringen verspricht.5 Regierungsrath Waller und der Präsident des Bezirksschulrathes in Muri (Weibel) verdankten diese loyalen Anträge dem Kloster. Allein die h. Regierung würdigte den Abt trotz wiederholter Nachfrage nie einer Antwort, denn eine von Mönchen geleitete Schule will der Radikalismus grundsätzlich nicht. Zur Antwort für die grossmüthigen Anerbietungen des Abtes bezüglich der Schule brachte das Regierungsblatt, „Schweizerbote“6 folgende höhnische Bemerkung: „Endlich scheinen Abt und Konvent (in Muri) ihre Lieblingsidee (Gründung einer Klosterschule, von der das Gesetz überall nichts weiss) aufzugeben und sich mit dem Plane einer öffentlichen Bezirksschule zu Muri zu befreunden“.7 Dann rühmt es die Umsicht und Klugheit des Abtes und schreibt: „Auch scheint er auf der alten Beschwerde der Klöster wider die Staatsverwaltung (II-437) seinerseits nicht beharren zu wollen.“ Dass aber gerade das Gegentheil der Fall war, zeigt schon die oben erwähnte Vorstellung der aargauischen Klöster an die Regierung, worin sein Name an der Spitze der Unterschriften steht.

Wie gross überhaupt die Geschäftslast für Abt Adalbert in dieser Zeit war, lässt sich zur Genüge daraus entnehmen, dass er in den beiden Jahren 1839 und 1840 das Kapitel mehr als 30 Mal versammelte, um die vorkommenden Angelegenheiten zu berathen. Eine nicht geringe Sorge bereitete dem Prälaten der fortgesetzte Verkauf von Klostergütern von Seite der Regierung. Da die Vermuthung nahe lag,8 dass auch die Herrschaft Klingenberg im Thurgau bald veräussert würde, wendete sich der dortige Pfarrer in Homburg, P. Franz Sales, an den Abt mit dem Anfrage: ob er seine Pfarrkinder über den Ankauf von Klostergütern aufklären solle und ob selbe dann solche vom Kloster kaufen dürfen? Die Pfarrei war bis dahin, umgeben von paritätischen Dörfern, rein katholisch; bei dem Güterverkauf konnte es sehr leicht geschehen, dass reichere Protestanten sich daselbst niederliessen und allmälig die ärmern Katholiken verdrängten, dass auf diese Weise die Erhaltung des katholischen Glaubens, um dessen willen Muri jene Herrschaft angekauft hatte, gefährdet würde. Weil diese nämlichen Fragen mit der Zeit auch an Muri selber herantreten konnten, so wendete sich der Abt an den Nuntius und erhielt die Antwort, dass der hl. Stuhl solche Ankäufe den Katholiken nicht verbieten wolle; sie sollen jedoch das Versprechen abgeben, die Güter dem Kloster, sobald es wieder zu seinen Rechten gelangt ist, zur Verfügung zu stellen, indessen aber den auf denselben allfällig lastenden Vermächtnissen gewissenhaft nachkommen. – Am 18. März 1839 verlangte Verwalter Lindenmann vom Abte ein nachträglich verificirtes Inventar über die Vermögensgegenstände des Stiftes, ferner eine Verification der Partikularkapitalien oder Peculien, wovon früher schon die Rede war, und endlich Verzeichnisse der Fahrnisse auf den verschiedenen Gütern. Ein solches Verlangen musste um so auffallender erscheinen, als das Vermögen sammt Urkunden bereits seit 3 Jahren in den Händen der Verwaltung war, mit gänzlicher Ausschliessung einer Einsicht von Seite des Klosters. – Wiederholt forderte ferner der Verwalter zu Handen der Regierung die Urkunden, welche auf die Rechte und Pflichten des Stiftes Muri hinsichtlich der in Sursee vorhandenen (II-438) Collaturen Bezug hatten. Muri besass daselbst das Collaturrecht für drei Pfründen, das Bestätigungsrecht für den Pfarrer (Leutpriester) und für den Kaplan in Dögelstein und endlich das jus spolii beim Absterben der besagten Beneficiaten. Die Urkunden wurden zwar ausgehändigt; aber da man bereits von Luzern her wusste, dass Aargau auf Abtretung luzernerischer Collaturen dringe und dafür aargauische Collaturen an Luzern überlassen wolle, so wendete sich der Abt mit dem Kapitel gleichzeitig an die Regierung in Aargau mit der Vorstellung, die Collaturen in Sursee bei den vorhabenden Verhandlungen nicht ins Mitleiden zu ziehen oder über sie ohne Entschädigung und Einwilligung des Klosters und Genehmigung der kirchlichen Oberbehörden zu verfügen. In seiner Antwort vom 10. Juni 1839 äusserte sich der Kleine Rath allerdings dahin, dass er die Rechte des Kapitels wahren und ihm keinen Anlass zu begründeten Klagen geben wolle; bemerkte aber nebenbei auch, dass er sich