Viertes Kapitel. Muri im Kampfe mit der Revolution – Fortsetzung.

Das Jahr 1799 entrollt uns für Muri desselbe Bild, wie das vorhergehende, ein Bild der Leiden, des Schreckens, der Beraubung und des verheerenden Krieges.

In den ersten Tagen des Monats Jänner erschien in Muri ein Bürger von Zürich und nahm im Auftrage des Direktoriums, wie er vorgab, die Kloster-Druckerei hinweg. Kurze Zeit darnach (am 7. Jänner) quälte Statthalter Weber neuerdings jeden einzelnen Konventualen mit vorgelegten Fragen über die nach Deutschland geflüchteten Klostergüter, und nannte deren Entfernung einen Diebstahl (?), ein Verbrechen (!?). Am folgenden Tage kam eine Abordnung von der Badener-Kantonsregierung und besichtigte das ganze Kloster. Muri sollte eine Irrenanstalt werden. Die Sachkundigen fanden es hiefür nicht geeignet. Bald erschien eine zweite Abordnung, welche nachsehen sollte, ob es nicht für eine _Armenanstalt1 tauge. Auch dafür hatte es keine zutreffende Eigenschaften.

Auf Grund dieser Vorgänge erwarteten die Konventualen stündlich die Aufhebung, zumal sie wohl den Zweck, aber nicht die Resultate der Inspektionen wussten. Das waren peinliche Tage. Den Schrecken erhöhte die Thurgauer-Nachricht, die Klöster St. Gallen und Kreuzlingen seien aufgehoben, und es gehe das Gericht: die Muri-Herren werden in ersteres verlegt. Das Kapitel schickte in seiner Angst den Dekan und P. Adalbert zum Minister der Künste und Wissenschaften nach Luzern, um bei ihm Sicherheit und Schutz für das Kloster und die Erlaubniss für freie Ausübung des Collaturrechtes nach alter Uebung zu erlangen. Stapfer versprach den Abgeordneten mündlich und schriftlich Vieles; allein das Halten des Versprochenen lag nicht in seiner Gewalt. Den Ausdruck „Diebstahl“, welchen Statthalter Weber wegen der aus Muri nach Deutschland geflüchteten Güter gebraucht hatte, missbilligte Stapfer; er fand aber im Protokolle statt dessen den (II-302) etwas mildern Ausdruck „Entfernung“. Um das Kloster vor künftigen Untersuchungen wegen der geflüchteten Güter zu schützen, stellte er ein Schutzschreiben aus, worin er sagt: „Ich genehmige, dass in Zukunft, die Religiosen in Muri nicht mehr über geflüchtete Sachen inquirirt werden.“ – Auf die Frage, ob die Kapitularen Muri verlassen müssen, antwortete er kalt: „Bricht Krieg aus, so könnt ihr bleiben; wenn nicht, so machet euch wenig Hoffnung für's Bleiben.“

Der Krieg brach aus, und das Kapitel blieb, die Deportirten ausgenommen, bei einander.

Am 21. Jänner 1799 kamen wieder Abgeordnete aus Baden nach Muri; allein diesmal waren sie von acht französischen Jägern begleitet. Ihre Aufgabe war, diejenigen Kapitularen im Auftrage des Direktoriums über die Grenze zu führen, welche an der Sendung der Kisten nach Deutschland Antheil genommen hatten, nämlich: Gregor Koch, Dekan; Johann Ev. Borsinger, Subprior; Adalbert Renner, Statthalter; Leodegar Schmid, Sekretär; Othmar Bossard, Küchenmeister, und Martin Fassbind, Custos. Die Bestürzung über diese Deportation war im Konvente um so grösser, weil ihm dadurch alle Obern entrissen wurden. Als Grund dieses harten Vorgehens gegen das Kloster gab das Direktorium den Ungehorsam an, indem die Kapitularen die nach Deutschland geflüchteten Güter nicht heimgebracht hätten.

