Neuntes Kapitel. Letzte Lebenszeit des Fürstabtes Gerold II. und seine Sorge für die Dorfschulen.

(II-367) Fürstabt Gerold II. benützte die letzten Jahre seines Lebens, um zu sammeln, was die Revolution zerstreut hatte, zu heilen, was beschädigt worden, wieder zu gewinnen, was fremden Händen zugefallen war, und nach Kräften Gutes zu spenden. Die Oekonomie hatte durch den Verlust der deutschen Herrschaften grosse Einbusse erlitten. Abt und Kapitel beschlossen daher 1807, die kleinen und weniger einträglichen Herrschaften im Kanton Thurgau, welche Muri geblieben waren, zu verkaufen, und zwar Sandegg um 9000 und Eppishausen um 70,000 Gl. Dagegen war der Abt bemüht, die näher beim Kloster gelegenen Güter sorgsamer zu bewirthen. Ebenso trachtete er, die noch in Deutschland befindlichen Kapitalien zu erhalten und die bedrohten für Muri zu retten. Er konnte wirklich alle, bis auf die von Sigmaringen, dem Kloster zuführen. Selbst die Kapitalien der aufgehobenen Klöster Wiblingen und St. Blasien blieben bei unserm Gotteshause. Würtemberg, das in der Säkularisation Wiblingen erhielt, erhob wegen des Muri-Kapitals gar keine Schwierigkeiten.1 Grosse Achtsamkeit und viele Mühen verlangten die Zehntablösungen in den Kantonen Aargau und Luzern. Dieselben erreichten von 1801 bis 1815 die ansehnliche Summe von 309,848 alte Franken. Am 30. September 1807 stellten sich gleichzeitig 32 Zehntpflichtige von der Gemeinde Sursee in Muri und ihr Grosszehnt wurde 23,131 Frk. geschätzt.2 Dieser Sorgsamkeit für die Oekonomie ging helfend die innere Sparsamkeit an die Seite, wie auch die strenge Beobachtung der alten Disciplin, welche viele Fasttage vorschrieb und nur spärlich besetzte Tafel gestattete. Das bot dem Abte Gerold II. und seinen Nachfolgern die Möglichkeit, die ehemaligen Almosen fast im gleichen Masse fortzusetzen und namentlich den Kirchen und Schulen ausgiebige Unterstützung zukommen zu lassen. In den Städten Bern, Aarau und Zürich musste der katholische Gottesdienst, der seit Jahrhunderten daselbst unterdrückt war, wieder eingeführt werden, da die katholischen Abgeordneten aller schweizerischen Kantone oft viele Monate lang sich dort aufhalten mussten. Zur Zeit (II-368) der helvetischen Regierung wurde der katholische Gottesdienst in Bern aus der Staatskasse bestritten. Nach deren Sturz aber (1803) fand derselbe in der Stadt zwar Duldung, aber der Staat hatte seine unterstützende Hand zurückgezogen. Daher war es eine besondere Aufgabe der katholischen Klöster und Stifte, diesen Gottesdienst zu unterhalten. Muri war für ihn einer der ersten Wohlthäter. P. Pacificus Migg, Prämonstratenser von Bellelay, dankte am 20. Juni 1804 als damaliger Leiter der katholischen Pfarrei in Bern dem Abte von Muri für die 10 Louisd'or, die er ihm grossmüthig zugeschickt hatte. Zugleich bittet er um eine fernere Unterstützung.3 Weniger Hilfe bedurfte der katholische Gottesdienst in Aarau. Der „Grosse Rath“ des Kantons hatte für denselben Sorge getragen.4 In Zürich wurden ihm aber grössere Schwierigkeiten bereitet. Der apostolische Nuntius erliess viele Schreiben an die Gläubigen der Schweiz, um Beiträge zum Unterhalte des katholischen Priesters in Zürich zu erhalten. Zu diesem Zwecke war ihm P. Wolfen Zeiger von Rheinau sehr verhilflich. Die Züricher-Regierung wünschte laut Schreiben vom 20. Dez. 1806 an den Abt von Rheinau gerade diesen Rheinauer-Konventualen, dass er den katholischen Gottesdienst während der Tagsatzung in ihrer Hauptstadt abhalte. Das Kloster Rheinau besorgte dann vom Jahre 1806 bis 1821 die Gläubigen in Zürich. Muri, von jeher innig mit diesem Kloster verbunden, gab jährlich eine Unterstützung von 60-80 alten Frk.5 Von den Gaben, welche Abt Gerold II. den eigenen Collaturkirchen zukommen liess, erwähnen wir nur die für das Langhaus der Pfarrkirche in Homburg (1784) verabreichten 668 Gl.;6 ähnlich waren die Wohlthaten für die Pfarrkirche in Wohlen und Beinwil.7

