Drittes Kapitel. Bonaventura I. Honegger, XXXVIII. Abt (1654-1657).

Bonaventura I. Hohenegger („Honegger“) gehörte einer ehrenhaften Familie Bremgartens an. Seine Voreltern bekleideten über 100 Jahre das Schultheissamt daselbst. Der Urgrossvater, Johann Honegger, war ein muthiger Vertheidiger der katholischen Religion, und wurde für die Disputation zu Baden (1526) neben Abt Barnabas Bürki von Engelberg, Dr. Bär und Jakob Stapfer von St. Gallen zum Präsidenten ernannt. Der Grossvater unseres Abtes legte nach dem Tode seiner Gemahlin das Amt eines Schultheissen nieder, liess sich zum Priester weihen und leitete mehrere Jahre mit Ehren die Pfarrei Zuffikon. Der Vater war zuerst Kanzler in Muri, dann Muri-Amtmann in Bremgarten und endlich Schultheiss daselbst. Dieser betete täglich, trotz seiner vielen Arbeiten, die priesterlichen Tagzeiten.

P. Fridolin Summerer, der als Badbegleiter Zeuge vom Hintritte des gelehrten Abtes Dominik war, eilte noch dieselbe Nacht (6/7. Juni) nach Muri. Er trat gerade in dem Augenblicke in das Kloster, als seine Mitbrüder aus dem Nachtchore (II-033) (Mette) kamen. Mit Schmerz vernahmen diese die Trauerbotschaft. Sofort hielten sie Kapitel, bestätigten die Superioren, trafen die nöthigen Bestimmungen für das Begräbniss und setzten den 13. und bald darauf aus Gründen den 15. Juni als Wahltag für einen neuen Abt fest. Die Prälaten von St. Gallen, Einsiedeln und Rheinau hatten sie wieder als Scrutatoren auserkoren und dieselben zugleich gebeten, die nöthigen Zeugen und den Notar mitzubringen. An den Nuntius sandte das Kapitel den P. Johannes mit dem Auftrage, dass er nur den Tod des Abtes Dominik anzeige, aber denselben nicht zur Wahl, einlade.1 Dieser empfand es und beschuldigte das Kapitel des Undankes.2 Dasselbe erkannte den Fehler, bat den Nuntius um Verzeihung und lud ihn zur Wahlverhandlung ein. Karl Caraffa war nun zufrieden und reiste nach Muri ab, indem er streng verbot, seinen Dienern ein Ehrengeschenk zu verabreichen.3 Das Kapitel wies ihm den Präsidentenstuhl an. Beim Heiliggeistamte, das der Nuntius hielt, war der Gesang figurirt und damit auch Motetten verbunden. Als Wahlort hatte man den Speisesaal bezeichnet.4 Der Nuntius gab die Erklärung ab, dass er nur im Namen des hl. Stuhles präsidire und der freien Wahl gar nicht hinderlich sein wolle. Nach erfüllten Vorschriften gaben 27 Kapitularen mündlich ihre Stimmen ab.5 Der Subprior, Bonaventura Honegger, wurde nach dem ersten Wahlgange als Abt von Muri ausgerufen. Ihm war stets ein männliches Wesen eigen, das den jugendlichen Leichtsinn nicht kannte. Die Unschuld seiner Seele leuchtete aus seinem Antlitze.6 Die Studien der Philosophie und Theologie machte er in Dillingen, wo er den übrigen Religiosen aus verschiedenen Klöstern Leiter und Führer in der marianischen Bruderschaft war.7 Im Kloster erwarb er sich grosse Kenntnisse in den kirchlichen Ceremonien. Die Schweizer-Benediktinercongregation bemühte sich damals, den römischen Ritus in Anwendung zu bringen. Mehrere Nuntien beriefen P. Bonaventura nach Luzern, damit (II-034) er an hohen Festtagen die Feier des Gottesdienstes nach den Kirchenvorschriften einrichte und leite. Nach dem Tode seines Mitbruders, P. Franz Letter ernannten ihn die Benediktiner-Aebte der Schweiz zu ihrem Sekretär (1647). Gleichzeitig versah er die Pfarrei Bünzen (1646-1648); die Pfarrei Muri pastorirte er nur wenige Monate, da er 1648 zum Subprior, Novizenmeister und Fraterinstruktor ernannt wurde.

