Viertes Buch. Muri kämpft, geht unter und erhebt sich wieder.

Erster Abschnitt. Gerold II. Maier, XLVI. Abt, fünfter und letzter Fürst (1776-1810).

Erstes Kapitel. Fürstabt Gerold II. bis zu seiner Flucht nach Deutschland (4. März 1798).

(II-253) Gerold II. gehörte dem Geschlechte der Maier (Maier-Oberstad) in Luzern an. Sein Geburtstag ist der 13. Mai 1729; in der hl. Taufe erhielt er den Namen Franz Anton Christoph.1

Die Studien vollendete er in Luzern und Muri; die hl. Profession legte er in die Hände des Fürstabtes Gerold I. 1746 ab und empfing am 20. Mai 1752 die Priesterweihe. Die zwei ersten Jahre seines Priesterthums wirkte er als Professor. Nach dem Tode des gelehrten P. Leodegar Maier (1754) wurde ihm die Besorgung der Bibliothek und des Archivs übertragen, zugleich tradirte er noch ein theologisches Fach. Der Bibliothek schenkte P. Gerold die volle Aufmerksamkeit. Die Correspondenzen, welche P. Leodegar zur Erlangung guter Bücher mit Gelehrten in Basel und Mailand angeknüpft hatte, setzte *(II-254) er in lateinischer Sprache fort. Diese floss ihm ebenso leicht und zierlich aus der Feder, wie seinem Vorgänger, P. Leodegar, nur mag dieser in der Gedankenfülle ihn übertroffen haben.

Die Briefe, die P. Gerold in grosser Menge, später auch in deutscher Sprache, schrieb, athmen stets die reinste und zärtlichste Nächstenliebe. Seinen Bruder, P. Bernard, Kapitular in Rheinau, erfreute er öfters mit einem liebevollen Briefe, dem das Salz des Witzes nicht fehlte. Die Briefe, welche er als Fürstabt abfasste, sind voll väterlicher Rücksicht und Liebe, auch wenn er einen ernsten Ton anschlagen musste.2 – In den Jahren 1756 und 1757 schwärmte er mit andern Mitbrüdern für die bochsler'sche Musik, indem er viele Stücke desselben kaufte, andere mit Eifer abschrieb.3 Diese und andere Musikstücke ähnlicher Richtung thaten leider der bisherigen ernstem Kirchenmusik auf dem Singchore in Muri nicht geringen Eintrag.

Im Herbste 1761 erkrankte P. Anselm Frei, Oekonom in Dettingen. Fürstabt Bonaventura II. nahm den eifrigen P. Gerold von den Arbeiten in der Bibliothek, dem Archiv und für die Musik hinweg und stellte ihn an die trockenen Rechnungsbücher der bedeutenden Oekonomie genannter Herrschaft in Deutschland. Sein erster Brief aus Dettingen nach Muri erinnert an die Klagetöne des Dichters Ovid aus Tomi nach Rom.4 Aber nicht lange, – P. Gerold gewann in Kurzem die Landwirthschaft lieb und wie der Eifer für diese in seiner Brust zunahm, so schwand auf der andern Seite bei ihm die Sorge für die Bibliothek in Muri und damit hatte auch der Briefwechsel mit den Gelehrten in Basel, Mailand u. a. O. sein Ende.5 Vierzehn Jahre leitete er zum grössten Nutzen des Klosters diese ausgedehnte Oekonomie, zu der jetzt auch Diessen gehörte. Durch seine Freundlichkeit und Liebe wusste er bald die Herzen Aller, die mit ihm in Berührung kamen, für sich zu gewinnen. Das Volk und die Behörden lobten sein gemessenes Vorgehen in den verwickeltsten Geschäften. Das war zugleich die beste (II-255) Schule für die künftige Würde, zu der die Mitbrüder ihn ausersahen.

Nach dem Hingange des Fürstabtes Bonaventura II. waren am 19. Juni 1776 siebenunddreissig Kapitularen zur Wahl eines neuen Prälaten in Muri versammelt. Der Oekonom in Dettingen, P. Gerold Maier, genoss die Liebe aller Kapitularen, und wurde daher einstimmig zum fünften, aber letzten Fürstabte erwählt. Dem feierlichen Akte präsidirte der apostolische Nuntius Joh. B. Caprara, assistirt von den Prälaten aus Einsiedeln und Engelberg; als apostolischer Notar fungirte der gelehrte P. Mauriz Hohenbaum van der Meer aus Rheinau.

Die Regierung von Luzern fühlte sich durch Erhebung eines ihrer Bürger zur Würde eines Fürstabtes von Muri sehr geschmeichelt und liess im Gratulationsschreiben (27. Juni) den Hauptzug seines edlen Charakters, die friedliebende Gesinnung, in den Vordergrund treten.6 Wirklich, in allen Wechselfällen seines Lebens leuchtete dieser Zug wie ein freundlicher Stern hindurch. Die Quelle dieser reinen und echten Menschenliebe war seine ungeheuchelte Frömmigkeit. – Die VIII regierenden Stände in den Freiämtern versicherten ihn des staatlichen Schutzes (1777), wofür er die üblichen Taxen zahlte. Die Gesellschaft zum Schnecken oder die der Böcke in Zürich7 fühlte sich hochgeehrt, ihn als Fürsten unter ihre Mitglieder zählen zu können.

Kaum waren nach aussen die nöthigsten Geschäfte beseitigt, so schenkte er seine Aufmerksamkeit dem Innern des Klosters. Den Konvent fand er gut disciplinirt; daher wich er nur in Wenigem von den Grundsätzen seines Vorgängers ab. Abt Bonaventura II. suchte im Innern vorzüglich die Armuth und Einfachheit zu pflegen; Gerold II. aber drang mit allem Eifer auf fleissiges Abhalten des Gottesdienstes und auf wahre Selbstverläugnung und Abtödtung.8 Beide eiferten für die Erhaltung eines tiefreligiösen, echt christlichen Geistes und trachteten ihre Mitbrüder von dem Einflusse des Weltgeistes und der falschen Philosophie ferne zu halten.9 Darin liegt auch der Grund, wesshalb seit 1765 bis zum Anfange dieses Jahrhunderts nur Weniges aus den Muri-Zellen in der Oeffentlichkeit erschien. Indessen waren diese zwei Fürstäbte keineswegs Feinde der Wissenschaften; beide verlangten mit allem Ernste, dass jeder Kapitular mit grösstem Fleisse den Studien obliege (II-256) und zum Heile der Nebenmenschen auf der Kanzel und im Beichtstuhle arbeite. Die Festigkeit des Konventes in den stürmischen Jahren 1798-1804 hat indessen die Richtigkeit dieser Maximen thatsächlich bewiesen.