Der Gründung von Dorf- und Volksschulen zeigte sich das Kloster Muri von jeher günstig. Für den Schulfond in der Pfarrei Muri hatte es schon 1730 Gl. 2000 gegeben. Später verpflichtete es sich, alle Frohnfasten (Quatember) dem Schulmeister 25 Gl. zukommen zu lassen, und zudem an bestimmten Tagen ihm das Morgen- und das Mittagessen zu verabreichen. Fürst Gerold II. befahl 1784 dem Pfarrer, dass er dem Schulmeister zur Ausbesserung seines Gehaltes auf sein Wohlverhalten aus dem sogenannten „fürstlichen Almosen“ 50 Gl. jährlich zufliessen lasse. Diese Zulage verlor aber der Lehrer 1799 durch die helvetische Regierung, welche die ehemaligen Muri-Almosen aberkannte. Dafür bestimmte aber die (II-369) Verwaltungskammer des Kantons Baden (1800), der Kloster-Muriverwalter solle dem Schulmeister daselbst, der ehemals „laut Stiftung (ist unrichtig) seine Competenz aus dem Kloster bezog“, selbe wieder aus dem Klostereinkommen verabreichen.8 Die Thalgemeinden Althäusern, Aristau und Birri trennten sich in Jahre 1807 von der Schule in Muri-Wei, bestellten einen eigenen Schullehrer (nicht mehr Schulmeister) und bauten ein ansehnliches Schulhaus; Abt Gerold II. schenkte ihnen dazu 20 Louisd'or. (1) Nach drei Jahren lösten sich die Berggemeinden Buttwil und Geldwil ebenfalls von der Mutterschule im Wei ab. Dasselbe thaten 1820 Muri-Langdorf und Muri-Egg. Die Regierung verpflichtete die Gemeinden durch ein Gesetz, Schulfonde zur Besoldung der Lehrer anzulegen. Der Lehrer im Wei erhielt nebst der gesetzlichen Besoldung noch insbesondere 100 Gl. und zwar als Vergütung für die in der Kirche ihm anbefohlene Aufsicht der Kinder.9

Auf Anregung des Klosters hatten die Boswiler um das Jahr 1799 eine Dorfschule gegründet. Der Gasthof zum „Stern“ daselbst gehörte dem Kloster Muri und der Bürgerschaft gemeinsam. Derselbe wurde im Dezember 1803 um 4501 Gl. verkauft. Beide Verkäufer bestimmten die erste Bezahlung, 1000 Gl., für den Bau eines Schulhauses. Von den 2000 Gl., welche das Kloster noch hiebei zu fordern hatte, schenkte es weitere 400 Gl. an die dortige Schule.10

Für die Pfarrei Bünzen bestand seit 1800 eine Schule in Besenbüren.11 P. Meinrad, Pfarrer in Bünzen, gab hierüber folgenden Bericht: „Die Schule ist für die ganze Pfarrei an einem passenden Orte; der Schulmeister hat keine bestimmte Besoldung; er verlangt für jedes Kind den gemäss getroffener Uebereinkunft festgesetzten Lohn. Der letzte Lehrer wurde von der Gemeinde gewählt; die Schule dauert von Allerheiligen bis zur Fastenzeit.“

