Fünftes Kapitel. Die Bedrängnisse des Konventes in Muri.

Nach der Abreise des Abtes Ambrosius lag die Leitung des Stiftes auf den Schultern des greisen Dekans, P. Bonaventura Weissenbach, dessen fünfzigjährige Jubelmesse am 17. Juli 1836 vielleicht der einzige Freudentag in jenen sorgenschweren Jahren war. Ihm standen alle Mitglieder des Konventes treu zur Seite, besonders der provisorische Statthalter Adalbert Regli, welcher wegen seines Amtes schon am meisten zu thun hatte. Alle wichtigeren Angelegenheiten wurden dem Kapitel (II-415) vorgetragen, von diesem berathen, in seinem Namen ausgefertigt und dann vom Dekan und Sekretär unterzeichnet. Glücklicherweise hielten alle fest zusammen, und es gab keinerlei Spaltungen. Welcher Art aber und wie gross die Geschäftslast war, mag man daraus entnehmen, dass allein vom 1. März 1836 bis zum Ende des Jahres 1838 das Kapitel sich gegen sechszigmal versammelte; dass bloss in den ersten neun Monaten nach dem Eintreffen des vom Staate aufgestellten Verwalters ungefähr 50 Schreiben von der Administration und ungefähr 30 vom Bezirksamte an das Kloster einliefen, um von den Erlässen der Finanzcommission und der Regierung, von der Correspondenz mit anderen Klöstern, den Berichten der alten Amtsleute des Stiftes auf den einzelnen Gütern und sonstigen Briefwechsel ganz zu schweigen. Zählt doch die Sammlung der Aktenstücke in dem oben erwähnten Zeitraume von 33 Monaten ungefähr 450 Nummern. Deshalb werden wir aus der Menge der einzelnen Fakta nur die bedeutsameren hervorheben und übersichtlich zusammenstellen.1

Nach den bereits erzählten Vorfällen des Monats März 1836 begann Verwalter Lindenmann am 20. April die Verification und Einzählung der Schuldbriefe des Klosters, von denen er je 25 in Pakete brachte, unter Siegel legte und einstweilen im Nebenzimmer der Kanzlei in einem dazu bestimmten Kasten verschloss. Diese Beschäftigung dauerte bis zum 23. April Abends und am 25. sollte die Uebernahme erfolgen. Der Betrag dieser Titel belief sich auf ungefähr 700,000 Fr., wozu noch bei 71,000 Fr. an ausstehenden Zinsen kamen. Weil aber am 25. und 26. Hindernisse eintraten, so sollte der 27. April der Tag der Uebergabe der längst ersehnten Beute sein; nach der Zumuthung des Verwalters hätte sodann das Stift selber sein Vermögen ihm zusenden sollen, wogegen natürlich das Kapitel sich einmüthig erhob. Daher schrieb der Ergrimmte an dasselbe, er fordere hiemit die Herren ernstlich und zum letzten Male auf: „mir bis Morgens 9 Uhr (28. April) die bereits verifizirten und hinter Siegel gelegten Schuldtitel gegen meine Empfangsbescheinigung zu übergeben.“ Darauf theilte ihm der Sekretär P. Augustin Kuhn am 28. Morgens mit, dass, da, der Dekan und andere Konventualen nicht zu Hause seien, das Kapitel jetzt keine Antwort ertheilen könne. “Jedoch hat sich dasselbe pflichtgemäss schon genug ausgesprochen, dass es sein wohlerworbenes und rechtmässig besessenes Eigenthum nicht vergeben; also einer Aufforderung zu übergeben nicht entsprechen könne.“ Unverzüglich (II-416) antwortete der Verwalter, dass die Gegenwart des Dekans nicht nothwendig sei und dessen Stelle auch ein Anderer vertreten könne; er werde um 9 Uhr in das Kloster kommen und im Falle weiterer Weigerung bezirksamtliche Hilfe in Anspruch nehmen. Das Kapitel blieb bei seinem Beschlusse und verkündete dies dem bereits angekommenen Verwalter mündlich. Schon um 1 Uhr Nachmittags kam ein Schreiben des Bezirksamtmanns, worin er die Hoffnung ausdrückte, das Kapitel werde sich bis 5 Uhr Abends mit dem Verwalter verständigen, damit er nicht Zwangsmittel anwenden müsse. Da man darauf nichts erwiderte und „keine Antwort geben“ auch für eine Antwort hielt, so lief noch Abends 7 Uhr ein zweites bezirksämtliches Schreiben ein mit der Ankündigung, der Amtmann werde mit dem Verwalter am 29. April gegen 8 Uhr Morgens erscheinen, wobei er den Kapitelsvorstand und die Besorger der Schuldtitel anzutreffen erwarte. So geschah es.

