Drittes Kapitel. Die Konventualen in Muri im Kampfe mit der Revolution.

Die Bewohner der Freiämter zeigten in den stürmischen Zeiten der französischen Revolution eine grosse Anhänglichkeit an das Kloster Muri. Nur Wenige huldigten den aus Frankreich kommenden Ideen des Umsturzes. Das freche Wagniss (II-284) des französischen Botschafters Mengaud, die Stadt Aarau zur Zeit der daselbst versammelten eidgenössischen Abgeordneten (Jänner 1798) in Aufruhr zu versetzen, hatte die Landbevölkerung empört. Alte Waffen, die noch mit feindlichem Blute gefärbt waren, holte man aus den verborgensten Winkeln, um für Religion und Vaterland zu kämpfen. Jedoch einzelne Ideen der französischen Revolution waren bereits so tief in das Volk gedrungen, dass der Murikonvent denselben nothwendig Rechnung tragen musste. Daher schenkte er bereits am 29. Jänner 1798, da der Fürstabt Gerold II. noch in Muri weilte, den zinsenden Bauern den Fall, Fried- und Ehrschatz und liess zugleich durchblicken, sogar den kleinen Zehent und die Fastnachthühner entweder ohne oder für eine geringe Entschädigung zu erlassen.1 Die Bewohner des Thurgaues, bis dahin von eidgenössischen Vögten regiert, gingen indessen weiter, erklärten sich schon im Februar als freie Leute und gaben den katholischen Klöstern und Statthaltereien zu ihrem Schutze Wachen. So wurde die Muri-Statthalterei in Klingenberg von 12 Mann geschirmt. Auch bei den Freiämtern tauchte am Ende dieses Monats die Frage auf, ob sie die gebotene Gelegenheit für die Erlangung einer selbständigen Regierung benützen wollen. Zürich, als regierender Ort von ihnen befragt, ertheilte den Rath: sie sollen aus ihrer Mitte kluge, fromme und gutgesinnte Männer wählen, welche dann die Regierungsform selbst bestimmen; über deren Vorlage würden dann die VIII regierenden Stände ihr Urtheil abgeben.

Die Franzosen waren indessen mit Gewalt in die Waadt eingebrochen und erklärten diese Bernervogtei für unabhängig. Dies brachte das Volk in eine fieberhafte Aufregung. Diese wurde in den Freiämtern gesteigert durch sechs unbesonnene reformirte Aargauer-Dragoner, welche, bis zu den Zähnen bewaffnet, am 6. März Abends plötzlich in Muri erschienen, sich Abgeordnete der Berner-Armee nannten und vom Kloster 10,000 Gl. forderten.2 Die vorgewiesene Handschrift war den Konventualen sofort verdächtig. Hinter ihnen her kamen bald bewaffnete Bauern aus Boswil, Bünzen und Villmergen und schrieen sie als Betrüger an. Die versammelten Konventherren waren getheilter Meinung. Der nach Lenzburg abgesandte Eilbote brachte über die Dragoner üble Nachrichten zurück. Die ganze Nacht war das Kloster in Aufregung. Die fünf Soldaten mit ihrem Hauptmanne wurden indessen scharf bewacht; die (II-285) Bewohner der Pfarrei Muri standen bereit, auf den Schlag der Sturmglocke Hilfe zu leisten. Wäre nicht gerade Hauptmann Müller von Zug mit einer kleinen Truppenabtheilung in Muri gewesen, das wüthende Volk hätte die Frechen in Stücke zerhauen. Eine Schutzwache von 20 Mann konnte sie in Boswil und Wohlen durch die aufgeregte Menge kaum hindurch bringen. In letztgenanntem Orte wurde der Wagen, worauf die Elenden fuhren, in tausend Stücke zerschlagen. Weinend kamen sie endlich nach Lenzburg und waren froh, ihr Leben nicht eingebüsst zu haben.

Viele Leute aus den Freiämtern glaubten daher die Franzosen schon nahe, und es rüsteten sich Männer und Weiber zum Kampfe. Einige Konventualen verliessen am 10. März das Kloster und eilten nach Einsiedeln. Das Volk murrte aber laut über deren Flucht, und – nach vier Tagen waren die Furchtsamen schon wieder in Muri.

Die politischen Zustände blieben jedoch längere Zeit noch wirre und unaufgehellt. Mehrere Gemeinden der obern Freiämter, wie Sins, Oberrüti u. s. w. wollten mit Zug sich vereinigen; dagegen sprachen Gemeinden um Muri und Bremgarten von der Bildung eines eigenen Kantons. Das Kloster neigte sich mehr zum Stande Luzern, schickte eine Abordnung mit einem Ehrengeschenke von 10,000 Frk. und andern Kostbarkeiten in Silber dahin und erbat sich einen Repräsentanten von der dortigen provisorischen Regierung. Auch Zug erfreute sich der Gewogenheit des Konventes in Muri und erhielt von diesem ein Hilfsgeld von 12,500 Gl. Doch Obwalden, das gleichfalls von Muri Geld leihen wollte, wurde abgewiesen.3 Beide Stände, Luzern und Zug, suchten die obern Freiämter für sich zu gewinnen. Am 12 . März erschien in Muri Joseph Martin Am-Rhyn aus Luzern, begleitet vorn Regierungsweibel in der Standesfarbe. Sogleich versammelte er die Untervögte aus den umliegenden Dörfern und eröffnete ihnen den Zweck seiner Anwesenheit, der vorzüglich auf die Erhaltung der Ordnung hinziele. Am-Rhyn wohnte im Kloster; allein als Patrizier, welche ehemals die Landvögte in die Freiämter schickten, konnte er das Zutrauen des Volkes nicht gewinnen. Indessen ertheilte er vier Repräsentanten der Obern Freiämter (am 14. März)4 einen Pass an den französischen General Brune, um ihm die friedliche Gesinnung des Obern Freiamtes kund zu thun. Die dringendsten Staatsgeschäfte dieses kleinen Gebietes besorgte seit dem 6. März einzig der Landschreiber Müller. (II-286) Beide aber, Am-Rhyn und Müller, verliessen schon am Ende dieses Monats ihre unsichere Stellung. Beim Aufhören der Landesherrlichkeit kann die niedere Gerichtsbarkeit auf die Dauer nicht bestehen. Daher entsagte das Kapitel in Muri derselben im Namen des Fürstabtes am 28. März und sprach die Bewohner der Aemter Muri, Boswil, Bünzen, Beinwil und Werd von ihren Verbindlichkeiten des Zwinges ledig.5 Demnach bildete sich in den Untern und Obern Freiämtern ein provisorischer Rath. Entschlossener handelten die berner'schen Vogteien von Zofingen, Lenzburg etc.; denn bereits im März hatten sie sich zu einem besondern Kanton, Aargau, constituirt. Eine Versammlung Abgeordneter dieses Kantons fragte nun Vertrauensmänner der Freiämter, wie sie einen eigenen Kanton constituiren könnten. Die Weisung lautete: Die Vogtei Baden und die Obern und Untern Freiämter mögen sich dem freien und unabhängigen Kanton Zug anschliessen. Der Rath wurde nicht befolgt, sondern die drei Theile traten zu einem selbständigen Kanton, Baden, zusammen und wählten ihre Regierung. Der provisorische Rath der Freiämter wünschte jedoch, bevor die neue Regierung gewählt war, vom Muri-Konvente (am 5. April) zu vernehmen, unter wessen Schutz er sich zu begeben gedenke. Die Antwort des Klosters Muri war den Umständen gemäss: „Weil der provisorische Rath selbst noch nicht weiss“, schreibt es, „ob er des Schutzes Anderer benöthige, so haben wir bisher nicht vorgreifen wollen. Wir halten uns an die alten Schutzherren; werden aber auch nicht ausser Acht lassen, den Schutz derjenigen zu erhalten, in deren Landen wir liegende Güter haben.“6

