Viertes Kapitel Aegid von Waldkirch, XXXIX. Abt (1657-1667).

Abt Aegid stammte aus dem edlen Geschlechte der von Waldkirch,1 die Bürger in Schaffhausen waren. Ein Philipp von Waldkirch musste im 16. Jahrhunderte mit drei Söhnen wegen des treuen Festhaltens an der katholischen Religion das Dorf Waldkirch verlassen und erhielt vom Kloster St. Blasien die Amtmannschaft des Hofes Rüti bei Jestetten.2 Der Vater unseres Abtes hiess Johann Kaspar, der dieses Kind auf den Namen Johann Philipp taufen liess. Die Jugend verlebte Johann Philipp in Waldkirchen und Schillenberg, wo der Vater Obervogt war, oder auch in Rheinau, weil die Schaffhausner keinen Katholiken duldeten, und weil Johann Kaspar mit seiner zahlreichen Familie als Amtmann von St. Blasien dahin zu übersiedeln genöthigt war.3 Sechs seiner Söhne traten in verschiedene Orden. Johann Philipp wandte sich nach Muri, erhielt nach vollendetem Noviziate den Namen (II-038) Aegid und zeichnete sich durch Wissenschaft und Frömmigkeit aus. Die Theologie und das kanonische Recht studirte er in den Jahren 1643 und 1644 mit zwei anderen Mitbrüdern auf der höheren Schule zu Rorschach, welche vom Kloster St. Gallen dort gegründet und geleitet wurde.4

Nach seiner Rückkehr von Rorschach lehrte er im Kloster die Philosophie und Theologie, erhielt das Amt eines Fraterinstruktors und eines Novizenmeisters, wurde 1654 Pfarrer in Bünzen, 1655 Subprior und am 16. April 1657 wählte ihn das Kapitel zum Abte von Muri.

Die Wahl leitete der Nuntius, Friedrich Borromäus, als Scrutatoren erschienen dieselben Prälaten, wie vor drei Jahren, nämlich die von St. Gallen, Einsiedeln und Rheinau, welche den Notar und die Zeugen mitbrachten.5 Der Konvent bestand damals aus 29 Kapitularen. P. Gregor Feer, Oekonom in Klingenberg, konnte wegen Erblindung zur Wahl nicht kommen.6

Nachdem die Mitbrüder dem Neugewählten ihre Huldigung in der Kirche dargebracht hatten, begleiteten sie ihn bis zur Abtei, wo der erste Scrutator, der Abt von St. Gallen, in Gegenwart des Nuntius ihm die Schlüssel überreichte. Der Bischof von Constanz sprach im Auftrage des apostolischen Stuhles die Bestätigung aus und der Nuntius benedicirte den neuen Abt.7

Die Tagherrn der VII regierenden Orte trübten ihm die ersten Wochen der Regierung wegen verlangter Zahlung des Schutzgeldes. Sie begehrten nämlich, der Abt solle die von ihnen festgesetzte Summe als eine Schuld des Klosters anerkennen und hierfür seine Unterschrift geben. Abt Aegid, unterstützt vom Nuntius, weigerte sich dessen, weil das keine Privatsache und somit an die Landesgemeinden der Länder und an die Obern der Stände gehöre und weil ihre Vorfahren den Schutz umsonst zur Ehre Gottes und des hl. Martin übernommen haben. Nach Empfang dieser Antwort drohten die Tagherren mit dem Sequester des Einkommens in Wettingen und Thalwil, was den Abt nöthigte, die Summe zwar zu zahlen, aber sie für sein Kloster nicht als eine Schuld anzuerkennen. (II-039) Aber trotz dieser harten Behandlungsweise durch die Schutzherrn schenkte er der Obwaldner-Regierung die für angekauftes Getreide noch schuldigen 187 Gulden.8

Nach Beseitigung dieses Streites entfaltete Abt Aegid eine vielseitige Thätigkeit. Im Innern des Klosters vollendete er die Chorstühle mit den trefflichen Schnitzwerken, die heute noch in Muri bewundert werden. Simon Bachmann, Bildschnitzer und Maler, war der Urheber.9 Dann gestattete er, dass die Familie Schnyder in Sursee den St. Peteraltar in der Klosterkirche in einen St. Benediktaltar umwandle, auf eigene Kosten baue und ausschmücke.10 Der Abt selbst zierte die Kirche mit einem seidenen Ornate.