Der Amtmann brachte den Amtsschreiber und den Weibel oder Gerichtsdiener, der Verwalter seine zwei Schreiber mit. In der Kanzlei fanden sich von Seite des Klosters der Dekan, der Subprior, der Statthalter, drei andere Patres und zwei Weltliche ein. Der Amtmann erklärte nun, er habe von der Regierung den gemessenen Auftrag, dem Verwalter mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zur Uebernahme des Klostergutes zu verhelfen; er fordere sie also amtlich auf, dem Verwalter die Schuldtitel zu übergeben. Mit bewegter Stimme entgegnete der Dekan, dass er freiwillig selbe nicht übergeben werde, weil es gegen sein Gewissen sei; aber der Gewalt könne er keine Gewalt entgegensetzen. Nach längerem Hin- und Herreden fragte der Amtmann, wo die Schlüssel und Schuldtitel sich befinden. Man sagte es ihm. Nun nahm Lindenmann selber den Schlüssel aus dem Pulte, sprach zum Bezirksamtmann: „Auf ihren Befehl!“ – ging in das Nebenzimmer, öffnete den Kasten, nahm die 21 Päcklein, mit den Gülttiteln und 25 Kassabillets heraus, band sie in zwei Pakete zusammen und liess diese mit dem Siegel des Bezirksamtmanns versehen. Sodann übernahm er auch die vorhandene Baarschaft in der Kasse von 2561 Fr. 4 Rappen und die Rechnungen. Ueber das Ganze wurde darauf ein Verbalprocess aufgenommen. Endlich entfernte sich das Gericht und die Verwaltung mit den Schuldbriefen, welche der Verwalter noch am gleichen Tage in das Staatsarchiv nach Aarau brachte. Diese Confiscation eines seit Jahrhunderten durch Sparsamkeit erworbenen Gutes war jedoch nicht die einzige, welche sich das Kapitel gefallen lassen musste. In das Inventar des Klostervermögens von 1834 waren (II-417) nicht ohne Widerspruch auch die Kapitalien des sogen. Particularzinsbuches des Dekanates und das darin verzeichnete Armengut aufgenommen worden. Diese Dekanatskapitalien waren ein vom Stiftsvermögen ganz unabhängiger Privaterwerb der Konventualen, entstanden aus Privatgeschenken an dieselben, aus Messenstipendien und dgl., worüber nie eine öffentliche Rechnung gefordert oder gegeben worden war. Sie bildeten das Peculium oder Sackgeld, welches der Dekan für Alle gemeinsam verwaltete und worauf jeder Konventual seine besondern Ansprüche hatte. Das Armengut aber war ein nach und nach gebildetes Kapital, dessen Zinsen der Dekan den Armen zukommen liess. Auch dieses Partikularzinsbuches suchte sich die Verwaltung zu bemächtigen, wobei sogar das hohe Pfingstfest als Termin der Extradition angesetzt wurde. Man protestirte, wendete sich unter Darlegung des Sachverhaltes an die Finanzcommission; allein zuletzt ging auch hier Gewalt vor Recht. Am 10. Juni 1836 wurde den „Herren Klostergeistlichen“ durch den Verwalter im Namen der Regierung bedeutet, dass, wenn sie „allenfalls Ansprüche auf bemeldete Kapitalien besitzen, sie ihre diesfälligen Rechtstitel vorzuweisen haben.“ Als dann die Schriften der aufeinander folgenden Dekane des Klosters nähern Aufschluss darüber gegeben hatten, liess man einstweilen dieses Pekulium im Betrage von 22,251. Fr. in den Händen des damaligen Dekans, jedoch mit der Weisung, dass das Kapital nicht verringert werde. Allein nicht einmal dabei hatte es sein Bewenden. Am 23. Juli 1838 dekretirte der Kleine Rath, dass „Bezweckung einer richtigen und geregelten Staatsadministration“ auch das Peculium oder Particularzinsbuch des Dekanates mit dem Kapital von 22,251 Fr. der Klostergutsverwaltung unterstellt werden müsse, welche die Zinsen dem Dekane übergeben wird.

