Siebentes Kapitel. Das Concil von Trient und sein Einfluss auf Muri und Hermetschwil.

Den wichtigsten Anstoss zur Umwandlung des religiösen Lebens in den Schweizer Klöstern gab das Concil von Trient, das nach mehrfacher Unterbrechung im Jahre 1563 geschlossen (I-359) wurde. Vor 1562 schickten zu demselben weder Katholiken noch Protestanten der Eidgenossenschaft Abgeordnete, obwohl sie ordnungsgemäss eingeladen wurden. Die Hauptursachen des Ausbleibens waren die Spannung zwischen den Religionsparteien, die Misskennung der Stellung zu dem Concil von Seite der Katholiken und die Abneigung der Protestanten gegen jedes Concil, an dessen Spitze der Papst steht1.

In letzter Stunde beschloss endlich die katholische Geistlichkeit, zuvörderst die Klöster und Stifte, auf der am 25. und 26. Jänner 1562 abgehaltenen Versammlung zu Rapperswil, bei der auch der Abt von Muri erschienen war, der Einladung des Papstes nachzukommen. Diese Angelegenheit betrieb vorzüglich Fürstabt Diethelm Blaarer von St. Gallen. Auf dessen Betreiben wählten die Versammelten den gelehrten und eifrigen Joachim Eichhorn, Fürstabt in Einsiedeln, als Abgeordneten nach Trient2. Ihm gab man den Kanzler des St. Galler Fürstabtes, der zugleich Pfarrer in Gossau war, Florin Flerch, als Sekretär bei. Hierauf vereinten sich auch die VII katholischen Stände für die Abordnung eines weltlichen Gesandten auf das Concil und bezeichneten hiefür den Ritter Melchior Lussi, Landammann in Nidwalden. Von den V katholischen Ständen wurden die Prälaten auf den 27. April nach Rapperswil eingeladen, um die Zahlungen, welche jedes Kloster und Stift für die zwei geistl. Abgesandten leisten sollte, näher zu bestimmen. Man traf eine billige Ordnung ohne genaue Angabe des Einkommens. Nach dieser zahlte Muri 100 Gulden, ebensoviel Wettingen und Rheinau, Einsiedeln jedoch nur 69, das Frauenkloster in Engelberg 20 und das in Hermetschwil 10 Gl. Die Gotteshäuser im Kt. Luzern wurden hiefür nicht besteuert. Dem Abte Johann Christoph in Muri fiel die unliebsame Aufgabe zu, diese Taxen von den Gotteshäusern zu erheben und dem Abte Joachim Eichhorn einzuhändigen3. Dieser hatte bereits am 27. Jänner von den zu Rapperswil versammelten Prälaten die nöthigen Instruktionen erhalten4. Er verreiste aber erst am 5. März mit Landammann Lussi, nachdem er noch vorher in Altdorf vom apostolischen Nuntius mehrere Empfehlungssehreiben (I-360) entgegen genommen hatte. Die Reise ging über den Gotthard nach Trient, wo sie am 16. März ankamen. Fünfzig Bischöfe und der oberste Stadtpräsident5 begleiteten sie in die Stadt6. Abt Joachim erschien bald vor den versammelten Vätern. Seinem ersten Schreiben in die Schweiz legte er auch eine Rechnung von sämmtlichen Auslagen bei, die er für die Sache des Concils machte. Die volle Summe war 677 Gulden, 1 Batzen, 11 ½ Schill. Der Ritt von Einsiedeln bis Trient kostete für ihn und seinen Sekretär 221 Gl., 6 Bazen, 4 Schill. Zugleich bemerkte er, die Geldsendung könne leicht durch Ausstellung eines Wechsels an einen Handelsmann in Bozen geschehen. Am 7. September desselben Jahres befand sich Fürstabt Joachim in St. Gerold in Vorarlberg, um sich von einer Krankheit zu erholen. Er missbilligte den Antrag des Fürstabtes von St. Gallen, statt seiner einen andern geistlichen Abgeordneten nach Trient zu schicken, indem er beifügte, er werde selbst bald wieder an den Sitzungen theilnehmen können7. Joachim war wirklich in kurzer Zeit in Trient und blieb daselbst bis zum Schlusse des Concils (1563).