Wie sein Vorgänger war auch Abt Bonaventura I. von schwacher Gesundheit. Bald nach der Wahl eilte er in das Pfäferser-Bad. Die Abgeordneten der VII regierenden Orte sandten ihm ein Schreiben dahin, das von aufrichtigen Glückswünschen zur Abtwürde spricht, aber zugleich das „übliche“ Schutzgeld von ihm begehrt. Der Neugewählte erbot sich, 300 Gl. zu zahlen, mit beigefügter Protestation, diese Summe als eine Schuldforderung anzuerkennen. Die Tagherren waren damit nicht zufrieden; sie verlangten für jeden Tagherren (es waren 17) 50 Gl. und für jeden Diener 6 Gl. (es waren neunzehn). Der Abt wich der Gewalt und zahlte.8

Indessen beauftragte der apostolische Stuhl den Bischof von Constanz, die Bestätigung auszusprechen; jedoch die Benediktion nahm (am 12. Oktober) der Nuntius in Muri selbst vor, der am vorhergehenden Tage in der Klosterkirche drei Altäre, den des hl. Leontius, des hl. Petrus und des hl. Michael geweiht hatte.9

Abt Bonaventura I. stand bei den Grossen dieser Erde in hohem Ansehen. Die Nuntien Karl Caraffa und Friedrich Borromäi zogen ihn zur Entscheidung wichtiger Angelegenheiten häufig zu Rathe.10 – Bei der Reform des damals übel disciplinirten Klosters Reichenau gewann der Nuntius Borromäi eine solche Zuneigung zu unserem Abte Bonaventura, dass er, um das Vergnügen seiner geistreichen Gespräche nicht zu entbehren, mit ihm in gleicher Sänfte auf dieser Reise nach Reichenau getragen werden wollte; dann erwirkte er dem Abte in dieser Angelegenheit von Rom dieselben Vollmachten, die er selbst genoss. Für Reichenau verordnete er im Einverständnisse mit Bonaventura: a. der jetzige Prior11 in Reichenau danke ab und gehorche, wie seine übrigen Mitbrüder, dem aus Weingarten kommenden Prior; b. die Konventualen sollen sich der schwäbischen oder schweizerischen Congegration (II-035) anschliessen u. s. w. 12 Das kluge Benehmen unseres Abtes in dieser heiklen Angelegenheit war bis nach Innsbruck gedrungen. Erzherzog Ferdinand beehrte ihn daher eigenhändig mit zwei schmeichelhaften Schreiben und beauftragte seinen Rath, Herrn Buffa, ihm seine Bewunderung und Achtung auszudrücken.13

Dieselben Dienste erwies Abt Bonaventura der schweizerischen Benediktiner-Congregation als Visitator14 und dem Frauenkloster Berau am Schwarzwalde.15

In den Wintermonaten 1655 auf 1656 entbrannte zwischen den Katholiken und Protestanten wegen der in Art, Kanton Schwyz, Abgefallenen und nach Zürich Entflohenen ein neuer Religionskrieg. Abt Bonaventura leistete den katholischen Orten, der Mehrheit seiner Schirmherren, gute Dienste, indem er ihnen Getreide lieferte16, weise Räthe gab und wichtige Mittheilungen machte. So meldete er den in Küssnach am Vierwaldstättersee versammelten Abgeordneten der V katholischen Orte, dass die Berner die Freiämter zu überfallen gedächten. Den Truppen der Katholiken, welche längere Zeit um Muri lagen, begegnete er mit grösster Freundlichkeit. Nicht selten musste er im Kriegsrathe erscheinen, und seine Räthe fanden Beachtung. Bevor die Hauptleute am 24. Jänner 1656 von Muri nach Villmergen aufbrachen, ertheilten sie dem Abte die Vollmacht, alle Briefe, welche an den Kriegsrath kämen, zu öffnen und sie nach seinem Ermessen zu beantworten. Im Augenblicke, als die Katholiken den Bernern in Villmergen gegenüberstanden, kamen Briefe von der Luzerner-Regierung nach Muri, welche jeden feindlichen Angriff verboten. Der Abt theilte den Inhalt des Schreibens den Hauptleuten erst dann mit, als die Berner bereits geschlagen waren.17 Dieser Klugheit glaubte man in seinem noch vorhandenen Portrait (er trägt den Bart) Ausdruck geben zu müssen, indem der Maler ihm einen Brief in die Hand gab.18 Am gleichen Abend des errungenen Sieges hätte der Abt beinahe das Leben eingebüsst. Er sass ganz gemüthlich mit einigen (II-036) zurückgebliebenen Offizieren am Tische. Nun sprengte ein berittener Bauer beim Kloster an und kam in den Speisesaal, um den Sieg zu verkünden. Er legte die geladene Handbüchse auf den Tisch und erzählte den Hergang der wichtigen Tagesereignisse. Plötzlich entlud sich zum Schrecken der Anwesenden die Büchse – sie wird nahe beim Ofen gewesen sein – und die Kugel drang zwischen dem linken Arme und der Brust des Abtes in die Wand hinein.