Den oben genannten Patres wurde nur kurze Zeit zum Einpacken ihrer wenigen Habseligkeiten gegönnt. Ihre Zimmer verschloss man mit Amtssiegel, selbe blieben daher viele Monate ungeöffnet. Nach dem Mittagessen bezeichnete Herr Dekan in P. Maurus Moser, P. Beda Mösch und P. Stephan Jauch die Interimsobern des Konventes; gab ihnen die nöthigen Verhaltungsregeln und ermahnte die noch Zurückbleibenden (bei zwanzig) zur genauen Beobachtung der hl. Regel, zur Eintracht und Standhaftigkeit. Oefters unterbrach ein lautes Schluchzen seine Worte. Selbst die Vollstrecker des harten Befehles wurden gerührt, waren artig und trockneten öfters eine Thräne ab. Wie ein Blitzstrahl drang die Nachricht der Deportation unter das Volk. Ganze Schaaren eilten herbei, um mit Thränen in den Augen von ihren geliebten Vätern Abschied zu nehmen. Die sonst harten Krieger wehrten, selbst von Mitleid erfasst, mit Schonung der ungestüm herbeiströmenden Menschenmasse. Um drei Uhr bewegten sich langsam die zwei verschlossenen Kutschen durch die laut klagende Menge. Die Fahrt ging selben Abend noch bis Mellingen. Als die 6 Väter den folgenden Tag Zurzach erreicht hatten, erhielt jeder zwei Louisd'or in die Tasche, und es wurde ihnen frei (II-303) gestellt, ausserhalb des Kantons Baden ihren künftigen Wohnort zu wählen.

Alle begaben sich nach Glatt. Abt Gerold II. empfing sie mit liebevollem Herzen, tröstete sie und wies ihnen angemessene Beschäftigung im Thurgau oder in Deutschland an.

In Ofterdingen, wo sie die zweite Nacht zugebracht hatten, fassten sie wegen der unbegründeten Deportation eine Klageschrift an die gesetzgebende Versammlung der Helvetik ab. Sie betheuern darin, dass sie Alles gethan haben, um die Republik zu befriedigen; dass sie dem Commissär Hartmann alle geflüchteten Güter, darunter auch die nach Deutschland geschickten, genau angegeben, und dass sogar einige der letztgenannten aus Deutschland herbeigeschafft und in die Hände des Direktoriums gelegt worden seien; die Herbeischaffung des Wenigen, was noch ausstehe, liege nicht in ihrer Gewalt. Endlich sei die Entfernung dieser Güter geschehen, bevor ein derartiges Verbot bestand. – Die Eingabe hatte vorläufig keine Wirkung. Ein anderes Schreiben liessen die Deportirten unter dem 24. Jänner aus dem Reichsstifte Villingen an den Präsidenten der Regierung des Kts. Baden abgehen und bezeugten in demselben, dass sie, obwohl unschuldig, dennoch „gehorsamst der vollziehenden Gewalt und ohne Widerrede in den Ort der Verbannung gegangen seien“; schliesslich spenden sie dem Statthalter Weber und den acht Jägern, denen die Deportation aufgetragen worden, wegen ihrer humanen Behandlung alles Lob.

Fürstabt Gerold II. billigte die Anordnungen des Dekans Gregor, die er hinsichtlich des Konventes bei seiner Abreise in Muri getroffen hatte; bestimmte aber als definitiven Obern desselben mit dem Titel „Superior“ P. Bonaventura Weissenbach, dessen Stelle sollte aber in seiner Abwesenheit, sonst ohne Rang, P. Meinrad Bloch als Vizesuperior vertreten. Dann schreibt der Abt an die übrigen Mitbrüder:2 „Euch aber, Geliebteste, deren Geduld und Standhaftigkeit ich mit so vielem Troste aus dem Munde des Herrn Dekan vernommen, ersuche und ermahne ich, jenen Gehorsam euerem neu aufgestellten Superior zu erweisen, wie ihr selben in der Person des Herren Dekan mir erwiesen habt.“

Fast gleichzeitig mit der Deportation nahm der dornenvolle „Hübscher-Handel“ den Anfang, der, wie jene, erst nach drei Jahren sein Ende fand.

