Zweites Kapitel. Placidus Zurlauben, Fürstabt (1701-1723).

Die äussere Veranlassung zur Verleihung des Fürstentitels an Muri im Jahre 1701 bot der spanische Erbfolgekrieg. Oesterreich und Frankreich hatten um den Thron der pyrenäischen Halbinsel das Schwert gezogen und bekämpften sich in heissen Schlachten. Abgeordnete beider streitenden Mächte suchten damals aus der neutralen Schweiz möglichst viel Geld und Leute für den Krieg zu erhalten. Der österreichische Gesandte, Graf Trautmannsdorf, weilte 1701 in Baden an der Limmat, um den eidgenössischen Tagsatzungen nahe zu sein. Abt Placidus lud ihn höflich ein, die ehrwürdige Habsburger Stiftung zu besuchen. Am 17. Juni genannten Jahres kam der Graf nach Muri und wurde unter Glockengeläute und Kanonendonner empfangen. Die reizende Lage, die in Gold prangende Kirche, das neugebaute Kloster, die treffliche Klosterordnung, die wissenschaftliche Bildung des Abtes und der einzelnen Konventualen von Muri machten auf den hohen Gast einen überwältigenden Eindruck. Vor der Abreise wandte er sich daher mit folgenden Worten an den Prälaten: „Ich schulde Ihnen wegen des mir (II-156) erwiesenen Wohlwollens sehr viel. Doch mehr noch schulde ich dem durchlauchtesten Kaiser. In der Klosterkirche ruhen die entseelten Ueberreste der Vorfahren meines erhabenen Gebieters. Was? wenn diese Beziehungen durch eine besondere Gnade des mildreichsten Leopold I. wieder auflebten? Der Ort ist berühmt, das Kloster gross und prachtvoll, die Kirchenzierden kostbar, die Einkünfte bedeutend und dennoch ist der Name Muri in Wien an der Donau kaum bekannt. Ich fürchte aber sehr, Se. Majestät könnte mir das Verschweigen solcher Dinge übel deuten. Hochselber ist dagegen in seiner Milde Entsprechendes zu gewähren gerne bereit. Meine Absicht geht also dahin: Abt Placidus und seine Nachfolger sollen Fürsten des hl. römischen Reiches (S. R. J.) werden, und es fehlt mir dazu bloss die Zustimmung Euer Gnaden und Ehrwürden.“ – Abt Placidus, auf solche Worte des Grafen nicht gefasst, entgegnete mit Bescheidenheit: die Sache sei ebenso mit Schwierigkeiten verbunden, als sie Ehrenvolles biete. Vorab müsse er sein Kapitel um die Meinung hierüber befragen. Die Eidgenossen, die Kastenvögte des Klosters, werden eine Erhebung Muri's zur Fürstenwürde mit schiefen Augen betrachten und aus Furcht, ihr Ansehen und ihre Rechte möchten dadurch geschmälert werden, selbe nicht gerne gestatten. Er selbst möchte lieber dieser hohen Ehre verlustig gehen, als seinem Kloster Verlegenheiten und Schaden bereiten.

Graf Trautmannsdorf bewunderte des Abtes Demuth, reiste ab und schrieb rasch aufeinander drei Briefe nach Muri, um dem Abte und Kapitel die Annahme des Fürstentitels zu empfehlen und deren Gründe für die Ablehnung zu entkräften. Im letzten Schreiben fragte der Graf den Abt Placidus direkt an: ob er die Würde auch dann ausschlage, wenn selbe ihn „ultro“1 verliehen werde, wobei die Auslagen hiefür nicht zu hoch gehen! – Muri ertheilte nun die bescheidene Antwort: die ganze Angelegenheit überlasse es seinem Ermessen, im Bewusstsein, dass der Graf nur Habsburgs Ehre und den Nutzen des Klosters im Auge habe. Dies genügte dem Botschafter. Sogleich richtete er ein Schreiben an den Kaiser nach Wien und weihte den Kanzler, Graf Kauniz, in die Sache ein. Ohne Anstand erklärte Se. Majestät Anfangs November 1701 den Abt Placidus von Muri und dessen Nachfolger als Fürsten des hl. römischen Reiches und verordnete dessen Eintragung ins Fürstenbuch.

Baron von Greut (auch Grüt) war am 20. November (II-157) schon in Muri mit Briefen von den Grafen Kauniz und Trautmannsdorf, worin beide die Huld des Kaisers bezeugen und dem Abte zur neuen Würde gratuliren.

Die Erlangung des Fürstentitels war für Muri ein Leichtes; aber desto schwieriger war es, ihn zur Anerkennung zu bringen und festzugründen.

Zunächst hatte Abt Placidus für die Ausstellung des Fürstendiploms zu sorgen und musste zu dem Ende ein besonderes Bittgesuch nach Anleitung des Grafen Trautmannsdorf dem Kaiser einreichen. Das Gesuch enthält die Gründe, wesshalb der Kaiser dem Abte Placidus und seinen Nachfolgern in Muri den Fürstentitel huldvollst verleihen möchte, und berührt die Gnaden. die Muri damit verbunden zu haben wünschte. Die vorgebrachten Gründe sind: Muri verdient die Fürstenwürde 1) in Rücksicht der Stifter; 2) in Anbetracht der Dienste, die Muri seit der Stiftung dem Hause Habsburg erwiesen; 3) wegen der Liebe und Treue, die es gegen die Herzoge von Oesterreich stets bewahrte und 4) in Hinsicht der adelichen Abstammung des Abtes Placidus.

Der Konvent bittet dann, Se. Majestät wolle an die Fürstenwürde folgende Gnaden knüpfen: 1. der Abt von Muri möge das Recht haben, die vier Erbämter (Marschall-, Kämmerer-, Schenk-, und Truchsessenamt) an die Freiherren von Thurn und Gestellenburg, die Edlen von Schönenwerd, Greifensee und Aristau zu vergeben, und 2. dem Klosterwappen den Habsburger Löwen beizugeben. Schliesslich empfiehlt das Schreiben das Gotteshaus Muri der Gnade und dem Schutze Sr. Majestät des Kaisers. Auf dashin erfolgte das Diplom mit dem goldenen Siegel, ausgestellt unter dem 20. Dezember 1701.2 Darin sind alle im Bittgesuche berührten Punkte enthalten. – Nach der Wappenbeschreibung folgt noch für den Konvent die besondere Gnade: „Gleichwie ermeltes Stift von unseren Vorfahren vor (-für) lauther adeliche3 mit dem Zusatz fundirt worden, dass, wofehrn an diesen ein Mangel erschiene, die andere durch die auffnahm ipso facto nobilitiert sein sollen,4 also thuon Wir solches hiemit erneueren und bestättigen.“5

Von Abt Placidus spricht das Diplom im Besondern, dass „die Ehrbarkeit, Redlichkeit, geistlich-gute Sitten, Eifer, Wandel, (II-158) Tugend und Vernunft, womit der ehrsame, liebe, andächtige Abt begabt, gerühmt worden sei.“6

Uebrigens sind die besondern Rechte und Pflichten eines Fürsten in diesem Diplome nicht mit der nöthigen Präcision angegeben, wohl darum, weil die Abtei in einem Gebiete lag, über welches der Kaiser keine Gewalt ausüben konnte. Der Abt erhielt jedoch als Fürst das Münzrecht, das Abt Placidus bei seiner Sekundiz ausübte, wie auch Sitz und Stimme auf den Reichstagen. Zu den Pflichten gehörte besonders die Kriegs- und Steuerpflicht hinsichtlich der Besitzungen auf deutschem Boden für allgemeine Reichsangelegenheiten.

Um dem Kaiser für seine erwiesenen Gnaden einen Beweis der Erkenntlichkeit zu geben, beschloss das Kapitel (13. Jänner 1702), das Reliquienhorn vom habsburgischen Grafen Albert III. mit der Jahreszahl 1199 ihm zu verehren.7

Muri konnte den Glanz der Fürstenwürde nicht innerhalb der Mauern verbergen. Die Kunde hievon verbreitete sich bald in allen Gauen der Eidgenossenschaft. Die Gesandten der VII regierenden Orte waren im Februar 1702 in Baden versammelt und glaubten: Muri dürfe ohne Einwilligung der eidgenössischen Schutzleute den Fürstentitel nicht annehmen; sie verlangten aber vorher, der Abt solle ihnen während der Tagsatzung umständlichen Bericht über die Angelegenheit geben.8 Sogleich entspricht er dem billigen Begehren und meldet, dass die Ehre wider seinen Wunsch durch den österreichischen Gesandten Trautmannsdorf ihm verliehen wurde, aber ohne Beeinträchtigung der Ehre und Rechte der regierenden Orte.

