Fünftes Kapitel. Fridolin I. Summerer, XL. Abt (1667-1674).

Die ehrenwerthe Familie Summerer, aus der unser Fridolin stammte, hatte ihr Bürgerrecht und die Behausung in Baden an der Limmat. Der hoffnungsvolle Knabe mag frühzeitig nach Muri gekommen sein, wo er wahrscheinlich alle Studien machte. Im Jahre 1644 legte er die heilige Profession in diesem Gotteshause ab. Ihn führte Abt Dominik in die Geschäfte ein und bei seinem Tode in Baden hatte er ihn als Tröster und Zeuge bei sich. Mitten in der Nacht eilte P. Fridolin nach Muri, um dem Konvente die Trauerbotschaft zu bringen. Im Jahre 1654 folgte er dem zum Abte erhobenen P. Bonaventura I. als Sekretär der Schweizer-Benediktiner-Congregation nach. Dieses Amt war damals mühevoll und oft unerquicklich. Er versah es zu voller Zufriedenheit der Aebte bis 1667. Als Sekretär bekam er 1661 von der Congregation den Auftrag, nach Burgund und Lothringen zu reisen, damit die Vereinigung der schweizerischen Congregation mit der vom hl. Viton (St. Vannes) und Hidulph, welche 1644 durch Kommunikation „guter Werke“ angebahnt ward, in bestimmteren Sätzen und Formen ausgedrückt werde. Eine hierüber im Kloster des hl. Viton zu Verdun am 19. Mai 1661 ausgestellte Urkunde gibt die vereinbarten Punkte an.1

(II-042) Pfäfers hatte seine hohe Aufgabe wieder vergessen. Die Aebte der Congregation sandten daher 1663 P. Fridolin mit unbeschränkter Vollmacht als Sachwalter (Administrator) dahin.2 Die Visitatoren stellten ihn dem dortigen Kapitel vor und befahlen dem Abte, sich den Bestimmungen P. Fridolin's zu unterziehen. Unter den traurigsten Verhältnissen und vielfachen Anfechtungen harrte er als Administrator daselbst aus, bis ihn 1667 seine Mitbrüder in Muri erlösten und zu ihrem Abte erwählten.3

Nach dem Tode des geliebten Vaters Aegid, der unsern P. Fridolin 1657 zum Subprior ernannt hatte, bezeichnete das Kapitel den 13. Februar 1667 als Wahltag, bestimmte den Nuntius als Präses, die Aebte von St. Gallen, Einsiedeln und Rheinau als Scrutatoren und sandte zugleich an die Mitbrüder in Pfäfers und Klingenberg die nöthigen Schreiben, am bestirnten Wahltage zu erscheinen. Den Nuntius ersuchte das Kapitel durch eine besondere Abordnung,4 er möchte sorgen, dass für die drei Kapitularen aus Muri, welche in Pfäfers zur Aushilfe sich befänden, während ihrer Abwesenheit Andere dahin geschickt würden.

Auf dessen Befehl mussten zwei Patres von Einsiedeln ihre Stelle ausfüllen.5 Diese kamen am 31. Jänner nach Pfäfers. Die dortigen Kapitularen erhoben aber einen lauten Sturm gegen sie, dass selbe den folgenden Tag das Kloster verliessen und nach Einsiedeln zurückkehrten. In Folge dessen blieb P. Bonifaz Weber, Dekan des Konventes, in Pfäfers und verzichtete aus diesem Grunde für diesmal auf seine Stimme bei der Abtwahl.

Der als Scrutator eingeladene Abt von St. Gallen entschuldigte sich durch P. Maur Heidelberger, den er als Notar sandte. Das Kapitel ernannte daher am Wahltage den päpstlichen Nuntius zugleich als Scrutator.6 Einunddreissig Stimmende traten in das Wahlzimmer.7 Nach dem ersten Wahlgange wurde Fridolin I. Summerer als Abt von Muri ausgerufen. Der Prälat von Einsiedeln übergab ihm die Schlüssel der Abtei. Der Neugewählte legte dem Nuntius und (II-043) den zwei anwesenden Prälaten die traurige Lage von Pfäfers auseinander und bat, man möchte gestatten, dass seine Mitbrüder, die mehrere Jahre die Leiden daselbst mit ihm getragen hätten, in ihr Mutterkloster zurückkehren dürfen, und dass ihm selbst die schwierige Administration abgenommen werde. Die Bitte fand keine Erhörung. Der Nuntius und die zwei Prälaten wollten, Muri solle sich noch ferner des zerrütteten Klosters annehmen und der Neugewählte wenigstens so lange die Administration beibehalten, bis der eingeleitete Absetzungsprozess des jetzigen Abtes in Pfäfers beendigt sei. Abt Fridolin fügte sich zum zweiten Male in das Unvermeidliche und gesellte zu der neuen Bürde von Muri die alte von Pfäfers.