Die Eintreibung der festgesetzten Taxen für Bestreitung der Unkosten des Abtes Joachim auf dem Concil verursachte unsern Äbten, Johann Christoph und Hieronymus, viele Mühe. Noch in den Jahren 1566 und 15678 musste deren Einkassirung fortgesetzt werden. Daher richteten Abt Joachim und sein Kanzler Flerch ein besonderes diesbezügliches Dankschreiben an den Abt Hieronymus.

Um der Durchführung der Concilsbeschlüsse, welche auf viele Hindernisse stiess, desto mehr Nachdruck zu verschaffen, hielt der eifrige Kardinal Markus Sittikus von Constanz für sein zerrüttetes Bisthum am 1. September 1567 eine Synode. Die Einladungsschreiben wurden an alle geistlichen Würdenträger und an alle Männer- und Frauenklöster des Bisthums Constanz versendet9, worin der Kardinal unter Androhung von kirchlichen Strafen sie auffordert, entweder persönlich oder durch Vertretung an der Synode theilzunehmen. Die persönlich erscheinenden Äbte mussten von ihren Kapiteln keine Instruktionen mitbringen. Abt Hieronymus von Muri und Abt Christoph von Wettingen glaubten aber wegen des Erscheinens (I-361) auf der Synode vorher ihre katholischen Schirmherren anfragen zu müssen10. Sogar der Fürstabt von St. Gallen und der Weltklerus von Stadt und Land Luzern richteten im gleichen Sinne Fragen an die katholischen Regierungen. Der Stand Luzern gab den Prälaten eine ausweichende Antwort; er bezeugte jedoch seinen besondern Beifall wegen der beabsichtigten Errichtung einer katholischen Hochschule in der Eidgenossenschaft, worüber auf dieser Synode verhandelt werden sollte, und wollte diese wichtige Sache besonders der Klugheit des Fürstabtes von St. Gallen überlassen. Dem Weltklerus aber antwortete der Schultheiss: er möge vorläufig zu Hause bleiben, die Regierung wolle sehen, wie die Reformation der geistlichen Fürsten und Prälaten vor sich gehe; dann werde sie als katholische Obrigkeit auch die Reformation der übrigen Geistlichkeit, doch ohne Schaden der obrigkeitlichen Freiheiten, gestatten. Abt Hieronymus von Muri bat dann am 18. August die Abgeordneten der V katholischen Orte für sich und die Äbte von Rheinau und Fischingen um Verhaltungsregeln für die am 1. September abzuhaltende Synode zu Constanz. Die hohen Herren antworteten: es möge Einer der Prälaten oder ein Abgeordneter derselben dahin gehen; jedoch in Nichts sich einlassen, ausser was die Reformation der jetzigen Sekte und die Beseitigung der herrschenden Ärgernisse betrifft; die Freiheiten hingegen, welche die katholischen Regierungen von den Päpsten und Kaisern erhalten haben, sollen unbeschädigt bleiben; verlange das bischöfliche Schreiben, dass die Geistlichen versprechen und geloben, Alles festzuhalten, was durch die Gesandten des Bischofs auf dieser Synode werde verhandelt werden, so seien sie als Schirmherren der Pfründen und Gotteshäuser entschlossen, sich nicht weiter einzulassen, als zu gestatten, dass die vorhandenen Missbräuche der Geistlichen und Weltlichen reformirt werden11. Der Geistlichkeit in den Urkantonen theilten die Abgeordneten dieses instruktionsweise mit12. Die kathol. Behörden behandelten in obigen Schreiben den Landesbischof misstrauisch. Allein hier waltete einfach ein Missverständnise ob, indem das lateinische Kreisschreiben des Bischofs fälschlich aufgefasst wurde: der Bischof verlangte nur, die Nichterscheinenden sollen ihr eidliches Wort geben, Stellvertreter zu (I-362) senden und die Handlungen der eigenen Stellvertreter sodann genehm zu halten, nicht aber verlangte er, dass die Geistlichkeit zum Voraus verspreche, Alles anzunehmen und zu halten, was auf der Synode durch die Prokuratoren des Bischofs gesprochen werde13.