Die VII Stände befahlen sodann dem Abte Placidus Stillstand in der Sache und bedeuteten, dass sie selbe zuvor ihren Obern unterbreiten müssten; dann werde ihm eine gemeinsame Antwort ertheilt werden.9

Die finstere Wolke, welche sich über dem Kloster zusammengezogen hatte, ging durch Hilfe des Grafen Trautmannsdorf jedoch schadlos vorüber. Dieser schrieb an die VII Stände und beruhigte die aufgeregten Gemüther. Dasselbe that Abt Placidus, worauf die Anerkennung der Fürstenwürde für Muri und die Gratulationen der Stände einlangten. Zuerst gratulirte Nidwalden (3. April 1702); dann folgte Zug; am 9. April kamen (II-159) die Gesandten von Schwyz; den 10. April erschienen die von Solothurn und der Stadt Bremgarten; hierauf kamen Gratulationsschreiben von Glarus und aus Freiburg i. U. und von der Stadt Baden; Obwalden gratulirte im Oktober 1702.10 Zürich, Luzern und Uri einzig beobachteten längere Zeit ein tiefes Stillschweigen. Der Landvogt von Zürich drückte (zwar nicht amtlich) seine Gratulation 1703 aus, titulirte den Abt Placidus im Privatgespräche stets als Fürst und befahl dem Landschreiber, in den vorzulesenden Offnungen dem Abte den fürstlichen Titel beizugeben. Aehnlich handelte Bern. Im Jahre 1705 folgte endlich die Gratulation auch von Luzern, und Uri anerkannte schliesslich den Fürstentitel für Muri thatsächlich.11 Die zwei letztgenannten Stände hatten besonders auf einem Tage zu Bremgarten das Gefährliche des Fürstentitels für ihre Oberherrlichkeit in den Vogteien geschildert. Der Abt erliess aber ein Cirkularschreiben, worin er in 7 Punkten diese irrige Meinung ihnen völlig benahm.12 Zugleich bewirthete Muri den neuen aus Luzern ankommenden Landvogt glänzend. Die Regierung verdankte dies bestens13 und trat mit Muri in die alten freundschaftlichen Beziehungen.

Während diesen Verhandlungen mit den eidgenössischen Ständen geschahen die Vorbereitungen innerhalb der Klostermauern für die feierliche Inauguration des Abtes, die am 26. März 1702 stattfand. Am 16. März wurden die Gräber der Stifter und Wohlthäter vor dem Kreuzaltare geöffnet, um von deren Vorhandensein grössere Sicherheit zu haben und selbe dem österreichischen Gesandten vorzuzeigen. Man stiess wirklich auf Gräber und Gebeine, ohne die Namen der im Frieden Ruhenden genau zu wissen.14

Abt Placidus wurde sodann am 26. März in Gegenwart des Grafen Trautmannsdorf, der Aebte von Rheinau und Wettingen, vieler Stammverwandten des Abtes, der Zurlauben und anderer Edlen und Würdenträger von Zürich, Luzern u. s. w. in seine neue Würde feierlich eingeführt.

Im Speisesaale des Konventes begann die Feier durch den österreichischen Gesandten, welcher den Abt unter Angabe der Gründe zum Fürsten ausrief. Dieser dankte sogleich dem kaiserlichen Hause für die verliehene Würde. Jetzt bildete sich (II-160) ein festlicher Zug, der sich in die Kirche bewegte zur Abhaltung eines Pontifikalamtes und Te Deum durch den Abt von Rheinau. Nach der Tafel waren Spiele im ehemaligen grossen Abteisaale, worin durch überschwängliche Verwendung der Mythologie die Grossmuth des Kaisers Leopold I. Muri gegenüber gepriesen wird.15 Endlich wurden dem Herrn Gesandten die geöffneten Gräber gezeigt. Den folgenden Tag hielt man für die hingeschiedenen Stifter und Wohlthäter feierlichen Gottesdienst, worauf Graf Trautmannsdorf und die übrigen hohen Gäste verreisten. Eine Denkmünze, die der Abt auf diesen Tag prägen liess, erinnert an die hohe Feier.16

Bei der Verleihung des Fürstentitels war damals die übliche Taxe 45,040 Reichs-Gulden; allein Abt Placidus zahlte für sich und seine Nachfolger nur die einfache Taxe aus dem oben angegebenen Grunde, nämlich 12,000 R.-Gl. Eine weitere Gnade für Muri war auch die, dass nicht jeder neugewählte Abt, wie die übrigen Fürstäbte, die Belehnung oder fürstliche Investitur vom deutschen Kaiser empfangen musste,17 wohl aus der Ursache, weil Muri 1701 noch keine wichtige Besitzungen in Deutschland hatte. Dagegen sollte das Schwertrecht oder der Blutbann für die später von Abt Placidus und Abt Gerold I. (II-161) erworbenen deutschen Herrschaften bei jedem in Wien oder Muri eingetretenen Regierungswechsel erneuert werden. Dessen Wiedereinlösung kostete dem Kloster bei dem Tode Kaiser Karl's VI. (1740) 455 R.-Gl.18

Fürstabt Placidus blieb mit dem Grafen Trautmannsdorf zeitlebens in Correspondenz und beschenkte ihn und seine Gemahlin mit 16 Schweizerkühen und zwei Farren. Diese 18 Stück Vieh wurden von vier Sennen nach Wien gebracht. – Auch dem Grafen Kaunitz bezeigte sich Muri dankbar. Beide Grafen erklärte das Kapitel für immer als Theilnehmer aller im Gotteshause geschehenen guten Werke, und liess sie nach deren Ableben mit dem Prädikate „Wohlthäter des Klosters“ in das Nekrologium eintragen.19

Graf Trautmannsdorf besuchte nach 1702 noch öfters Muri20 und wurde jedesmal feierlich empfangen und mit allen Begleitern gastlich bewirthet, Für ihn pflegte der Fürstabt nahe beim Kloster (in Hasle) einen Hirschgarten, den der Graf stets fleissig besuchte.21

Muri ist das einzige Kloster in der Eidgenossenschaft, das vom deutschen Kaiser, während es unter der schweizerischen Landesherrlichkeit stand, den Fürstentitel erhielt; alle übrigen Benediktinerstifte der Schweiz, wie Einsiedeln, St. Gallen, Pfäfers und Disentis, wurden mit dieser Würde beehrt, da sie noch zum deutschen Reiche gehörten. Daher ist es begreiflich, dass sich mehrere Stände gegen die Anerkennung des Fürstentitels längere Zeit sträubten und dass in der Eidgenossenschaft wegen Muri damals viel des Geredes war.

Für die innere Disciplin des Klosters war die Fürstenwürde eine gleichgiltige Sache; der Konvent blieb nach- wie vorher in seiner Einfachheit und Bescheidenheit. Der politische Nutzen des hohen Titels schien anfänglich gering zu sein; weil die Zahl der Neider und Feinde gerade desshalb zunahm und das gewonnene Kaiserhaus in gewöhnlichen Drangsalen keine Hilfe bieten konnte. Sein Werth zeigte sich erst nach der Aufhebung des Klosters 1841. Der Name und die nähern Beziehungen zwischen dem Stifte und dem Hause Habsburg-Lothringen waren vor fünfzig Jahren in Wien noch wohl bekannt, was Muri's Versetzung auf österreichischen Boden (1845) erleichterte.