Ging man in solcher Weise gegen das Geld und Vermögen des Klosters vor, dann lässt sich zum Voraus erwarten, dass man mit dessen Liegenschaften nicht besser verfuhr und allmälig auch zum Verkauf von Gebäuden und Ländereien schritt, die dem Kloster gehörten. Den Anfang machte der Verwalter im April 1837 mit dem Verkauf der Zehentscheuer zu Bremgarten um den geringen Preis von 1561 Fr. Kurz nachher wollte er auch den Amtshof daselbst verkaufen, obwohl damit für Abt und Konvent das Bürgerrecht von Bremgarten verbunden war und das Gebäude bei etwaigen Unglücksfällen als Zufluchtsstätte dienen konnte. Proteste blieben selbstverständlich unbeachtet. Gleichzeitig richtete der Verwalter auch sein Augenmerk auf 5 Lehenhöfe des Stiftes zu Thalwil im Kanton Zürich, welche theils seit der Gründung dem Kloster gehörten, theils vor 500 und 300 Jahren angekauft worden (II-418) waren und zu deren Veräusserung wie überhaupt zu jedem Verkauf um so weniger Ursache vorhanden war, als das Stift keine Passivschulden hatte. Als nun der Verwalter ungeachtet erhobener Einsprache eine Versteigerung dieser Güter anberaumte, beauftragte das Kapitel am 1. Juni 1837 den Fürsprech (Advokat) Klauser in Zürich, dagegen bei den competenten Behörden Inhibition auszuwirken. Dieser Schritt und der daraus entsprungene Rechtsstreit, sowie die Muthmassung, dass von Seite des Kapitels auch eine Inhibition gegen Zahlungen an die Verwaltung von ausländischen Forderungen geschehen sei, erregte gewaltig den Zorn der Machthaber in Aarau, und am 26. September 1837 musste die Finanzcommission den Konvent auffordern, „binnen 14 Tagen die gegen die Verabfolgung von Zahlung auf den ausländischen Forderungen und gegen den Verkauf von Klostergütern in Thalwil erhobenen Inhibitionen zurückzuziehen und über diese Zurückziehung sich bei uns (den Regierenden) auszuweisen“, mit dem Beifügen, „dass nicht geschehenden Falles ernste Massregeln eintreten würden.“ Mit dürren Worten ausgedrückt, war dies nichts anderes, als eine Aufforderung an das Stift, zu seiner Selbstvernichtung mitzuwirken. Das Kapitel antwortete am 11. Oktober, es könne sich in die Zurückziehung angeblicher Inhibitionen gegen Zahlungen vom Auslande nicht einlassen, bevor die Regierung ihm zu sagen beliebe, ob und wo der Konvent von Muri dergleichen gemacht habe; hinsichtlich des andern Punktes aber erklären Dekan und Kapitel, „dass, soferne uns die vindicirten Rechte zustehen, wir zur Geltendmachung derselben uns für verpflichtet halten; dass wir uns hiezu keiner verwerflichen, sondern der gesetzlichen Mittel bedient, und dass wohl in jedem Staate demjenigen, der sich in seinen Rechten angegriffen fühlt, das Recht der Vertheidigung unbenommen ist. Wir wollen demnach gewärtigen, in welche dieser beiden Kategorien die hohe Regierung die von uns ergriffenen Massnahmen reihen wolle.“2