Das grosse Anlehen für den Kauf der Klingenberger-Herrschaft (1651) war noch keineswegs getilgt; dennoch kaufte Abt Aegid im Jahre 1659 Güter an im Werthe von 2390 Gl.; auch in den Jahren 1660-1666 machte er Güterankäufe im Werthe von 3166 Gl.11 Im Jahre 1666 baute er zufolge Kapitelsbeschlusses den Gasthof „Zum Löwen“ in der Nähe des Klosters um 3400 Gl., die Frohndienste nicht eingerechnet.12 Zur Schützung der Rechte liess er selbe, wie 1635 und 1637, amtlich bestätigen,13 und sorgte, dass die Jahrzeiten geordnet werden, um sie stiftungsgemäss zu halten.14

Schon Abt Dominik war mit dem Bischofe von Constanz wegen der Pfarrei Homburg in einen Streit verwickelt. Dieser wollte nicht zugeben, dass besagte Pfarrei laut Kaufbrief eine Manualpfründe oder sogar ein Regularbeneficium für Muri sei und machte den Handel in Rom anhängig. Abt Aegid konnte mit Hilfe des Nuntius und des in Rom damals weilenden englischen Benediktiners, P. Wilfrid,15 den Zwist beilegen. Muri erhielt aus Rom ein für die Inkorporation der Pfarrei Homburg günstiges Breve, das Constanz aber nur anerkannte, wenn das Kloster zweimal die „Quindeunia“16 zu (II-040) je fünfzig Dukaten zahle. Der Abt befolgte den Rath des Nuntius und leistete die Zahlungen.17

Aegid war zugleich ein Eiferer für die Erhaltung der klösterlichen Zucht im eigenen wie auch in fremden Gotteshäusern. Nach Pfäfers sandte er wiederholt die besten Männer seines Konventes. Dasselbe that er für Disentis und Murbach. Von Kempten kam P. Otto von Rietheim nach Muri in der Absicht, um da die geordnete klösterliche Lebensweise sich anzueignen.18 Im Auftrage der Congregation ging Aegid als Begleiter des Abtes von St. Gallen nach Mariastein (1666), um dieses Kloster zu visitiren. Dort ergriff ihn eine lebensgefährliche Krankheit. Zur Freude aller Bekannten erlangte er jedoch bald wieder die Genesung und kehrte nach Muri zurück. Nicht lange währte der Jubel seiner Mitbrüder. Der Abt mochte den Stachel des Todes in sich fühlen. Jeden Augenblick, den ihm die Geschäfte übrig liessen, widmete er dem Gebete. Am 28. Jänner 1667 las er um ½ 7 Uhr die hl. Messe auf dem Altare des hl. Leontius, erledigte dann einige Hausgeschäfte, wurde vom Schlage gerührt und starb 11 ½ Uhr Vormittags unter lautem Schluchzen seiner anwesenden Mitbrüder. Er zählte erst 47 Jahre. Seine aufrichtige Frömmigkeit, Sanftmuth und Bescheidenheit hatten ihm die Herzen Aller gewonnen. Seine grösste Freude war es, auch dem Geringsten einen Liebesdienst erweisen zu können.19

Die Aebte der Congregation übertrugen ihm gerade die Abwickelung der allerschwierigsten Geschäfte. Hierher zählen wir die Abdankungsgeschichte des Abtes Justus Zink in Pfäfers, wie auch die Rettung und Schirmung des rechtmässig in Murbach gewählten Abtes, P. Columban von Andlau. Für das letztgenannte Stift arbeitete er mit dem Fürstabte von St. Gallen unermüdlich. Tag und Nacht schrieb er Briefe nach Rom und an die Höfe von Paris und Wien.20 Der Nuntius beklagte daher innig den Tod des federgewandten Abtes.21