Die Zusammengehörigkeit suchten die Fürstäbte von Muri (II-162) durch Schreiben, veranlasst durch wichtige Ereignisse in der Stifterfamilie, in regem Andenken zu erhalten. Die erste Veranlassung bot der Tod Kaiser Leopold's I. 1705. Sein Nachfolger, Kaiser Joseph I., dankte mit eigenhändiger Unterschrift.22 Das letzte Condolenzschreiben ging von Muri nach Wien ab 1792 beim Hingang Kaiser Leopold's II. Der kaiserliche Hof hatte dessen Ende umständlich unserm Konvente mitgetheilt.23 Waren die Hilfsquellen für den Reichsschatz zur Fortsetzung ausgebrochener Kriege erschöpft, so kam aus der Hofburg in Wien ein Schreiben nach Muri, welches die Staatsnoth dem Kloster nahe legte, worauf der Fürstabt gewöhnlich eine freiwillige Steuer (donum gratuitum) verabfolgte. So klagte Kaiser Karl VI. am 30. November 1717 über Geldmangel wegen der Türkenkriege. Fürstabt Placidus liess sogleich 10,000 Gl. nach Wien abgehen.24 Zum Danke für die grossmüthige Gabe schickte der Kaiser unserm Prälaten durch den Fürstabt von St. Blasien (1723) ein kostbares Pectoral.25

Diese Auslagen für die Kriege des Kaisers hatte Fürstabt Placidus gering angeschlagen. Empfindsamer wurde unser Kloster durch den einheimischen Krieg vom Jahre 1712 getroffen. Viele Jahre vorher fürchtete man dessen Ausbruch, so in den Jahren 1704, 1706, 1707 und 1708. Die katholischen Stände gaben desshalb wiederholt dem Kloster Muri die Weisung, das Getreide für die Kriegsbedürfnisse aufzubewahren. In den ersten Tagen des Jahres 1708 legte man in Muri die goldenen und silbernen Gefässe und den Kirchenschatz in Kisten, um selbe beim Ausbruche des Krieges sogleich weiter schicken zu können. Gleichzeitig richtete die Luzerner Regierung das Bittgesuch an den Abt Placidus, er möchte ihr die erst jüngst von ihm angekauften, sonst für kirchliche Feierlichkeiten bestimmten Geschütze zur Verfügung stellen, um den reformirten Zürichern das allfällige Ueberschreiten der Reuss nahe bei Muri zu verhindern. In ihrem Dankschreiben für das willige Entgegenkommen des Klosters bemerkt sie, dass sie dadurch nicht nur ihre eigene Landschaft, sondern auch das fürstliche Gotteshaus leichter zu retten und zu schirmen vermöge.26

Das seit 1705 zwischen Muri und der Regierung von Luzern wieder bestehende gute Einvernehmen wurde durch eine falsche Angabe, als hätte Muri gegen das Verbot im Jahre 1711 (II-163) das für Kriegsfälle angesammelte Getreide verkauft, etwas getrübt. Doch eine amtliche Untersuchung deckte bald das Grundlose des Verdachtes auf; es zeigte sich, dass Muri mit grossem Verluste dem Willen der katholischen Stände genau nachgekommen war.

Am 10. April 1712 glaubte unser Konvent, der Ausbruch des Krieges stehe noch in weiter Ferne und gestattete vier Novizen die Ablegung der hl. Gelübde. Allein Graf Trautmannsdorf sandte schon am 13. April einen Eilboten nach Muri, Zug und Luzern, welcher meldete: die Züricher seien mit bewaffneter Hand ins Toggenburg eingefallen. Den folgenden Tag erschienen Fidel Zurlauben, Hauptmann der Freiämter, und Wachtmeister Moor in Muri und stellten die Mannschaft aufs Piket. Im Kloster traf man die nöthigen Anstalten zur Rettung des Kirchenschatzes, des Archivs und der Bibliothek; die Hauseinrichtung blieb unverändert.

Die Berner hatten bei Brugg 6000 Mann zusammengezogen und bedrohten Baden und Mellingen. Wegen der nahen Gefahr, vom Feinde überfallen zu werden, verliessen die Schüler des Gymnasiums schon am 18. April Muri und eilten zu ihren Eltern. Den folgenden Tag kamen die stets durch ihre Tapferkeit und Treue ausgezeichneten Maienberger nach Muri. Ihre Offiziere redete Fürstabt Placidus also an: „Tapfere Führer, ihr kennt das launische Glück des Krieges und in welchen Gefahren Muri schwebt. – Wohin Gott uns ruft und führt, ist nicht meines Wissens. Sollten wir aber wegen Ungunst der Waffen den häuslichen Herd verlassen müssen, so wisset: es sind in unsern Kornmagazinen bei 1000 Mütt Korn; die Vorsehung Gottes hat sie, während wir zu andern Zeiten hierin Mangel litten, in unsere Hände gelegt. Ich empfehle sie Eurer Sorgfalt und überlasse sie für Eure Bedürfnisse, damit sie nicht unter trügerischem Vorwande von treulosen Dienern vergeudet und geraubt werden.“ Die Krieger versprachen Muri zu schützen. Am gleichen Abende erschien Oberst Sonnenberg mit 1500 Mann und 6 Geschützen sammt Munition und Proviantwagen. Indessen hatten sich die Berner und Züricher vereinigt, rückten gegen die Freiämter vor und suchten durch Erlasse und Brandschriften deren Bewohner zum Abfalle von den fünf katholischen Orten zu verleiten. Muri schickte nun seinen Kirchenschatz und seine Werthschriften nach Luzern und Uri. Als Begleiter folgten ihnen P. Andreas Lusser und P. Leonz Mettler. Bald darnach trafen Kriegsschaaren aus den drei Urkantonen und aus dem fernen Wallis in Muri ein. Diesen wurde ein Berner als Spion zugeführt. Der Kriegsrath scheint an ihm keine gefährliche Person entdeckt zu haben und übergab ihn zwei (II-164) Soldaten zur Weiterspedirung. Allein diese tödteten den Unglücklichen in der Nähe des Klosters in einem Wäldchen und ergriffen die Flucht. Das Volk gerieth über die Greuelthat in Wuth und strömte nach dem Kloster, in der Meinung, die zwei Mörder werden da von den Kriegsobersten festgehalten. Die Konventualen bezeugten den Rasenden vergebens die Unrichtigkeit ihrer Meinung. Schon wollten sie mit mehreren Wallisern die Thore des Klosters gewaltsam öffnen, als ein glaubwürdiger Bote die Flucht der Mörder meldete. Aehnliche Ausschreitungen des katholischen Militärs traten in diesem Kriege nicht wenige zu Tage. Daher fürchteten die Religiosen in Muri einen schlimmen Ausgang. – Bald loderten die feindlichen Wachtfeuer auf dem Hasenberg, und von Lenzburg hörte man die Kanonen donnern. Sofort verliessen die alten und kranken Mitglieder des Konventes die stillen Zellen und übersiedelten (12. Mai) zu den Franziskanern nach Luzern.

Mellingen und die umliegenden Dörfer wurden am 21. Mai vom Feinde im Sturm genommen. Die Katholiken zogen jetzt ihre Truppen in Muri zusammen und rückten gegen die mit Bern vereinigten Züricher.

Noch dieselbe Nacht verliessen 14 Konventualen das Kloster und kamen sechs Uhr früh in Luzern an. Im Gotteshause blieben nur mehr der Fürstabt, der Dekan und Oekonom, die zwei Pfarrer von Muri und Bünzen und einige Laienbrüder. Die übrigen, drei Patres ausgenommen, befanden sich bei den Franziskanern in Luzern. Diese Muri-Religiosen begaben sich täglich paarweise von der Kleinstadt über die Kapellebrücke nach St. Peter, warfen sich dort vor ausgesetztem höchsten Gute auf die Kniee nieder und beteten andächtig zur Erbauung des Volkes den Rosenkranz. Die Muri-Klosterordnung bezüglich des Chores, der täglichen Gebete, der Schule u. s. w. wurde, wenn nicht zwingende Hindernisse entgegen traten, genau beobachtet. Die jungen Mitglieder lustwandelten bescheiden wie in Muri am Dienstag und Donnerstag mit ihrem Instruktor, ohne ein Haus zu betreten, während flüchtige Mönche und Nonnen aus andern Klöstern gerne bekannte Familien in der Stadt besuchten. Lange sprach man in Luzern von dem sittlichen und religiösen Betragen der „Muri-Herren“, und ehemalige Gegner mussten ihnen künftig mehr Achtung zollen. Die Chronik der Franziskaner sagt von ihrem Aufenthalte daselbst: „Sie (die „Muri-Herren“) bewohnten den neuen Bau (des Franziskaner Klosters) und das Winterrefektorimn und bezahlten Alles. Der Abt (der später nachgefolgt war) hatte das Nachtquartier beim „Weissen Adler“ und speiste sehr oft mit seinen Mitbrüdern im genannten Refektorium. … Beim Abschiede gab (II-165) er (am 24. August) reichlich Trinkgelder eigenhändig bis zum untersten Küchenjungen.“27

Die katholischen Truppen hatten indessen am 26. Mai zwischen Göslikon und Bremgarten („Studenschlacht“) eine Niederlage erlitten und waren über Muri nach Luzern geeilt. Die Feinde rückten langsam nach und besetzten die Freiämter. Fürstabt Placidus verliess daher ebenfalls Muri und tröstete die Mitbrüder und die freundlichen Franziskaner in Luzern. Um die angewachsene Zahl der flüchtigen Konventualen daselbst etwas zu verkleinern, sandte er drei junge Patres (Fintan, Cölestin und Leodegar Maier) über den Gotthard nach Mailand, um von dort nach Deutschland zu gehen. Er selbst begab sich bald nach dem Rotzloch in Nidwalden und wartete dort den Ausgang der Dinge ab,28 der für die Katholiken traurig genug war.