P. Bonaventura Weissenbach hatte seit 1794 die Pfarrei Muri mit voller Zufriedenheit besorgt. Ein Weltpriester, (II-304) Franz Xaver Hübscher von Schongau, Freund des helvetischen Direktoriums und der französischen Revolution, trachtete seit 1798 nach dieser Pfarrei. Was der Muri-Konvent schon längst befürchtet hatte, erfolgte im Februar 1799. Stapfer, der Minister der Künste und Wissenschaften, erklärte P. Bonaventura für abgesetzt und die Pfarrei als erledigt. Bonaventura habe, heisst es im Absetzungsdekrete, das Zutrauen der Republik verwirkt, weil er das Volk ermahnt hätte, dem Eide die Klausel: „ohne Nachtheil der katholischen Religion“, beizufügen. Das Direktorium ernannte Hübscher ohne Rücksicht auf den Collator, das Muri-Kapitel, zum Pfarrer. Der Bischof von Constanz wahrte wohl in der Admission die Rechte des Klosters; glaubte jedoch, ihn wegen der traurigen Zeiten als „Pfarrverweser“ anerkennen zu müssen. Desshalb führte ihn Wiederkehr, Dekan des Kapitels Mellingen, am 17. Februar in die pfarrlichen Rechte ein. Das Volk zeigte sogleich über diesen Pfarrwechsel sein grosses Missfallen. Bei der Installationsfeier trat ausser den Distriktsagenten kein Bürger der grossen Pfarrei Muri, wie es sonst bei ähnlichen Anlässen üblich zum Opferstocke. Hübscher wählte als Gehilfen in der Seelsorge vier Kapitularen aus dem Konvente Muri, nämlich zwei Helfer (P. Fintan Stocker und P. Ignaz Infanger) und zwei Kapläne (P. Ambros Bloch und P. Placidus Eggenschwiler). Das Direktorium forderte sämmtliche Kapitularen des Klosters auf, dem neuen Pfarrer in der Pastoration alle Hilfe zu leisten; allein Hübscher verbot allen Konventualen, mit Ausnahme der vier Bezeichneten, jede kirchliche Verrichtung in der Pfarrei ohne seine spezielle Erlaubniss und behauptete sogar, die Kapitularen dürften nur mit seiner Zustimmung in der „Klosterkirche“ predigen, Beicht hören und die übrigen Sakramente spenden. Dadurch griff er die alten, von Bischöfen und Päpsten gewährten Exemptionsrechte des Klosters direkt an. Der Konvent erhob sich daher gegen diese offenen Angriffe. Zugleich hatte er in den Instruktionen für die ernannten Pfarrgehilfen Behauptungen aufgestellt, welche die katholische Sitten- und Glaubenslehre verletzten; endlich verklagte er den Konvent beim Generalvikar von Constanz, als hätte er unter das Volk ausgestreut, Hübscher könne, wenn er die Pfarrei annehme, ohne schwere Sünde die hl. Messe nicht lesen und die übrigen Sakramente spenden. Diese erwähnte Anschuldigung bezeichneten alle Bürger als eine schamlose Lüge. Diese mussten öffentlich ihre Stimme dagegen erheben, weil die bischöfliche Kanzlei die Unklugheit beging, das Benehmen des Konventes als eine Ursache der Deportation dem ehrwürdigen (II-305) Prälaten von Muri, Gerold II., hinzustellen.3 Eine weitere Klage reichte Hübscher beim freisinnigen Commissär Müller in Luzern ein, dass die Muri-Mönche noch die Exemption beanspruchen und ihm die Ausübung der Pfarrrechte über das Kloster nicht gestatten.

Müller richtete in Folge dessen ein Schreiben an den Superior Weissenbach, worin er mit dem Schwerte der hontheimischen Ideen die alten Rechte nach Art eines Cavaliers zerhieb. „Es thut mir leid“, schreibt er, „zu vernehmen, dass Sie (Konventualen) mit dem neuerwählten Säkularpfarrer Hübscher auf keine Weise im gewünschten Frieden leben und sich immer noch Rechte anmassen, die Ihnen nicht zukommen.“ Dann spricht Müller dem Abte und Kapitel von Muri das Collaturrecht ab, verbreitet sich wegwerfend über die Klosterexemptionen und erklärt schliesslich: „Alle andern Konventualen, welche in der Klosterkirche predigen oder beichtsitzen wollen, müssen ebenso, wie die vier ernannten Helfer vom Pfarrer die Erlaubniss haben; endlich entbindet er die vier Helfer vom Gehorsame ihres Klosterobern, indem er bemerkt: „Diese Pfarrhelfer sollen die vom Pfarrer gegebenen Instruktionen, worin ihnen eine einfache und lautere (?) Dogmatik und eine für alle Bedürfnisse der Menschen passende Moral empfohlen wird, genau beobachten, und der Prior habe kein Recht, auf irgend eine Weise sie daran zu hindern.“ Endlich schliesst er mit folgenden Worten: „Bürger Prior, wenn ich Ihnen rathen kann, so vollziehen Sie meinen Willen, der sich auf das Recht gründet (?); wenn Sie oder die Ihrigen entgegen handeln, so wird die Regierung kräftigere Mittel finden, die Rechte des Pfarrers und die des Bischofs zu handhaben.“

P. Sebastian Müller antwortete dem Commissär im Namen des Konventes gründlich, bezeugt, dass alle Religiosen vermöge ihres Standes mit dem Pfarrer im Frieden leben wollen und ihm Dienste zu erweisen jeden Augenblick bereit sind; allein ihre Rechte dürfen sie nicht aufgeben.