Die Confirmation sprach der Bischof im Auftrage des päpstlichen Stuhles aus und verlangte hiefür 680 Gl. Die Benediktion ertheilte ihm der Nuntius, Friedrich Ubaldo, am Weissensonntag in Muri.8 Die Tagherren der VII regierenden Orte gratulirten dem Neugewählten nach sieben Tagen und erinnerten ihn, das übliche Schutzgeld zu zahlen. Abt Fridolin schickte ihnen 970 Gl., ohne diese Zahlung als eine Schuld anzuerkennen.9

Abt Fridolin I. wirkte im Innern wie im Aeussern nach dem Geiste seiner Vorfahren. Zunächst verlangte er eine genaue Beobachtung der Congregationsstatuten und pflegte das Studium der Theologie, indem er für dasselbe tüchtige Professoren ernannte10 und den theologischen Disputationen neues Leben einhauchte. Zur Erreichung des ersten Zweckes verordnete er, dass P. Anselm Weissenbach, Sekretär des Kapitels, die alten Kapitelsbeschlüsse aufsuche und in ein Protokoll zusammentrage. Dieser erfüllte den Auftrag mit Geschick, woraus dann die Kapitelsakten entstanden, die bis 1841 acht Bände umfassten.11

Damals kam das „Aderlassen“, ein oder zweimal im Jahre, in Uebung. Abt Fridolin wollte auch hierin eine Ordnung haben und gab die sogenannte „Aderlassordnung.“12 Die Statuten, welche er den Pfarrvikaren von Boswil und Bünzen (1671) ertheilte, wurden die Grundlagen für andere Pfarrordnungen. Der geordnete und feierlich gehaltene Gottesdienst wie (II-044) auch die klösterliche Zucht veranlassten Viele, Wohlthaten dem Konvente zu spenden, um Gott noch mehr ehren zu können. Das Kapitel beschloss daher, Alle die, welche wenigstens 100 Kronen geben, in das Nekrologium einzutragen.13

Eine besondere Andacht hatten damals Abt und Konvent in Muri zu dem seligen Nikolaus von der Flüe. Im April 1670 unternahm Abt Fridolin eine Wallfahrt zu dessen Grabe nach Sachseln. Die Regierung Obwaldens fühlte sich dadurch beehrt, liess ihn amtlich empfangen, auf seiner Durchreise von vier Regierungsmitgliedern begleiten und einen Ehrenwein von vier „Kanten“ beim Mittagsmahl verabreichen.14 Als Rom und der Bischof von Constanz 1671 gestatteten, die hl. Messe und die Tagzeiten im ganzen Bisthum zu Ehren des genannten Seligen halten zu dürfen, so begingen alle Dekanate des Constanzer-Bisthums desshalb eine besondere Feierlichkeit. Erhebend und grossartig war diese am 11. Dezember in der Klosterkirche zu Muri, Die Altäre waren wie an den höchsten Festtagen geziert und der „Bussgürtel“ des Seligen wurde am Hochaltare feierlich zur Verehrung ausgestellt. Mörser und das Geläute aller Glocken in der ganzen Pfarrei verkündeten am Vorabende während einer halben Stunde die Wichtigkeit des kommenden Tages. Am Tage der Feier erschienen die Pfarrer der Umgebung prozessionsweise mit dem Volke.15 – Um den Segen Gottes für das Kloster desto reichlicher zu erlangen, ging Abt Fridolin mit den Kapuzinern der ganzen Christenheit eine Gemeinschaft („filiantia“) der guten Werke ein.16 In diese Gemeinschaft konnte der Abt auch die Klosterdienstboten aufnehmen. Eine ähnliche, aber beschränktere Verbrüderung schloss (1671) unser Konvent17 mit den Franziskanern.

