Fünftes Kapitel. Bonaventura II. Bucher, XLV. Abt (1757-1776), IV. Fürst.

Die Abtwahl in Muri erlitt nach dem Hinscheiden des Fürsten Fridolin II. wegen der auf den 29. August angesagten Aebteversammlung der schweizerischen Benediktinercongregation in Rheinau eine kleine Verzögerung. Dieselbe fand am 5. September 1757 statt. Als deren Leiter erschienen der päpstliche (II-201) Nuntius Buffalini und die Aebte von St. Gallen und Einsiedeln. P. Leodegar Salzmann, Prior und später viel genannter Abt von Engelberg, fungirte hiebei als Notar. Sechsunddreissig Kapitularen, wovon 4 aus dem Thurgau und 4 aus den deutschen Herrschaften herbei geeilt waren, gaben ihre Stimmen ab.1 Mit grosser Mehrheit wurde im ersten Wahlgange Bonaventura Bucher zum IV. Fürstabte von Muri ernannt.

Sein blühendes Alter (er zählte erst 38 Jahre), seine Kenntniss und Erfahrung in der Geschäftsführung, die er sich als Subprior und Kanzleidirektor erworben, die Zuneigung und das Vertrauen seiner Mitbrüder, die ihn fast einstimmig zu ihrem Prälaten erwählten, das Entgegenkommen der Landesherren, die ihm nach Erlegung der üblichen Recognitionsgelder ihren Schutz sogleich zusagten,2 liessen eine glückliche und lange Regierung erwarten. Doch der Mensch denkt, Gott lenkt. Bonaventura II. hatte seine Wiege in Bremgarten, einer Stadt, welche die Konventualen Muri's schon seit Jahrhunderten zu ihren Mitbürgern zählte, und die gerade vor hundert Jahren Bonaventura I. (Hohenegger) als Prälaten nach Muri gegeben hatte. Der junge Bucher war in den Klosterschulen zu Muri in das gründliche Wissen, welches er besass, eingeführt worden.3 Nach vollendeten Studien betrat er die Lehrkanzel der Rhetorik, Philosophie und Theologie. Eine handschriftlich noch vorhandene Dissertation vom Jahre 1749 über die bischöflichen Reservatfälle gewährt uns einen Einblick in sein theologisches Wissen.4 Wegen seiner Vorliebe zur Ascese nahm der geschätzte P. Gerold Müller von Rheinau keinen Anstand, sein Werk, „Octiduana Spiritus Benedictini Recollectio“, herausgegeben bei Ignaz Hautt in Luzern (1754), dem Dekan und Subprior in Muri, P. Leodegar und P. Bonaventura, zu widmen.5 Auch die Aebte der Schweizer-Congregation (II-202) achteten die Kenntnisse des P. Bonaventura in Muri und wählten ihn zu ihrem Vicesekretär 1754.