Das Schreiben des Commissärs sammt der Widerlegung übermittelten die Konventualen dem Bischofe von Konstanz und fügten die Erklärung bei, sie wollen des Friedens wegen sich der Ausübung ihrer unbestrittenen Rechte bis auf Weiteres enthalten und – sie hielten Wort. Erst am Ende dieses Jahres besuchten sie auf Veranlassung des Commissärs Crauer wieder den Beichtstuhl. Durch das erwähnte Verfahren der Klostergeistlichen verlor Hübscher jedes Zutrauen beim Volke. Abgeordnete der Pfarrei Muri und anderer umliegender Gemeinden klagten (II-306) beim Bischofe, dass Hübscher in der Klosterkirche den Empfang der Sakramente hindere. Das bewog endlich den Generalvikar Bissing dem Gotteshause Muri folgendes Schreiben zu übermitteln: „Da Priester Hübscher derzeit Pfarrverweser der Regularpfarrei Muri durch sein Betragen und durch die an den Tag gelegten Gesinnungen nicht nur das Zutrauen eines grossen Theiles seiner Pfarrei verloren, sondern sich auch gegen unsere hl. Religion und das bischöfliche Ordinariat verantwortlich gemacht hat;4 so haben wir anmit von Generalvikariats wegen dem fürstlichen Stifte und Gotteshause zu Muri die Erlaubniss und Vollmacht ertheilt, sobald die dortseitige Pfarrei von dem Drucke der französischen Waffen durch die siegreiche kaiserliche Armee wird befreit sein,5 durch einen Regular, wie ehemals, diese Pfarrei zu bedienen und auch im Namen des Ordinariats unaufhaltlich den Priester Hübscher von Muri entfernen und ausweisen zu dürfen, so wie wir demselben alsdann alle geistliche Jurisdiktion und Approbation aufkünden.“ – Die im Schreiben gestellte Bedingung traf nicht ein. Erzherzog Karl verliess die Schweiz und zog nach Deutschland, die Russen wurden bei Zürich von den Franzosen besiegt, und Hübscher konnte bleiben. Dieser sparte keine Gelegenheit, um die Konventualen ferner zu necken. Für das St. Martinsfest im Kloster (11. November) bezeichnete die Verwaltungskammer in Baden nach dem Begehren Hübscher's einen Ehrenprediger. Der Konvent glaubte nun sich an den Minister Stapfer wenden zu müssen, um durch dessen Hülfe Ruhe vom Pfarrverweser zu erhalten. Dieser Schritt hatte auf kurze Zeit gute Wirkung. Auch dem Dekane seines Kapitels konnte Hübscher auf die Frage, woher er das Recht habe, die Religiosen in ihrer Exemption zu stören, keine Antwort geben. Aber jetzt verbreitete er Flugschriften unter das Volk, worin er nicht bloss Muri insbesondere angriff, sondern auch gegen die römisch-katholische Kirche sich ungebührlich ausdrückte und oft grell von ihren Lehren abwich. Die Gegenschriften vermochten ihn nicht zum Schweigen zu bringen, bis endlich der hervorragende Weltpriester, Göldlin von Tiefenau, wider ihn auftrat. Dieser war ein Freund des Klosters Muri und zugleich Chorherr in Münster; später wurde er daselbst Propst und dann Generalvikar des Bisthums Konstanz in der Eidgenossenschaft. Die umfangreiche Broschüre die er gegen Hübscher herausgab, trägt seinen Namen. Sie ist in klassischer Vollendung, mit dogmatischer und historischer Gründlichkeit, wie auch in wohlthuender Ruhe und Wärme, (II-307) der die gebührende Schärfe nicht abgeht, geschrieben und erntete ungetheilten Beifall.6 Der Bischof verurtheilte Hübscher's Broschüren und befahl dem Dekane des Kapitels Mellingen, selbe nach „Möglichkeit, Bescheidenheit und Pastoralklugheit“ zu unterdrücken. Senator Pfyffer von Luzern fühlte sich berufen gegen das Auftreten des Bischofs eine Schrift, „Freiheitsfreund“, herauszugeben, worin nicht selten unrichtige Behauptungen vorkommen. Am Ende des Jahres 1801 hatte die erste helvetische Regierung bereits abgehaust, und Alois Reding stand einige Monate lang als erster Landammann an der Spitze der Eidgenossenschaft. Sofort (4. Dezember) richtete die Pfarrei Muri an ihn ein Bittgesuch wegen der Beseitigung Hübscher's.