Um das Kloster Muri vor Plünderung zu bewahren, eilten die zwei zurückgebliebenen Patres (Benedikt und Gallus), nachdem sie zuvor von Escher, dem Commandanten der Züricher, einen Pass erhalten,29 in das feindliche Hauptquartier und baten um Schutz. Der Berner-General Tscharner vorsprach, sie zu schirmen. Dafür dankte ihm Fürstabt Placidus unterm 4. Juni. Allein schon am 30. Mai hatte die feindliche Generalität 500 Säcke Korn aus den Muri-Speichern und für die Stellung einer Sauve garde (persönliche Schutzwache) zu Gunsten von vier Kapitalaren ein Anerkennungsgeld30 („Diskretion“) verlangt. Auf eingelegtes Bittschreiben des P. Benedikt, Professors der Philosophie, wurden die 500 Säcke Korn zwar erlassen, dafür aber sollten täglich 1000 Brode in Bremgarten sein. Diese Last drückte Muri 47 Tage. Zugleich genoss die ganze Generalität der Züricher und Berner vom 27. Juni bis 21. Juli die Gastfreundschaft des Klosters. Am 20. Juli errangen die Katholiken bei Sins, 3 ½ Std. nördlich von Luzern, einen kleinen Vortheil über die Feinde und trieben sie den folgenden Tag über Muri hinaus. Unsere Mitbrüder kamen in Folge dessen in eine peinliche Verlegenheit. Von den Feinden wurden sie der Mitwissenschaft der Affaire bei Sins beschuldigt, und von den siegenden Freunden mussten sie fürchten, wegen der Zuvorkommenheit gegen die Züricher und Berner angeklagt zu werden, namentlich wegen der Pflege, die sie dem bei Sins schwer verwundeten Hauptmann von Wattenwil aus Bern heimlich in ihren Zellen angedeihen liessen, und wegen der Schutzwache, die, bestehend aus vier Bernern, vor den anrückenden katholischen Truppen nicht mehr entfliehen konnte und in den Schulzimmern (II-166) verborgen war. Die Furcht vor den eigenen Glaubensgenossen war um so mehr begründet, weil den Katholiken die Kriegszucht fehlte, indem die Regierung von Luzern und die anderer katholischer Stände Frieden schliessen wollten und für den Augenblick keine Offiziere und keinen Kriegsrath ins Feld geschickt hatten.31 In der That benahmen sich die Sieger ungebührlicher im Kloster, als die im Juni einrückenden Glaubensgegner; denn sie betrachteten sich als Herren des Hauses, befahlen, drohten, erschienen ungeladen bei den Tafeln und nahmen die ersten Plätze ein. Einer von diesen Uebermüthigen ergriff den Dekan, Peter Odermatt, an der Brust und sagte: „Jetzt gehen wir und schlagen den Feind todt; aber wenn der zernichtet ist, wird Euch Mönchen das Urtheil gesprochen und der Garaus gemacht.“ P. Peter, ein unerschrockener Nidwaldner, entgegnete ihm: „Geh', aber schaue, dass Du wieder kommst, bevor Du gegen Mönche und gegen Muri wüthest.“ – Er ist nicht wiedergekehrt. Am 25. Juli war bei Villmergen die Hauptschlacht. Die katholischen Regierungen hatten ihre Panner und Kriegsräthe grösstentheils wieder ins Feld geschickt. Der Sieg war diesmal auf Seite der Protestanten. Die Folgen hievon bekam Muri schwer zu fühlen. Zunächst musste es so viele Verwundete32 aufnehmen, als es konnte; die Konventualen verpflegten jeden Unglücklichen mit Liebe. Am Tage nach der Schlacht kam aus dem Lager der siegreichen Berner ein Schreiben nach Muri, welches lautete: „Unsere Feldobersten empfinden es sehr, dass ihr, Väter, des treulosen Anfalles bei Sins nicht bloss mitwissend, sondern auch Theilnehmer und Helfer gewesen seid. Und weil jetzt die Truppen der Berner Mangel an Wein haben, so gebieten sie Euch, dass Ihr nach Empfang dieses Schreibens sofort (noch diesen Abend) 125 Saum (zu 100 Mass) für die Soldaten und 6 Saum bessern Wein für die Offiziere ins Lager nach Schwarzenbach33 auf eigene Kosten bringet; überdies gebieten sie Euch, dass Ihr den Herrn von Wattenwil, der bei Euch blieb, und die vier Schutzmänner ohne Verzug noch vor Sonnenuntergang hieher schicket, unter Androhung von Executionstruppen.“ – Gleichzeitig (26. Juli) (II-167) verlangte Johann Escher, Platzcommandant in Bremgarten, wieder Brodrationen. Die Mitbrüder liessen im Gedränge der Dinge folgendes Schreiben nach Schwarzenbach abgehen: „Wir wollen soviel Wein abschicken, als vorhanden ist; wir bitten jedoch, dass ihr uns der Schutzwache in diesen Bedrängnissen nicht beraubet; wir erkauften sie von Euern Führern mit schwerem Gelde. Auch ist so viel Getreide, um täglich die 1000 verlangten Brode nach Bremgarten absenden zu können, nicht vorhanden. Von dem feindlichen Anfalle in Sins hatten wir weder Kenntniss, noch viel weniger waren wir mit Rath und That dabei betheiligt.“ – Den folgenden Tag schrieben die Berner in milderem Tone: „In Antwort auf Euer Gestriges melden wir Euch: die Schutzwache ist in Eurem Kloster laut Erfahrung nicht sicher und wir gedenken in das Muriamt keine Soldaten zu verlegen. Die Brodrationen, die Ihr uns zur Steuer der Noth überschickt habt, genügen nicht; Ihr habt eine gute Ernte in Euere Scheuer gebracht; habt Ihr kein gebackenes Brod, so ist Frucht vorhanden. Mit Staunen ersahen wir aus Euerem Schreiben, als hättet Ihr uns eine Summe Geldes verehrt; uns ist hievon gar nichts bekannt; ja, hättet Ihr uns so etwas angeboten, wir würden es nie angenommen haben. Wir bitten aber Euer Ehrwürden, dass Ihr uns meldet, wem, wann und wie viel Ihr gezahlt habt. Für die gastfreundliche und wohlwollende Verpflegung, die Ihr dem Herrn Hauptmann von Wattenwil habt zu Theil werden lassen, sind wir Euch dankbar und werden das zu vergelten nicht unterlassen. Schwarzenbach, 27. Juli 1712. Frisching, May.“

Wegen Mangel an Frucht konnten die Mitbrüder die begehrten Brode nach Bremgarten nicht abliefern. Sie gaben dafür 9-10 Saum Wein und baten, der Kriegsrath wolle ihnen die ihre Kräfte übersteigende Brandschatzung erlassen. Umsonst. Major Willading wollte die 1000 Brode täglich haben. Muri war desshalb genöthigt, aus den Magazinen der Berner in Lenzburg um 218 Thaler Frucht zu kaufen.34 Nicht genug; am 4. August kam von der Berner Generalität ein Schreiben ins Kloster, das zuvörderst die Entschuldigung wegen der Brodlieferung mit höhnischer Bemerkung zurückweist: Muri sei reich genug und habe viele Einkünfte; dann fährt es weiter: „Uns ist im Wissen, dass auf Euch eine grosse Schuld aller jetzigen Ereignisse fällt; ja, Ihr habt unsere Gegner auf verschiedene Weise unterstützt und habt so den zwei Kantonen (Bern und Zürich) die versprochene Achtung nicht gezollt. Daher verlangen (II-168) wir anstatt jeder andern Leistung und Brandschatzung als eine billige und geringe Kriegssteuer 4000 Thaler, die ohne Verzug, wenn Ihr die Exekution vermeiden wollt, innerhalb 48 Stunden bezahlt sein sollen, oder es stelle sich dafür ein Bürge auf unserem Ländergebiete.“ – Wie früher, waren auch jetzt die gemachten Gegenvorstellungen vergebens. Am 7. August mussten die Konventualen im Lager zu Schwarzenbach einen Revers ausstellen, die 4000 Thaler sammt Zinsen zahlen zu wollen. Feldoberst May leistete Bürgschaft. Die Sieger waren noch nicht zufrieden. Der in Muri sorgfältig gepflegte Hauptmann, von Wattenwil schrieb nach einigen Tagen an P. Dekan artig und mit Schonung: im Auftrage des Kriegsrathes sei er genöthigt, ihm zu melden, dass den Soldaten die Lebensmittel fehlen; sie bitten daher, er möge ihnen Abhilfe leisten und Morgen früh einen Ochsen oder statt dessen 12 Schafe ins Lager schicken. „Ich hoffe,“ fährt er weiter, „das werde das letzte Mal sein, dass wir Euch lästig fallen.“ v. Wattenwil hatte richtig vorausgesehen. Der Abschluss des Friedens in Aarau am 11. August war nahe. Der zweite Artikel dieses sogenannten Landfriedens sagt: „An Zürich und Bern werden mit Vorbehalt der Rechte von Glarus die Grafschaft Baden und der Theil der Freiämter abgetreten, welcher unterhalb einer Landmarklinie liegt, die oben bei Lunkhofen nach Fahrwangen hinüber gezogen wird. Was oberhalb (südlich) dieser Linie liegt, bleibt den sieben regierenden Orten.“ Muri kam somit zu den obern Freiämtern und erhielt dieselben Landesherren wie früher; allein weil es viele seiner Güter und Collaturen in den untern Freiämtern, wo nun einzig Zürich, Bern und Glarus regierten, besass, so war dem Abte die Stellung zu den weltlichen Behörden bedeutend erschwert, namentlich weil auch das ihm unterworfene Frauenkloster Hermetschwil in den untern Freiämtern sich befand.