Die andauernde Krankheit des Abtes Fridolin II. hatte viele Geschäfte unerledigt gelassen. Kaum war Bonaventura zur Regierung gelangt, waren selbe bald zum Wohle des Klosters abgewandelt. Die deutschen Herrschaften hatten den Fürstabt von Muri (Gerold I.) im Jahre 1748 das letzte Mal gesehen. In Anbetracht der vielen Wohlthaten, die Gerold I. auf seiner Reise nach Deutschland spendete, riefen die Unterthanen in ihrer Begeisterung: „Es lebe der Fürst in Ewigkeit!“6 Den Fürstabt Fridolin II. hatten sie nie das Glück gehabt, zu begrüssen, Der rüstige Bonaventura II. wollte Land und Leute selbst kennen lernen und eilte schon einen Monat nach der Erhebung zur Fürstenwürde in die deutschen Herrschaften. Dort bewunderte er P. Fintan's treffliche Leitung der Oekonomie in Glatt. Die Unterthanen der Herrschaften leisteten ihm freudig den Huldigungseid, und zugleich war er besorgt, dass der Kaiser nach Uebung den Blutbann verleihe.7 Auch Muri wurde aufgefordert, wegen seiner deutschen Herrschaften Geld und Leute wegen des neu 1756 mit König Friedrich II. von Preussen ausgebrochenen Krieges Oesterreich zukommen zu lasse. Im Jahre 1758 wurde der Konvent Muri durch ein nichtiges Gerücht erschreckt: der Fürstabt müsse der Kaiserin 500, ja 1500 Mann ins Feld stellen. – Einen grossen Verdruss bereitete dagegen dem Abte Bonaventura II. ein Söldling, der, in seinen Herrschaften ausgehoben, den Ausreisser machte und sich flüchtete.8 – Kardinal Rodt, Bischof von Constanz sollte für Oesterreich ein Anleihen von zwei Millionen Gl. machen. Die Zürcher wollten das Geld geben, wenn die schweizerische Benediktinercongregation als Bürge eintreten würde. Der Kardinal hatte in dieser Sache vorzüglich sein Auge auf Muri gerichtet. Allein Abt Bonaventura, der schon am 24. Sept. 1757 eine Gabe (donum gratuitum) von 1000 Louisd'or nach Wien geschickt hatte, wollte lieber eine zweite Gabe von gleichem Werthe der Kaiserin einhändigen, als wegen einer Geldanleihe die Stifterfamilie sich verbindlich machen. Maria Theresia dankte dem Fürstabte für diese grossmüthige Doppelgabe durch ein Handschreiben.9 Leicht hätte der Abt bei dieser Gelegenheit den Blutbann in Dettingen als ein Allod an das Kloster bringen können; er wollte aber die Gabe nicht durch kleinlichen Eigennutz beflecken.10