Zugleich wünschte besagter provisorische Rath das dem Kloster zuständige Löwenwirthshaus in Muri-Wei als Sitzungslokal, was das Kapitel jedoch verweigerte. – Einige Freiheitsschwindler hatten in der Nähe des Klosters einen „Freiheitsbaum“ errichtet. Die Kapitularen betrachteten dies als eine gleichgiltige Sache; dem Volke erschien es aber als eine Thorheit, daher stürzte es ihn bald unter schallendem Gelächter.

Nach dem Falle Berns schrieb Frankreich im Tone eines Gebieters der ganzen Eidgenossenschaft eine Verfassung (Constitution) vor. Zunftmeister Peter Ochs in Basel hatte sie nach dem Willen Napoleons entworfen. Nach dieser hiess die ganze Schweiz „die Eine, untheilbare, helvetische Republik“, bestand aus 19 Kantonen, bildete nur Einen Staat und wurde durch ein Direktorium von fünf Männern, einem stehenden Senat, Grossen Rath und obersten Gerichtshof geleitet. Rechtsgleichheit aller Bürger war oberster Grundsatz; daher tragen die Aktenstücke (II-287) die Aufschrift: Freiheit und Gleichheit. Unter den 19 Kantonen waren auch Aargau und Baden. Diese fügten sich den Zeitumständen, nahmen die Verfassung an und erklärten am 13. April, den übrigen Kantonen, welche in einer Versammlung ihrer Repräsentanten zu Aarau mit der Constitution einverstanden waren,7 beizutreten. Dagegen verwarfen oder nahmen die Verfassung nur mit Erbitterung an: Uri, Schwyz, Nidwalden, Zug, Glarus, wie auch die Einwohner des heutigen Kantons St. Gallen und die Appenzeller. In diesen Ländern bildeten sich sofort drei Heeresabtheilungen, wovon die erste über den Brünig nach Bern, die zweite nach Luzern und die dritte nach Aarau vorrücken sollte, um den Franzosen die Spitze zu bieten.

Am 24. April erschienen in Muri 1600 Zuger mit einigen Schwyzern, denen sich bei 2500 Freiämtler beigesellten. Oberst Andermatt führte sie den 26. April nach Hägglingen. Dort stiessen sie mit dem Feinde zusammen. Kaum waren einige Schüsse gewechselt, so warfen die Zuger und Freiämtler ihre schlechten Waffen hinweg und eilten nach Hause.

Die Murikonventualen erkannten jetzt die drohende Gefahr und sandten einen Abgeordneten an die siegenden Franzosen mit der Bitte, dem Kloster eine Schutzwache zu gewähren. Der Bescheid war unbestimmt; denn Pinol, der Brigade-Chef der 16. Legion, antwortete: „Alle Diener der Religion können sich des Schutzes der französischen Armee erfreuen, wenn sie ihren Pflichten obliegen und dem Volke den Gehorsam, welchen es den Gesetzen schuldig ist, predigen“. – Nach zwei schreckensvollen Tagen kam General Jordi (den 29. April) mit seinen Husaren plötzlich gegen das Kloster angesprengt. Seine erste Begrüssung war: „Freund allen denen, die mir Freund sind!“ Nach erhaltener Antwort versicherte er das Gotteshaus seines Schutzes; befahl für die ankommenden Offiziere Tafel zu bereiten und den 6000 Mann, welche truppenweise eintreffen, Brod und Wein zu geben. Jordi verlangte aus der Bibliothek die besten Schweizerkarten, notirte sich alle Wege, welche nach Einsiedeln führten, und schwor: „Morgen Abends will ich in Einsiedeln sein und wenn 10,000 Teufel im Wege stünden“. – Nachmittag um 1 Uhr brach er nach Zug auf, befahl, Wein nachzuführen und liess die wohlwollende Mahnung zurück: die Kirchen fleissig zu schliessen, weil bei den nachrückenden Truppen wilde und raubgierige Burschen seien. Lebensmittel führte die französische Armee keine bei sich; (II-288) aber an Kriegsmaterial hatte sie Ueberfluss. Das Kloster Muri war für die Plünderung ausersehen; allein die reichliche Bewirthung der Offiziere und die Freundlichkeit, womit die Konventualen denselben begegneten, hatten es gerettet.

Zug kapitulirte noch denselben Tag. Die Waffen dieses Kantons wanderten über Muri nach Aarau; ihnen mussten die Kanonen des Klosters Muri und die Feuermörser bald nachfolgen. Die Schwyzer dagegen kämpften vom 1. bis zum 5. Mai würdig der alten Helden bei Morgarten, mussten aber trotz der errungenen Siege, von der Uebermacht erdrückt, um Frieden nachsuchen. Das Kloster Einsiedeln erlitt schwere Verluste; seine Mitglieder waren, bis auf drei, nach Tirol, Oesterreich und anderswohin geflohen. Das Kloster wurde rein ausgeplündert.

Muri schützten indessen 18 Mann, welche General Jordi den Konventualen zurückgelassen hatte.