Fürstabt Placidus machte nach seiner Rückkehr vergeblich Einwendungen wegen der als Contribution dem Kloster auferlegten 4000 Thaler; auch die Bittgesuche der katholischen Stände und des österreichischen und französischen Gesandten, waren in dieser Sache umsonst. Muri leistete deren Zahlung sammt einem Zinse von 600 Thalern im Jahre 1715. Der ganze Schaden, den das Kloster in diesem Kriege erlitt, belief sich auf 100,000 Gl.35 Einzelne Verheerungen der Muri-Besitzungen in Klingenberg und Eppishausen (Kt. Thurgau) verübten die Züricher selbst nach dem Friedensabschlusse.36 P. Leodegar Maier nennt unter den detaillirten Verlusten auch (II-169) Antiquitäten von hohem Werthe. Aber dessen ungeachtet schenkte der Abt dem Stande Luzern von seiner Schuld wegen angekauften Getreides 1000 Gl., dem Kt. Zug erliess er die ganze Kornschuld, der Regierung von Schwyz einen Theil einer solchen Schuld und Nidwalden lieh er 2000 Gl. auf 3 Jahre unverzinslich.37

Die in Luzern und anderswo weilenden Mitbrüder hatten mit Schrecken den Ausgang des Krieges vernommen. Die drei Patres, welche der Fürstabt von Luzern aus über den Gotthard nach Italien geschickt hatte, waren nicht über diesen Berg gegangen, sondern, mit einem Pass der Schwyzer Regierung versehen, über Einsiedeln, Gasterland, Sargans und Balzers nach Feldkirch gereist. Von da wandten sie sich nach Mehrerau am Bodensee. Der Abt dieses Benediktinerklosters nahm sie mit aller Freundlichkeit auf, bedauerte aber sehr, dass er sie wegen Mangel an Zellen nicht länger bewirthen könne. Ein Schiff brachte sie bei hochgehenden Wogen über den Bodensee nach Hof. Daselbst war ein Priorat des Klosters Weingarten. P. Placidus Renz, Verfasser mehrerer Werke, stand an dessen Spitze. Die nöthigen Lebensbedürfnisse für dasselbe wurden vom nahen Mutterkloster bezogen und daher mussten unsere Mitbrüder auch diesen Ort verlassen. Weingarten, wohin sie ihre Schritte lenkten, schien aber die Gastfreundschaft, die das Kloster Muri den dortigen Konventualen während des dreissigjährigen Krieges zuvorkommend erwiesen hatte, gänzlich vergessen zu haben. Die drei Patres erinnerten sie daran und zogen im Frieden von dannen. „Salmensweiler besuchten wir,“ erzählt P. Leodegar weiter, „nur vorübergehend.“ Weil die übrigen Klöster im Schwabenland von flüchtigen Religiosen aus St. Gallen u. s. w. überfüllt waren, so lenkten wir unsere Schritte gegen den Schwarzwald. Nach einigen Tagen erreichten wir das Frauenkloster Amthausen. Die Abtissin nahm uns sehr freundlich auf, weil zwei ihrer Klosterfrauen während des spanischen Erbfolgekrieges als Flüchtlinge in Hermetschwil die Gastfreundschaft genossen hatten. Sie führte immer diese Worte im Munde: „Ach, wie viel Gutes haben doch die Muri-Herren diesen Frauen erwiesen!“ Wir nahmen dankend Abschied und gingen nach Villingen. Die Thorwache redete uns dort also an: „Wo kömeter her?“ – „Von Amthausen.“ – „Wie wyt ist's von da dannen?“ – „Vier Stunden.“ „Korporal heraus!“ Der Gerufene kam heraus, wiederholte die Fragen, begegnete uns artig und gestattete wohlwollend den Eintritt in die Stadt. Der Soldat am Thore war ein Schweizer und gehörte zum Regimente Nideröst. Wir kehrten in dem zum St. Georgenkloster gehörigen (II-170) Hofe ein. Der Abt daselbst steht mit unserem Fürstabte seit Langem in innigster Freundschaft. Dieser überhäufte uns mit aller Liebe und hätte uns nach seiner Aussage zu bleiben gezwungen, wenn er nicht selbst mit seinen Mönchen flüchtig gewesen wäre, da der Herzog von Würtemberg das Mutterkloster, St. Georg, gewaltsam an sich gerissen hatte. Es ist unbeschreiblich, wie unansehnlich und einfach das Zimmer war, in welchem der Abt Michael wohnte. In unserm Kloster ist kein Zimmer und keine Zelle so einfach und klein, die mit jener Wohnstätte des Abtes verglichen werden könnte. Mit schwerem Herzen rissen wir uns da aus den Armen der Liebe. P. Fintan ging jetzt nach St. Blasien; P. Cölestin und ich wanderten über Berg und Hügel nach St. Georgen (bei Freiburg). Der Abt und der Konvent empfingen uns mit Freuden. P. Cölestin entschloss sich alsbald, länger da zu bleiben. Allein es waren schon drei St. Galler Mönche aufgenommen, und der Abt von Rheinau hatte bereits um die Aufnahme zweier seiner Konventualen nachgesucht. Ich reiste daher nach Murbach im Elsass ab. Der Coadjutor daselbst, Cölestin von Beroldingen, hiess mich freundlichst willkommen, und so blieb ich dort zur Aushilfe, bis mich der Gehorsam das folgende Jahr (1713) um Ostern nach Hause rief.“38

Nicht lange nach dem Abgehen der drei oben genannten Patres von Luzern unternahm der Fürstabt mit den vier Neuprofessen eine Reise über den Gotthard nach Mailand. Er kehrte jedoch bald in die Schweiz zurück und sandte die vier Fratres unter der Leitung des P. Ignaz durch Graubünden nach Deutschland. Diese hatten auf ihrer Wanderschaft fast dasselbe Schicksal wie die drei Patres. Zwei davon kamen sogar bis gegen Gengenbach hinunter.

Bald nach Abschluss des Friedens war der Fürstabt wieder nach Muri gekommen. Zunächst führte er die alte strenge Klosterordnung ein; die Schäden an den Gebäuden und auf den Feldern suchte er auszubessern und die leeren Magazine mit Getreide und die Keller mit Wein zu füllen; die gewöhnlichen, sonst so reichlichen Almosen hatte er nur kurze Zeit eingeschränkt; die Gastfreundschaft fand dieselbe Pflege wie vor dem Kriege. Bereitwillig nahm Muri einen Pater von St. Peter bei Freiburg i. B. auf, wo 1713 der spanische Erbfolgekrieg wüthete. Er wurde ein ganzes Jahr unentgeltlich verpflegt.39 Ausser diesem waren noch vier Religiosen aus dem Kloster St. Gallen in Muri, welche, weil der Friedensabschluss mit ihrem (II-171) Abte sich in die Länge zog, bis 1718 in unserm Gotteshause blieben.

Die Luzerner Regierung anerkannte durch ein Dankschreiben vom 9. Februar 1713 die Grossmuth des Konventes in Muri, welche derselbe während des Krieges 1712 gegen ihre Offiziere und Soldaten ausgeübt hatte.40 Dieser Brief war für Abt Placidus in diesen traurigen Zeiten ein kleiner Trost für die Zukunft. Luzern bereitete dem Kloster keine Schwierigkeiten mehr wegen des Getreideverkaufes in Sursee und wegen der Kaplanei in Nottwil.