Die Regierung zerbrach sich indessen mit der Lösung dieses Dilemma nicht lange den Kopf; das Recht musste der (II-419) Gewalt unterliegen; die Höfe wurden verkauft und nicht bloss diese, sondern auch noch andere. Der Illauhof am Lindenberg war um 36,682 Fr. vom Stifte gekauft und bedeutend aufgebessert worden. Nun lesen wir im Rechenschaftsberichte des Kleinen Rathes an den Grossen Rath pro 1838 über Administration der Klöster: „Der Hof in der obern Illau sammt dazu gehörigem Lande geschätzt auf 22,895 Fr., verkauft um 25,109 Fr.“ – Etwas bunter ging es bei dem Verkauf eines Lehenhofes nebst Rebgut in Wettingen zu, welcher sogar unter dem Schätzungswerthe ausgeboten wurde, abgesehen davon, dass mit diesen Besitzungen zugleich das Recht der Ortsbürgerschaft für das Kloster vereinigt war. Was erfolgte auf den Protest? Am 2. April 1838 erging von Seite des neuen Bezirksamtmannes von Muri, Dr. Weibel mit Namen, eines geschworenen Feindes der Klöster,3 welcher schon 1835, beim ersten Sturme, sehr betheiligt war, folgendes Schreiben an das Kapitel, das als Probe eines aargauischen Ukas dienen kann: „Hochwürdige Herren! Es hat unsere hohe Regierung in Erfahrung gebracht, dass das Kloster Muri sich habe beigehen lassen, gegen die kraft des Administrationsrechtes veranstaltete Verkaufsversteigerung über das Rebgut zu Wettingen dem Gemeinderathe daselbst eine so geheissene Protestation zuzustellen, mit dem Begehren, dass dieselbe bei der Regierung verlesen werde, ein Ansinnen, welches zwar von Seite der in gesetzlicher Stellung handelnden Gerichtsbehörde durch Zurückweisung des anmasslichen Produktes ahndungswerther Wiedersetzlichkeit gegen die Staatsverwaltung bereits die angemessene Abfertigung gefunden hat. Ich soll nun dem Klosterkapitel das Missfallen unserer h. Landesregierung über seine Handlungsweise bezeugen und ihm eröffnen, es möge sich zwar kraft des allen Bürgern und Korporationen des Landes gewährten Petitionsrechtes über seine Angelegenheiten immerhin in Vorstellungen an die gesetzlichen Behörden aussprechen; hingegen liege ein eigenmächtiges öffentliches Auftreten und Widerstreben gegen Anordnungen der Vollziehungsbehörden ausser dem Bereiche des Erlaubten und würde im Wiederholungsfalle als Auflehnen gegen die gesetzliche Staatsverwaltung unnachsichtlich der richterlichen Untersuchung und Ahndung unterstellt werden.“

Auch die im Kanton Thurgau gelegene Herrschaft Muri's, Klingenberg, sollte unter Verwaltung des Staates gestellt werden. Lindenmann hatte schon am 14. Juni 1837 dem Kapitel die Anzeige gemacht, dass er sich dahin begeben wolle, (II-420) „um das Inventarium in allen Theilen zu verificiren“, und dabei verlangt, das Kapitel solle zu diesem Behufe einen Konventualen abordnen oder einem dort befindlichen Pater das Geschäft mit dem Verwalter übertragen. Es erfolgten Proteste von Seite des Kapitels und des Abtes. Am 21. Juni kam Lindenmann wirklich nach Klingenberg. P. Franz Sales Keusch, welcher kurz zuvor vom Kloster auf die Pfarreipfründe von Homburg gesetzt worden war, und der Statthalter P. Pirmin Keller protestirten; aber Lindenmann kehrte sich nicht daran, bis P. Pirmin ihm bedeutete, er habe sich an die Regierung von Thurgau gewendet. Weil aber diese die Inventarisirung nicht verhindern wollte, ja dem Statthalter noch eine Geldstrafe wegen ungestempelter Eingabe auflegte, so hatte Lindenmann freie Hand und der 70jährige Oekonom, welcher 27 Jahre sein Amt in Klingenberg bekleidet hatte, musste es geschehen lassen.