Aehnliches, wie Einsiedeln, widerfuhr in diesem und in den folgenden Jahren den Benediktinerklöstern in St. Gallen, Disentis, Pfäfers, Mariastein und Rheinau.8 Einige ihrer Mitglieder kamen selbst nach Muri, wo sie eine brüderliche Aufnahme und Verpflegung fanden. Doch der Murikonvent blieb, wenn er schon zufolge der Emigration oder Deportation seiner Vorsteher beraubt und wegen seines Reichthumes und seiner Lage dem Revolutionssturme besonders ausgesetzt war, unerschütterlich bei einander; denn es hatte der Fürstabt Gerold II. über selben den vorsichtigen und sanften P. Bonaventura Weissenbach als Superior gesetzt. Ueberdies besass damals der Konvent in seiner Mitte Mitglieder, die durch ihre Klugheit jede drohende Klippe zu umschiffen wussten. Diese Männer waren: P. Sebastian Müller von Luzern, P. Meinrad Bloch von Buchsingen und P. Beat Fuchs von Einsiedeln.

P. Sebastian stand im 66. Altersjahre, als die französische Revolution die Schweizergrenze überschritt; war ehemals Kanzleidirektor und Oekonom („Statthalter“) in Muri und später Oekonom in Eppishausen (Kt. Thurgau). Er besass tiefgehende Kenntnisse in der Theologie, ein umfassendes Wissen in der Schweizergeschichte und einen scharfen Blick in die damals verworrenen Gänge der Diplomatie. P. Sebastian war damals unbestritten das erste Talent des Konventes, von Gott gesandt, um es vom Untergange zu retten. Seit mehreren Jahren hatte er sich mit Erlaubniss der Obern ganz zurückgezogen, lebte nur für sein Seelenheil und für das seiner Mitbrüder, deren Gewissensrath er im Konvente allgemein war. Aber jetzt in (II-289) der Zeit der Noth blickte er, angegangen von den Mitbrüdern, wieder in die Welt und in die Tagesereignisse hinaus, signalisirte ihnen die herankommenden Gefahren und gab die Mittel und Wege an, wie denselben auszuweichen sei.

Ihm zur Seite stand P. Meinrad, ein Mann von 40 Jahren, unermüdlich im Arbeiten, gewandt mit der Feder, unerschrocken und zäh, wenn es galt, einen Plan durchzuführen. Als Archivar hatte er die Diplomatie und ihre Formen kennen gelernt.

P. Beat war der jüngste unter den Kapitularen und zählte 1798 erst 21 Jahre, war also noch nicht Priester. Sein Geist fand sich aber in den schwierigsten Fragen leicht zurecht, erfasste bald die Grundzüge des Kirchen- und Staatsrechtes und vermochte mit P. Meinrad die im Kapitel behandelten Gegenstände schriftlich in's klare Licht zu setzen.9 Diesen drei Männern galt als oberster Grundsatz: Rettung des Klosters um jeden Preis, auch mit den grössten materiellen Opfern. Der Fürstabt war hiemit einverstanden, und hat ihn bereits im Jänner 1798 in die That übergehen lassen.

Als zweiten Grundsatz stellte das Kapitel am 16. März für diese Zeit des Umsturzes auf: sich jeder politischen Stellung ferne zu halten und demnach jede diesbezügliche Correspondenz zu vermeiden, welche dem Kloster nur die leiseste Gefahr hätte bereiten können.10

So gerüstet und gestärkt vom hl. Glauben und vom Gebete trat das Murikapitel der Revolution entgegen.

Die neuen Regierungsmänner der ungetheilten Helvetik benöthigten Geld und stürzten daher hastig auf die Kirchen- und Klostergüter los. Sowohl das helvetische Direktorium als auch die Regierung des Kantons Baden richteten sofort ihre geldgierigen Blicke nach dem Gotteshause Muri.

Der Grosse Rath der helvetischen Republik fasste am 8. Mai 1798 den Beschluss,11 sämmtliches Vermögen aller geistlichen Klöster, Stifte und Abteien von Stunde an mit Sequester zu belegen und deren Besitzern und Verwaltern die Veräusserung derselben unter hoher Strafe zu untersagen. Dem folgte ein zweites Gesetz am 12. Mai: „Alle Kostbarkeiten, welche sich in abgesondert stehenden Klöstern befinden, sollen in sichere Verwahrung gebracht werden, über diejenigen Gegenstände jedoch, welche zum täglichen Gebrauche des Gottesdienstes im Kloster zu belassen sind, werde ein Inventar (II-290) aufgenommen, damit die, welchen sie anvertraut werden, dafür verantwortlich gemacht werden können“. Der Senat trat diesen Gesetzen bei.

Vermöge eines Dekretes vom 11. Juni stellte die Helvetik sämmtliches Vermögen der Klöster (bewegliches und unbewegliches) unter die Aufsicht der betreffenden Verwaltungskammern, so, dass dieselben einen Verwalter für besagte Güter ernennen sollen, der genaue Rechnung über alle Einnahmen und Ausgaben des Klosters der Verwaltungskammer des Kantons abzulegen hat. Von diesem Sequester und seinen Folgen ist das Hospiz auf dem St. Bernardsberg ausgenommen.

Der apostolische Nuntius Gravina richtete zwar eine Note an das Direktorium nach Aarau, worin er Schutz der katholischen Religion und Güter und die kanonische Existenz der Klöster verlangte; allein er bekam eine ausweichende Antwort,12 ja, durch das bald nachfolgende „provisorische“, dann „definitive“ Verbot der Novizenaufnahme und der Ablegung einer feierlichen Profession, wie auch durch die Erklärung, das Vermögen aller geistlichen Corporationen sei Nationaleigenthum (17. September), schien das Direktorium den Nuntius sogar zu verhöhnen.13

In Muri begann die Aufnahme des Inventars schon am 16. Mai und währte unter der Leitung des Statthalters Weber von Aarau, dem Einige aus den Freiämtern beigegeben waren,14 mehrere Wochen. Nur Weniges von dem Gelde, den Kostbarkeiten und Schätzen war aus dem Kloster gerettet, und das Gerettete gab man später getreulich an.15

Nach vollendeter Inventarisirung erhielt Statthalter Weber ein Schreiben vom Finanzminister Finsler, mit dem Auftrage, alles im Stifte Muri vorfindliche Silber vom Kirchenschatze oder auch an Geld „in aller Stille“ mit sich fortzunehmen. Das Kapitel widersetzte sich diesem Ansinnen in Anbetracht der an Frankreich zu entrichtenden Contributionen, und weil es nicht erlaubt sei, heilige Gefässe und Kirchenschätze auszuliefern. Dem Statthalter war diese Antwort unerwartet. Er verliess daher voll Unmuth das Kloster. Dieses musste am 5. Juni die erste Rate des französischen Brandschatzungsgeldes, 3000 Franken, denen bald die zweite Rate nachfolgen sollte, bezahlen.