Das Kloster Pfäfers, das dem Abte Fridolin bei seiner Wahl noch ferner überbürdet worden, verursachte ihm viele Mühe. Die Briefe, die Fridolin für dasselbe nach Rom, Luzern, Chur und Constanz schrieb, füllen einen ganzen Folioband.18 Die Murikapitularen verliessen (1667 und 1668) allmählig dieses Gotteshaus. An ihre Stelle kamen (II-045) Konventualen von St. Gallen. Abt Fridolin konnte nicht hindern, dass die Angelegenheit des Klosters Pfäfers vor die eidgenössischen Orte gezogen wurde. Der dortige Abt, Justus Zink, musste suspendirt werden; allein er verachtete die Suspension und hielt ein Pontifikalamt. Die Congregation war nun genöthigt, noch schärfere Strafen über ihn zu verhängen. Das Alles berichtete Abt Fridolin nach Rom in fliessendem Latein.19 Im Jahre 1671 konnte endlich der Bau des unglücklichen Klosters Pfäfers, das seit dem Brande vom 19. Oktober 1665 noch immer in Asche lag, begonnen werden. Muri gab hierfür 20 Malter Korn und versprach für das folgende Jahr eine neue Gabe.20

Zu diesen Geschäften gesellte sich für Abt Fridolin das Amt eines Visitators der Benediktiner-Congregation, das die Aebte 1667 auf seine Schultern luden, die Sorge für das Frauenkloster Eschenbach (1670)21 und die Vertheidigung und Erhaltung der Rechte der ihm anvertrauten Klöster Muri und Hermetschwil.22 Endlich wünschte das Kapitel, Abt Fridolin möchte die Klingenberger-Schuld (59,000 Gl.) gänzlich tilgen. Er that sein Möglichstes. Ankäufe und Bauten von grösserer Wichtigkeit konnte er daher keine machen.23 So baute er den Pfarrhof in Beinwil und die St. Martinskapelle in Boswil und restaurirte die Klosterkirche, wobei man auf Grabsteine, welche das Lenzburgerwappen trugen, und auf einen Sarg von Eichenholz stiess. In diesem Sarge lagen die Gebeine von vier Leichen.24 Damals starb der Edle von Landenberg, Inhaber der Herrschaft Herdern im Thurgau, der in seinem Testamente verordnete, dass diese Herrschaft keinem Protestanten zufalle. Die katholischen Orte und der Abt von St. Gallen als Testamentsvollstrecker drangen in den Abt von Muri, auch diese Herrschaft zu kaufen; allein Fridolin wies sie entschieden zurück und ertheilte den Rath, man solle das Kloster St. Urban zu deren Ankauf ermuntern, das auch wirklich die Herrschaft kaufte.25

(II-046) Der Andrang der vielen Geschäfte untergrub frühzeitig die Gesundheit des Abtes. Wie seine Vorgänger führte auch er die Klosterverwaltung im Detail. Im Jahre 1672 fühlte er sich unvermögend, die Masse der kleinen Einnahmen und Ausgaben zu bewältigen und wollte diese Arbeiten nach bestimmter Norm dem Oekonome in Muri übertragen. Allein mitten in dieser Arbeit überfiel ihn eine ungewöhnliche Kopfkrankheit, die ihn des Gedächtnisses fast gänzlich beraubte.26 Alle Mittel des Arztes waren ohne Wirkung. Im folgenden Jahre musste er dem Kapitel anzeigen, dass er die Verwaltung des Klosters dem Prior, P. Hieronymus Troger, überlassen habe; dieser werde im Geistigen den P. Subprior, Benedikt von Sonnenberg, und die älteren Patres, und in der Oekonomie den Oekonom des Klosters zu Rathe ziehen. Im folgenden Jahre bewirkte P. Anselm Bisling, der für die Exemption der dem Kloster Einsiedeln einverleibten Kirchen in Rom thätig war, dass Papst Clemens X. unserem Abte Fridolin seines anhaltenden Kopfleidens wegen die besondere Gnade ertheilte, während der hl. Messe – ausgenommen beim Kanon – eine haubenartige Kopfbedeckung (Culot) gebrauchen zu dürfen.27 Ihn schmerzte zumeist das Unvermögen, die Pflichten eines Abtes nicht erfüllen zu können. Endlich war die ersehnte Stunde der Auflösung gekommen. Nach Empfang der hl. Oelung liess er jeden Mitbruder an sein Sterbebett kommen, segnete ihn und nahm von ihm herzlichen Abschied. Er verschied am 18. August 1674. Alle bezeichneten ihn als einen Mann von edlem Charakter. Den Guten war er gut, den Grossen – gross.28 Wie eine Kerze auf den Leuchter gestellt, leuchtete er anderen, zehrte aber sich in kurzer Zeit auf; er stand erst im 48. Altersjahre. Der zu frühe Tod hinderte ihn leider an der Vollendung vieler geplanter Arbeiten.29