In der unermüdlichen Thätigkeit ging Abt Gerold II. seinen Mitbrüdern mit dem schönsten Beispiele voran. Uebersehen wir die Menge und Grösse der Foliobände, die er in den Jahren 1776-1798 zur Ueberlieferung denkwürdiger Ereignisse mit zierlicher und sicherer Hand neben vielfältigen Tagesgeschäften abschrieb, so müssen wir gestehen, dass er keinen Augenblick der 22 Jahre unbenützt vorübergehen liess.10 Mit ihm schrieben und copirten auch seine Mitbrüder in ihren Zellen, ähnlich wie die Mönche des Mittelalters. Es ist wohl mehr als Zufall, dass Abt Gerold II. den Eifer für das Bücherabschreiben wieder ins Leben rief; denn so wurden die wichtigsten Ereignisse des eigenen wie auch anderer Klöster vervielfältigt und entweder in Aarau oder in Gries als ein sprechender Beweis des fleissigen Konventes niedergelegt.

Die ehemalige Liebe zur Bibliothek erwachte in dem Fürstabte Gerold II. bald wieder nach seiner Rückkehr aus Deutschland. Der Ankauf neuer schätzbarer Werke wurde fortgesetzt. Allein der beschränkte Raum der alten Bibliothek verlangte dringend einen Neubau. Dazu kam der unter Abt Bonaventura II. oft besprochene und theilweise schon beschlossene Plan, ein der Fürstenwürde entsprechendes Kloster zu bauen, wie auch den öffentlichen Unterricht zu erweitern.

Weil Abt Gerold II. kein Freund des äussern Prunkes war (darum verlieh er auch die Vasallenämter ohne Geräusch durch ein einfaches Handschreiben),11 so legte er bloss den Bau einer Bibliothek dem Kapitel vor. Allein dasselbe wollte in die Vorlage nicht eintreten. Williger zeigte es sich, als (II-257) demselben zugleich die Erweiterung des Klosters und ein Schulgebäude vorgeschlagen wurde. Jedoch vergingen mehrere Jahre, bis sich die Ansichten über die Verbindung aller drei Zwecke geklärt hatten. Indessen unterwarf der Fürstabt das Haus für die weiblichen Gäste („Weiberhaus“) einer gründlichen Restauration. Endlich am 30. August 1788 vereinigten sich die Kapitularen zu folgender Schlussnahme: „Man berufe einen tauglichen und kundigen Architekten, der nicht bloss einen Plan für das Kloster, sondern auch für ein ansehnliches Schulgebäude zur Aufnahme einer grössern Schülerzahl und für andere Räumlichkeiten entwerfe und zeichne“.12

Man beauftragte nun Valentin Lehmann von Donaueschingen, der im Dienste des Fürsten von Fürstenberg stand, zur Entwerfung eines solchen Planes. Derselbe war am 3.Jänner 1789 vollendet. Die Kapitularen trugen anfänglich wegen der allzugrossen Anlage des Planes grosse Bedenken. Erst nach drei Monaten erklärten sie sich mit demselben einverstanden und übertrugen dessen Ausführung dem oben genannten Architekten Lehmann. Zur weitem Begründung des Baues wurde den am 30. August verflossenen Jahres angegebenen Zwecken die Aufnahme einer grössern Anzahl Religiosen in Aussicht gestellt. Die Baukosten waren auf 300,000 Gl. veranschlagt, allein, wie die Erfahrung zeigte, um die Hälfte zu tief gegriffen.

Der Plan liess die Kirche und das von Abt Placidus Zurlauben erstellte Konventgebäude unberührt stehen. Die Hauptfronte des Neubaues ist gegen Osten gerichtet in einer Länge von 218 Meter oder 725 Schweizer-Fuss, in der Mitte ist die fürstliche Abtei, und den Abschluss bilden zwei nur wenig vorstehende Flügel von je 33 Meter Länge und 15 Meter Breite, wovon der gegen Süden für die Bibliothek, der nördliche aber für den „grossen Saal“ bestimmt war. An die Bibliothek schliesst sich unter einem rechten Winkel, gegen Westen sich ausdehnend und die Fronte gegen Süden zugekehrt, das Schulgebäude an. Dies hat eine Länge von 80 Meter. Ohne Parterre hat der Neubau 3 Stockwerke.

Nach Annahme des Planes begann Lehmann sogleich den Bau. Für die Ueberwachung und Leitung desselben verlangte er 20,000 Gl. P. Adalbert Renner, Kanzleidirektor, hatte mit P. Othmar Bossard, Küchenmeister, die Zahlungen zu leisten und den Baumeister zu unterstützen. Vom Jahre 1789 bis 1798 war nun in Muri ein reges Leben. Die Auffindung des baaren Geldes war für den Zahlmeister oft eine schwere Aufgabe; (II-258) jährlich musste er während dieser neun Jahre 40-70,000 Gl. verrechnen.13

In den ersten Monaten des Jahres 1798 übersclnitt die französische Revolution die Grenzen der Eidgenossenschaft. Im März floh der Fürstabt nach Deutschland und wünschte, dass der Bau, der noch nicht vollendet war, eingestellt werde. In Folge dessen machte das Kapitel dem Architekten Lehmann die Anzeige, dass bis auf günstigere Zeiten der Klosterbau aufgehört habe.