(II-291) Die Regierung des Kantons Baden schlug dem Murikonvente laut Gesetz zwei Männer als Verwalter vor. Dieser bestritt aber dem Kantone und dem Direktorium das Recht, Klöster in ihrem Namen zu verwalten; er wählte jedoch zu seinem Verwalter Faller aus Muri. Das Direktorium wies die Protestation des Kapitels zurück, und so musste Faller Schritte thun, die er sonst nicht gethan hätte; er forderte auf das Drängen der weltlichen Behörden den Konventualen die Schlüssel der Kassen, Oekonomie und Küche ab, so dass diese künftig bei Fremden um ihr eigenes Brod betteln mussten. Selbst die Dienstboten wurden dem Gehorsame des Konventes entzogen. Er fügte sich in das Unvermeidliche, klagte aber sehr über die schlechte Wirthschaft in Muri und im Thurgau. Durch zahllose Vorschriften sollte die Oekonomie in Muri zu einer nie gesehenen Blüthe gebracht werden; doch es erfolgte gerade das Gegentheil. Faller verhinderte noch das rasche Sinken der Oekonomie, indem er viele erprobte Gebräuche in der Landwirthschaft beibehielt; allein gerade dies missfiel den weltlichen Behörden, die ihm Bretschert, einen Protestanten, zur Seite gaben. Dieser hatte am Ende des Jahres 1799 Faller bereits verdrängt. Kaum stand Bretschert an der Spitze der Muriökonomie, so zeigte er eine solche Unkenntniss in der Landwirthschaft, dass er schon im Jahre 1800 seinen Platz dem „Exrepräsentant“ (Alt-Landesvertreter) Bless räumen musste. Wenn aber der Finanzminister Finsler jenem dennoch ein sehr schmeichelhaftes Zeugniss ausstellte, so ist das ein Beleg mehr, dass oft amtliche Empfehlungen mit grösster Vorsicht aufzunehmen sind. Selbst der Konvent liess sich herbei, um Bretschert bei guter Laune zu erhalten, ihm ein Möbel im Werthe von 400 Frk. zu verehren.16 Bless, dem dritten Verwalter, spenden die Kapitularen alles Lob. Ihm blutete das Herz, da er die Ueberschüsse der Oekonomie in den nie zu sättigenden Staatssäckel fallen sah.

Aber trotz des Sinkens der Oekonomie, der Beraubungen und Contributionen hatte Muri immer noch so viel Einkommen und vorräthiges Geld, dass es nicht bloss die täglichen Ausgaben bestreiten, sondern auch andern Klöstern und vielen Unglücklichen Hilfe bringen konnte. Remigius Zeiger in Stans hatte im September 1798 beim „Ueberfalle“ alle Scheuern durch Brand verloren. Er durfte 6 Kühe den Winter über umsonst in den Muristallungen lassen. Altdorf im Kanton Uri brannte im April 1799 fast gänzlich nieder. Die Muri-Verwaltung schickte mehrere Betten dahin, die aber in Luzern (II-292) auf dem Transporte gestohlen wurden.17 In Folge der Kriege und der üblen Verwaltung waren viele klösterliche Institute der Schweiz in Armuth und Elend gerathen. Der helvetische Finanzminister wurde daher mit Bittschriften überschüttet. und er fand vorzüglich in Muri für selbe eine ausgiebige Hilfsquelle. Den zwei St. Blasianer-Häusern in Klingnau und Sion half der Muri-Verwalter im Jahre 1800 mit Getreide aus.18 Am 13. April schrieb der Finanzminister dem Verwalter von Muri: „Ihnen darf es vertraulich gesagt werden, dass einige Klöster ohne Unterstützung zu Grunde gehen müssen; der Staat kann selbe ihnen nicht geben, und sie ist in keinem einzigen Kloster erheblich als in Muri. Das Kloster Muri wird selbst zu einer Behelfung geneigt sein, weil ohne selbe einige Klöster ohne Rettung aufgehoben werden müssten.“ Am 16. Mai erhält derselbe Verwalter vom gleichen Finanzminister den Auftrag: eine bedeutende Summe aus der Oekonomie Muri zur Unterstützung anderer Klöster in Helvetien bereit zu halten.

Zu den Leiden, welche unser Konvent während der drei ersten Jahre der französischen Revolution wegen der Inventarisirung und Verwaltung zu erdulden hatte, gesellte sich die Beraubung des Klosters durch einen gewissen Hartmann.

Das helvetische Direktorium fürchtete, der entflohene Fürstabt Gerold II. möchte einen grossen Theil der Schätze mit sich genommen haben. Denn obwohl das aufgenommene Inventar ein bedeutendes Vermögen aufwies, so steigerte der schalkhafte Volksmund dasselbe in's Fabelhafte. Die Regierung des Kantons Baden schenkte dem Gerede Glauben und erliess daher im Auftrage des Finanzministers Finsler an den „Bürgerabt Meyer“ (Gerold II.) die Aufforderung, unter Zusage sichern Geleites, innerhalb 14 Tage sich in Muri zu stellen, um seine Rechnungen zu berichtigen.19 – Der Fürstabt erschien nicht.20

Hierauf setzte das Direktorium in Aarau eine Commission nieder, welche die Eigenschaft und Bestimmung der geistlichen Güter bezeichnen sollte. Diese erklärte dann nach dem Vorgange Frankreichs das Kirchengut für ein Nationalgut, vergass aber im Taumel der Freude über diesen kühnen Gedanken, dass sie nur ein Ausschuss und keine gesetzgebende Behörde (II-293) sei. Dennoch ernannte sie Hartmann von Luzern, einen geschwornen Feind der Klöster, als Generalcommissär, um die geistlichen Korporationsgüter im Namen der helvetischen Nation in Besitz zu nehmen. Auch verlor das Direktorium im Hinblicke auf das glänzende Klostergut den richtigen Standpunkt und ertheilte im Juli dem erwählten Generalcommissär, ohne ein diesbezügliches Gesetz in den Händen zu haben,21 Vollmachten und Instruktionen. Muri sollte zuerst den Heisshunger Hartmann's nach Kirchengut stillen.