um das canonische Recht und auf das Concil von Trient, auf welches man sich berufen habe, nur bekümmere, „insoweit deren nicht präsumirte Reception erwiesen ist, was gerade im concreten Falle nicht vorliegt,9 sondern vielmehr durch ein constantes, theorethisch und praktisch anerkanntes Bundes- und Kantonal-Staatsrecht widerlegt wird“.10 „Zudem“ fahren die Herren der Regierung fort, „erfüllen wir in Anbahnungen von Verhandlungen zur Regulirung der schon lange zum Nachtheile des Staates und zumal der Gemeinden ungelöst gebliebenen Collaturverhältnisse nur eine uns durch die Dekrete vom 12. Mai 1804 und vom 2. Mai 1809 auferlegte Pflicht“. Darnach konnte man mit Gewissheit voraussagen, was geschehen würde, umsomehr als Aargau bereits an Zürich die Collaturen Wettingens abgetreten hatte. Noch auffallender aber musste es erscheinen, dass die Regierung von Luzern, sich direkt in die Collaturrechte Muri's einmischte und vom Stifte geradezu forderte, dass es den Leutpriester in Sursee um 600 Fr. jährlich aufbessere, während dessen Einkommen ohnehin die Summe von 1600 Fr. überstieg und überdies gemäss einer Uebereinkunft der Luzerner-Regierung mit dem Bisthums-Administrator Wessenberg nicht dem Collator, sondern der Regierung von Luzern die Aufbesserung der Pfarrpfründen zustand. – Auch die ausländischen Schuldtitel waren noch nicht zur Ruhe gekommen. Die Finanz-Commission von Hohenzollern-Hechingen (II-439) hatte sich zwar bereit erklärt, ihre Schuld an das Kloster abzutragen, jedoch dabei noch einige Bedenken der aargauischen Regierung gegenüber geäussert. Es schien ihr nämlich, dass der Protest des Klosters gegen die Verwaltung im Allgemeinen auch die Abbezahlung der Zinsen und Kapitalien an die Verwaltung miteinbegreife. Ebenso will der Fürst von Fürstenberg eher mit dem Kloster, dem rechtmässigen Eigenthümer der Kapitalien, als der aargauischen Regierung, deren „Dominium“ zweifelhaft sei, verhandeln.11 Daher verlangte die Regierung Aargaus von dem Konvente die Erklärung, dass jenes Bedenken unbegründet sei. Darauf konnte das Kapitel natürlich nicht eingehen und erwiderte desshalb verneinend, jedoch mit dem Beifügen, „dass das einfachste und sicherste Mittel, dieses und anderes auswärtiges und inwärtiges Klostergut zu erhalten und zu sichern die huldvolle Gewährung desjenigen wäre, um was wir so oft und inständig und neuestens wieder mit allen Klöstern des Kantons einkamen, wir meinen die Selbstverwaltung unseres Eigenthums“. Aehnlich erging es mit der Schuld des Freiherrn von Freyberg auf Almendingen, deren Zinsen schon vor und während der staatlichen Verwaltung schlecht eingegangen waren. Mit der Einziehung der noch bestehenden Muri-Gefälle im Kammeralbezirke Horb (Königreich Würtemberg) ging der abgesandte aargauische Regierungsrath Waller so hastig zu Werke, dass er von den 19,603 Fr. sich mit 11,636 Fr. begnügte und nach Hause eilte.

Die Kapitel der Klöster Muri, Wettingen und Fahr wiesen nach, dass die Staatsverwaltung innerhalb drei Jahren erhebliche Rückschläge gemacht habe. Lindenmann, der Muri-Verwalter, legte für das Jahr 1836 erst 1839 Rechnung ab. Selbe erhielt das Kapitel ohne Belege auf einige Tage zur Prüfung. Am 8. Dezember sandte dieses selbe zu Handen des Grossen Rathes mit der Bemerkung zurück: „Zunächst widerspricht es der Angabe des Verwalters, von ihm 56,000 Fr. für den innern Haushalt empfangen zu haben; denn erstens sei der innere Haushalt damals nicht getrennt gewesen, indem der Verwalter über den Naturalienverbrauch (Wein etc.) frei verfügte; zweitens habe er an Baarem dem Kloster abgegeben 12,331 Fr. 87 ½ Rp., welche auch für Nahrung und Verpflegung des Oekonomie-Personals verwendet wurden.“ Das Kapitel geht dann auf die Rechnung selbst über, durchgeht die Naturalien- (vom Viehstand ist keine Rede), Holz-, Geldrechnung u. s. w., findet einen Rückschlag von 12,103 Fr. und glaubt als dessen Ursache den erhöhten Staatsbeitrag (16,000 Fr.), die Besoldung (II-440) des Verwalters (2936 Fr. 98 Rp.), Reisediäten (530 Fr.) etc. angeben zu dürfen. Schliesslich erklärt das Kapitel, dass es die Verwaltungsrechnung als solche nicht anerkennen dürfe, legt neuerdings Protestation gegen die bestehende Verwaltung ein und bittet, dass selbe ihm wieder zugestellt werde.