Noch müssen wir hier eines Kapitelsverhöres gedenken, welches zwar mit dem Gutsverkaufe in Thalwil im Zusammenhange steht, jedoch wegen seiner Nebenumstände besonders hervorgehoben zu werden verdient. Am 11. Juni 1838 erging an den Dekan der lakonische Befehl des Bezirksamtmanns Weibels, am folgenden Tage um 9 Uhr den Konvent in pleno (vollzählig) zu versammeln, da er ihm wichtige Eröffnungen zu machen habe. Weil jedoch an diesem Tage der Jahrtag der erlauchten Stifter aus dem Hause Habsburg gehalten wurde, so geruhte der Amtmann den 15. desselben Monats zum Verhöre anzuberaumen. Zur festgesetzten Stunde befand sich der Gewaltige mit dem Amtsstatthalter bereits im grossen Tafelzimmer, als die Konventualen eintraten. Er erklärte nun, dass er vor Erledigung seines von der obersten Landesbehörde erhaltenen Auftrages zuerst einige Patres privat verhören müsse. Zu diesem Zwecke zog er sich in das anstossende kleine Zimmer zurück, während an der Thüre des Tafelzimmers der Amtsweibel aufgestellt wurde, damit keiner der Patres sich entferne. Es vergingen anderthalb Stunden, bis zuerst der Subprior und nach ihm einige ältere Patres vorgerufen wurden, die aber durch eine andere Thüre sich entfernen mussten , um mit den noch unverhörten nicht in Berührung zu kommen. Als die Zeit zur Abhaltung der Non kam, wollte der Dekan gegen 11 Uhr läuten lassen, erhielt aber die Weisung, da zu bleiben und die Non später zu halten. Nach eingenommenem Mittagessen und nach Abbetung der Non wurde um 1 Uhr das Verhör der Einzelnen fortgesetzt. Die Fragen, welche ihnen vorgelegt wurden, bezogen sich auf die Inhibition und Protestation gegen den Verkauf der Klostergüter (II-421) in Thalwil und auf die an die Regierung eingereichte Druckschrift „Nachtrag“ zu den frühern Vorstellungen der Klöster. Gegen 3 Uhr war das Verhör beendigt, und nun erschien der Amtmann wieder im grossen Tafelzimmer und verkündete den Versammelten, dass sie die gegen die Versteigerung der Lehen in Thalwil eingereichte Protestation vom 5. Juli 1837 „unbedingt als widerrechtlich und zurückgezogen“ zu erklären hätten. „Zur Abgabe dieser Erklärung wird dem Konvente eine Zeitfrist von zwei Stunden eingeräumt“. Als der Dekan darauf entgegnete, dass sie dies nicht könnten, weil es gegen ihr Gewissen sei, gerieth der Bezirksamtmann in Wuth und entgegnete blass vor Zorn: sie hätten einfach Ja oder Nein zu sagen; würden sie sich gegen die Verordnungen der obersten Landesbehörde noch ferner sträuben, so habe man sich gar nicht zu wundern, wenn die h. Regierung eine solche widerspenstige Körperschaft ferner nicht mehr anerkennen werde! – Darnach beteten die Patres im Chore die Vesper und um 4 Uhr versammelte sich das Kapitel, um die Antwort zu berathen, welche lautete: „Dekan und Kapitel von Muri waren und sind der Ueberzeugung, dass sie berechtigt gewesen, gegen den Verkauf ihres Eigenthums in Thalwil Inhibitionen einzulegen. Die hier in Rede stehende Protestation haben sie nicht selbst verfasst, sondern sie ist durch einen hiezu bevollmächtigten Rechtsgelehrten, Herrn Kantonsfürsprech Klauser von Zürich abgefasst und eingelegt worden. Sie können sich also nicht dazu entschliessen, dieselbe unbedingt als widerrechtlich und zurückgezogen zu erklären.“ Das Dokument unterzeichneten sämmtliche im Konvente anwesenden Kapitularen, 19 an der Zahl. Als sie 5 1/4 Uhr ins grosse Tafelzimmer traten, wartete der Amtmann bereits, um die Antwort entgegenzunehmen, und schloss, nachdem er sie durchgesehen, seine Amtshandlung mit den Worten: er werde diese Antwort der Regierung überschicken, die Patres würden die Folgen zu gewärtigen haben. – Ohne Zweifel war es bei diesem Verhöre darauf abgesehen, Widersprüche zwischen den Aussagen der einzelnen Konventmitglieder zu finden, was leicht hätte der Fall sein können, wenn einer oder der andere aus Mangel an Besonnenheit oder aus Vergesslichkeit anders als die übrigen auf die Fragen geantwortet hätte. Diesen Umstand würde man dann benützt haben, um auszustreuen, dass die Ordensangehörigen unter sich selber uneins seien und desshalb ihre Proteste gar keine Beachtung verdienten. Der Plan der Feinde wurde zu Schanden gemacht, indem jedes Klostermitglied für sich die Erklärung unterschrieb und damit zugleich darthat, dass auch alle bisherigen Schritte im Sinne und nach dem Willen aller Klosterobern und Konventsmitglieder geschehen seien.