Unmittelbar vor dessen Abreise nach Muri verlegte das Direktorium in das dem Kloster nahe gelegene Dorf Boswil eine Compagnie französischer Jäger, unter dem Vorwande, dortige Bewohner zu züchtigen, weil sie die helvetischen Cocarden von den Hüten gerissen und mit Füssen getreten hätten; in der Wirklichkeit aber sollte die Truppe den Hartmann in Muri in seiner Thätigkeit für's Vaterland unterstützen.

Dieser kam den 21. Juli in Begleitung Ronka's, Wiederkehr's und Anderer in's Kloster. Zwei Tage genossen sie im Frieden die Gastfreundschaft, dann rief Hartmann die Konventualen zusammen, eröffnete ihnen die Ursache seiner Anwesenheit und legte einen Auszug seiner Instruktionen vor. Die zwei ersten Begehren, die er an die Kapitularen stellte, lauteten: 1) Angabe des aktiven und passiven Vermögens des Klosters; 2) Angabe aller lebenden Konventualen. In Beidem wurde er sofort befriedigt: man legte ihm das erst vor Kurzem angefertigte Inventar, wie auch einen Katalog aller damals lebenden Konventualen vor.

Schwieriger war jedoch die Beantwortung nachfolgender Fragen: 1) ob die lebenden Konventualen geneigt seien,, mit Vorbehalt einer Pension das Kloster zu verlassen, oder ob sie ferner noch beieinander zu bleiben wünschen; 2) ob sie sich dem Willen der Regierung unterziehen, ruhig bleiben und das von ihnen entfernte Klostereigenthum wieder heimbringen wollen. – Zur Lösung dieser verfänglichen Fragen hatte Hartmann nur vier Stunden gestattet. Als selbe innerhalb der anberaumten Frist nicht erfolgte, so drohte er mit den schärfsten Massregeln. Endlich sprachen sich alle Konventualen dahin aus: „Wir wollen bei einander bleiben gemäss unserer hl. Profession und bitten die Regierung um ihren Schutz.“ – Die zweite Frage blieb unbeantwortet. Dieses Aktenstück missfiel dem Hartmann sehr. Noch denselben Abend forderte er die Vorsteher des Klosters auf, die Orte anzugeben, wo sie die Kostbarkeiten des Kirchenschatzes und des Münzkabinetes hinterlegt hätten. Diese antworteten ausweichend: (II-294) es sei eine Sache die auch die abwesenden Konventualen angehe, ohne deren Einwilligung sie nichts thun dürfen. Den nächsten Tag überreichten sie obige Antwort schriftlich. Nach deren Anhörung gerieth Hartmann in Wuth und vergass die Regeln des Anstandes. „Euer Kloster ist unser“, rief er, „Eure Güter sind unser! Eure Herrschaften in Deutschland sind unser! wir erkennen keinen Papst an“ etc.! – Das Ziel der Revolution wurde in diesen Worten den Murikonventualen in seiner Wirklichkeit vorgehalten. Allein Abt Gerold II. kannte dasselbe schon seit mehreren Jahren und daher liess er dem Konvente bei seiner Abreise nachstehenden einfachen Rechtsgrundsatz als Verhaltungsnorm zurück: „Weil die Entfernung des Eigenthums von Muri vor der Einführung der neuen Ordnung geschehen ist; so hat das Gesetz auf selbe keine Rückwirkung; ferner ist der Konvent für die Güter und die Herrschaften allein nicht verantwortlich.“22

Commissär Hartmann befahl nach diesen Aeusserungen, dass der Dekan, Subprior, Statthalter, Küchenmeister, Sekretär und P. Sebastian, welche ihm die Schrift überreicht hatten, in Arrest genommen werden. Sofort liess er die übrigen Konventualen herbeikommen, und forderte sie auf, ihm zu sagen, wo sich die entfernten Schätze befänden. Aber keiner derselben wusste es, Hartmann konnte somit keine befriedigende Antwort erhalten.

Den folgenden Tag standen die im Arrest Sitzenden wieder vor dem Commissär. Er sprach zu ihnen im Uebermasse seines Pflichteifers: „Ihr haltet mich für einen Narren! – Ihr seid falsch in die Sache gegangen! – Nur aus Gnade habe ich Euch erlaubt, Kapitel zu halten. Ich hätte den Verwalter schicken können, dass er dem Kapitel vorsitze; in demselben hättet ihr nur über geistliche Sachen, nämlich (man höre!) nur über Speis und Trank abzuhandeln gehabt; die geistlichen Güter sind alle Nationalgüter!“ – Herr Dekan entgegnete ihm nur Weniges: „Die Klöster sind keine National-, sondern Kirchen- und Armengüter, die von uns ohne Erlaubniss nicht weggegeben werden dürfen.“ – Sogleich verbot jetzt Hartmann die Correspondenz mit dem päpstlichen Nuntius und mit dem Abte des Klosters. Endlich legte sich die gereizte Stimmung Hartmanns und in ruhigerem Tone fragte er: welche von den Anwesenden Kenntniss von der Verwahrung der geflüchteten Schätze hätten, und ob selbe wirklich gut versichert (II-295) seien? Die Mitwissenden traten jetzt vor und bezeugten schriftlich, dass sie gut verwahrt.

Nach kurzer Zeit erschien im Kloster ein französischer Commandant mit 6 Jägern zu Pferd. Hartmann liess durch diese eine Bürgerin und zwei Bürger aus der Pfarrei Muri einziehen. Am 25. Juli kamen Truppen von Boswil herauf und besetzten alle Eingänge des Klosters. Die drei Eingezogenen mussten am 26. Juli ein scharfes Examen bestehen und waren bei Wasser und Brod gehalten. Um jede Verbindung des Konventes nach Aussen abzuschliessen, wurden die Wachen an den Thoren verdoppelt. Mit einer dritten Schaar von 80 Mann, die gleichfalls von Boswil nachrückte, durchschwärmte Hartmann die ganze Pfarrei Muri, quälte damit die ruhigen Bürger und liess mehrere Bauern als Gefangene in's Kloster abführen. Entsetzen ergriff die Gemüther Aller. Den folgenden Tag liess Hartmann die Klosterkirche erst um 6 Uhr öffnen und stellte vor den Benediktusaltar eine Wache mit blinkendem Säbel und aufgepflanztem Bajonnette.