(II-047) Unter ihm fanden 7 Konventualen die Aufnahme und mit ihm waren 10 in die ewige Herrlichkeit eingegangen; daher war der Konvent von 38 auf 35 herabgesunken.30

Das Kapitel traf sofort die nöthigen Anstalten für die Wahl eines neuen Abtes und bezeichnete hiefür den 22. August. Am Vorabende des Wahltages legte der Prior, P. Hieronymus, den Kapitularen folgende Punkte vor: 1. die Amtmänner (in Sursee, Bremgarten und Thalwil) sollen künftig fleissiger als bisher Rechnung ablegen; 2. für das Klosterarchiv werde ein Registrator aufgestellt; 3. der neugewählte Abt vertheile seine Arbeiten und Geschäfte so, dass er nicht selbst erliege, wie die Vorfahren erlegen zu sein scheinen.31


  1. Annales, p. 733, 734.

  2. Daselbst, p. 737. Die Aebte und der Nuntius mussten ihn zur Uebernahme dieser schweren Aufgabe nöthigen.

  3. Annales, p. 737 u. a. O.

  4. P. Johannes Gallati, Subprior, und P. Luitfrid Zey (Annales, p. 748).

  5. P. Wolfgang Weisshaupt und P. Pius Krewel.

  6. Als Zeugen waren anwesend: P. Anselm Bisling von Einsiedeln und P. Wolfen Iffilnger von Rheinau.

  7. Die letzten fünf waren Fratres (Annales, p. 749).

  8. Eccles., p. 258.

  9. Daselbst.

  10. Z. B. P. Anselm Weissenbach, P. Placidus Zurlauben u. s. w.

  11. Der erste Band, den P. Anselm schrieb, enthält die Acta Capituli Murensis von 1613 bis 1668.

  12. Acta Capituli Mur.

  13. Acta Capituli.

  14. Staatsarch. Obwalden.

  15. Annales, p. 759, 760.

  16. „Communicatio bonorum operum“ (das. p. 758).

  17. Annales, p. 758.

  18. Anfänglich war P. Johannes Malgoiren und von 1668 weg P. Bernard Weibel Prokurator der schweizer. Benedictinercongregation in Rom (Arch. Muri in Gries A. VI. I, 6 ff.).

  19. Die Neujahrswünsche, welche er an die abgetretenen oder funktionirenden Nuntien der Schweiz sandte, sind voll Herzlichkeit (vgl. Brief an Friedrich Ubaldo, Erzbischof von Cäsarea, 1671 Sekretär der Congregation de propaganda fide in Rom (Arch. Muri in Gries).

  20. Annales, p. 758.

  21. Daselbst, p. 757.

  22. Streit wegen Bärenmoos (Annales, p. 752), das grosse Maiengericht in Wohlen (1669), die Marchbereinigung in Waltenschwil (1667) und die Güterbereinigung in Lenzburg (1670).

  23. P. Anselm W. zählt solche (Eccles., p. 259, 260) auf. Der wichtigste Ankauf ist der einer Sommerweide im Werthe von 1900 Gl.

  24. Annales, p. 764, 765.

  25. Arch. Muri in Gries A, VI. III.

  26. Das bereits entworfene Projekt lautet: der P. Oekonom mache aus den Abteieinkünften die Auslagen und schreibe sie einzeln ein; er leiste alle Zahlungen für’s Kloster, ausgenommen: a. was der Prior für den Konvent ausgibt; b. die Ausgaben für die Reisen des Abtes und der Konventualen und für Bäder und Aderlässe; c. die Auslagen für die Klosterkirche; d. die Pathengeschenke des Abtes. Hiermit hätte der Oekonom um Maria Lichtmessen 1672 beginnen sollen; allein der Abt konnte die Ordnung nicht zu Ende führen.

  27. Arch. Muri in Aarau C-S, 1. Bisling bemerkt, dass er für dieses Soli Deo 5 Dukaten, 5 Julier und 2 spanische Dublonen bezahlt habe. Auch für den Abt in Einsiedeln erwarb er diese Gnade.

  28. Annales, p. 765, 766.

  29. „Multa ad Murorum utilitatem cum meditaretur, quaedam renovare, quaedam extruere aedificia coepit. In omnibus perfectus, nisi quod coeptos labores perficere non posset“ (Murus et Antem. IV., 96-98).

  30. Syllabus Abbatum etc.

  31. Acta Capituli Mur.