(II-203) Das folgende Jahr bereiste Bonaventura II. die Herrschaften im Thurgau und empfing die Huldigung in Klingenberg und Eppishausen.11 Hier und in andern Orten legte er Angelegenheiten geringem Belanges bei. – Doch in den Stammbesitzungen des Klosters tauchten jetzt Fragen auf; die seine Thätigkeit mehrere Jahre in Anspruch nahmen. Das Bisthum Constanz hatte noch immer kein Priesterseminar, wie das Concil von Trient es vorschrieb. Kardinal von Rodt war ernstlich bestrebt, dasselbe ins Leben zu rufen, und beabsichtigte nach den Vorgängen anderer Bischöfe in den österreichischen Staaten, die Benediktinerklöster zu diesem Zwecke besonders zu besteuern.12 Bereits hatte er den Aebten von St. Gallen, Muri u. s. w. hievon die Anzeige gemacht und ihnen wegen Zahlung des Geforderten den Eid des Gehorsams abverlangt. Das Kloster Rheinau leistete den Eid, ohne die übrigen Klöster der Eidgenossenschaft vorher darüber zu befragen. St. Gallen und Muri bekämpften das Ansinnen des Kardinals (1759) und nöthigten ihn zum Rücktritte. Hätten diese zwei Klöster mit gleichem Eifer dafür anstatt dagegen gesprochen, das Bisthum Constanz bestünde vielleicht heute noch. Schuld an diesem Widerstande mag wohl die Luzerner Regierung gewesen sein, die zur Bildung einer gefügigen Priesterschaft in den Jahren 1726-1735 ein Sonderseminar gründen wollte, und desshalb – die Besitzungen der Klöster zu besteuern beantragte und den Weltklerus zu einem donum gratuitum aufforderte.13 Dagegen hatten sich Muri und die übrigen Klöster mit Grund erhoben. Die Regierung liess das Seminar fallen; allein zur Hebung der zerrütteten Finanzen glaubte sie, die geistlichen Güter besteuern zu können. Der hl. Stuhl in Rom gestattete endlich der Luzerner Regierung 1765, eine freiwillige Steuer von der Weltgeistlichkeit, nicht aber von den Stiften und Klöstern erheben zu dürfen, und verbot jede Taxation; denn er wollte, dass die Immunität des Kirchengutes gewahrt bleibe. Doch die Regierung wollte sich diese Einschränkung nicht gefallen lassen und befahl das folgende Jahr, die Vermögensverhältnisse der Klöster zum Behufe der Besteurung zu untersuchen. Viele Mitglieder dieser Behörde glaubten nämlich, die Katholiken seien desshalb 1712 den Reformirten unterlegen, weil diese die Kirchengüter für ihre Zwecke nach Belieben ausnützen konnten, jene aber nicht. Zur Stärkung dieser Ansicht erschienen in Zürich (?) die (II-204) „Reflexionen“ über die Zuträglichkeit der Aufhebung oder Beschränkung der regulären Orden.14 Die Luzerner Regierung adoptierte diese Schrift. Doch in wenigen Jahren (1772) wurde der Hauptführer der klosterfeindlichen Partei, Valentin Maier, gestürzt, und Muri war von der drohenden Gefahr vorläufig befreit.15 Die neue Luzerner Regierung gewährte unserm Konvente sogleich die Gnade der Zollfreiheit für seine Zehentfrüchte und den Zehentwein bei der Zollstätte zu Schongau, wofür der Abt den schuldigen Dank aussprach.16 Doch nur kurze Zeit dauerte diese Zuvorkommenheit gegen die Klöster und die Geistlichkeit. Wie die frühere Regierung machte auch diese Angriffe auf das Kirchengut, indem sie von der Priesterschaft und den Stiften ein donum gratuitum zu erhalten trachtete. Allein Abt Bonaventura II., der schon früher den hl. Stuhl aufmerksam gemacht hatte (1765), gegen Luzern Vorsicht zu beobachten, vereinigte jetzt alle religiösen Genossenschaften des Kantons (St. Urban, Münster u. s. w.) zu einer gemeinsamen Protestation und bewirkte, dass die Benediktiner-Aebte der Schweiz gegen das donum gratuitum für Luzern gemeinsam ihre Stimme erhoben.17 Die Regierung wollte indessen zur Erhaltung ihrer höhern Schulen, die wegen der Aufhebung des Jesuitenordens in Frage gestellt waren, noch weiter gehen und liess sich wegen Verminderung der Mitglieder in den vier Frauenklöstern im Kantone einen Plan vorlegen, um den Geldüberschuss derselben zur Besoldung der Professoren zu verwenden. Sie scheint aber das Grelle eines solchen Vorgehens gefühlt zu haben und fragte daher, um ihren Rückzug zu decken, in dieser Angelegenheit den Abt von Muri um Rath. Er mahnte von derartigem Vorhaben entschieden ab, und sein Wort fand auch Gehör.18