Gehen wir nun zu den Streitigkeiten wegen Grundeigenthums über, welche unser Kloster während der Regierung des Abtes Placidus auszufechten hatte, so waren selbe trotz der vielen und ausgedehnten Besitzungen unbedeutend. Die Zwiste in Arni (Pfarrei Lunkhofen) mit der Regierung von Zürich (1685)41 sind kaum der Erwähnung werth, ebenso waren auch die in Dintikon wegen der Neubruchzehenten (1692)42 unerheblich. Der Streit mit der Stadt Bremgarten (1695) wegen eines Wochenmarktes in Muri mag desshalb angeführt werden, weil er vor die Tagherren der regierenden Orte nach Baden gezogen wurde und mit Abweisung der Stadt endigte.43 Die Angriffe des Baron von Ehingen wegen des Rittergutes Egelsthal am Nekar konnte Muri vermöge der Gunst Kaiser Karl's VI. im Jahre 1721 leicht beseitigen.44 Wichtiger war jedoch der Streit wegen der eidgenössischen Lehen, die Muri seit Jahrhunderten inne hatte, und deren Empfang die Berner (1720) bestritten. Zunächst betraf es den Immerzehenten in Boswil und Bünzen. Abt Placidus wandte sich in dieser Angelegenheit nach Zürich und flehte um Schutz.45 Die Tagherren der regierenden Orte in den Freiämtern erhielten 1723 von den Landvögten beider Theile den Bericht, dass sie die Mannlehen, welche Muri zu Boswil und Bünzen wirklich habe, sammt den dazu gehörigen Stücken in den untern und obern Freiämtern, wie auch den Immerzehenten und Stähli's Hof ausgeschieden haben. Nach Uebereinkunft musste dann Muri für den gewöhnlichen Ehrschatz des künftig ledig fallenden vollkommenen Lehens 500 Münzgulden zahlen.46 Im vorhergehenden Jahre hatten die Tagherren zu Baden gesprochen: der Landvogt der untern Freiämter solle (II-172) sich mit dem Prälaten von Muri, dem Gerichtsherrn der Pfarrei Boswil, wegen einer gesonderten Gerichtsstätte daselbst vergleichen, weil Boswil durch die Marchlinie in zwei Theile getheilt worden und das Wirthshaus, die alte gewöhnliche Gerichtsstatt, in den obern Freiämtern liege und somit die Dorfgenossen, welche unter der Linie sitzen, oft um Erb und Eigen als Fremde angesehen werden.47

Die vielen Sorgen für die Erhaltung der Klosterordnung, die Wahrung seiner Rechte, die Ausübung der Gastfreundschaft und die Herbeischaffung der hiefür nöthigen Mittel hinderten den allzeit thätigen Abt keineswegs, wissenschaftlichen Arbeiten obzuliegen, den Kreis seiner Kenntnisse zu erweitern und zum Nutzen seiner Mitbrüder und des Volkes gelehrte Werke zu verfassen.

Nach dem damaligen Geschmacke, der an der Mythologie und an allegorischen Spruchversen (Anagrammen) sein Vergnügen fand, förderte er in lateinischer Sprache nicht Unerhebliches zu Tage.48 Einige seiner Gedichte und Reden, die er als Professor der Rhetorik verfasste, sammelte er später in ein besonderes Buch.49 Seine Vorlesungen über Philosophie und Theologie, wie auch die Disputationen, die er in sechs Bänden zusammentrug, sind verloren gegangen; wir besitzen aber noch von ihm Regeln der Prosodie in einem Syllabus hebräischer, griechischer und lateinischer Eigennamen.50 Daraus erhellt zugleich, dass er mit der griechischen Sprache vertraut war.

Erwähnenswerth sind dann die vielen Musikstücke, welche er schrieb; im Jahre 1691 liess er „Moralische Lob- und Ehrenpredigten“ bei Ludwig Muos in Zug51 erscheinen. Johann Strickler schreibt davon52: „Der von Kaiser Leopold I. gefürstete Abt Placidus Zurlauben machte sich vorzüglich als Kanzelredner berühmt. Im Geschmacke seiner Zeit, der ein schlechtes Deutsch mit Fremdwörtern oder lateinischen Phrasen aufputzte, gelehrte Erörterungen in die Rede hineinflocht, die Darstellung mit erzwungenen Bildern und gesuchten Umschreibungen überlud, schrieb Zurlauben eine grosse Anzahl Predigten, die, in mehreren Tonarten spielend, als Muster des Perückenstils gelten können. Viele Andere überboten ihn durch Geschmacklosigkeit.“

(II-173) Gleichzeitig trug der emsige Prälat die vielen Vorträge, welche er an die Fratres oder an die Konventualen hielt, sorgfältig zusammen und übergab sie unter dem Titel „Exhortationes spirituales“ oder „Spiritus duplex Humilitatis et Obedientire“ ebenfalls bei Ludwig Muos (1602) dem Drucke.53

Der Verfasser des schweizerischen Museums54 lässt sich über Abt Placidus also vernehmen: „Ohne von verflossenen Jahrhunderten zu reden, hat die schweizerische Benediktiner-Congregation auch in neuem Tagen einige vortreffliche Prälaten geliefert, Cölestin I. Sfondrati, Kardinal (1693), und Cölestin II., Aebte in St. Gallen; Augustin von Reding, Abt in Einsiedeln, und seinen Neffen, Placidus Baron von Zurlauben, der mit dem Titel eines zweiten Stifters der Abtei Muri 1723 starb. Dieser liebte die Wissenschaften und betrieb sie mit vielem Fortgange. Ihn rühmt Mabillon, die unsterbliche Zierde der Congregation des hl. Maurus, in seinem „Itinerario Germaniæ“. Auch die Herausgeber der Annalen des Trithemius im Jahre 1690 preisen in ihrer Vorrede den Abt Placidus von Muri55 und ihrem Lobe schliesst sich Johaan David Köhler in seinem Werke, Münzbelustigung, an.56

Schliesslich haben wir noch die Congregationsakten zu erwähnen, welche Placidus als Sekretär der Aebte abfasste und in einen Folioband zusammentrug.57

Seine Vorliebe für die Wissenschaften wusste er auch seinen Mitbrüdern einzuflössen. Diese benützten dann des Abtes Erhebung zur Fürstenwürde (1701) und dessen Sekundiz (1720), um ihre Kenntnisse zu verwerthen.58 Auch die Mitbrüder anderer Benediktiner-Klöster unterstützte Abt Placidus in ihren wissenschaftlichen Arbeiten.59

Durch den Bau des schmucken Museums in Muri beabsichtigte er, nicht bloss bequeme Räumlichkeiten zum wissenschaftlichen Unterricht für seine eigenen Fratres, sondern auch für solche aus andern Klöstern zu erstellen; dieses Museum war also für eine Akademie der Congregation bestimmt. Der Tod liess aber den Urheber dieses Projektes die vollständige Ausführung nicht sehen; sein Nachfolger, Gerold I., vollendete (II-174) den Bau. Den Anstoss zu dem Museum mag das päpstliche Breve vom Jahre 1720 gegeben haben, das für die Benediktiner Congregation in der Schweiz einen gemeinsamen Studienort und ein gemeinschaftliches Noviziat vorschlug. Allein das Kapitel von Muri erkannte bald, dass für solche Zwecke die bereits erstellten Gebäulichkeiten zu klein wären, und bat, das Stift möchte damit verschont bleiben.60

Bei dieser unausgesetzten Thätigkeit nahte für den Fürstabt Placidus die freudige Zeit der Jubelmesse. Er hielt diese mit aller kirchlichen Pracht am 21. März 1720. Hochgestellte Gäste, wie Erzbischof Passionei, apostolischer Nuntius und später Kardinal, Gerold II. Zurlauben, Abt von Rheinau, und Franz, Abt von Wettingen, erhöhten die glanzvolle Feierlichkeit. Michael Leonz Eberlin, Pfarrer in Sarmenstorf und Dekan des Kapitels Mellingen, hielt die Ehrenpredigt.61 Hundert Arme erfreuten sich an diesem Tage eines reichlichen Gastmahles und einer fürstlichen Gabe. Die Konventualen bezeigten dem geliebten Vater in allen Formen der Kunst und Wissenschaft ihre Freude. Gerade diese kindlichen und zugleich geistreich und in schönster Weise hervorgetretenen Kundgebungen ihrer Liebe zum Abte flösste dem Erzbischofe Passionei eine besondere Zuneigung zu Muri ein. Zum Andenken an diese hohe Feier liess der Fürstabt auch Münzen prägen.62