Die Synode dauerte fünf Tage (1.-5. September). Die Vorsteher der Klöster und des Weltklerus waren von der ganzen Diöcese fleissig erschienen. Man zählte 188 Theilnehmer, das Domkapitel und die Theologen des Kardinalbischofes nicht miteingerechnet. Jedes Dekanat schickte einen bis drei Abgeordnete14. Abt Hieronymus von Muri war nicht auf dieser Synode. Für ihn und für das Frauenkloster Hermetschwil hatte sich dabei als Bevollmächtigter Johannes Theobald, Abt von Rheinau, eingefunden.

Die Synodalbeschlüsse zerfallen in zwei Theile. Der erste Theil hat die Glaubenslehren und der zweite das Disciplinäre der Geistlichkeit und der verschiedenen Orden zum Gegenstande. Im ersten Theile ist auch die Rede von den verbotenen Büchern, vom theologischen Unterrichte in den Klöstern und Stiften, von den Dorf- und Privatschulen und dem Seminar. In den Klöstern, auch in denen der Bettelorden, sollen die Lateinschulen entweder eingeführt oder fleissig fortgesetzt und erweitert werden. Die Pfarrer sind verpflichtet, hierüber dem Bischofe Mittheilungen zu machen. Zugleich ist der Wunsch beigefügt, dass die weltliche Behörde durch ehrenhafte Männer die Pfarrer darin kräftig unterstütze. Die Visitation der Dorfschulen ist den Dekanen übertragen. – Die Vorschriften für Erhaltung der Zucht in den Klöstern sind kurz und bündig nach dem Geiste der katholischen Kirche und der Ordensregeln. Das fleissige Chorgebet, der gemeinsame, bescheidene Tisch, die anständige Kleidung der Mitglieder und der studirenden Jugend, der einfache Haushalt und die vernünftige Bewirthung der Gäste ausserhalb der Klausur wird den Vorstehern nachdrucksam anempfohlen. Die Visitation der Klöster soll nach den Vorschriften des Concils von Trient geschehen; verfehlt sich eine Klosterperson ausserhalb der Mauern wichtig, so werde sie vom Bischofe bestraft. Endlich werden noch die Rechte der Kirche angegeben.

Die Prälaten der Klöster und Stifte baten während der (I-363) Synodalsitzungen den Kardinalbischof um Milderung der gegebenen Satzungen bezüglich der Inkorporationen, Exemptionen und Privilegien, weil ihnen der Verlust schwer fallen würde. Der Abt von St. Urban hatte sogar im Namen der Prälaten von Rheinau, Wettingen und Muri die in Solothurn versammelten V katholischen Orte ersucht, sie möchten in dieser Angelegenheit ein Schreiben an den Bischof von Constanz erlassen15. Dieser liess ihnen durch Dr. Friedrich Sandholzer antworten: die Prälaten mögen wegen der Inkorporationen, Exemptionen und Privilegien ohne Furcht leben; denn in Betreff der Inkorporationen sei gar keine Satzung vorhanden, weil sie ordnungsgemäss sind; über die Exemptionen und Privilegien habe das Concil von Trient gesprochen und einige hievon aberkannt; der Bischof werde nur das vollstrecken, was das Concil verlangt.