Fürstabt Bonaventura hatte bei Vertheidigung der klösterlichen Rechte und der kirchlichen Immunität jedenfalls die reinsten Absichten. Ob er aber in den damaligen Zeitverhältnissen durch Anempfehlung milderer Grundsätze grösseren Segen für die katholische Kirche vom Himmel erlangt hätte, wer dürfte das mit Sicherheit aussprechen! – Doch lasset uns sehen, wie er die Rechte seines eigenen Klosters wahrte. Die Jahre 1759 bis 1762 waren für ihn eine fortlaufende Kette von (II-205) Kämpfen. Zunächst verlangte das St. Michaelsamt (Münster), dass die Murikloster-Lehensleute in Schongau für den Strassenbau nach Sursee Frohndienste leisten.19 Abt Bonaventura II. beschwerte sich dagegen, weil es eine neue Forderung sei; er befahl aber gleichzeitig, dass die Lebensleute aus Güte gehorchen sollen. Ein anderer Streit tauchte wider den Landvogt der obern Freiämter, Ulrich von Schwyz, wegen Rechtsverfahren bei Fallimenten u. s. w. auf.20 Wichtiger, als die berührten, war der sogen. „Erdäpfelstreit“ mit mehreren Gemeinden in der Nähe des Klosters. Er betraf die Frage, ob das Kloster das Recht habe, von den Kartoffelfeldern der urbar gemachten Wälder den Zehenten zu beziehen. Abt Bonaventura liess den geschichtlichen Verlauf und die Akten dieses Streites durch P. Johann Bapt. Wieland im Drucke erscheinen.21 Geringern Belanges war indessen der Anstand mit der Gemeinde in Muri wegen dortigen „Harschiers“ (Dorfpolizei).22 – Neue Sitten und Gebräuche, neue Begriffe und Rechtsanschauungen brachten oft die alten Einrichtungen in diesen Zeiten zum Schwanken und veranlassten die Zwiste. Abt Bonaventura II. trug den neuen Ideen insoferne Rechnung, als es ohne Schaden des Klosters geschehen konnte. Jedoch die häufigen, vielfach unbilligen Angriffe auf die hergebrachten Rechte des Klosters machten ihn zurückhaltender in Ertheilung der Zugeständnisse. Daher befahl er auch, dass die Tagesereignisse, wie auch die Umstände der Streitigkeiten für die Nachkommen genau aufgezeichnet werden.23

Die neuen Ideen bedrohten aber nicht bloss die Rechtsverhältnisse, sondern auch die innere Zucht und Ordnung der Klöster. Der weitblickende Abt Bonaventura II. erkannte bald diese Gefahr. Daher forderte er die Mitbrüder zu fleissiger Beobachtung der hl. Ordensregel und der Satzungen auf. Um seinen Worten grössern Nachdruck zu geben, schrieb er zunächst sich selbst eine strengere Lebensweise vor; er versagte sich die unschuldigsten Vergnügungen, so das Kartenspiel mit den Gästen, welches er vom ganzen Kloster verbannt wissen (II-206) wollte.24 Desto eifriger lag er dann dem Gebete ob. Zur Befestigung der Disciplin ordnete er das Leben der Konventualen und Klosterdiener, und ertheilte jedem, der inner- oder ausserhalb des Gotteshauses ein Amt hatte, besondere Vorschriften. Waren schon passende vorhanden, so bestätigte er sie einfach, andere brachte er mit den neuen Verhältnissen in Einklang oder verfasste neue.25 Trefflich sind die Bestimmungen für den Aufseher der Apotheke, der ein Mitglied des Konventes war; zweckmässig sind auch die Vorschriften für die Feuerordnung und für die Leitung der Oekonomie.26 – Die strenge Beobachtung des Gelübdes der Armuth hielt Abt Bonaventura für das beste Mittel, um seine Mitbrüder vor dem verderblichen Zeitgeiste zu schützen. In dem Punkte ging er weiter, als die Statuten der Schweizer Benediktinercongregation sonst vorschreiben. Veranlasst durch Anselm von Salmenschweil wählte er sich als Vorbild in dieser Sache den Abt des Cistercienserklosters la Trappe, Bouthilier de Rance, und bestimmte demnach: dass die Murikonventualen künftig weder bei sich, noch bei ihrem Obern ein sogenanntes Peculium, worüber sie mit Erlaubniss der Obern eigenmächtig verfügen könnten, haben dürfen; dagegen empfangen sie alle leiblichen Bedürfnisse, ohne Ausnahme, vom Kloster. Für diese Entbehrung entschädigte Abt Bonaventura seine Mitbrüder mit einem bessern Tisch, der aber noch immer einfach genug war; in die Zellen, die früher entweder keine oder nur spärliche Erwärmung hatten, liess er Oefen stellen; den Priestern und schwachen Konventualen gestattete er das Frühstück, das bisher im Kloster nicht bekannt war, und den Kranken liess er alle Mittel zur Erlangung der Genesung zukommen. Durch diese neuen Verordnungen bezweckte er, die Verbindung mit der Aussenwelt möglichst abzuschneiden und das Lesen verderblicher Bücher und Schriften zu beseitigen. Freilich rief diese eingreifende Veränderung, die Abt Bonaventura II. ohne Rücksicht auf die übrigen Aebte der Congregation vornahm, bei einzelnen Konventualen Missbehagen hervor.27 Die Zeiten der französischen Revolution haben jedoch das Vortheilhafte dieser Neuerungen (II-207) glänzend bewiesen. Während Muri deren Stürmen und Gefahren am meisten ausgesetzt war, erwies dasselbe sich fester und entschiedener, und entwickelte zur Erhaltung und Restauration der Klöster in der Schweiz mehr Eifer, als irgend ein anderer Konvent der Benediktiner-Congregation. Auch in den neuesten Zeiten fand man, dass das beste Mittel, ein Kloster zu reformiren, die strenge Beobachtung des Gelübdes der Armuth sei.