Die Auslagen hiefür hatten bereits die Summe von 519,246 Gl. erreicht und dessen ganze Vollendung verlangte wohl noch mehr als 50,000 Gl. Lehmann versprach am 31. März, innerhalb 10 Jahre das Mangelnde zur Ausführung zu bringen und gab hiefür eine Caution. Von ihm wurde aber kein Werkmann für die Fortsetzung des Muri-Klosterbaues künftig angeworben, und die restirende Forderung von 34,000 Gl., die das Kapitel zur Sicherheit unbezahlt stehen liess, wusste Lehmann von diesem listig zu bekommen. Er erschien nachgehends nie mehr in Muri. Die Zimmer dieses Baues sind für das Wohnen unbequem und, wenn die Fronte durch ihre Länge und ihre stattliche Höhe dem Auge schon imponirt, so ist doch das Ganze für die vorgesteckten Zwecke nicht entsprechend. Die Jahrbücher, welche damals im Kloster geschrieben wurden, werfen die Hauptschuld des Misslingens auf den Architekten Lehmann.

Fürstabt Gerold II. fühlte sich nach seiner Rückkehr ins Kloster nicht bewogen, den Bau fortsetzen zu lassen. Nur Abt Ambros machte im Jahre 1817 eine kleine Anstrengung zu dessen Vollendung, ohne etwas Erhebliches zu leisten.

Ein Hauptmotiv für den Bau war, wie oben gesagt ist, die Erweiterung der Schule. Desshalb richtete Fürstabt Gerold II. bald nach Beginn des Baues sein Augenmerk auf Gewinnung der dazu nöthigen geistigen Kräfte. Zu dem Ende schrieb er dem Konvente auf den 1. Jänner 1792 eine neue Tagesordnung vor, durch welche die Priester und Kleriker mehr Zeit für das Studium gewannen. Dies war um so nothwendiger, weil er zugleich den Gedanken hegte, ein Priesterseminar für den Weltklerus nach dem Sinne und Geiste des Concils von Trient zu errichten.14 Allein der vorausgegangene Kloster-Bau, die grossen Verluste in Deutschland und die veränderten Zeitverhältnisse hatten die Errichtung eines solchen Seminars in Muri nach 1803 zur Unmöglichkeit gemacht.

(II-259) Indessen entfaltete Fürstabt Gerold II. einen grossen Eifer für Hebung wissenschaftlicher Bildung in den niedern Volksschichten. Das Klostergymnasium öffnete er für mehr als nur 12 Knaben; die Gründung der Volksschulen regte er entweder selbst an oder unterstützte sie mit reichlichen Spenden. So wollten die Dettenseer im Jahre 1779 eine Frühmesse stiften. Gerold II. bewies ihnen, dass die Gründung einer Volksschule dort nothwendiger sei; allein nach 10 Jahren erkannte er, dass für sie ein Priester ebenso ein Bedürfniss sei, wie die Schule. Als Grundherr gab er für diese Zwecke passende Gebäude und hinreichendes Pflanzland.15 Dem Schullehrer in Glatt schenkte er in Rücksicht auf die Schule eine Schuld (1782). Der katholische Pfarrer in Sulgen (Kt. Thurgau) erhielt von ihm für die dortige Schule eine bedeutende Unterstützung. Sogar den Katholiken in Hanau, denen der Landesfürst Kirche und Schule gestattete (1788), schickte Abt Gerold II. 200 Frk.16 Die Luzerner-Regierung horchte gerne auf seine Rathschläge in Schulangelegenheiten. Dieselbe wollte 1784 an das zu Recht erkannte Convikt der Exjesuiten („Xaverische Haus“) die Schulbrüder aus Rastatt berufen. Allein Abt Gerold II. missrieth deren Berufung, und die Regierung liess ihren Plan fallen. Dieselbe Behörde beabsichtigte, ein adeliches Fräuleininstitut mit 10 Plätzen zu gründen, aber so, dass die im Kanton Luzern befindlichen Frauenklöster entweder ein Kapital von 6000 Gl. dafür auswerfen, oder dass Eines derselben zum Opfer falle. Fürstabt Gerold II., der auch in dieser Sache um sein Gutachten angefragt wurde, missbilligte entschieden das Vorhaben,17 weil es nie erlaubt sei, Andere zu berauben, um so einen Dritten zu beglücken.

Eine besondere Vorliebe besass Abt Gerold II. zu den Münzen, und er sah es gerne, wenn sich seine Mitbrüder mit dem Studium derselben beschäftigten. Im Jahre 1782 wurde eine bedeutende Münzsammlung in Strassburg zum Kaufe angeboten. Den Konventualen, welche meinten, das hiefür ausgegebene Geld sei ein todtliegendes Kapital, erwiderte Gerold II.: „Religiosen sollen Lust und Liebe zum Arbeiten bekommen, und das Geld, welches deren Wissen und Thätigkeit mehrt, ist kein todtes Kapital“. Die Sammlung kam 1783 um 700 Gl. wirklich nach Muri.18 In Folge dessen wuchs die Münzsammlung in Muri zu einer der schönsten und reichhaltigsten in der Eidgenossenschaft (II-260) an. Aber leider beraubte sie das französische Direktorium in den Jahren 1798-1802.

Geringer war die Sorge des Abtes Gerold II. für das vom Dekan Leodegar Maier schön geordnete Archiv. Den tüchtigen P. Meinrad Bloch hatte er nur 1 ½ Jahre in demselben belassen; ihm folgte P. Aegid Roth, dem hiefür die Lust wie auch das Verständniss fehlte.19

Grosse Aufmerksamkeit schenkte er der Seelsorge. Die Pfarrer hielt er an, mit Wort und Beispiel den verderblichen Grundsätzen der französischen Revolution entgegenzuarbeiten. Weil P. Paul Maria dieser Anforderung in Glatt nicht entsprach, so enthob er ihn der Pfarrei.20 Dem Pfarrer von Bünzen, der bis 1788 im Kloster wohnte und die Pfarrei excurrendo besorgte, befahl er, dass er künftig in Boswil wohne. Durch seine Bemühung entstand die Pfarrei Dettensee (1790) und mit seiner Genehmigung wurden die Pfarreien in Waltenschwil und Nottwil ins Leben gerufen (1800).21