Gleichzeitig waren die Züricher in die Vogtei Thurgau eingedrungen und verheerten dort besonders die katholischen Herrschaften. Die Muri-Besitzungen in Klingenberg schädigten sie um 2020 Gl. und vernichteten zwei werthvolle Bücher.19

Zur Gewinnung des Segens Gottes für all sein Thun und Lassen richtete Bonaventura seinen Blick nach Oben auf Gott und seine Heiligen. Wer ihm eine Freude bereiten oder eine Ehre erweisen wollte, der sandte ihm Reliquien der Heiligen.20 Abt Bernard von St. Ulrich in Augsburg schenkte ihm Reliquien der hl. Martyrin Afra (1655). Jodok Knab, Bischof von Lausanne, ein besonderer Gönner des Klosters Muri, bewirkte, dass er im gleichen Jahre von den Jesuiten in Innsbruck einen bedeutenden Theil vom Leibe des hl. Pirmin erlangte. Der Nuntius Borromäus sorgte, dass mehrere Reliquien der hl. Martyrer aus den Katakomben in Rom nach Muri kamen.21 – Aus Liebe zu den Heiligen und deren ehrwürdigen Reliquien war er bestrebt, zur Verherrlichung eines Festes, das einem heiligen Blutzeugen galt, nach Kräften beizutragen. Mit Freuden entsprach er somit dem Wunsche der Einwohner von Sursee, die Uebertragungsfeierlichkeit des hl. Martyrers Irenäus durch ein Pontifikalamt verherrlichen zu helfen.22 Nach der Schlacht bei Villmergen war es seine erste Sorge, die Reliquien des hl. Leontius, die er nebst anderen Kostbarkeiten nach Luzern gerettet hatte, zurückbringen zu lassen, zumal die siegreiche Armee das sehnlichste Verlangen ausdrückte, dem Heiligen ihre Huldigung und ihre Dankbarkeit für seine Fürbitte darbringen zu können.23

Die kurze Regierungszeit liess ihn in der Oekonomie und im Bauwesen nicht Grosses leisten. Um 1000 Gl. kaufte er in der Nähe des Horwen, in der Pfarrei Beinwil, einige Güter (II-037) an, baute das Pfarrhaus in Villmergen und liess drei Altäre in der Klosterkirche restauriren.24 Eine schmerzliche und andauernde Krankheit (Wassersucht) raubte dem erst 48 Jahre alten Abte das Leben. Am 11. April 1657 empfing er die Krone der ewigen Herrlichkeit. Er war für das Kloster eine herrlich aufgehende Blume, die aber schnell für den Himmel gepflückt wurde. Die Leiche liegt in der Kapelle des hl. Leontius.25 29 Kapitalaren und drei Brüder umstanden seinen Grabhügel.26


  1. Man scheute dessen zahlreiche Dienerschaft und fürchtete zugleich, er möchte die Wahl beeinflussen.

  2. Durch die Nuntien zumeist erlangte Muri die Exemption.

  3. Annales, p. 699- 701; Geschichtsfrd XXX., 38; Eccles., p. 236.

  4. Als Notar fungirte P. Beruard Weibel, Konventual und Pfarrer in Einsiedeln; als Zeugen waren erschienen: P. Athanas Gugger, Subprior von St. Gallen und P. Nikolaus Lauder, Konventual von Rheinau.

  5. Die sieben letzten waren Fratres (Annales, p. 702).

  6. „Adhuc adolescens monastices zelum atque singularem in religiosis moribus gravitatem prae se ferebat“ (Eccles., p. 236).

  7. Eccles., p. 236.

  8. Annales, p. 703, 704.

  9. Eccles., p. 240.

  10. Eccles., p. 240, 241.

  11. Abt war der Fürstbischof von Constanz, indem das Kloster dem Bisthum einverleibt worden.

  12. Arch. Muri in Gries: „Acta visitationis Augiae majoris per Legatum Borromaeum cum socio abbate Honegger murensi.“

  13. Eccles., p. 241; Arch. Muri in Aarau.

  14. Tractatus de Congregationibus O. S. B., p. 211.

  15. Annales, p. 718.

  16. So Unterwalden, Zug etc. (vgl. Staatsarch. Obwalden, 31. Dez. 1655).

  17. Annales, p. 709-718.

  18. Portraitsammlung in Gries. Der Abt hält in der Hand einen Brief mit der Aufschrift: „Remorando acceleravit victoriam. 1656, 24. Jan.“

  19. Arch. Muri in Aarau R, 2. F.

  20. Annales, p. 707, 708.

  21. Wie von Pontianus, Afra, Vitus, Maximus und Sarturninus.

  22. Annales, p. 705 (23. Okt. 1654).

  23. Annales, p. 717, 718. P. L. Burgener, die Wallfahrtsorte der Schweiz.

  24. Eccles.; p. 241. Placidus Weissenbach von Bremgarten nennt ihn in seinem Schulberioht vom Jahre 1852 einen „guten Verwalter.“

  25. „Consummatus in brevi explevit tempora multa“ (Murus et Antem., 91-93; Annales, p. 719).

  26. Syllabus Abbatum et Confratrum.