Bünzen und Waldhäusern trennten sich 1801 von Besenbüren und bauten in Bünzen ein besonderes Schulhaus. Das Kloster Muri gab ihnen dazu Holz aus seinen Waldungen.12

Die Gemeinde Villmergen bat 1807 den Bischof um Erlaubniss, dass ihrem Kaplane zu St. Michael der öffentliche Unterricht der Schuljugend überbunden werde. Der Bischof gewährte die Bitte, fügte aber mehrere Bedingungen bei.13

(II-370) In Homburg unterstützte der Muri-Kapitular P. Karl Gritz 1783 die Dorfschule mit allem Eifer. Die Bauern wollten sich aber eher eines bedeutenden. Beitrages des Fürstabtes Gerold II. berauben, als die Verwaltung des Schulfond es dem Pfarrer überlassen.14 Dass der Fürstabt die Schule in der Herrschaft Dettensee angeregt und befördert habe, und dass die Kapitalaren P. Meinrad und P. Anselm längere Zeit im Bezirksschulrathe von Muri sassen, wurde schon früher angedeutet.

So freudig der Aufschwung des Volksschulwesens den Abt Gerold II. berührte, so schmerzlich trafen ihn und seine Mitbrüder die traurigen Nachrichten von der Aufhebung der Klöster in Süddeutschland (Säkularisation). An den Abt, wie auch an andere Muri-Kapitularen kamen mehrere Briefe, welche dem tiefgefühlten Schmerze Ausdruck verliehen, den die Schreibenden beim Verlassen ihrer Zellen empfunden hatten. So wünschte P. Roman Humel, Prior von Wessobrunn (21. Oct. 1804), in Anbetracht der traurigen Zeitverhältnisse keine Stunde länger zu leben.15

Mit St. Blasien stand stand Muri seit ältesten Zeiten in naher Verbindung. Die Zwistigkeiten wegen des „Stifterbüchleins“ (Acta Murensia) aus dem verflossenen Jahrhunderte waren vergessen. Der Grossherzog von Baden, dem St. Blasien durch den Hauptschluss von Regensburg (1803) als Entschädigung zugesprochen worden, trug bis 1806 Bedenken, dieses ehrwürdige Stift, den Sitz so vieler gelehrten Männer, dem Untergange zu weihen. P. Martin Schmid, Bruder des Muri-Kapitularen P. Leodegar, entrollte in den vielen Briefen während dieser drei Jahre der Ungewissheit bald das Bild der rosigen Hoffnungen, bald das einer herankommenden schwarzen Gewitterwolke. Der kräftige Abt Berchtold dachte selbst inmitten dieser peinlichen Lage (1804) daran, die Schule in Sion bei Klingnau, Kanton Aargau, zu heben, indem er die Gymnasialklassen durch Patres von St. Blasien, die Philosophie durch solche von Wettingen und die Theologie durch Mitglieder von Muri besorgt wissen wollte.16 Der Plan kam nicht zu Stande. Kaum hatte aber die Landesregierung die Aufhebung erklärt, so wandte sich Abt Berchtold an Kaiser Franz I., seinen ehemaligen Herrn, der sofort das Kloster „Spital“ in Oberösterreich ihm als Asyl anwies; jedoch schon im gleichen Jahre (1807) übergab Se. kaiserliche Majestät ihm das Stift St. Paul in Kärnten mit der (II-371) Bedingung, dass er das Gymnasium in Klagenfurt mit Professoren versehe, selbes leite und in St. Paul selbst ein Knabenseminar eröffne.17 Muri weinte seinen – scheidenden Mitbrüdern nach und ahnte nicht, dass seinen Kindern nach 34 Jahren ein ähnliches Loos beschieden sei.