Gleichmässig, ja noch schärfer, klagte das Kapitel Wettingen über die verfehlte Oekonomie ihrer Staatsverwalter (sie hatte bis 1839 deren drei). Die Führer des Radikalismus konnten diesen gegründeten Klagen, zumal es sich um materielle Vortheile handelte, ihr Machtwort im Grossen Rathe nicht entgegensetzen. Desshalb sah sich der Kleine Rath am 19. Dez. d. J. genöthigt, einige Zweige der klösterlichen Oekonomie, jedoch mit Beibehaltung der staatlichen Verwalter, den Vorstehern der Gotteshäuser zu übertragen. Vorher machte er hierüber dem Abte Adalbert eine vertrauliche Mittheilung und lässt durchblicken, dass auch ein Novizengesetz erlassen werden soll, dass aber hinwieder die Klöster den Pfarrherren in der Umgegend Aushilfe leisten müssten und eine Art Hülfspriesterinstitut errichtet werden soll. Ja man sprach von gänzlicher Zurückgabe der Verwaltung und bloss von Oberaufsicht über den Kapitalstock. – Schulen, Novizen, Selbstverwaltung, dies waren die Gegenstände, welche die Klöster immer verlangt hatten. War nun die Hoffnung, dieses Ziel zu, erreichen, eine zuversichtliche? Wer die Verhältnisse kannte, musste diese Frage verneinen. Nicht Religion und Gerechtigkeitsliebe, sondern Ehr- und Stellensucht waren die Triebfeder bei den tonangebenden Häuptern des Kantons. Es stand eine Revision der bürgerlichen Verfassung bevor; desswegen musste man das katholische Volk zu gewinnen suchen, durch Versprechungen, die nicht ernstlich gemeint waren. Das neue Verwaltungsreglement vom 19. Dezember 1839 forderte wohl Erhaltung, will aber keine Vermehrung wie auch keine Verkäufe der Liegenschaften ohne obrigkeitliche Bewilligung der Finanzkommission, lässt kein Geld ausserhalb des Kantons anlegen, stellt die Archive unter Staatsaufsicht, behält die Gülttitel im Staatsgewölbe, oktroyrt den Klöstern in Rechtsstreiten die Advokaten, überlässt dem Kleinen Rathe die Bestimmung der Besoldung für die nothwendigen Beamten, übergiebt dem Klostervorstand die Verwaltung des Klostervermögens, aber neben einem vom Kleinen Rathe ernannten „Rechnungssteller“ (statt des Titels „Verwalter“). Der Klostervorstand darf Reparaturen, welche 1000 Fr. übersteigen, ohne Genehmigung nicht ausführen, auch keine Naturalverkäufe im Betrage von mehr als 400 Frk. besorgen, muss sich vierteljährig bei der Finanzcommission über Einnahmen und Ausgaben ausweisen und ausserdem noch eine (II-441) specificirte Jahresrechnung stellen; die Kapitalien bekommt der Klostervorstand nicht in die Hände, sondern diese besorgt der Rechnungssteller. Endlich muss der Klosterobere zu jeder Zeit auf Untersuchung von Seite der Finanzkommission gefasst sein. Es blieb unter den obwaltenden Umständen keine andere Wahl übrig, als diese neue Verwaltungsinstruktion unter Wahrung seiner Rechte anzunehmen und ihr nachzukommen.

Abt Adalbert erhielt nach obigen Bestimmungen des Kleinen Rathes vom Verwalter Rudolf Lindenmannn am 1. März 1840 die Leitung der Landökonomie. Kraftvoll griff er mit Hülfe des Statthalters P. Beat in selbe ein, übertrug das Forstwesen und die Pflege der Fruchtbäume dem des Forstwesens und der Pomologie kundigen P. Bernard Lüönd,12 ordnete das Bauwesen und die Zehntablösung in der Umgebung von Muri, suchte nachtheilige Verkäufe zu verhindern und die Collaturen und die Amtsstatthalterei in Sursee zu retten, führte genaue und sichere Rechnung,13 liess die Schule für die gestatteten Chorknaben fortsetzen, half und spendete Wohlthaten nach seinem Vermögen und ermunterte überdies die Mitbrüder zur Geduld und Ausdauer.