Weil die deutschen Herrschaften am Nekar an Ausdehnung und Einträglichkeit zunahmen und mehrere Muri-Konventualen in der Seelsorge wie Oekonomie in denselben thätig waren, so beabsichtigte Bonaventura, in Glatt ein Priorat zu gründen; doch ein gegentheiliger Beschluss des Kapitels trat diesem Gedanken hinderlich entgegen.28

Abt Bonaventura besass eine grosse Kenntniss im Bauwesen. Davon geben Zeugniss das Sommerhaus im Horben auf dem Lindenberge, das Schloss Eppishausen im Kanton Thurgau und der Pfarrhof in Wohlen, welche Bauten unter seiner Leitung aufgeführt wurden.29 Er dachte auch ernstlich daran, sein Kloster umzubauen. Bereits hatte er einen trefflichen Plan entworfen, wornach jeder Priester zwei Zimmer erhalten hätte, und das Kapitel war mit dem Bau zugleich einverstanden; allein innere und äussere Umstände hinderten dessen Ausführung. Gleiches Schicksal hatte die Bibliothek. Deren Bau war wegen anwachsender Bücherzahl öfters vom Kapitel beschlossen worden;30 aber der Beschluss blieb stets unausgeführt. Für den Klosterbau waren 3-400,000 Gld. bereit und bei deutschen Herren und Fürsten zinstragend angelegt.31

Wenn aber Abt Bonaventura II. schon viel Geld für die Bauten verwendete oder bereit hielt, so liess er die Armen und Unglücklichen dies keineswegs fühlen. In Dettingen gründete er den Armen- und Waisenfond; den zwei in Glatt und Dettensee für dieselben Zwecke schon bestehenden Fonden wies er alle daselbst fallenden Strafgelder zu und verordnete zugleich, dass die Waisenkinder wenn möglich ein Handwerk erlernen.32 Den abgebrannten St. Blasianern schenkte er 100 Louisd'or; die ebenfalls durch Brand (1771) verunglückten Frauenfelder (II-208) erhielten von ihm 330 Gl.,33 und zudem ertheilte er Privaten daselbst noch besondere Gaben.34 In den Jahren 1770 und 1771 herrschte in der Schweiz eine grosse Theurung. Als Abt Bonaventura gehorsamst der Regierung von Luzern seinen Getreidevorrath meldete, fügte er bei, dass er monatlich für die Armen 100 Mütt Kernen, 60 Mütt Roggen und 26 bis 28 Malter Hafer brauche.35 Klagen wegen Wucher u. s. w. wurden daher, wie in St. Gallen und andern Orten,36 in der Umgebung von Muri nicht vernommen.