In den letzten Jahren des Lebens zog sich Fürstabt Placidus öfters auf das mitten im Mauensee (Kanton Luzern) gelegene Schloss zurück und verweilte da einige Tage mit zwei oder drei Kapitularen, um ferne von allen irdischen Dingen einzig der Betrachtung ewiger Wahrheiten obliegen zu können. Jedesmal kehrte er wieder neu gestärkt zur drückenden Last seiner Geschäfte zurück.63 Die Liebe zu den Armen schien mit den Jahren an Umfang und Stärke zuzunehmen. Während er anfänglich 12 Arme, denen er die Füsse gewaschen hatte, am Gründonnerstage speiste und mit reichlichen Geschenken beladen nach Hause schickte, so liess er später 33 Dürftigen dieses Glück zu Theil werden. Einmal erlaubte er sich einen Scherz und verbarg das Geldstück, das er beizugeben pflegte, in dem Brode. Ein Unzufriedener murrte sogleich, als er das gewöhnliche Geld im Teller nicht erblickte, und verkaufte das (II-175) Brodstück einem Andern, der aber zum Verdrusse des Verkäufers das Geld bald entdeckte.64

Diese grossmüthige Austheilung der irdischen Güter mag ihm den himmlischen Segen in so reichlichem Masse erworben haben, dass die Vermehrung derselben unter den Händen des Abtes ans Wunderbare grenzt.

Eilf Monate vor seinem Heimgange war er in Zug und segnete das Missionskreuz ein.65 Die Kräfte nahmen seit dieser Reise aber zusehends ab. Im August 1723 begab er sich mit seinem Sekretär, P. Dominik Müller, zur Erholung nach Klingenberg, Sandegg und Oberstad. Im letztgenannten Orte benützte er die Seebäder. Allein bald ergriff ihn ein Fieber. Nach drei Tagen liess er sich in das Schloss Sandegg tragen. Daselbst empfing er die hl. Sterbsakramente und verchied am 14. September in den Armen seiner zwei Mitbrüder, P. Martin und P. Dominik, selig im Herrn. Die Leiche wurde einbalsamirt. Die innern Theile übergab man der Kapelle in Sandegg, der Leib kam nach dem Kloster Rheinau und das Herz erhielt das Kloster Muri. Als man den entseelten Körper in einer geschlossenen Sänfte nach Rheinau übertrug, war der Bote, der die Nachricht von dessen Ankunft hätte dahin bringen sollen, daselbst noch nicht angekommen. Der Abt, ein Bruder des Verstorbenen, wie auch der ganze Konvent waren daher nicht wenig erstaunt, als sie, anstatt den Fürsten im besten Wohlsein, nur dessen Leiche empfingen.66

Der Bestattungsgottesdienst wurde zunächst in Rheinau am 18. September in Anwesenheit mehrerer Konventualen aus Muri begangen. Dort ruht Fürstabt Placidus nun zwischen zwei Rheinauer Aebten, die gleichfalls dem Geschlechte Zurlauben angehörten.67 Noch am selben Tage eilte Abt Gerold II. mit dem Herzen des Verstorbenen nach Muri. Den folgenden Tag setzte man selbes in der Klosterkirche feierlich bei und hielt dann die üblichen Gottesdienste.68 Nach dem Geiste des Verblichenen speiste der Konvent am 18. und 19. September je 100 Arme und vertheilte an diese und andere 600 Gl. Mit noch grösserer Feierlichkeit begingen die Mitbrüder seinen Dreissigsten.

Abt Placidus regierte 39 Jahre und sah während dieser (II-170) Zeit 43 Mitglieder des Konventes ins Grab sinken; 36 junge Männer legten in seine Hände die hl. Profession ab. In Rücksicht auf die Leistungen in der Oekonomie und wegen des erhaltenen Fürstentitels wird er häufig der „Grosse“, „Restaurator“ oder auch „Aeufner“ (ampliator) des Klosters genannt.69 P. Leodegar Maier setzte ihm in seinen Annalen ein schriftliches Denkmal. Beim Anblicke der vier vom Abte eigenhändig geschriebenen, umfangreichen Rechnungsbücher und eines Foliobandes planirter und durchgeführter Bauwerke u. s. w. rief dieser, selbst unermüdliche Arbeiter, aus: „Wie darf sich wohl ein Religios, auch in den Aemtern stehend, über Mangel an Zeit zum Arbeiten beklagen; soll er nicht vielmehr seine Trägheit bekennen und sich bessern.“

Den Rechnungsbüchern über das Bauwesen hatte der erfahrene Fürstabt folgende Grundsätze beigefügt: „Liegt Dir der Bau eines Hauses im Sinne, so wisse, drei Dinge hast Du hiefür nöthig: Achtsamkeit für die Herbeischaffung alles Erforderlichen; Geduld zur Ertragung des eintretenden Verdrusses und einen gut gespickten Geldbeutel zu hurtiger Bestreitung der Auslagen. Von diesen Gesellen umgeben tritt kühn in die Werkstätte. Spürst Du den Quellen nach, woraus mir für diese Bauten die Mittel zuflossen, so antworte ich: Der Herr hat sie besorgt.“ Endlich gibt er die Gründe an, warum er so viele Gebäude erstellt habe und sagt unter Anderm: „Ich wollte das mir anvertraute Volk aus der Trägheit rütteln, zur Thätigkeit und zum Broderwerb bringen, zum grössten Vortheile der Gemeinde Muri.“ – „Findest Du aber,“ schreibt er in aller Bescheidenheit weiter, „die Bauten überschreiten das Mass der religiösen Armuth und Genügsamkeit, so bitte Gott, dass er nicht mit mir ins Gericht gehe und mich verurtheile, sondern nach seiner unendlichen Barmherzigkeit mir gnädig sei.“

Die Grösse seines Geistes, die zärtliche Vaterliebe zu seinen Mitbrüdern und die tiefste Demuth bei aller Würde im fürstlichen Glanze leuchtet aus dem im Schreibpulte nach seinem Tode aufgefundenen Testamente, bei dessen Vorlesung alle Konventualen in Thränen zerflossen. Die wenigen Worte lauten: „Geliebteste Mitbrüder, habe ich Einen von Euch beleidigt in Worten oder Werken, so verzeihet mir um des Leidens unseres Herrn Jesu Christi willen. Ich habe gearbeitet, nicht für mich, sondern für das mir anvertraute Kloster; wenn gut, so sei Gott dafür gepriesen, der Allen im Ueberflusse mittheilt; wenn (II-177) schlecht, so erbarme Du Dich meiner, o Gott, nach Deiner übergrossen Barmherzigkeit! Betet für den Sünder Placidus, der einmal Euer unwürdiger Abt war. Habt Ihr Alles gethan, was Euch befohlen war, so saget: Wir sind unnütze Knechte, wie auch ich gewesen –
Fr. Placidus abbas indignus.“

Der Jahrestag wurde 1724 vom Konvente mit grosser Feierlichkeit begangen; Erhard Leicker hielt eine Trauer-, Lob- und Trostrede.70


  1. Das „ultro“ bedeutet hier, dass die Bewerbung um den Fürstentitel nicht vom Abte oder Kloster ausgegangen, sondern von einer andern hochgestellten Person veranlasst worden sei.

  2. Muri bekam es erst am 18. Jänner 1703 zu sehen; es ist unterzeichnet von Kaiser Leopold I. und Dominik Andreas Kauniz und dem Sekretär (Arch. Muri in Gries).

  3. Dies lässt sich zwar urkundlich nicht nachweisen; allein bis ca. 1350 waren die Konventualen von Muri meistens aus dem niedern Adel entsprossen.

  4. Auch dieser Zusatz kann mit keinem Dokumente belegt werden.

  5. Murus et Antem. II., 35.

  6. Murus et Antem. II., 30-38; Annales I., 165-222, 249; Gallia christiana V., 530 ff.; Arch. Muri in Aarau.

  7. Das Horn liegt heute noch in der k. k. Schatzkammer in Wien. Das Kapitel erhielt vom Original ein Facsimile, das gegenwärtig in Aarau sich befindet. So sprechen unsere Annalen.