(II-422) Nach den bisher erwähnten Thatsachen lässt sich leicht erwarten, dass diejenigen, welche in solcher Weise mit dem Eigenthume der Klöster verfuhren, auch mit andern Rechten derselben nicht glimpflicher umgingen. Schon im November 1836 hatte die aargauische Regierung einen Gesetzesvorschlag ausgearbeitet, hinsichtlich der Collaturrechte, gemäss welchem in Zukunft alle mit Seelsorge verbundenen Pfründen, die bisher von Corporationen, gleichviel ob in oder ausser dem Kantone bestehend, vergeben wurden, von nun an von der Staatsbehörde besetzt werden sollten, ohne irgend welche Entschädigung der frühem Collatoren. Auch dagegen erhoben die Klöster Proteste. Der Gesetzesvorschlag wurde zunächst einer Spezialberathung übergeben, kam aber erst im Dezember 1837 an den Grossen Rath. Das Referat wurde, weil man zu grosse Aufregung unter dem Volke fürchtete, geheim gehalten, sollte jedoch im März 1838 zur öffentlichen Verhandlung kommen. Daher suchte Muri Schutz beim hl. Stuhle und wendete sich im Jänner 1838 unter Darlegung des Sachverhaltes an den apostolischen Nuntius, damit er, weil eine Verwahrung der Klöster doch nicht beachtet würde, einstweilen einen feierlichen Protest des Diöcesanbischofes veranlasse. Der Nuntius willigte in diese Bitte gerne ein, meinte jedoch, dass auch die Klöster und sonstige Corporationen, welche Collaturrechte besitzen, selber sich an den Bischof wenden sollten, was auch geschah. Da indessen die weitem Verhandlungen in diesem Anliegen der folgenden Periode unserer Geschichte unter Abt Adalbert angehören, so werden sie dort erwähnt werden.

Unter dem 26. September 1837 wurde dem Konvente auch das Recht zu bauen oder Baureparaturen vorzunehmen durch die Finanzcommission entzogen und ausschliesslich dem Verwalter übertragen, zu grossem Schaden des Klosters, wie wir noch sehen werden.

Zu verwundern ist, dass man dem Kloster das Archiv nicht gleich wegnahm. Wahrscheinlich geschah es desshalb nicht, um den Verdacht ferne zu halten, dass man eine gänzliche Unterdrückung des Stiftes beabsichtige. Allmälig suchte man aber doch auch des Archivs habhaft zu werden. Der erste direkte Schritt wurde am 30. Oktober 1838 gethan, an welchem Tage der Verwalter unter dem Vorwande, dass ihm die neuesten Urbarien und mehrere Jahresrechnungen von Unterbeamten des Klosters fehlten, dem Kapitel verkündete, er werde die vorhandenen Urbarien durchsehen und so zu diesem Behufe das ganze Archiv durchgehen, mit welcher Arbeit er am 13. November beginnen wolle. Nach der Aufhebung kam (II-423) das herrliche Muri-Archiv ebenso wie die Bibliothek nach Aargau, doch erhielt ersteres daselbst ein abgesondertes, feuerfestes Lokal.