Betrachten wir das innere Verhältniss zwischen Abt und Konvent, so müssen wir dasselbe als ein inniges und zärtliches bezeichnen. Alle Mitbrüder schenkten ihm das volle Zutrauen, selbst die, welche mit dem kostspieligen Klosterbaue nicht einverstanden waren. Ihn achteten auch die, welche von dem Geiste der Revolution angeweht, später die Klosterzellen verIiessen.22 – Wie in den ersten Decennien des 18. Jahrhunderts zwei Brüder (Zurlauben) gleichzeitig die Abtwürde in Muri und Rheinau inne hatten, so war es auch am Ende dieses Jahrhunderts der Fall, indem die Brüder Maier aus Luzern (Gerold II. und Bernard) beide Klöster leiteten. Die schon 1709 einander näher gebrachten Konvente verknüpften die zwei letzteren Aebte noch enger, indem sie am 10. September 1790 bestimmten: 1. bei dem Tode eines Abtes dieser zwei Klöster beten die Konvente das ganze Todtenofficium und halten ein feierliches Seelenamt, am Dritten, Siebenten und Dreissigsten ist mit dem Seelenamte eine Todtennokturn zu verbinden, auch werden die Missæ gregorianæ gelesen; 2. für ein verstorbenes Mitglied lesen die Konventualen je zwei hl, Messen; 3. können jährlich bei vier Mitglieder abwechselnd einander im Herbste besuchen.23 (II-261) Dieselbe Verehrung und Liebe genoss Abt Gerold II. bei seinen weltlichen Unterthanen in Deutschland, wie in der Eidgenossenschaft. Die meuterischen Excesse in Glatt24 waren nicht so fast gegen seine Person gerichtet, sondern müssen als ein Ausfluss des Zeitgeistes angesehen werden, der gegen jede alte bestehende Ordnung feindlich auftrat.

Uebrigens wollte Abt Gerold II., dass die alten Zwingrechte gehandhabt und genau beobachtet werden. Daher liess er auch dieselben aus den Urkunden und Offnungen (Weisthümern) der Aemter Muri, Boswil, Bünzen und Beinwil von seinem Ammann, Josef Leonz Müller,25 fleissig zusammentragen und sie der Gerichtskanzlei zustellen. Auf vorgebrachte Gründe der Bittsteller horchte er aber gerne und liess oft Nachsicht walten. So wünschten die Richter in Muri, er möge die Aktuarstelle, welche längere Zeit unbesetzt geblieben, wieder besetzen; er that es im Jahre 1779. Das Recht auf die friedschätzigen Güter in Muri suchte er 1784 und 1785 gänzlich zu beseitigen; den Bauern in der Umgebung erliess er den noch üblichen Rabottdienst zur Zeit der Ernte und des Pflügens (1795) und verlangte hiefür nur eine kleine Entschädigung; (3) am 29. Jänner 1798 erliess das Kapitel den Bauern Fall und Ehrschatz, wie auch den noch bestehenden Friedschatz und stellte im Falle der Noth die Nachlassung des kleinen Zehntes in Aussicht;26 die Bewohner von Glatt und Dettingen wurden oft durch Wassergüsse und Hagel beschädigt, der Abt erfreute sie jedesmal mit einer ansehnlichen Gabe;27 die Einwohner von Diessen kamen 1787 in ein grosses Unglück; Gerold II. erliess ihnen den dritten Theil der Fruchtgilten; das protestantische Städtchen Sulz erlitt am 15. Juli 1794 einen Brandschaden von 227,150 Gl., der Abt gab ihnen 800 Frk., obwohl sie erst kurz vorher ihren katholischen Nachbaren in Glatt in ähnlichem Unglücke nichts gegeben hatten. Arme Taglöhner erhielten von Muri Anleihen zu 3 %; häufig milderte Gerold II. die Strafen, welche die Richter den Schuldigen auferlegt hatten.

Diese Milde, welche der Fürstabt gegen die Untergebenen an den Tag legte, hatte aber keineswegs der Oekonomie und (II-262) dem Einkommen des Klosters einen fühlbaren Schaden beigebracht; Unter den vielen trefflichen Oekonomen, die Muri damals aufzuweisen hatte, steht Abt Gerold II. wegen der 14jäbrigen Erfahrung unter den ersten. Gleichen Rang mochten mit ihm in der Kenntniss der Hauswirthschaft einnehmen: der scharfblickende Sebastian Müller und der gewandte Leontius Beutler;28 diesen kamen nahe Augustin Sidler, Gallus Beutler, Bonifaz Ganginer, Basilius Hausherr, Othmar Bossard und Adalbert Renner. Die genannten Patres wachten mit dem Abte fleissig für die Rechte des Klosters, die sie mit aller Kraft vertheidigten, wie den „Fall“ in Wohlen,29 die eidgenössischen Lehen,30 die Fischlehen in der Bünz,31 das Recht, einen Rebknecht in Eppishausen zu setzen,32 die Benutzungsrechte der Wälder und des Torflandes.33 Muri bewies, dass die obrigkeitliche Holzordnung die Klosterwälder nicht beschlage. Als die französische Revolution schon in der Schweiz alles Bestehende umzustürzen drohte, vertheidigte noch P. Leodegar Schmid das Jagdrecht für das Kloster.34 Der Abt ermahnte mit Ernst die Oekonomen zur Einhaltung der Zucht und Ordnung in den Herrschaften35 und forderte sie auf, das Geld an Zinsen zu legen; „denn dasselbe“, schreibt er, „unnütz in den Kisten liegen lassen, heisst man nicht hausen“.36 Der einsichtsvolle P. Sebastian machte treffliche Bemerkungen über einzelne Theile der Landwirthschaft.37 Den Sekretär Jos. Niderist, der die Landbemessung gut verstand, beauftragte Abt Gerold II., die Klostergüter in den untern und obern Freiämtern, in Wettingen, in Thalwil und Hitzkirch geometrisch aufzunehmen. Niderist vollzog den Auftrag mit Sachkenntniss und grossem Fleisse. Die Ausmessungen der Güter trug er colorirt in zwei Foliobände zusammen und fügte ihnen den Flächeninhalt wie auch die Namen der anstossenden Güter bei.38

Der reichliche Segen, der aus den gut geleiteten Oekonomien in Deutschland und in der Schweiz in Muri zusammenfloss, erhielt seine höhere Weihe, indem die Obern diese irdischen Gaben als ein von Gott gegebenes Gut für die Armen und (II-263) Nothleidenden ansahen, und dadurch, dass die Konventualen auf den Herrschaften streng nach den Ordenssatzungen lebten. Die ausgesetzten Patres waren nur aus wichtigen Gründen von den Regularfasten dispensirt.39 Daraus erklärt sich jene räthselhafte Erscheinung, dass Muri trotz der kostspieligen Bauten von 1789-1798, trotz der nach Millionen berechneten Verluste durch Kriege, Säkularisation und Unglücksfälle in den Jahren 1795-1803 fast einzig noch von den Klöstern in der Schweiz immer Geld besass, um verarmte Gotteshäuser zu unterstützen, dem Hause Habsburg in den Kriegsnöthen entsprechende Geschenke zu verabreichen, verschiedenen Regierungen, Staatsmännern und Privaten Geld zu leihen und nach der Revolution die Schäden der eigenen Kirche und Gebäude wieder auszubessern, ohne dass die gewöhnlichen Almosen und Hilfeleistungen nur im mindesten eingeschränkt worden wären.