Die Klosterobern standen bald wieder vor Hartmann und mussten ihm wegen der verborgenen Schätze Rede stehen. Vor dem Verhörzimmer standen acht Soldaten. Die Bitte der Kapitularen, den Abt oder Nuntius über die Antwort der Frage zu berathen, wurde ihnen abgeschlagen; jedoch den bischöflichen Commissär Crauer23 in Luzern durften sie zu Rathe ziehen. Ein berittener Jäger brachte noch denselben Tag von ihm die ersehnte Antwort; sie lautete: „Die Muri-Conventualen dürfen im Drange der Zeiten, ohne Verletzung des Gewissens, die verborgenen Schätze opfern.“ – Demnach nannten jene Religiosen, welche von der Sache wussten, ohne Rückhalt die Verwahrungsorte. – Was in der Nähe war, wurde sofort eingebracht; denen aber, welche in der Ferne Güter aus Muri zum Verwahren erhalten hatten, wurde durch Eilboten bekannt gemacht, dass die Regierung durch die Eigenthümer hievon in Kenntniss gesetzt worden sei. Viele Freunde des Klosters kamen dadurch in grosse Verlegenheit. Selbst einige Konventualen waren über diese Enthüllung bestürzt. Hartmann aber jubelte mit seinen Gesellen, liess, jedem Rechte Hohn sprechend, den Dekan, P. Gregor Koch, den Subprior, P. Johann Ev. Borsinger, den Statthalter, P. Adalbert Renner, und den Sekretär, P. Leodegar Schmid, welche die Angabe gemacht hatten, in Gefangenschaft setzen und noch denselben Tag (28. Juli) unter militärischer Bedeckung nach Aarau abführen. Die eingebrachten Schätze schickte er nach. Das (II-296) Direktorium war nicht wenig erstaunt, als Bekenntniss, Bekenner und Bekanntes fast gleichzeitig eintrafen. Daselbst eilte das Volk zusammen, um die Beraubten zwischen blitzenden Säbeln zu ihren Räubern24 ins Rathshaus treten zu sehen. Zwei Tage schmachteten die Muri-Patres in den Staatsgefängnissen.25 In den Verhören erzählten sie offenherzig den Hergang der Dinge. Die Richter mussten für ihre Unschuld sprechen und öffneten ihnen am 30. Juli die Gefängnisse. Viele Senatoren und Repräsentanten, welche aus verschiedenen Kantonen sich in Aarau befanden, waren über das Verfahren Hartrnann's in Muri empört und versprachen, dahin zu wirken, dass den Kapitularen für die erlittene Unbild öffentliche Satisfaktion zu Theil werde. Allein die vier Religiosen von Muri schlugen das entschieden aus und kehrten unter Begleitung einer Abordnung vom Kloster (P. Sebastian und P. Anselm) wieder in ihre stillen Zellen zurück.

Das Kapitel hatte während der Abwesenheit seiner Vorgesetzten den P. Sebastian Müller zu seinem Obern gewählt. Dieser musste zusehen, wie Hartmann und seine Gesellen die aufgefundenen Kirchenschätze im Werthe von 40-50,000 Gl., die Gültbriefe im Werthe von 165,359 Gl. und an Baarem 67,000 Gl. nach Aarau sandten, das Münzkabinet und die Bibliothek beraubten und Vieles, wie die Werke von Montfaucon, Linee u. s. w. extra verpackten und wegschickten.

Die Zimmer des Dekans und Statthalters verloren alle Papiere; die fürstlichen Gemächer erlitten eine vollständige Plünderung. Das Mass der Leiden wurde an diesen Tagen für Muri vollgemacht durch das Verbot der Novizenaufnahme.

Vier hoffnungsvolle junge Männer mussten in Folge dessen die bereits betretene Bahn ihres Berufes verlassen.

Hartmann schied am 30. Juli, wohl beladen mit fremden Gute, von Muri und wandte sich nach Hermetschwil, Gnadenthal und Wettingen. Von da wollte er seine Schritte nach St. Gallen lenken, um den dortigen Benediktinern seine schwere Hand fühlen zu lassen. Allein gerade Muri, das er zernichtet glaubte, vergellte ihm die Freude, ein zweites reiches Benediktinerkloster plündern zu können.

Die nach Aarau abgeführten Muri-Mönche baten nach ihrer Freilassung das Direktorium, dass ihnen ein Mitglied des Grossen Rathes mitgegeben werde, der über die Handlungsweise (II-297) Hartmanns in Muri Erkundigung einziehe. Zu ihrer Freude erhielten sie den rechtlich gesinnten Schatzmeister Zäslin von Basel, der mit Gottlieb Hunziker und in Anwesenheit zweier Mitglieder von der Verwaltungskammer des Kts. Baden ein genaues Verzeichniss aller in die Nationalschatzkammer von Hartmann abgegebenen Gegenstände und Gülten des Klosters anfertigte; zugleich nahm er Alles das zu Protokoll, was nach treuer Angabe der Konventualen, des Verwalters und der Dienstboten von Muri während der Anwesenheit Hartmanns aus dem Kloster verschwunden war.26 Letzteres Verzeichniss liess die Verwaltungskammer von Baden am 17. August zum zweiten Male amtlich aufnehmen.

Demgemäss wurde Hartmann seines Commissariats verlustig erklärt, zur Verantwortung gezogen und endlich am 8. Juli 1799 vom obersten Gerichtshofe der Unterschlagung für schuldig erkannt. Seine Strafe lautete: a) Einstellung im Aktiv-Bürgerrechte auf zwei Jahre; b) Schadloshaltung der neun Bürger und einer Bürgerin in Muri, die er widerrechtlich ins Gefängniss werfen liess, wie auch Schadloshaltung aller derer, die durch Missbrauch seiner Gewalt wirklich benachtheiligt wurden. Aehnliche Strafen liess das Gericht über Ronka ergehen. Beide hatten vor dem Urtheilsspruche Rechtfertigungsschriften veröffentlicht, worin sie hoch und heilig ihre Unschuld betheuern und tüchtig über die schlauen Mönche losfahren.27

Das Ende Hartmanns bietet uns ein Bild des nur nach Geld und Gut lechzenden Geistes der Revolution. Die Muri-Konventualen schickten, als der Fürstabt nach Deutschland floh, 2 Kisten mit Archivschriften, 1 Kiste mit Reliquien der Heiligen, etc. mit einigem Silberzeug und 20,000 Gl. in Gold und Silber in die Gegend von St. Blasien am Schwarzwalde zwei dieser Kisten kamen später wirklich in das eben genannte Kloster; auch kam Abt Gerold II., so lange er in Oefterdingen weilte, öfters nach St. Blasien. Von diesen Kisten erhielt Hartmann in Muri Kenntniss. Der Volksmund erhöhte die Zahl der von Muri abgegangenen Kisten, und daher träumte Hartmann: in St. Blasien liege ein Schatz im Werthe von Millionen. Frech, wie er war, meldete er dies nach Paris mit dem Beisatze, dass er hievon sichere Belege in den Händen habe. Auch dem helvetischen Direktorium machte er von dem vermeintlichen Muri-Schatze Mittheilung. Es schenkte dem Berichterstatter ohne Bedenken Glauben, und liess den Muri-Kapitularen (II-298) in einer Zuschrift verdeuten, sie möchten die an der Schweizer-Grenze verborgenen Schätze eher dem helvetischen als Pariser Direktorium gönnen. Diese gaben sofort genau deren Inhalt und Werth an, und meldeten sogar, wohin diese Kisten indessen gekommen seien;28 sie fanden aber keinen Glauben.