Das Stift besass auch eine vortreffliche Apotheke, die von jeher Konventsache gewesen war. Auch in ihr nahm der Verwalter ein Inventar auf, später schloss er dann deren Kasse, verordnete specificirte Angabe aller Einnahmen und Ausgaben, ein Verzeichniss der Ausstände und deren Eintreibung. Nicht einmal das Kloster und dessen Dienstpersonal sollten in Zukunft Medikamente ohne baare Bezahlung oder vierteljährige Rechnung beziehen dürfen. Der treffliche Apotheker Burkard, ein Laienbruder des Klosters, wurde sonst noch mannigfach chikanirt.

Nicht einmal Unterstützungen durfte das Kloster ohne den Verwalter verabreichen, sondern sollte, wenn es bei Unglücksfällen den Nothleidenden helfen wollte, seine Gaben durch den Verwalter geben, der dann Ehre und Dank in seine Tasche schob, wie wenn er der Wohlthäter wäre. Ja man ging hierin noch weiter. Anfangs Jänner 1837 wurden alle Schenkungen ohne vorhergehende Verwaltungsgenehmigung als wirkungslos erklärt: sogar das blosse Versprechen einer Beihilfe des Konvents wurde durch die Finanzcommission am 18. April 1838 verboten.

Um die Chikane aufs Höchste zu treiben, wollte man für den Kirchengesang und Altardienst die Chorknaben dem Kloster nicht mehr gestatten; stand aber doch davon ab, nachdem das Kloster nachgewiesen hatte, dass unter diesen Knaben keine primarschulpflichtigen seien.

Die bereits im Allgemeinen angedeuteten Nachtheile der Staatsverwaltung für das Stift und seine Leiden müssen wir noch im Besondern vor Augen führen. Eine der ersten Thaten des Verwalters war, dass er treue Dienstboten, die dem Kloster zugethan waren, entliess. Auch wurden die Dienstboten dem Einflusse des Klosterökonomen entzogen und unter des Verwalters unmittelbaren Befehl und Aufsicht gestellt. Während früher ein Statthalter ohne Jahresgehalt und ein Schaffner für die Führung der Oekonomie hinreichten, gab es jetzt Verwalter, Schreiber, Förster, Aufseher, Schaffner, Kellner, also mehr Dienstboten – und alle verhältnissmässig gut besoldet. Um die Bediensteten mehr unter seine Gewalt zu bekommen und von jeder Einwirkung der Mönche ferne zu halten, liess er später auch den Haushalt trennen, so dass eine zwei- und dreifache Wirthschaft nothwendig war.

Nebenbei schien er es darauf abgesehen zu haben, die Konventualen allmälig, wie man sagt, mürbe zu machen, durch (II-424) beständige Plagen und Neckereien, wobei es ihm auch auf instruktionswidrige Handlungen nicht ankam, da er ja wusste, dass er dadurch die Gunst seiner Auftraggeber nur gewinnen könne. Bedurfte das Kloster für seinen innern Haushalt Geld – die Kasse war ja in seinen Händen – so konnte es zwei- oder dreimal zu ihm schicken, bis er endlich, gleichsam als ob er der Gebieter, die rechtmässigen Besitzer hingegen nur lästige Bettler wären, das Nöthigste oft unwillig herausgab. Kein Wunder, wenn er dem Kloster gegenüber so sparsam mit dem Gelde war; durfte doch nicht einmal der Dünger ohne seine spezielle Erlaubniss in die Klostergärten abgeführt werden. Für ihn selbst dagegen war Alles in Fülle da. Ueber Pferde und Wagen des Klosters verfügte er wie ein Abt, liess Pferdegeschirre mit silbernen Verzierungen, die aber nur bei seinen Fahrten benüzt wurden, auf Kosten des Stiftes anfertigen und verwendete die Pferde sogar zu militärischen Uebungen. Beschwerte sich das Kloster bei den Behörden, so wurde es kurz abgewiesen und dem Verwalter Recht gegeben.