Muri gegenüber bietet aber der damalige Adel in Deutschland ein klägliches Bild. Er verschleuderte die von den Vorfahren erworbenen Besitzungen, fristete seine Existenz durch fortwährende Anleihen und bettelte schliesslich bei der französischen Republik um ein Kirchengut aufgehobener Stifte und Klöster. In den Jahren 1778-1798 gelangten fast jährlich vornehme Herren mit der Bitte einer Geldanleihe nach Muri.40 Der Abt und das Kapitel waren hiebei sehr vorsichtig. Die wichtigsten Anlehen, welche damals zu 4 % gemacht wurden, sind: 1. das fürstliche Haus Hohenzollern-Hechingen erhielt zu den frühern Geldern (1777) 6000 Gl. und wiederum (1784) 28,000 Gl. Letztgenannte Schuld wurde bis 1834 mit einem Jahreszins von 1120 Gl. fleissig nach Muri verzinset; 2. die Stadt Hechingen bekam 8000 Gl.; 3. die Fürsten von Fürstenberg im Jahre 1782 eine Summe von 100,000 Gl.; 4. dem Grafen Bissingen zu Schramberg lieh Abt Gerold II. 1000 Gl.;41 5. dem Fürstabte Beda von St. Gallen (1783) ein Kapital von 18,700 Gl.;42 6. der Landschaft Zwiefalten gab er 6600 Gl. (1799); 7. dem Kanton Nidwalden 30,000 Gl. im Februar 179843 und dem Kanton Zug im gleichen Jahre 12,000 Gl.

Wegen dieses Wohlstandes, dessen Muri sich damals erfreute, war die Stellung des Fürstabtes Gerold II. in der politischen Welt nicht ohne Bedeutung. Die Achtung, die er am kaiserlichen Hofe in Wien genoss, suchte er stets aufrecht (II-264) erhalten. Der „provisorische“ kaiserliche Reichsagent, der das Muristift daselbst vertrat, gab fleissig über die Familienereignisse des kaiserlichen Hofes Nachricht, Zuvörderst meldete er die Krankheit und die jeweiligen Todfälle der Kaiser. Für Hochselbe hielt dann der Konvent nach bestimmten Vorschriften einen feierlichen Gottesdienst. Der Katafalk mitten in der Kirche, flammte von Kerzen, war mit Wappen und Inschriften geziert und die Gräber der Stifterfamilie deckte ein Todtentuch. Ergreifend war die Todtenfeier für die hingeschiedene Maria Theresia (am 14. Dezember 1780).44 Die letzte Todesnachricht kam nach Muri vom Kaiser Leopold II., der am 1. März 1792 das Zeitliche segnete. Muri-Agent war damals in Wien der k. k. Hofrath Heggemann. Dieser trat im Jahre 1793 in den Dienst der Hohenlohe-Waldburg-Schilling. Ihm folgte als erster Reichshofrath-Agent für Muri Franz Xaver Matt, der früher Heggemann's Stellvertreter war.45 Die Honoranzen wurden diesen Agenten nach dem Verhältniss ihrer für Muri übernommenen Geschäfte bemessen. So erhielt Heggemann 1779 wegen eines Mühlenstreites in Dettingen 500 Gl. Seinem Wunsche, den Titel eines beständigen Muri-Agenten mit fixem Gehalte zu bekommen, hatte Abt Gerold II. nicht entsprochen. Bei eingetretenem Wechsel des Reichsoberhauptes musste die Erneuerung der Reichslehen und des Blutbannes durch den Reichshofagenten für Muri wieder stattfinden, jedoch ohne besonderes Gepränge, wie es für Einsiedeln und andere alte Reichsstifte vorgeschrieben war.46 Muri hatte nur die gewöhnlichen Schreibtaxen für die neuen Lehensbriefe, die auch in Wien hinterlegt wurden, und die üblichen Douceurs zu entrichten.

Den Blutbann von Dettingen, welchen die Muriäbte ehemals als Lehen inne hatten, erkaufte Gerold II. um 10,000 Gl. (1783) von Kaiser Josef II.47

Das letzte Geschäft, das der Muriagent in Wien besorgen musste, war der Handel mit den Dettenseern, welche ihre Pflichten gegen das Kloster missachteten. Abt Gerold II. war nämlich genöthigt, um diese zum Gehorsam zu bringen, die kaiserliche Hilfe anzuflehen. Auf der Leutkircherheide, Malstätte Ravensburg, erging dann 1799 und 1801 vom kaiserlichen freien Landgerichte das Urtheil, dass die Dettenseer ihre (II-265) Schuldigkeiten dem Stifte Muri leisten sollten. Während sie nun an das kaiserliche Kammergericht appelliren wollten, kamen sie vermöge der Säkularisation an das Fürstenthum Höhenzollern-Sigmaringen und der Streit war beendigt.48

Die unglücklichen Kriege mit Frankreich in den Jahren 1792-1801 brachten Muri öfters in nähere Verbindung mit der Stifterfamilie. Fürstabt Gerold II. liess mehrmals zur Fortsetzung des Krieges dem kaiserlichen Hofe in Wien Unterstützung zukommen. Im Jahre 1793 verabfolgte er eine freiwillige Gabe (donum gratuitum) von 10,000 Gl. Im Jahre 1796 wünschte der Kaiser bei Muri ein Anlehen von 100,000 Gl. zu machen; allein das Kapitel wollte lieber dem kaiserlichen Hofe 5000 Gl. schenken, als denselben sich verbindlich machen. Präsident Summerau sandte ein warmes Dankschreiben nach Muri. Die in Graubünden und in den österreichischen Vorlanden stehende Reichsarmee erhielt unentgeltlich im Jahre 1798 von Muri zu ihrer Verpflegung 100 Ztr. Mehl und 200 Metzen Hafer.49