In Luzern amtete damals als „apostolischer Commissär“ ein Paul Steinach. Die Abgeordneten der Pfarrei Muri fanden bei diesem wie bei Reding Gehör und ruhten nicht, bis Hübscher genöthigt ward, seine Entlassung (Jänner 1802) beim Kapitel des Klosters, das er nun demüthig als Collator anerkannte, einzureichen. Kurz darnach verliess er Muri.7 Das Stift hatte für Muri wieder die freie Pfarrerwahl erlangt. Sogleich erhielt das Volk zu seiner grössten Freude den beliebten P. Bonaventura Weissenbach zum Seelsorger. Die bischöfliche Curie von Konstanz anerkannte und bestätigte das Geschehene (4. Februar 1802). Fürstabt Gerold II. handelte gegen den abgetretenen Hübscher grossmüthig, indem er ihn bis zu seiner weitern Versorgung unterstützte.8

Wir haben oben gehört, dass die Existenz des Klosters Muri von dem 1199 ausgebrochenen Kriege bedingt war.9 Wenn unser Konvent aber trotz dieses Krieges bleiben konnte, so brachte er dem Stifte doch einen unberechenbaren (II-308) Schaden. Das Kloster hatte zahllose Militär-Einquartirungen und Repressalien zu tragen, wurde aller Herrschaften, in Deutschland beraubt und dadurch in einen dreissigjährigen Prozess hineingezogen. Schon im Jänner 1799 kamen mehrere französische Truppenabtheilungen nach Muri, deren Offiziere im Kloster ihr Quartier hatten. Diese ärgerten die Religiosen durch ihre frivolen Tänze und Musikstücke. Sie zogen nach Schwyz und Uri, und büssten ihren Leichtsinn unter dem Schwerte der Urner und Russen. Im April und Mai kamen helvetische Rekruten nach Muri, denen sich 20 aus dieser Pfarrei anschliessen mussten. Sie erschienen Truppenweise, mussten sich auf ihrem Marsche einüben und wurden an die Grenze geschickt. Im Juni erschien General Massena mit französischen Truppen. Seine Aufgabe war, dem österreich-russischen Heere den Uebergang über die Aare, Limmat, Reuss und den Albis zu wehren, den aus Italien nach dem Gotthard eilenden Fürsten Suwarow aufzuhalten oder wenigstens dessen Verbindung mit Korsakow, der bei Zürich stand, zu verhindern. Lenzburg und Muri dienten als treffliche Stützpunkte zur Ueberwachung dieser ausgedehnten Linie von Coblenz an der Aare bis zu den Alpenspitzen. Längere Zeit war der ganze Kriegsstab, über 100 Offiziere, im Kloster Muri einquartirt. Fast täglich hielt Massena daselbst Conferenz, eilte nach Luzern und wieder zurück nach Muri, dann hinunter zur Aare; er entwickelte eine staunenswerthe Thätigkeit. Oft sprengten 40-50 Offiziere ans Kloster heran, speisten zu Mittag, empfiengen die Befehle und eilten mit Hast wieder auf ihre Posten. Wie gewitterschwangere Wolken lagen die Heeresschaaren in den Reuss-, Limmat- und Aarethälern und verzehrten die wenigen Vorräthe der Landesbewohner. Muri verlor in diesen Monaten Unberechenbares an Schlachtvieh, Getreide, Futter, Wein u. s. w. Zwei Stunden weit wurde den verschiedenen Heeresabtheilungen der Franzosen Wein aus dem Klosterkeller zugeschickt. Waren die Fässer leer, so musste der Konvent sie einfach füllen und weiter schicken. Am 12. August hatte Massena wieder grossen Kriegsrath im Kloster Muri gehalten. Ueber 100 hohe Offiziere waren anwesend. Nach zwei Tagen hörte man von Zürich bis zum Rigi hinauf starken Kanonendonner, und am 15. August kamen über 700 kaiserliche Soldaten als Kriegsgefangene nach Muri, welche das Kloster mehrere Tage zu verpflegen hatte. Die Nacht vom 24./25. September (Beginn der Schlacht bei Zürich) bot dem Kloster Muri ein schönes aber mit Schrecken erfülltes Schauspiel dar. Alle, Muri zugekehrten Seitenflächen des Albis- und Hasenberges waren in einer Ausdehnung von 4 Stunden von zahlreichen Wachtfeuern glänzend beleuchtet. Jetzt hörten die Patres zwei Tage lang fortwährenden Kanonendonner, (II-309) vermischt mit dem Geknatter der Kleingewehre. Den Sieg errangen die Franzosen; die helvetischen Truppen durften grösstentheils den heimatlichen Herd aufsuchen. Eine Abtheilung derselben benahm sich auf ihrem Rückmarsche sehr übermüthig und erschoss in den Türmelen Stöckli, einen ehrwürdigen Greis, ohne Grund.