Übrigens konnten des Friedens wegen gegenwärtig nicht alle Kirchenbeschlüsse zur Ausführung gebracht werden; viele, wie die Errichtung eines Priesterseminars, blieben leider für immer unerfüllt auf dem Papier. Unser Hauschronist, P. Anselm Weissenbach, hebt nämlich hervor, dass 1568 ein grosser Eifer für Besserung der Sitten und Disciplin beim Weltklerus und in den Klöstern allenthalben bemerkbar wurde. Abt Hieronymus blieb in diesen löblichen Bestrebungen nicht zurück. Er gab, veranlasst durch die Synode von Constanz, seinen Untergebenen in beiden Klöstern, Muri und Hermetschwil, nach der Regel des heil. Benedikt heilsame Verordnungen16. Hinsichtlich der innern Disciplin behandeln diese folgende Pflichten: 1. für den Prior. -- Der Prior werde nach der Regel des hl. Vaters Benedikt (Kap. 21) aus der Mitte des Konventes erkoren und habe fleissig acht: a. auf die Abhaltung des Gottesdienstes, der Tagzeiten u. s. w.; b. auf den Wandel und das Betragen der Konventualen und der Novizen, des Schulmeisters und der Schüler; den Konventualen ist nicht gestattet, ohne Erlaubniss des Abtes oder des Priors die Klostermauern zu verlassen; c. der Prior halte jede Woche ein- oder zweimal Kapitel, ermahne und strafe und überlasse wichtige Fälle zum Verbessern dem Abte; d. untersage er alle geheimen Zusammenkünfte, namentlich an den Vorabenden der Feste (aus ehrenhaften Gründen geschehe es in der „Konventstube“ mit Anstand); e. er sorge, dass kein Konventuale sein von der Pfründe ihm überlassenes Gut zum Bösen missbrauche; Fehlende sollen schwer bestraft werden; f. er lasse bei allen Mahlzeiten, Mittags und Abends, während des Essens etwas aus (I-364) der hl. Schrift vorlesen, namentlich in den Advent- und Fastenzeiten, Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag und in den Vigilfasten, und bestimme auch ein oder zwei Stunden für den Cursus (d. h. „ Cursus Marianus“17. 2. Der Subprior sei a. Stellvertreter des Priors und thue nichts ohne dessen Willen; im Chor habe er einen besondern Stuhl und sei in Abwesenheit des Priors „Superattendens“ (Oberaufseher); b. er beaufsichtige den Tisch und das Schlafhaus (Dormitorium); c. die Fehlenden zeige er dem Prior an oder strafe sie selbst in dessen Abwesenheit; d. in Abwesenheit des Priors darf er auch „solatia und modestia“ (Abendtrunk und Rekreation) gestatten; im Übrigen ist er dem Prior unterworfen, wie ein anderer Konventual, und darf ohne Erlaubniss weder am Tage noch in der Nacht die Klostermauern überschreiten; e. er vermeide allen heimlichen Anhang gegen den Prior und die „verborgenen Praktiken“; im Gegentheil, er soll mit dem Prior „heben und legen“, damit „concordia et pax sit in æternum“ (Eintracht und Friede in Ewigkeit walte). 3. Der Custos des Gotteshauses Muri sorge: a. dass Alles zur Ehre Gottes treulich und fleissig durch ihn oder Andere besorgt werde; b. dass beide Kustereien jederzeit gut verschlossen seien, und er achte zugleich auf Ordnung, Reinlichkeit und den guten Stand der Dinge an Festtagen und Werktagen; die Paramente sollen nicht durch seine Schuld zu Grunde gehen; er gebe den Gästen die geeigneten Messkleider und sei besonders beim Pontifikalamt behilflich; c. er überwache auch den Messner, welcher ihm in Reinhaltung der Kirche, des Kreuzganges und in der Sorge für alles Nöthige beim Gottesdienste beistehen wird. – 4. Der Novize muss vor der Profession eine Schrift ausstellen, worin er oder die Verwandten sich verbindlich machen: allen Schaden dem Kloster zu ersetzen, wenn er (der Novize) boshafter Weise das Kloster verlassen und dasselbe schädigen sollte; der Noviz verspricht weiter: sich gänzlich der Seinigen zu entschlagen und für das Kloster nach der Regel des heil. Vaters Benedikt zu leben; dem Abte und Prior des Klosters gehorsam zu sein; priesterlich und ehrbar zu leben; dem Volke ein gutes Beispiel zu geben, um so die ewige Glückseligkeit zu erlangen, „alle Gefärd, Arglist und bös Feind hierin ausgeschlossen und vermieden“.

An diese Verordnungen schliessen sich die Bestimmungen für die Pfarrer (Leutpriester und Kapläne) an, welche eine Pfründe des Klosters inne hatten, und endlich für die, welche die Immunität des Klosters geniessen wollten18.