Nach dem Wunsche und Geiste der katholischen Kirche eiferte Abt Bonaventura auch für Hebung der Volksschulen; aber auffallend – gerade in diesem edlen Bestreben trat ihm die weltliche Behörde hinderlich entgegen. Als Zehentherr hatte er zur Erweiterung der Stadtschule in Sursee Geldbeiträge gegeben. Das genügte ihm nicht; er wollte auch in den weit entlegenen Filialen dieser grossen Pfarrei Volksschulen gründen. Am 14. April 1773 meldete er den diesbezüglichen Beschluss seines Kapitels der hohen Regierung in Luzern. Allein diese verwarf das Vorhaben des Abtes gänzlich und zumeist aus dem Grunde, weil die unruhigen Bauern die erlangte Bildung zur Felonie missbrauchen könnten.37

In den letzten Lebensjahren war Abt Bonaventura sehr leidend; dazu kamen noch Verdriesslichkeiten von aussen, hervorgegangen aus dem nichtigen Formenwesen des XVIII. Jahrhunderts. Das Auslassen einer einzigen Titulatur, welche Markgraf von Baden beanspruchte, hatte dem Abte weitläufige Correspondenzen veranlasst,38 und der Stand Luzern wünschte von Zürich zu vernehmen, welcher Titulaturen Muri sich dieser Behörde gegenüber bediene.39

Der Tod erlöste ihn von den vielen Leiden am 3. Juni 1776. An seiner Leiche standen klagend 45 Mitbrüder. Diese setzten ihm folgende Inschrift auf seinem Grabdenkmal: „Leblos aber voll des Ruhmes liegt zu den Füssen des erhabenen (II-209) Vaters40 der würdige Sohn Bonaventura, Fürst des hl. römischen Reiches und Abt des Klosters Muri, ehemals Visitator der schweizerischen Benediktinercongregation, der Vater der Armen, Vertheidiger der Rechte und Eiferer für die Klosterordnung. Der Tod entriss ihn uns als Erdengut allzufrüh und brachte ihm dagegen das ersehnte Himmelsgut.“41

Vierundzwanzig junge Männer legten in seine Hände die hl. Profession ab,42 während 23 ihm in die Ewigkeit vorausgegangen waren.43


  1. Vom Thurgau kamen: P. Ignaz Jütz, Oekonom in Klingenberg; P. Mauriz Larger, Pfarrer in Homburg; P. Pirmin Troxler, Oekonom in Eppishausen; P. Bernard Wallier, Kaplan in Biessenhofen; – aus den deutschen Herrschaften erschienen: P. Fintan Guntlin, Oekonom in Glatt; P. Cölestin Kaufmann, Valetudinarius; P. Ambros Graf, Oekonom in Dettingen, und P. Nikolaus Jakober, Pfarrer in Glatt.

  2. Acta Cap.; Arch. Muri in Gries A. I. III.

  3. Arch. Muri in Gries. Sein Vater möchte Arzt in Bremgarten gewesen sein; ein Bruder des Abtes Bonaventura II. erlangte 1754 die Würde eines Schultheisses in Bremgarten.

  4. Er kommt zum Schlusse: „Mendicantes nunquam habuisse specificum privilegium absolvendi a casibus episcopalibus“, auch die Mitglieder der schweiz. Benediktiner-Congregation haben nie dieses Privilegium gehabt (Arch. Muri in Gries A. I. II.).

  5. Den „Spiritus St. Patris Benedicti“ widmete P. Gerold Müller dem Fürstabte Fridolin II. Kopp. Dieses Werk wurde bald ins Deutsche übersetzt. Die Recollectio ist eine Blumenlese aus dem Spiritus St. P. Benedicti.

  6. Annal. II., 780.

  7. Arch. Gries A. I. III.

  8. Arch. Muri in Gries A. I. III.

  9. Acta Capit. u. a. O.

  10. Arch. Muri in Gries A. I. III.

  11. Arch. Muri in Gries A. I. III.

  12. Räthe in Wien sprachen sogar von der Reducirung der Mitglieder einzelner Klöster, um deren Einkommen zum Theile für Staatszwecke verwenden zu können (Arch. Muri in Gries A. I. III.).