Hartmann ging jetzt nach Paris; faselte von 6 Millionen, die in St. Blasien verborgen liegen, und vermochte sogar den ersten Consul der französischen Republik, Napoleon, zu dupiren.

Dieser liess daher dem General Beveaux in Basel die nöthigen Truppen zutheilen, um den fraglichen Schatz in St. Blasien zu erbeben. Daselbst erschienen am 13. Mai 1801 plötzlich 200 Mann zu Pferd und zu Fuss und viele Mineurs mit leeren Wagen und besetzten schnell alle Thore und Ausgänge des Klosters. Zwei Offiziere präsentirten sich den Mönchen und fragten nach dem Muri-Schatze, der in 268 Kisten innerhalb der Mauern verborgen sei, und eröffneten zugleich, dass sie als Commissäre des Kriegsministers Bertier von Paris auftreten. Der Statthalter des Klosters, P. Trudpert, und die übrigen Konventualen betheuerten, von einem solchen Schatze keine Kunde zu haben. Die Offiziere glaubten ihren Worten nicht, und befahlen den Soldaten, die Schätze aufzusuchen. Ohne Verzug wurden alle Thüren und Schränke zerbrochen, die Keller und Gärten durchwühlt und das Kloster fast auf den Kopf gestellt. Viele Stunden hatten sich die Mineurs abgemüht, aber nichts gefunden. Jetzt schämten sich die Führer der Truppe und nannten die Urheber dieser Nachforschungen, Hartmann von Luzern und Wiederkehr von Muri. Beide waren anwesend, und letzterer wurde sofort als Betrüger arretirt. Hartmann bewirkte den folgenden Tag, dass die Mineurs noch einmal an die Arbeit gingen; – doch vergebens. Auch Hartmann wurde gefesselt, und die französische Expeditionstruppe zog kleinlaut nach Basel zurück. Seit dieser Zeit verschwindet Hartmann; ohne Zweifel hat er die Täuschung des ersten Consuls der Franzosen mit dem Leben gebüsst.29

Grosse Leiden hatte Hartmann durch seine Handlungsweise den Murikonventualen bereitet; aber noch grössere verursachte ihnen die Leistung des Bürgereides. Gerade der jüngste unter ihnen, Fr. Beat Fuchs, wollte trotz aller mündlichen und brieflichen Zusicherungen des Ordinariats und des bischöflichen Commissärs wegen der Erlaubtheit des Eides keine Beruhigung finden. Der Generalvikar Bissing von Konstanz (II-299) hatte jedoch die bestimmte Erklärung abgegeben, derselbe sei erlaubt, wenn die Schwörenden dem Eide den Beisatz geben: „Wir schwören dies ohne Nachtheil der katholischen Religion.“ Die Bürger des Distriktes. Muri legten mit diesem Zusatze den Eid auf die Verfassung am 22. August 1798 in der Pfarrkirche ab. Der Konvent schwur auf gleiche Weise den folgenden Tag im Kloster. Der Eid lautete: „Ich schwöre dem Vaterlande zu dienen, der Sache der Freiheit und Gleichheit als ein guter und getreuer Bürger mit aller Pünktlichkeit und allem Eifer, so ich vermag und mit einem gerechten Hass gegen die Anarchie und Zügellosigkeit anzuhangen. – Das schwören wir ohne Nachtheil der katholischen Religion.“ Festlichkeiten, wie anderwärts, fanden bei dieser Eidesleistung in Muri keine statt.30 Der besagte Beisatz des Eides wollte aber der Regierung in Baden nicht gefallen. Statthalter Weber erschien unerwartet (am 7. Oktober) in Muri, ging sofort in die Pfarrkirche, wo das Volk zum Gottesdienste versammelt war und verkündete nach Beendigung der hl. Handlung den Anwesenden: Der mit dem bekannten Beisatze abgelegte Eid sei ungiltig und müsse noch einmal ohne denselben abgelegt werden. Diese Ungiltigkeitserklärung des Eides geschah einzig in Muri, Boswil und Bünzen, obwohl viele Distrikte mit gleichem Vorbehalte geschworen hatten. Die Konventualen wie das Volk der genannten Dörfer merkten sogleich die Ursache dieses Vorgehens, die Regierung wollte nämlich einen Scheingrund für die Aufhebung des Klosters haben. – Daher schworen Alle ohne klaren Vorbehalt.

Weil. die erste Schlinge, die Weber den Murikonventualen gelegt hatte, nicht zum Ziele führte, so lud derselbe Statthalter Weber die drei Pfarrer von Muri (Bonaventura), von Boswil (P. Luitfrid) und von Bünzen (P. Meinrad) vor das Distriktsgericht Muri. Dasselbe beeinflusste er durch seine Gegenwart. Hier sollten nun eben genannte Pfarrer vor ihren eigenen Pfarrkindern – alle Richter waren aus besagten Pfarreien – sich wegen des Eides verantworten. P. Meinrad überreichte dem Statthalter Weber anstatt der mündlichen eine schriftliche Verantwortung. Dieser empfing sie mit den trockenen Worten: „Sie wird zur Verbesserung Eures Handels nichts beitragen!“ Weber Iiess über P. Meinrad ein Urtheil fällen, das ihn der Pfarrei Bünzen und aller Einkünfte beraubte. Verhört hatte man ihn niemals. Zugleich bemerkte die Kantonsregierung von Baden: sie sei die Inhaberin aller Collaturen der Stifte und Klöster, und sie gestatte dem Kapitel in Muri nur aus Gnade den Vorschlag eines neuen Pfarrers für Bünzen.