(I-365) Die allgemeinen Grundzüge des Concils von Trient und der Synode von Constanz in Betreff der Zucht und Ordnung in den Klöstern und die besonderen Vorschriften des Abtes Hieronymus Frei suchte der apostolische Nuntius in der Schweiz, Franz Bonomi, Bischof von Vercelli, mit Ernst in Muri zur Geltung zu bringen. Die beständige Nuntiatur in der Schweiz (1579 eingeführt) hatte nach der Bulle die Aufgabe, zu sorgen, dass „die Kirchenzucht in dieser Republik wieder in Flor komme, die Kirchengüter geschirmt, die Pfarreien nach den Vorschriften von Trient verliehen, die Frauenklöster geschlossen, die Gelübde und Jungfrauschaft gehörig in Ehren gehalten, das Volk gehörig belehrt und die Priester nicht mehr vor das weltliche Gericht gezogen werden19.“

Schon im oben genannten Jahre hielt dieser Nuntius eine strenge Visitation in Muri und Hermetschwil. Er verschärfte die Satzungen des Abtes Hieronymus am 10. Dezember, indem er festsetzte, und zwar 1. für Muri: keine Weibsperson, geistlichen oder weltlichen Standes, wage es bei Strafe der Exkommunikation die Klausur zu betreten; für Besorgung des Bettzeuges und der Gartenbepflanzung sollen nicht mehr als zwei ehrbare und züchtige Mägde gehalten werden; im Gotteshause enthalte man sich alle Mittwoche der Fleischspeisen, wie auch die ganze Adventzeit; der Abt gebe den Konventherren keine Pfründen mehr (also keine vierteljährige Vertheilung bestimmten Einkommens), sondern lasse die Bekleidung und anderes Nöthige ihnen verabreichen; endlich solle der Abt dem Nuntius jährlich einen Bericht von den Zinsen, Gülten und Gütern geben. Diese letzten Punkte waren die wichtigsten. Aber erst Abt Jodok Singeisen vermochte sie durchzuführen. 2. Die Vorschriften für die Frauen in Hermetschwil sind den angeführten ähnlich. Insbesonders befahl ihnen der Nuntius: die Klostermauern nicht zu verlassen; nicht an gesonderten Tischen, sondern beisammen an einem gemeinsamen Tische zu essen und zu trinken und gleichfalls die Pfründen aufzugeben; dagegen sollen sie alles Nöthige vom Kloster empfangen. Endlich wird eingeschärft die Vermehrung der Mitglieder sowie auch das Beichten und Anderes20.