  13. Segesser, Rechtsgeschichte. IV., 667.

  14. Gedruckt 1769, 8°, 64 S. Spätere Klosterfeinde haben diese Schrift häufig benutzt. Eine Widerlegung der Reflexionen, ebenfalls ohne Angabe des Druckortes, erschien sofort (8°, 72 Seiten).

  15. Segesser, Rechtsgeschichte IV., 668-670.

  16. Rathsprotokoll Luzern.

  17. Tagebuch im Arch. Muri in Gries A. I. III.

  18. Segesser, Rechtsgesch. IV., 713 ff.; Arch. Muri in Gries A. I. III.

  19. Staatsarch. Luzern, Akten: Kloster Muri.

  20. Vgl. Staatsarch. Luzern: Kloster Muri (Judikaturstreite).

  21. Die Angelegenheit waltete sowohl vor einzelnen Ständen, als vor den Tagherren sämmtlicher regierender Orte (Arch. Muri in Gries A. I. III.). Kardinal Garampi war gerade in Muri, als in Luzern über. diese Streitfrage gesprochen wurde (Vatic. Geheimarch.).

  22. Der „Harschier“ erscheint in Muri zuerst unter Abt Fridolin II. Das Kloster hatte jedoch schon früher seinen besondern Wächter (Arch. Muri in Gries).

  23. Vgl. die Streitschriften des P. Joh. Bapt. Wieland und Tagebuch v. Benedikt Suppiger; von diesem letztern ist leider nur Weniges vorhanden (Arch. Muri in Gries).

  24. Acta Capituli.

  25. Dergleichen waren: Decreta particularia pro Expositis; Ordo frequentandi Chorum pro PP. Professoribus Theologiæ et Philosophiæ; pro Scholarum moderatore u. s. w.

  26. Arch. Muri in Gries A. II.

  27. Arch. Muri in Gries A. I. III. Die Nothwendigkeit dieser Abschliessung unseres Klosters von der Aussenwelt erhellt aus dem Zustand vieler Benediktinerklöster jener Zeiten in Frankreich (Studien und Mittheil., VIII. Bd., S. 591-593).

  28. Acta Capituli.

  29. Arch. Muri in Gries A. I. III.

  30. Acta Capit.

  31. Dem Fürsten zu Hohenzollern, Jos. Wilhelm, gab Abt Bonaventura ein Kapital von 68,000 Gl., dem Baron Rassler 4000 Gl., den Baronen von Ulm 14,000 fl. u. s. w. (Arch. Muri in Gries).

  32. Arch. Muri in Gries D. I. VIII.

  33. Vgl. J. A. Pupikofer, Geschichte der Stadt Frauenfeld, S. 462.

  34. So den Baronen Rupplin und Wirz v. Rndenz je 30 Karolin u. s. w. (Arch. Muri in Gries A. I. III.).

  35. Staatsarch. Luzern, Kloster Muri-Akten. Schwerlich werden die Regierungen von Zürich oder Bern so viel Almosen wie Muri damals gegeben haben.

  36. Vgl. Handschr. von P. Gerold Brandenberg, Konventual von St. Gallen (Bibliothek in Gries).

  37. Acta Cap. „Lucernenses præceptam ideam, in districtu Lucernensi scholas erigendi penitus rejecisse et potissimnm ob rationem status, ne inquieti rustici his in malam partem et ad perfidiam exeoquendam abuti possint.“

  38. Arch. Muri in Aarau, Abtheilung „Allerlei“.

  39. Staatsarch. Luzern, Kloster Muri-Akten.

  40. Fürstabt Bonaventura II. ruht vor dem Altare des hl. Vaters Benedikt, an der Seite des Fürstabtes Gerold I.

  41. „Quem mors dum demetit præmatura, nobis abstulit Bonum præsens, ipsi detulit, qua sola cupiit, Bona ventura“ (Mauritii van der Meer, Miscell. III.).

  42. 20 Kapitularen und 4 Laienbrüder.

  43. 19 Kapitularen und 4 Laienbrüder.