Während die Wuth des Krieges die Mauern des Klosters Muri umbrauste, drang der Geist der Ungebundenheit sogar in die Zelle eines Fraters und warf den Unglücklichen in die Welt hinaus. Ja selbst die ehemals blühende Klosterschule, welche die Patres wie ihren Augapfel bewachten, vermochte er dem Untergange nahe zu bringen. Am 18. April 1799 erschien der Pfarrer von Sins, ein Mitglied der schweizerischen Benediktiner-Congregation, mit geheimen Aufträgen des helvetischen Direktoriums versehen, in Muri und stellte sich als Schulvisitator den Murikonventualen vor. Er verlangte, dass alle anwesenden Studenten vor ihm erscheinen, um sie über ihr Konviktleben und zumeist über ihren Präceptor, P. Pirmin Keller, zu befragen. Die Folge davon war die Entfernung P. Pirmin's von seiner Stelle. Niemand konnte den Grund dieser Handlungsweise finden. Die Kapitalaren empfanden die Wunde aber um so schmerzlicher, da sie später erfuhren, dass schwarzer Undank dieser That zu Grunde lag. Dem Alois von Matt, Sohn des Statthalters des Kantons Waldstätten, wohnhaft in Zug, hatte Muri aus Gnade die Theologie im Kloster mit den Fratres des Konventes studiren lassen. Er heuchelte ein frommes Leben; allein er huldigte dem modernen Aufklärungsgeiste und trug dem Direktorium seine Dienste in der Jugendbildung an. Dasselbe10 ergriff sofort die Gelegenheit, die Klosterschule in Muri dem Mönchsgeiste zu entreissen und aus deren Zöglingen tüchtige „Patrioten“ heranzubilden. Die vorausgegangene Schulvisitation und Untersuchung sollte das Grundlose der Entfernung von P. Pirmin decken. An dessen Stelle setzte das Direktorium den von der Theologie „abgesprungenen“ Alois von Matt. Schon das vorhergehende Jahr wusste er als Theologe den Studenten des Gymnasiums verderbliche Grundsätze beizubringen. Die Eltern, welche hievon Kunde erhielten, hatten bereits ihre Söhne unter Angabe anderwärtiger Gründe zurückgezogen. Desshalb bekam von Matt, als er Präceptor wurde, nur Einen Schüler, den er auch zu einem feuerigen „Patrioten“ heranbildete.

Der Konvent wusste noch immer nicht den wahren Grund des Hinschwindens seines Gymnasiums. Auch der wohlmeinende (II-310) Vater des neuen Präceptors war stets der Meinung, sein Sohn studire in Muri die Theologie. Endlich kam ein Bruder des in die Vakanz abgereisten Präceptors von Matt nach Muri. P. Pirmin machte demselben unerwartete Enthüllungen über Alois. Bald darauf erschien auch der betrogene Vater in Muri. Dieser durchsuchte die Schriften und Bücher seines ungerathenen Sohnes und erkannte daraus den Abfall, den Undank und Verrath, dessen er sich wider das Kloster hatte zu Schulden kommen lassen. Rührend bat der betrübte Vater das Kapitel um Verzeihung und versprach, die verderblichen Anschläge des Sohnes zu vereiteln. Als dieser von der Reise zurückgekehrt war, musste er zu seinem Vater nach Zug übersiedeln, der ihn unter strenger Aufsicht in seinem Bureau beschäftigte.11

Während diese traurigen Ereignisse im Innern sich abwickelten, vernahmen die Muri-Kapitularen, dass die Klöster Rheinau und Einsiedeln aufgehoben worden. Von Rheinau schickte das Direktorium acht Konventualen nach Muri. Man gestattete ihnen trotz der Protestation und der eingereichten Bitten kaum das Nothwendige mitzunehmen. Muri hatte die Aufgabe, sie mit allen Lebensbedürfnissen zu versehen. Als zwei zurückgelassene Laienbrüder in Rheinau sich heimlich über den Fluss nach Deutschland geflüchtet hatten, so wurden die für die Seelsorge daselbst bestimmten Patres ebenfalls nach Muri deportirt; jedoch auf Begehren der rheinau'schen Municipalität bald wieder zu ihrer Herde entlassen.