Ebenso willkührlich schaltete er mit den Vorräthen an Naturalien. Er musste, um die vielen Ausgaben zu decken, von denen man früher nichts wusste, Geld um jeden Preis herbeischaffen. Unter dem Vorgeben, dass zu viel Wein in den Kellern vorhanden sei, fing er an, ohne Rücksicht darauf, dass schlechte Jahre eintreten könnten, Weine zu versteigern und verkaufte sie unter ihrem Werthe, wenn kein höheres Angebot erfolgte, ungeachtet des Protestes der anwesenden Konventualen, worauf er sogar noch Klagen gegen sie wegen Störungen bei Amtshandlungen erhob, d. h. sie beschuldigte, ihr Recht gewahrt und auf eigenem Grund und Boden und in eigener Sache den Anwesenden kund gethan zu haben, dass die Steigerung gegen ihren Willen geschehe, welche Erklärung durch keinen Paragraph der umfangreichen aargauischen Gesetzessammlung, nicht einmal einem bevogteten Eigenthümer verboten ist. Später veränderte er eigenmächtig das Schloss am Weinkeller und verabreichte dem Kloster alljährlich nur ein bestimmtes Quantum. Wie mit dem Weine, machte er es auch mit dem Getreide, mit dem Holze und andern Dingen.

Die Klostermetzgerei verpachtete er an einen Reformirten, dem eine Wohnung in einem Klostergebäude angewiesen wurde. Die herrliche Sennerei, welche sehr einträglich war und die Klosterküche hinreichend mit Milch und Butter versah, wurde durch Neuerungen zu Grunde gerichtet und lieferte kaum mehr den nöthigen Bedarf. Eine prachtvolle Pflanzung von Nuss- und Kirschbäumen, die viele Früchte trugen und eine Zierde der Gegend waren, wurde zerstört unter dem Vorwande, den (II-425) Boden urbar zu machen, der wegen der vielen darin befindlichen Steine zum Landbau ungeeignet war.

„Kurz, wir würden“, so berichtet ein Augenzeuge, „an kein Ende kommen, wenn wir alle ökonomischen Missgriffe – ich will nicht sagen – beschreiben, sondern nur aufzählen wollten“. Zu wissen ist auch, dass der Verwalter nie Oekonom, sondern Advokat zweiter Klasse gewesen ist. Die Durchsicht der Verwaltungsrechnung für 1836, die jedoch erst 1839 vorgelegt wurde, ergab in bloss 9 Monaten, ungeachtet der erwähnten Verkäufe, einen Rückschlag von 12,103 Fr. Doch sehen wir nun, wie Aargau mit unserm Abte Ambros Bloch umging.


  1. Die Akten hiefür liegen im Archiv Muri in Gries. – Die faulen (!) Mönche schrieben seit 1798 fast alle Akten doppelt und hinterlegten sie in verschiedenen Archiven.

  2. Ein Rechtsfreund schrieb damals sehr richtig an den Statthalter, P. Adalbert: „Dass die erlassene Verwahrung Ihrer Rechte gegen den, ohne Ihren Consens angeordneten Verkauf der Lehenhöfe in Thalwil denjenigen Personen und Behörden, welche gerne das Klostergut in ein anderes Vermögen umwandeln möchten, ungelegen kommen werde, konnte ich mir allerdings wohl denken; allein wie man denjenigen von Staatswegen bedrohen könne, der auf offenem Wege durch die gesetzlichsten Mittel ein Recht sich zu verwahren sucht, das er als ein heiliges ihm anvertrautes Recht betrachtet, das, ich gestehe es, kömmt mir unbegreiflich vor. Der Wurm, der im Staube getreten wird, darf sich krümmen unter den Fusstritten seiner Vernichter, Ihnen muthet man, wie es scheint, zu, für ihre Vernichtung noch selbst mitzuwirken.“

  3. Ehemals erfreute er sich der Protektion eines Muri-Paters, der sich später bitter iiber seinen Zögling beklagte (Archiv Muri in Gries).