  8. Schreiben vom 21. Februar 1702 (Arch. Muri in Aarau; Copieenbücher).

  9. Eidgenössische Abschiede V., 2032, 2033.

  10. Annales I., 203; betreffende Staatsarchive.

  11. Annales I., 203, 204.

  12. Annales I., 204-211.

  13. Staatsarch. Luzern.

  14. P. Leodegar Maier schreibt in seinen Annalen I., 180-183: „Tametsi enim ex Actis manifestum sit, in ista nostra Basilica, requiescere, praeter Radebotonem, Richenzam filiam (et alios) … nemo tamen affirmare ausit, quod supradicta ossa duobus in locis reperta fuerint unius alteriusve ex praedictis.“

  15. Pandora Deorum muneribus inclita Jovis imperio reclusa, i. e. Austria gloriosa immensis favoribus coelo superfusa utroque et belli fortitudine et munificentia praesertim in Nympham Murensem, Habsburgo-Austriacae munificentiae primogenitam flliam famosa. Quam in Leopoldo I. … cum patrocinante … Austriae Paranympho Francisco Erenrico comite et domino Trautmannsdorf in … Placidum, asceterii Murensis abbatem inter S. J. R. Principes gratiosissime adoptaret, grata mente et humili devotione in Publico theatro veneratur et adorat Nympha Murensis.“ Es sind 3 Akte mit je 5 oder 6 Scenen. Der 3. Akt stellt vor: „Austriae paranymphus (Trautmannsdorf) Murensem nympham promoturus ad Principatus dignitatem Mercurium ad augustissimam Jovis austriaci aulam ablegat. Applaudunt dii diaeque Nymphae Murensi.“ (Arch. Muri in Gries A. I. I. IV.) Soll man es als eine Aufhetzung der Protestanten gegen die Katholiken oder als eine Unwissenheit ansehen, wenn das Neujahrsblatt, herausgegeben von einer Brugger Bezirksgesellschaft (1829, S. 44, Anm. 2) aus diesem Theaterstücke die Behauptung aufstellt, dass man damals zu Muri den Kaiser in Wien, sowie die Römer ihre Kaiser „vergötterte“; denn das bezeuge der Schluss der Pandora, eines dem kaiserlichen Gesandten bei der Emweihung (!?) des Abtes zum Fürsten (? 1701) zu Ehren gegebenen Schauspiels: „Jove cum Caesare imperium dividente, – Deo sit gloria, Leopoldo victoria!“ – Gelehrte sollten doch wissen, dass die damalige Zeit es liebte, Ereignisse in heidnisch-mythologischen Bildern darzustellen.

  16. Die Münze zeigt auf dem Avers das Kloster Muri, über welchem des Abtes Bildniss in einer kleinen und mit Zweigen eingefassten Rundung erscheint, nebst einem fliegenden Zeddel, worauf zu lesen: „PLACIDVS. P. S. R. I. ABB. MVR.“ Unten im Abschnitte steht: „JN. I. (primi) S. R. I. P. (principis) SOLEN. JNAVG. 26. MART. 1702.“ Der Revers enthält das neue fürstliche Wappen nebst neun andern mit Laubwerk verbundenen Wäpplein (vgl. Joh. David Köhler, Münzbelustigung II., 327, 328).

  17. Vgl. Alte und Neue Welt, IX. Jahrgang, S. 662 ff.

  18. Annales II., 386.

  19. Arch. Muri in Aarau C, 3. I, 4; Annales I., 196. Die Urkunde für Trautmannsdorf wurde von Abt Placidus am 1. Febr. 1703 ausgestellt und vom Kloster Rain, welches selbe bis 1889 besass, dem Stifte Muri-Gries gütigst übergeben.

  20. Zweimal im Jahre 1708 und je einmal 1710 und 1711.

  21. Annales I., 337, 344, 390, 405.

  22. Arch. Muri in Gries A. IV. III.

  23. Daselbst.

  24. Der Fürst von Fürstenberg erhielt von Muri die Anweisung, den unserm Stifte schuldigen Jahreszins dem Kaiser zu entrichten. Darüber ward jener so ungehalten, dass er die Hypothek, das Dorf Riedeschingen, beinahe eingelöst hätte (Annales I., 581 ff.),

  25. Annales I., 697.

  26. Staatsarch. Luzern.

  27. Staatsarch. Luzern.

  28. Staatsarchiv in Nidwalden.

  29. Arch. Muri in Aarau R, 2. F, 1.

  30. Willading, welcher das Schreiben abfasste (6. Juni), begehrte 145 Gl.

  31. Vgl. Vorlesung (XVII.) über Schweizergeschichte, S. 76, 77. Der Kampf bei Sins war im Ganzen wider den Willen der katholischen Regierungen vom Volke eigenmächtig aufgenommen worden. Der apostolische Nuntius, Carracioli, hatte daher schon am 13. Juli die Geistlichkeit beschworen, doch dahin zu wirken, weil kein ruhmvoller Krieg in Einigkeit geführt werden könne, dass in Eintracht ein ehrenvoller und guter Friede erlangt werde (Arch. Muri in Gries A. I. l.).

  32. Von Sarnen mit ca. 3000 Seelen fielen in dieser Schlacht 21 und von Kerns mit ca. 1800 Seelen ebenfalls 21.

  33. Ca. 2 ½ Std. von Muri entfernt.

  34. Der Knecht, welcher den Wein ins Lager der Berner führte, musste längere Zeit diesen dienen, verlor Ross und Wagen und wurde endlich mit zerrissenen Kleidern nach Muri entlassen (Annales I., 457).

  35. Annales I., 532 ff.

  36. Acta Capit.

  37. Arch. Muri in Aarau D, 4. 1, 12.

  38. Annales I., 463-467.

  39. Annales I., 499.

  40. Staatsarch. in Luzern, Akten: Kloster Muri.

  41. Staatsarch. in Zürich, Akten: Kloster Muri.

  42. Annales P. Ans. W., 818.

  43. Annales I., 73, 74.

  44. Annales I., 652.

  45. Staatsarch. Zürich, Akten: Kloster Muri. Die Lehen sind aufgezählt und urkundlich belegt.

  46. Annales I., 683, 684; Eidgenössische Abschiede VII., 1, S, 960.

  47. Eidgen. Absch. VII., 1, 1055.

  48. Anagrammata des Abtes Placidus auf jedes Jahr seines Lebens von 1646-1720 vertheilt (Muri-Handschriften in der Kts.-Bibliothek in Aarau). Daraus ersehen wir, dass er bis in das 75. Altersjahr ein Freund der Poesie blieb.

  49. Handschrift in Gries, 12 °, 352 Seiten.

  50. Regulæ de prosodia nominum propriorum virorum hebraicorum, græcorum et latinorum (Handschr. in Gries und in Aarau).

  51. Deutsch, 4°, 464 Seiten.

  52. Grundriss der Schweizergeschichte II., 219.

  53. Lateinisch, 4°, 448 Seiten, 68 Exhortationes.

  54. Vgl. Bd. II., S. 396 ff.

  55. Gedruckt im Kloster St. Gallen.

  56. Band II., S. 327, Nürnberg 1730.

  57. Handschr. in Gries, 116 Seiten.

  58. Es erschienen im Drucke: a. Pandora als Appendix der „Origo et Genealogia Habsburgica“, Muri 1702; b. Murus et Antemurale (von P. Benedict Studer), Muri 1720.

  59. Vgl. Præfatio ad editionem Joannis Trithemii, typis Mon. St. Galli, 1690.

  60. Acta Capituli Mur.

  61. Annales I., 627-631.

  62. Eine Goldmünze; Avers: „Placidus abbas Murensis, S. R. J. Princeps, 1720“ (Brustbild des Abtes); Revers: „Jubilæus, æt. LXXIV., Regiminis XXXVI.“ (Wappen). Ferner liess er drei Silbermünzen prägen, die an Grösse und in den Umschriften verschieden sind (Vgl. Joh. Dav. Köhler, Münzbelustigung II., 321 ff.).

  63. Annales I., 636, 637.

  64. Annales I., 734.

  65. Annales I., 678.

  66. Annales I., 723, 724.

  67. Abt Gerold I., † am 23. Febr. 1607, und Abt Gerold II., † am 18. Juni 1735.

  68. Der Stein, welcher das Herz deckt, trägt die Inschrift: „Cor Rev.mi et Ill.mi Abbatis D. D. Placidi primi S. R. J. Principis, defuncti XIV. Sept. MDCCXXIII. R. I. P.“

  69. Vgl. die Grabschrift: „Sta, viator, et cordiali voto loquere ad Cor Ill.mi ac Rever.mi D. D. Placidi Zurlauben … primarii post Fundatores Ampliatoris“ etc. (Acta Cap).

  70. Gedruckt bei Labhart in Constanz. Vgl. auch Acta Cap. und Murus et Antem. IV., 101-111.