Unter den acht nach Muri gekommenen Rheinauer Konventualen befand sich P. Wolfen Zelger, der mit unserem P. Meinrad Bloch innige Freundschaft schloss. Diese zwei Patres waren später die thätigsten und einflussreichsten Männer für die Restauration der Schweizer-Klöster.

Vom Kloster Einsiedeln kamen durch Stockmann, Präsident der Verwaltungskammer des Kantons Waldstätten, im März 1800 drei alte Laienbrüder (Matthäus, Nikolaus und Anton) nach Muri, später auch P. Stephan und andere Ungenannte. Die drei Laienbrüder waren mit dem Pfarrer von Yberig und einigen Bauern und Weibspersonen von Einsiedeln am 23. Juni 1798 als Kriegsgefangene nach Bern gebracht worden. Die ganze eben genannte Stadt kam bei deren Ankunft in Bewegung. Br. Matthä war schwer krank. Johann Wyss, Prädikant am Münster zu Bern nahm sich dieser Unglücklichen besonders an und rettete Br. Matthä vom Tode. Dieser setzte ihm dankbar für dieses christliche Entgegenkommen (II-311) ein schriftliches Denkmal, das er in einfachen Worten abfasste und den Murikonventualen übergab.12

Auch vom Kloster Mariastein erwartete man in Muri mehrere Konventualen; der Verwalter hatte bereits den Auftrag erhalten, für dieselben mehrere Betten bereit zu halten. Es ist jedoch nicht gewiss, ob solche wirklich nach Muri gekommen sind. Indessen fanden mehrere Konventualen aus dem Kloster St. Gallen gastliche Aufnahme in unsern Zellen.13

Diese innern und äussern Bedrängnisse unseres Konventes vermehrte noch die helvetische Regierung durch ihre fortwährenden Quälereien. Innerhalb 20 Monate hatte sie die dritte Inventarisation in Muri vorgenommen, und jede endigte mit einer neuen Beraubung. Zugleich mussten die Konventualen zusehen, wie die Staatsverwalter wegen Unkenntniss der Landwirthschaft die Güter grösstentheils schlecht verwalteten und in Folge dessen die Spendung der Wohlthaten immer mehr einschränkten. Selbst den Taglöhnern und Handwerkern, die früher vom Kloster immer Arbeit bekommen hatten, wurde die Gelegenheit des Verdienstes vom Staate entzogen, indem er die Landesverbesserungen u. s. w. einstellte. Kranke und Gebrechliche aus der Umgebung erhielten ehemals nach Anweisung des Pfarrers in das Haus Speisen aus der Klosterküche, Kleidungsstücke von den Konventualen und Medizinen von der Klosterapotheke; zudem wurden bestimmte Summen an Geld den Pfarrern für Arme jährlich zugewiesen: der Pfarrer von Muri bekam vom Kloster 1250 Gl. und die von Boswil und Bünzen je 210 Gl. Die Rechnungen von 1797 auf 1798 haben 500 Mütt Mehl verzeichnet, welche einzig für Brod der Armen gebacken wurden. Doch fast alle diese Gaben und Wohlthaten hörten unter der helvetischen Regierung auf. Faller, der erste Staatsverwalter des Klosters, musste am 1. Sept. 1798 einen Bericht über das übliche Almosen und die übrigen Vergabungen des Stiftes der Kantonsbehörde in Baden einreichen. Diese liess ihm bald den Befehl zukommen, dass die sogenannten „Brodtage“ (Montag, Mittwoch und Freitag) eingestellt seien. Nicht lange darnach kam ein Beschluss des Direktoriums nach Muri des Inhaltes: dass durch die Austheilung des Almosens in den Stiften und geistlichen Korporationen die Armuth mehr gepflanzt als vermindert worden sei,14 daher soll 1) allen geistlichen Korporationen die Armenunterstützung (II-312) und Almosenspendung aus den Einkünften der Stiftungsgüter entzogen sein; 2) der angestellte Verwalter solle ein Verzeichniss der zum Almosen verwendeten Summen und ein solches der Armen aufnehmen. Nicht genug. Das Kloster Muri liess der Wittwe Maria Antonia Vorster, deren Mann ehevor Kanzler des Fürstabtes gewesen, jährlich einen Gnadengehalt zukommen. Mit Mühe konnte sie (Okt. 1798) dessen Fortsetzung von der Helvetik erlangen. Die Kammer von Baden befahl dem Verwalter Bretschert unter persönlicher Verantwortung, die Austheilung des sogen. „Mushafens“, wie auch die Brodaustheilung an die Kapuziner in den Waldstätten abzustellen. Im Februar 1799 schickte die Regierung des Kantons Baden die in weltlicher Kleidung in Muri noch weilenden Novizen hinweg, weil sie „im Kloster ein der Menschheit völlig unnützes Leben führen“, und bestimmte sodann, dass die bei Muri vorbeireisenden Regierungsmitglieder „gar nicht mehr sollen bewirthet werden“; denn bisanhin hatte das Kloster den ankommenden Landvogt und alle vorbeigehenden Tagherren freundschaftlich aufgenommen und verpflegt. Einem 74jährigen Dienstboten, Lüthart, hatten die Religiosen bis 1799 das Gnadenbrod ertheilt. Darüber wurde in der Verwaltungskammer in Baden viel gesprochen, bis endlich 1800 der Verwalter Bretschert vorschlug, dem Lüthart, statt der Klostertafel, 2 Mütt Kernen und 32 Vrtl. Mais verabreichen zu lassen, „weil diese Abänderung ein wirklicher Gewinn für die Nation ist“(!!). Der Mittheilung dieser Thatsachen fügte P. Beat folgende Bemerkung bei: „Hätten die Kapitularen die Almosen den Armen entzogen, ein Strom von Schmähungen wäre auf die unbarmherzigen Mönche von den Freunden der neuen Moral hereingebrochen. Ihr Mund wäre überflossen von Menschenliebe, Bruderliebe, Barmherzigkeit, welche Natur und Menschenrecht und die Lehre des göttlichen Menschenfreundes Jesus fordern.“