Im Juni 1840 wurde auch der Vorschlag eines Dekretes behufs der Novizenaufnahme bekannt. Diese sollte wieder gestattet werden, jedoch unter unannehmbaren Bedingungen. Um nämlich in Zukunft im Aargau als Novize aufgenommen zu werden, muss man a) das dreissigste Lebensjahr angetreten haben und b) Kantonsbürger sein; c) die Candidaten müssen sich ausserdem noch über vollendete Gymnasialbildung durch Maturitätszeugnisse und vor einer durch den Kleinen Rath ernannten Commission unter Vorlegung von Zeugnissen über ihre philosophischen und theologischen Studien und Kenntnisse ausweisen; d) in die Klöster von Muri und Wettingen eine Einkaufssumme von 4000 Fr. mit bringen. Um als Laienbruder oder Laienschwester in ein Kloster zu treten, muss man a) das dreissigste Jahr zurückgelegt haben, b) Kantonsbürger sein, c) allgemeine Schulbildung besitzen und einen dem Kloster nützlichen Beruf zu treiben verstehen, d) in die Klöster Muri und Wettingen eine Einkaufsumme von 2000, in die Klöster Fahr, Hermetschwil und Gnadenthal von 1000 und in das Kloster Maria Krönung von 500 Fr. mitbringen. Endlich muss (II-442) jeder, der ins Kloster zu gehen Willens ist, unter Vorlage der Ausweise über Erfüllung der gestellten Bedingungen beim Kleinen Rathe um Bewilligung anhalten, die nur dann ertheilt wird, wenn jenen Erfordernissen volles Genüge geleistet ist.

Man kann sich leicht denken, welche Consternation dieser Entwurf in den Klöstern erzeugte. In Muri versammelte der Prälat am 10. Juni das Kapitel und sofort wurde eine Vorstellung an den Grossen Rath beschlossen, welche sich über alle Punkte des kleinräthlichen Vorschlages und über das neue Verwaltungsdekret verbreitete; die Ungerechtigkeit und das Nachtheilige einer fernem Vorenthaltung der eigenen unabhängigen Verwaltung wurde dargestellt, die unerhörten Bedingungen zur Novizenaufnahme wurden näher beleuchtet und gezeigt, wie der Entwurf es mehr auf die Vernichtung als Erhaltung der Klöster abgesehen habe. Sodann wurden die andern aargauischen Klöster zum Anschluss an diese Eingabe eingeladen.


  1. Ein gemässigter, kenntnissreicher Mann, welchen, wie auch den gelehrten Professor Rauchenstein die Verfassungswirren der Jahre 1840 und 1841 bewogen, die Entlassung von der Regierung einzureichen, weil er in wesentlichen Punkten mit den damaligen Parteiführern des Kantons (Tanner, Wieland, Waller, Aug. Keller etc.) nicht übereinstimmte.

  2. Abt Eugen öffnete die versiegelten Zimmer, in denen Abt Ambros sei. wohnte, erst nach Einsicht des erwähnten Kapitelsbeschlusses den Abgeordneten der Regierung.

  3. P. Aegid konnte wegen Altersschwäche nicht stimmen.

  4. Bei der Schlussprüfung aus der Philosophie (1820) errang Fr. Adalbert den ersten Platz mit der Note „cum laude prorsus insigni“; Abt Pankraz wohnte der Prüfung bei. P. Leodegar Schmid schreibt 1822 über Fr. Adalbert in sein Tagebuch (Arch. Gries): „Græcæ linguæ se imprimis impendit juvenis magnæ spei, diligentiæ et capacitatis“.

  5. Vgl. Die aarg. Klöster und ihre Ankläger, S. 93, Beil. XXVIII.

  6. Vgl. Nr. 47, Jahrgang 1839.

  7. Das sollte als Wink dienen, dass der Abt den eingereichten Plan zurücknehme und Lokal und Geld für Gründung einer Bezirksschule in Muri nach dem Sinne der Regierung verspreche.

  8. Der Verwalter verlangte nachher wirklich die Aktenstücke bezüglich der Domäne Klingenberg und der dortigen Culturverhältnisse, 12. Ang. 1839.

  9. Im Kanton Luzern, in dem die besagten Pfründen sich befanden, wurde das Concil von Trient wirklich angenommen und dessen Beschlüsse publicirt.

  10. Der Kleine Rath weist hier auf die berüchtigten jura circa sacra hin.

  11. Arch. Muri-Gries.

  12. Dieser kam später als Professor an die Kantonallehranstalt nach Sarnen und erwarb sich durch Förderung des Forstwesens und der Obstkultur in Obwalden grosse Verdienste. Er starb daselbst am 15. Novemb. 1871.

  13. Im Nov. 1840 fand die Regierung die Rechnung des Abtes in Ordnung.