Seine Privatcorrespondenzen an Gelehrte und andere (II-041) Personen hatten bereits einen bedeutenden Umfang erlangt.22 Von der Mauriner-Congregation, mit welcher er gleichfalls in Correspondenz stand, erhielt er mehrere Bücher für die Muribibliothek.23

Diese unausgesetzten Arbeiten stürzten ihn frühzeitig in's Grab.24 Seine Leiche wurde in der St. Leontiuskapelle neben den zwei Vorgängern beigesetzt. Mit ihm waren innerhalb 10 Jahren (1657-1667) 11 Mitglieder des Murikonventes in die Ewigkeit hinübergegangen, 15 hatten ihre Gelübde in die Hände des Abtes Aegid abgelegt.25


  1. Waldkirch ist nicht ferne von Waldshut im Grossherz. Baden, an den Ausläufern des Schwarzwaldes.

  2. Ihm folgte in diesem Amte sein Sohn, Hieronymus; ein anderer Sohn, Johann Jakob, wurde Chorherr in Zurzach; der jüngste Sohn, Philipp Jakob, wurde Obervogt zu Blumegg und 1602 Innhaber eines Rittersitzes im Städtchen Rheinau (Huber, Urkk. des Stiftes Zurzach, S. 437; Leu Lexikon, XIX., 71).

  3. In Zurzach und München gibt es noch „von Waldkirch.“ Propst Huber sagt, diese stammen von den aus Schaffhausen vertriebenen von Waldkirch ab (Urkk. des Stiftes, S. 437).

  4. Jld. von Arx, Geschichte des Kantons St. Gallen, Bd. III., 266, 267, Anm. 720. 38

  5. Als Notar ist genannt P. Placidus Bridler, Dr. des Kirchenrechtes in St. Gallen; als Zeugen waren anwesend: P. Konrad Hunger von Einsiedeln und P. Karl Riser von Rheinau.

  6. Er gab seine Stimme schriftlich ab, sie hatte aber nicht die zur Giltigkeit nöthigen Requisiten. Zwei Kapitularen waren in den Krankenzimmern; daher gingen der Abt von Einsiedeln als Scrutator, der Notar und ein Zeuge zu ihnen und nahmen ihre Stimmen in Empfang.

  7. Annales, p. 721 sq.

  8. Staatsarch. Obwalden.

  9. Annales, p. 722, 723.

  10. Daselbst, p. 729.

  11. Diese Güter lagen in Lunkhofen, Horw, Mariahalden u. a. O. (Eccles., p. 251-252).

  12. Annales, p. 726, 727. Dieser Gasthof bereitete später dem Kloster viele Mühe, Verdruss und Streitigkeiten.

  13. Arch. Muri in Gries A. I. II.

  14. Eccles., p. 293, 294, 298.

  15. P. Wilfrid war bemüht, in Rom ein Benediktiner-Hospiz zu errichten, für das er bei allen Benediktiner-Klöstern der Welt, empfohlen und unterstützt vom hl. Stuhle, Almosen sammelte (Acta Cap. Mur., Jahr. 1654).

  16. Quindennia ist eine alle 15 Jahre für iukorporirte Pfründen zu zahlende Abgabe (annata).

  17. Annales, p. 729, 730.

  18. Annales, p. 736-744.

  19. Am 3. November 1660 empfiehlt er der Luzerner-Regierung eine Merenschwanderin (Staatsarchiv Luzern); 1666 ersucht er dieselbe Regierung, zwei Genossen aus dem Amte Muri in Luzern die Niederlassung zu gewähren (daselbst).

  20. Ildefons von Arx, Gesch. von St. Gallen, Bd. III., 194; Annales, p. 747.

  21. Acta Capituli Mur..

  22. Correspondenzen mit P. Gabriel Bucelin, Verfasser des Menologium Benidictinum etc. (Arch. Muri in Gries).

    1. B. Bullarium magnum etc.
  23. „Obiit nempe assiduis laboribus exhaustus, quos alienae felicitatis zelus temperare non poterat“ (Murus et Antem. IV., 94-96).

  24. Syllabus Abbatum et Confr.