Unter diesen Gefühlen der Freude und des Leidens flossen die letzten Jahre des Fürstabtes Gerold II. dahin. Wie ein scheidender Vater richtete er an den neu aufblühenden Konvent oft ernste Mahnworte. Weil die Selbstüberhebung die Hauptquelle des Bösen ist, so empfahl er seinen Mitbrüdern vor Allem die Demuth und Bescheidenheit und legte ihnen dringend eine andauernde und geregelte Thätigkeit an's Herz, damit sie dem Müssiggange, dem Anfange aller Laster desto leichter entgiengen.18 Das Testament, das Abt Zurlauben verfasst hatte, machte er sich zu eigen. Darin bat er Gott und den heiligen Vater Benedikt um Verzeihung, dankte Gott und dem Professionshause für alles empfangene Gute und empfahl dem Nachfolger die Liebe zu den Armen. Im Jänner 1810 nahmen die Kräfte sichtlich ab. Der apostolische Nuntius Testaferrata drückte im folgenden Monat über seine Krankheit das tiefste Bedauern aus. – Nach der ersten Stunde des 15. Februar vernahmen die Umstehenden vom hohen Kranken die Worte: „Herr komme und zögere nicht“, – und in wenigen Minuten war seine Seele mit Gott vereinigt. Zufolge seines geäusserten Wunsches wurde er an der Seite des Fürstabtes Gerold I. beigesetzt. Die Leichenrede am Begräbnisstage hielt Propst Göldlin von Beromünster. Mit Gerold II. sank die fürstliche Würde von Muri in's Grab. In den Todesanzeigen an die verschiedenen Regierungen liess das Kapitel die Worte einfliessen: „unseres letztgewesenen Reichsfürsten“. Es trafen viele Condolenzschreiben ein; darunter war auch das der Wittwe Elisabeth von Fürstenberg, geborne Thurn-Taxis.19 Der Konvent setzte ihm in lateinischer Sprache folgende Grabschrift: „Gerold II., Senior und Jubilar des Klosters Muri, der die Religion und das Vaterland vorzüglich liebte, zeichnete sich aus durch seine zärtliche Zuneigung zu den Seinen, durch die Freigebigkeit gegen die Armen und die christliche Liebe gegen Alle, und glänzte als das schönste Lebensbild; that Alles um dem neu auflebenden Kloster die alte Disciplin, die Wissenschaften und die Einkünfte zu wahren; mochte er im Glücke oder im Unglücke sein, er wusste sich gleichmässig zu beherrschen (II-372) und betete in Allem die liebevolle Vorsehung Gottes an. Nicht so reich an Lebenstagen als an Verdiensten, hauchte er, nachdem er von den Seinen Abschied genommen und aufgeseufzt hatte: „Komm Herr und wolle nicht zögern“, in den Armen seiner Söhne den Geist aus in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 1810, im 81. Altersjahre, im 64. der Profession, im 58. seines Priesterthums und im 34. der Regierung.“


  1. Arch. Muri in Gries E. X. – Das St. blasianische Kapital, 22,000 Gl., kam erst 1816 wieder nach Muri.

  2. Arch. Muri in Gries A. V. I.

  3. Arch. Muri in Gries A. III. IV.

  4. Meng, Kapitel Mellingen, S. 51, 52; Dekret vom 21. Juni 1803.

  5. Arch. Muri in Gries A. III. X.

  6. Arch. Muri in Gries C. II. II.

  7. Daselbst.

  8. Arch. Muri in Gries A. IV. XIV.

  9. Pfarrlade Muri.

  10. Arch. Muri in Gries A. III. III.

  11. Daselbst.

  12. Arch. Muri in Gries A. IV. XIV.

  13. Arch. Muri in Gries.

  14. Arch. Muri in Gries C. II. II.

  15. Arch. Muri in Gries A. VI. XV.

  16. Arch. Muri in Gries A. VI. XV.

  17. Neugart, Episcopatus Constant., editio 1861, pag. VIII.

  18. Acta Capituli, 1808-1810.

  19. Arch. Muri in Gries.