Gerade in diesen Zeiten des Unglückes und der politischen Wirren zeigte sich die Mildthätigkeit des Fürstabtes Gerold II. in ihrer wahren Grösse. Er hatte ein fühlendes Herz für alle Hilfsbedürftigen. Tausende von flüchtigen Priestern und Laien (Emigranten) kamen während der Jahre 1790-1798 aus Frankreich in die Schweiz. Viele derselben waren ganz auf die Hilfe barmherziger Menschen angewiesen. Einzelne Gegenden wurden, wie z. B. Solothurn, von solchen Emigranten geradezu überschwemmt. Muri gab ihnen entweder Geld oder gastfreundliche Pflege. Ein vorhandenes Verzeichniss, das vom 8. März 1793 bis zum 19. März 1794 geht, hat 332 Namen solcher Emigranten, jeden Standes und jeden Ranges, die wenigstens einige Tage die Gastfreundschaft in Muri genossen.50 Diejenigen, welche nur ein- oder zweimal vorübergehend an der Gasttafel sassen, stehen nicht in diesem Verzeichniss. Mitbrüder aus Frankreich wurden den Konventualen gleichgestellt und lebten oft mehrere Jahre in Muri. So lebte P. Firmian Cauet von Cluny fünf Jahre daselbst und zeichnete sich durch seine Frömmigkeit und gründliche Gelehrsamkeit aus. Später ging er nach St. Blasien, das er 1806 wieder verlassen musste.51 Zu diesen französischen Flüchtlingen gesellten sich seit 1796 auch Ordenspriester aus (II-266) Süddeutschland, weil die französische Armee den Rhein überschritten hatte und später bis München vordrang. Nach Muri kamen in Folge dessen Religiosen aus St. Blasien, Weingarten und andern Klöstern. Im Jahre 1798 liess das französische Direktorium der Eidgenossenschaft die Wahl zwischen Ausweisung der Emigranten und Krieg. Die Kantone wählten das Erstere, und die Flüchtlinge mussten somit die Schweiz verlassen. Der Noviz Brodhag aus einem elsässischen Kloster brach in lautes Weinen aus, als er diesen harten Befehl vernahm.52 Ebenso traurig war das Loos eines ehemaligen Kapuziner-Provinzials, der, obwohl 80 Jahre alt und des Augenlichtes gänzlich beraubt, dennoch den Wanderstab ergreifen musste.

Fürstabt Gerold II. hatte schon seit dem Jahre 1795 das Schlimmste für Deutschland und die Schweiz gefürchtet. Die Bewegungen unter den Bauern in den Kantonen Zürich, Thurgau, St. Gallen u. a. O., verbunden mit weitgehenden Anforderungen an die Regierungen, vermehrten diese Furcht.

Das Kriegsglück war 1795 zugleich den Franzosen in der Rheinpfalz günstig. Ihr General Pichegru eroberte Mannheim und näherte sich den Muri-Besitzungen im Neckarthale. Sofort schickte Abt Gerold II. Eilboten nach Luzern und an den Vorort der Eidgenossenschaft (29. September) nach Zürich, mit der Bitte, man wolle bei dem französischen Botschafter in Basel, Barthélemy, eine Schutzwache für die Muri-Herrschaften auswirken, weil die Schweiz neutral und diese Herrschaften als neutrales Gebiet angesehen werden können. Tag und Nacht eilten Couriere in Folge dessen von Zürich und Luzern nach Basel und wieder zurück und endlich den Rhein hinunter zu den französischen Generälen Pichegru und Vendome. Diese stellten am 6. Oktober zu Mannheim für die sieben Muri-Dörfer Glatt, Dettingen, Diessen, Dettensee, Dettlingen, Neckarshausen und das von Württemberg gemeinsam regierte Dürenmettqstetten einen Schutzbrief aus (Sauve-Garde) und übermittelten denselben Barthelemy in Basel.53 Besagte Generäle rückten wirklich bis zu den Muri-Besitzungen dieses Jahr nicht vor. Doch schlimmer ging es im Jahre 1796. Die französische Armee überschwemmte unter Jourdan und Moreau ganz Süddeutschland bis München. Abt Gerold II. gab daher den Mitbrüdern besondere Verhaltungsregeln: sie sollen gegen die Offiziere jeder kriegführenden Partei höflich und zuvorkommend sein, und bestimmte dann, was sie zumeist retten sollen. Die französischen (II-267) Heeresmassen näherten sich am 9. Juli 1796 den Muri-Herrschaften. Damals waren nur zwei Kapitularen daselbst, P. Leons, Oekonom, und P. Basilius, Pfarrer in Glatt. In Dettingen leitete die Geschäfte ein Amtmann, Neumüller. Dieser hoffte, mit P. Leonz einen Schutzbrief von General Moreau zu erhalten. Allein vergebens. Oesterreichische Truppen lieferten am 12. Juli bei Glatt mit den Franzosen ein unglückliches Verpostengefecht. Diese besetzten sogleich Glatt. Der Amtmann in Dettingen ergriff die Flucht, während die zwei Kapitularen in Glatt verblieben. Zehn Tage lang erlitten sie von den Feinden und ihren eigenen Unterthanen, den sogen. „Patrioten“, jegliches Ungemach; öfters schwebten sie in grösster Lebensgefahr. Dreimal wurde das Schloss in diesen Tagen geplündert. Die Plünderung vom 19./20. Juli schadete über 1000 Gl., die zwei andern wurden nicht geschätzt. Dazu kamen die vielen Einquartirungen, Fuhren und Lieferungen, welche auf die Herrschaften und die Gemeinden fielen.54 Die Gemeinde Dettensee allein hatte 6682 Mann einquartirt. Grossen Schaden fügten die Franzosen der einträglichen Schäferei in Neckarshausen zu. Die Kapitularen baten den Fürstabt Gerold II., dahin zu streben, dass sie entweder einen französischen Offizier als Schutzwache oder einen Schweizer als Repräsentanten der neutralen Eidgenossenschaft erhalten. General Vendome gewährte endlich eine Schutzwache. Indessen schloss am 27. Juli der schwäbische Kreis mit Moreau in Stuttgart einen Waffenstillstand und verpflichtete sich an Frankreich 12 Millionen Frk. zu zahlen, ferner 8000 Pferde und 5000 Ochsen (zu 5 Ztr.), 150,000 Ztr. Brod, 100,000 Säcke Hafer, 150,000 Ztr. Heu und 100,000 Paar Schuhe zu liefern.55 Bevor aber diese Contribution entrichtet war, vermochte der österreichische General, Erzherzog Karl, die Franzosen wieder über den Rhein zu werfen. Doch das Benehmen des schwäbischen Kreises veranlasste den Sieger, dessen Contingent vor der Entlassung zu entwaffnen und die Entrichtung der Contribution zu verbieten.