  1. Der aargauische Grosse Rath beschloss 1882, die grosse östl. Front für eine Pflegeanstalt zu verwenden. Jetzt gedenkt man eine Cigarrenfabrik einzurichten.

  2. Schreiben vom 26. Jän. 1799 aus Glatt, – gerichtet an P. Bonaventuna.

  3. Brief vom 31. Jänner 1799.

  4. Hübscher hatte auf der Kanzel irrthümliche Lehren vorgetragen.

  5. Erzherzog Karl stand damals mit seiner Armee im Kt. Zürich.

  6. Monatrosen des Schweiz. Studentenvereins, XX. Jahrg., S. 369 ff. – Im Arch. Muri in Gries liegen von und wider Hübscher folgende Broschüren: a) Kann man … Mönchen in einem republikanischen Staate noch ferner Seelsorge überlassen? Von einem Freunde der Aufklärung; b) Altkatholische Antwort auf obige unkatholische Frage. Von einem altkatholischen Priester; c) Erläuterung gegen die altkatholische Antwort anf die unkatholische Frage. Luzern 1800, bei Meyer; d) Erklärung gegen den Verfasser der Erläuterung.

  7. Bis 1808 soll Hübscher sich in Deutschland herumgetrieben haben. Im Herbste dieses Jahres kam er als Professor der Lateinschulen nach Rapperswil und wurde 1814 daselbst zugleich Pfarrhelfer. Letztere Würde behauptete er bis zum Ende seines Lebens, das am 12. März 1853 eintrat. Er blieb ein beharrlicher Lobredner des 18. Jahrhunderts, welches er das „philosophische“ nannte. In der Grabschrift, die er selbst verfasste, nennt er sich „libertatis tam politicæ quam ecclesiasticæ acerrimus defensor“ (Mittheil. von J. Lütinger, Pfarrer).

  8. Arch. Muri in Gries A. III.

  9. S. Seite 302.

  10. Das Direktorium bestand damals aus Venner Frischling, Vincenz Rüttimann, Stapfer, Finsler und Legrand.

  11. Arch. Muri in Gries A. VII. VIII.

  12. Arch. Muri in Gries.

  13. Arch. Muri in Gries A. VI. VI.

  14. Die Pfarrgeschichte von Muri beweist das Gegentheil; denn seit der Klosteraufhebung 1841 hat in den folgenden 20 Jahren nicht bloss die Bevölkerung, sondern auch das Privatvermögen der Bürger daselbst abgenommen.