(II-300) Fürstabt Gerold II. hatte bereits für den eintretenden Fall der Entfernung P. Meinrad's den P. Anselm Hedinger als Nachfolger bezeichnet. Daher schlug das Kapitel diesen als Pfarrer von Bünzen vor. P. Anselm wurde wirklich gewählt. Dieser bezeugte dann zur Beruhigung seiner Mitbrüder schriftlich und mündlich seinen Gehorsam gegen die Klosterobern und erklärte, dass er auch fernerhin stets ein Mitglied des Klosters bleiben wolle. Es war nämlich offenkundige Absicht der Kantonsregierung, den jungen, strebsamen P. Anselm von der verhassten Felsenburg abzulösen, um das Kapitel desto leichter zu sprengen, was ihr jedoch nicht gelang. Daher griff sie zur Erreichung dieses Zieles zu andern Mitteln. – Sie ertheilte dem Distrikts-Unterstatthalter den Auftrag, jeden Konventualen einzeln zu fragen, ob er lieber im Kloster verbleiben, oder ausserhalb desselben seinen Unterhalt haben wolle. Er bekam von Allen dieselbe Antwort: sie wollen im Kloster bleiben.

Kaum war dieser Sturm vom Norden vorüber, so legte Stapfer, helvetischer Minister der Künste und Wissenschaften in Luzern, den Konventualen zwölf Fragen zur Beantwortung vor. Sie bezogen sich auf die Abkunft der Konventualen, auf deren Lebenslauf, das jetzige Befinden, ob sie künftig noch im Kloster zu bleiben wünschen, und, wenn nicht, wohin sie zu gehen gedenken. Auf die vierte Frage – Gesundheitszustand – erfolgten oft kommische Antworten: alle Krankheiten, welche aus Pandora's geöffnetem Gefässe schlüpften und die Sterblichen zu befallen pflegen, waren zu lesen. Da gab es Uebelhörige, Gebrochene, Halbblinde etc. Dasselbe war bei der neunten Frage – Wissenschaft oder Lieblingsbeschäftigung – der Fall. Es erscheinen Asceten, Moralisten, Mechaniker, Diplomaten, Geographen, Philosophen, Historiker, Aufklärer u. s. w. Auch dieses Manöver erreichte nicht den erwünschten Zweck.

Das hohe Weihnachtsfest des Jahres 1798 brachte den vielgeprüften Religiosen eine kurze Ruhe. Die französische Schutzwache, welche die letzte Zeit lästig war, verliess das Gotteshaus. Nach kleiner Erholung von den Mühen des Jahres 1798 begannen die Kämpfe mit der Revolution von Neuem.

Der geistreiche Fr. Beat Fuchs schrieb am Schlusse dieses Jahres in sein Tagebuch: „Muri ist nicht mehr das freie, das reiche Stift, das es gewesen; unsere Schätze sind geraubt; die Kanäle unserer Einkünfte in fremde Hände gelegt; die gegründetsten Rechte verletzt; unser hl. Stand verachtet; unsere Professionspflicht von Fremden mit Füssen getreten: wir selbst oft beschimpft, gequält, allezeit geängstiget; man (II-301) hat Alles angewendet, auch die verwerflichsten Mittel, um unsere Versammlung zu sprengen. Und doch – wir sind Alle noch beisammen. O gib, liebes Stift, Gott die Ehre! – Wohl uns, dass wir den grossen Grundsatz der Einigkeit so treu beobachtet haben! Das sei uns eine Lehre für die Zukunft!“


  1. Acta Capituli.

  2. Dies möchte vier Klosterfrauen von Hermetschwil bewogen haben, nach Seedorf (Kt. Uri) zu flüchten, wo sie vom 8. März bis April blieben (Jahrbuch für schweiz. Gesch. XII., 296).

  3. Staatsprotok. XXXI., 172, 185.

  4. Jos. Laubacher von Muri, Josef Lang und Xaver Widmer von Hitzkirch und Heinrich Konrad von Maienberg.

  5. Acta Capituli.

  6. Arch. Muri in Gries.

  7. Diese Kantone waren: Basel, Bern, Berner Oberland, Aargau, Baden, Freiburg, Lemann, Luzern, Schaffhausen, Solothurn, Thurgau und Obwalden mit Engelberg.

  8. Engelberg und Fischingen und andere Klöster Schützte ihre Lage und ihr geringes Einkommen.

  9. Man vergleiche sein Tagebuch, das für diese Abhandlung der sicherste Leitfaden war (Archiv Muri in Gries).

  10. Acta Capituli.

  11. Tagblatt der helvetischen Räthe, Bd. I., 50, 51.

  12. Arch. Muri in Gries.

  13. Helv. Tagbl. I., 243 und 413.

  14. Jos. Laubacher von Muri, Jakob Gauch von Bettwil und Placidus Weissenbach von Bremgarten.

  15. Die Leiber der hl. Martyrer Benedikt und Leontius kamen nach Deutschland.

  16. Arch. Muri in Gries A. IV. XIV.

  17. Arch. Muri in Gries.

  18. Verwalter Schleuniger bescheint am 21. April den Empfang (Arch. Muri in Gries A IV. XIV).

  19. Arch. Muri in Aarau.

  20. Er bescheint den Empfang des Schreibens aus Baden am 28. Mai 1798 in Ofterdingen (Arch. Muri in Gries).

  21. Dasselbe wurde erst am 17. Sept. gemacht.

  22. Diese zwei Punkte rief Gerold II. durch ein Schreiben vom 14. Nov. 1798 den Kapitularen ins Gedächtniss (Arch. Muri in Gries A. VII. III).

  23. Diesen Namen verdienen die Direktoren, weil sie ungesetzlich zu dieser Schandthat mithalfen.

  24. Diesen Namen verdienen die Direktoren, weil sie ungesetzlich zu dieser Schandthat mithalfen.

  25. Die Betten, die sie benützten, waren aus dem Kloster Einsiedeln gekommen; die aargauische Regierung hatte sie als Plünderungsgut angekauft.

  26. Das Verzeichniss der an die Schatzkammer in ca. 12 Kisten von Hartmann abgegebenen Muri-Schätze füllt 31/2 Folioblätter (Arch. Muri in Gries),

  27. Staatsarch. Luzern.

  28. Die Reliquien der hl. Martyrer Leontius und Benedikt kamen bis nach Salzburg.

  29. Arch. Muri in Gries.

  30. Baumgartner, Geschichte des Freistaates St. Gallen; Bd, I., 290.