Kaum war der Kanonendonner verstummt, so musste für die verwundeten Oesterreicher und Franzosen gesorgt werden. In Rottenburg bildete sich zu diesem Zwecke ein Hilfscomite. Die Muri-Patres in Glatt schickten trotz der erlittenen Plünderungen öfters dahin Bandagen und Charpien.56

Das Jahr 1797 ging für die Schweiz und Süddeutschland (II-268) ruhig vorüber. Doch ein drohendes Wetterleuchten zeigte sich, als Napoleon nach dem Friedensabschlusse von Campo Formio über Bern nach Basel reiste und am 8. Dezember d. J. daselbst mit Reufel und Zunftmeister Peter Ochs über die künftige Revolution in der Eidgenossenschaft sprach.57 Als sämmtliche Kantone am 4. Jänner 1798 ihre Abgeordneten zu einer Generalversammlung nach Aarau wegen Abänderung der Verfassung schickten, fürchtete Fürstabt Gerold II. das Schlimmste und erkannte den Einfall der Franzosen in die Schweiz als nahe bevorstehend. Desshalb schrieb er schon am 10. Februar 1798 an seine zwei Mitbrüder nach Glatt:58 „Die Gefahr ist in der Schweiz auf das Höchste gestiegen; im Innern sind Unruhen und demokratische Umwälzungen, von Aussen drohen die Feinde. Geht es uns auch am besten, so haben wir gewiss doch so grosse Opfer zu bringen, dass man sogar mit einer recht gut eingerichteten Haushaltung kaum mehr sich durchschlagen wird. Es geschehe, was Gott will; nur wolle er uns mit den Franzosen verschonen. Vielleicht werde ich genöthigt sein, mich vom Platze zu begeben. Aber wohin?“ – Endlich ruft er wie ein Prophet aus, der das ferne Unglück schon nahe sieht: „Angustiæ sunt mihi undique (Angst erfasst mich ringsum)! O meine lieben Religiosen, meine Brüder, meine Kinder, Gott erbarme sich unser, segne uns und überliefere die Seelen, die ihn loben, nicht den wilden Thieren!“

Die Generäle Schauenburg und Brune standen schon seit Neujahr im Elsass und bei Genf zum Einbruch in die Schweiz bereit, um den revolutionären Bewegungen daselbst Nachdruck zu verschaffen. Brune war am 24. Jänner in Waadt eingebrochen und richtete sein Augenmerk nach Bern. Schauenburg schob die Vorposten bis Biel und Basel vor und suchte am 1. März über Solothurn gleichfalls gegen Bern vorzudringen. Die „Patrioten“ der Eidgenossenschaft hatten gesorgt, dass die übrigen Kantone nicht einheitlich gegen Frankreich auftraten, und so verblutete Bern in wenigen Tagen nach verzweifelten Kämpfen und kapitulirte am 5. März. Der Fall Berns und der bald folgende Umsturz der alten Ordnung in der ganzen Schweiz war leicht ersichtlich. Daher riethen die Muri-Kapitularen am 3. März ihrem Abte, er möge die Flucht ergreifen. Am 4. März (2. Sonntag in der Fasten) las P. Benedikt um 5 Uhr die hl. Messe, welche der Fürstabt im Betchore andächtig anhörte, und um 8 Uhr früh schied Gerold II. unter lautem Schluchzen des ganzen Konventes aus den friedlichen Mauern des Klosters und wanderte in das Exil.


  1. Seine Eltern waren: Josef Leodegar Valentin und Maria Barbara Benigna Keller. Gerold's Geschwister waren: Kaspar Karl, geb. am 5. Jän. 1720; Franz Jos. Mauriz, geb. am 17. Jän. 1723; Jost Rudolf Valentin, geb. am 25. Juli 1725; Franz Jos. Leodegar, geb. am 15. April 1727; Nikolaus von Flüe, geb. am 10. Aug. 1733, starb als Kanonikus in Bischofzell im Kt. Thurgau; Franz Xaver, geb. am 29. Aug. 1735, der als P. Bernard den 15. Nov. 1752 im Kloster Rheinau die hl. Profession ablegte, 1775 daselbst Prior und am 2. Juli 1789 Abt wurde. Dieser starb am 4. Oktober 1805 (Stadtarchiv Luzern).

  2. Briefsammlung im Arch. Muri in Gries. Der 2. Band der deutschen Correspondenzensammlung vom 18. Okt. 1788 bis 15. Febr. 1798 hat 439 Nummern.

  3. Brief an P. Pirmin: „Mirum est profecto confratrum meorum ingenium. Laudant, mirantur, extollunt Boxleriana musicalia; at qui …“ (Briefsammlung). P. Gerold schrieb wenigstens 18 Messen damaliger Musiker ab, ferner Ouvertüren, Arien, Concertanten etc.

  4. „Parva, nec invideam, videas, epistola, Muros; Heu mihi, quo Domino non licet ire tuo.“

  5. P. Gerold corresporidirte mit Jakob Sulzer in Winterthur; P. Basilius Balthasar, Kapitular in St. Gallen; Hildebrand, Kaplan in Beromünster; Dr. Rudolf Iselin in Basel; Balthasar Oltrochi, Professor und Bibliothekar in Mailand etc.

  6. Staatsarch. Luzern, Akten: Kloster Muri.

  7. Ein patriotischer, später wissenschaftliehe Zwecke verfolgender Verein.

  8. Kaffee und Chocolate hatte Abt Bonaventura II. dem Konvente gestattet; Abt Gerold II. verbot beides, ja er untersagte sogar den Gebrauch des Schnupftabakes während des Chorgebetes (Acta Cap., 1777).

  9. Vgl. Tagbuch von P. Leod. Schmid (Arch. Muri in Gries).

  10. Von seinen Handschriften sind noch vorhanden: a) die werthvolle Sammlung der „Literæ familiares“, drei Quartbände; dazu kommen noch 2 Quartbände Briefe an seine Mitbrüder, wovon der 1. leider verloren ging; b) „Schodeler Balthasar, rerum helveticarum historia“, II. Band in Folio; den 1. Band schrieb sein Kanzler Niderist (Kantonsbibl. in Aarau, Muri-Hdschr.); c) Geschichte des fürstlichen Stiftes Säckingen, verfasst von P. Mauriz van der Meer, gr. f°., 464 Seiten (Arch. Muri in Aarau, F, 6 bei T); d) „Tractatus de Congregationibus O. S. B. et recensio, virornm illustrium Congregationis helv.“, verfasst von P. Mauriz van der Meer, gr. f°., 361 Seiten (Arch. Gries); f) Urkunden zur Geschichte des Gotteshauses St. Katharinenthal, von P. Mauriz, 2 Bände, f°. (Arch. Gries); g) Uebersetzung ins Deutsche von „Expositio Regulæ s. Patris nostri Benedicti“ von Abt Smaragdus (Biblioth. in Gries).

  11. Baron Beat Fidel Zurlauben erhielt (1777) durch ein Handschreiben vom Fürstabte das Marschallamt, wofür ihm jener aus Paris den geziemenden Dank aussprach (Arch. Muri in Gries A. I. I.).

  12. Acta. Cap.

  13. Vgl. Rechnungsbücher, Arch. Muri in Aarau R. 139, 140; Arch. Muri in Gries A. V. V. – Die Maler und Stnkkatoren etc. sind kaum der Erwähnung werth.

  14. Arch. Muri in Gries.

  15. Arch. Muri in Gries A. IV, VIII.; Acta. Capituli.

  16. Arch. Muri in Gries A. IV. VI.

  17. Arch. Muri in Gries A. IV. III.

  18. Arch. Muri in Gries, Chronik von P. L. Schmid.

  19. Arch. Muri in Gries, Chron. P. L. Schmid.

  20. Er verliess später den Orden und verlor 1806 als Kaplan in Goldau durch den bekannten Bergsturz sein Leben (Arch. Gries, Briefsammlung etc.).

  21. Betreffende Pfarrladen und Arch. in Gries.

  22. Nebst P. Paul Maria auch Fr. Cölestin.

  23. Arch. Gries, Miscella, F. I. Häufig konnten die studirenden Fratres zur Belohnung ihres Fleisses diese Besuche machen; die Aebte stellten dann Zeugnisse ihres guten Verhaltens aus.

  24. Chronik P. L. Schmid (Arch. Muri in Gries).

  25. Er war der letzte Ammann in Muri.

  26. Acta Capituli. Der „Fall“ erinnerte den Bauer, dass er durch die Wohlthat des Klosters die persönliche Freiheit erlangt hatte. Albert, der erste Abt von Marienberg in Tirol, schenkte um das Jahr 1150 den Stamutzen (Fischern) die Freiheit und bestimmte, dass sie bei jedem Todesfalle ihrer Angehörigen das Theuerste, was der Verstorbene an Pferden oder an Vieh besass, dem Kämmerer des Abtes abliefern sollen (Alb. Jäger, landst. Verfassung Tirols 1., 528, 529).

  27. Arch. Muri in Gries: Deutsche Herrschaften.

  28. Statt Bütler (vgl. alte Kataloge etc.).

  29. Eidgen. Absch. VIII., 490.

  30. Eidgen. Absch. VIII., 489.

  31. Arch. MIuri in Gries.

  32. Eidgen. Absch. VIII., 387.

  33. Eidgen. Absch. VIII., 487-488.

  34. Arch. Muri in Gries.

  35. So im Jahre 1786 (Arch. Muri in Gries).

  36. Briefsanmlung in Gries.

  37. Reflexionen über den Sentihof in Muri u. s. w. (Arch. Muri in Gries).

  38. Dieses verdienstliche Werk, das heute noch zu Rathe gezogen wird, wurde in den Jahren 1779 u. 1782 vollendet (Arch. Muri in Aarau).

  39. Acta Capituli und Briefsammlung des Abtes Gerold II.

  40. Arch. Muri in Gries; Acta Cap.

  41. Arch. Muri in Gries; Acta Cap.

  42. Die Abzahlung dieser Schuld leistete die Regierung von St. Gallen in Raten bis zum Jahre 1809.

  43. Die Heimzahlung geschah in den Jahren 1806 und 1807 (Familienarchiv Wyrsch in Buochs).

  44. Die Wienerhofzeitung gab hievon einen weitläufigen Bericht (Arch. Muri in Gries).

  45. Arch. Muri in Gries A. IV. VIII.

  46. Vgl. Alte u. Neue Welt, IX. Jahrgang, S. 663, 664.

  47. Der volle Abschluss des Handels geschah 1784 (Arch. Muri in Gries D. I. II.).

  48. Arch. Muri in Gries D. II.

  49. Arch. Muri in Gries D. I. V.

  50. Ihre Zahl mag wohl über 400 gegangen sein; denn viele Namen haben den Beisatz „associè“. Leider fehlt die Fortsetzung dieser Aufzeichnung (Arch. Muri in Gries A. VII. IX.).

  51. Handschr. im Arch. Muri in Gries.

  52. Arch. Muri in Gries, Tagbuch von P. Beat Puchs.

  53. Staatsarch. Luzern, Akten: Kloster Muri.

  54. Arch. Muri in Gries.

  55. Arch. Muri in Gries. Hätte der Kaiser nur den zehnten Theil davon für seine Armee verlangt, welch' ein Geschrei wäre entstanden!

  56. Dankschreiben vom 20. Dezember 1796 und 8. Jänner 1797 (Arch. Muri in Gries D. I.).

  57. Arch. für Schweiz. Gesch. XII., 465.

  58. Arch. Muri in Gries A. IV. VIII.