Die Verordnungen des Abtes Hieronymus hatte man lautlos hingenommen; allein gegen diese Bestimmungen des Nuntius erhoben sich sowohl die Konventualen in Muri als auch die Nonnen in Hermetschwil21. Abt Hieronymus erkannte, der Nuntius sei für jetzt zu weit gegangen und lösche so den glimmenden (I-366) Docht aus. Daher wandte er sich an die Schirmherren, die V katholischen Orte, welche am 5. Jän. 1580 in Luzern versammelt waren. Bei ihnen begründete er durch einen mündlichen Vortrag die Beschwerden beider Klöster, wie auch die des Klosters Wettingen, in dessen Namen Abt Hieronymus erschienen war22. Gleichzeitig liefen bei den VII katholischen Ständen wegen des Nuntius Klagen ein von Ittingen, Diessenhofen (St. Katharinenthal), Dänikon und andern Klöstern, ja, es kam in diesem Sinne sogar an sie eine Zuschrift vom Bischof von Constanz. Die Schirmherren beauftragten nun den Stand Luzern, dem Nuntius, weil sein Verfahren allenthalben grossen Unwillen errege, Vorstellungen zu machen und ihm zu rathen, bis zum nächsten Conferenztage in der Sache nichts weiter zu verfügen; indessen soll jeder Schirmort die Schriften, Verträge u. dgl. gegen die geistlichen Obern, ferner die erhaltenen Freiheiten u. s. w. zusammensuchen, damit man sie an diesem Tage bei Handen habe; endlich sollen die zwei Vögte im Thurgau und Baden23, die wegen Übertretung der vom päpstlichen Legaten gegebenen Verordnungen für die Klöster im Banne sind, sich zum Bischofe begeben, um die Absolution zu erlangen und dann sollen diese die weitem Beschwerden der Klöster nach Luzern berichten. Den erhaltenen Auftrag erfüllte Luzern in allen Punkten. Wenige Tage darauf rechtfertigte der Nuntius sein Verfahren gegen Dänikon, Hermetschwil, Wettingen etc. mit dem Satze: es sei allein aus dem Grunde geschehen, um das gegebene Ärgerniss möglichst zu beseitigen24. Bonomi blieb aber nicht lange mehr Nuntius in der Schweiz; er wurde abberufen. Seine Nachfolger handelten jedoch im gleichen Geiste; nur suchten sie etwas vorsichtiger zunächst die Reformation in den Frauenklöstern einzuführen. Hiebei hatten sie vor allen Hermetschwil im Auge. Die Muri-Äbte wollten aber die Freiheiten dieses Klosters schirmen. Allein die Nuntien beraubten sie des Visitations- und Schirmrechtes und verboten ihnen zugleich bei Strafe der Exkommunikation das Kloster zu betreten. Meliora von Grüt, seit 1553 Meisterin von Hermetschwil, wandte sich jetzt an die V katholischen Stände und bat sie um Hilfe wegen der neuen Ordnung. Nach Anhörung ihrer Klage schrieben sie an den Abt Jakob nach Muri (16. November 1588): er solle als geistlicher Oberherr und Visitator – allein Abt Jakob war als solcher vom Nuntius abgesetzt – den Klosterfrauen in Hermetschwil zufolge früherer Bestimmungen einen guten Weltpriester (I-367) setzen und jene, wie früher regieren, berathen und überwachen, ebenso ihnen einen tugendhaften Beichtvater geben. Weil dem Abte Jakob die Hände gebunden waren, konnten diese Anordnungen keine Wirksamkeit haben. Die Frau Meisterin richtete daher eine Schrift an den Kardinal Andreas von Österreich, Bischof von Constanz, und setzte auch ihm die Beschwerden wegen der neuen Ordnung auseinander. Der Kardinal theilte den Inhalt dieses Briefes (22. Mai 1591) aus Mörsburg dem Abte von Muri mit und forderte ihn zugleich auf, sich zu verantworten und die schriftlichen Belege herbeizuschaffen. Dieser antwortete dem Kardinal Folgendes: a. die Pfründen sind eine alte Stiftung in Hermetschwil und das nicht gemeinsame Leben der Frauen eine alte Gewohnheit; b. die Visitation, die seinen Vorfahren und ihm über dieses Kloster zufolge vorhandener Briefe übertragen worden und die er und seine Vorfahren nebst der Versorgung mit den Priestern tadellos ausgeübt haben, wurde seinem Vorgänger wie auch ihm vom Nuntius abgenommen, was den Klosterfrauen sehr missfalle; c. wegen der eingeführten Klausur sei ihm vom Nuntius das Betreten des Klosters versagt, wesshalb die guten Frauen verwaist seien; d. was den gemeinsamen Tisch anbetreffe, wollen die Frauen dem Nuntius und dem Bischofe von Constanz gehorsam sein; allein die Beobachtung der Klausur sei ihnen fast eine Unmöglichkeit; denn die Leitung der Ökonomie werde dadurch gehemmt, die Frauen seien auch so des Seelentrostes, den sie beim Besuche heiliger Orte und gottesfürchtiger Personen erlangen, beraubt, und zudem werde diese Klausur von den gnädigen Schirmherren gleichfalls nicht beobachtet. Die Landvögte kehren allda ein „je und allweg“ nach ihrer Gelegenheit und lassen sich nicht ausschliessen, es mögen die Nuntien sagen, was sie wollen. Schliesslich bittet der Abt, der Kardinal wolle ihm die Visitation des Klosters Hermetschwil neuerdings übertragen und ihm die Gnade erweisen, dass kein apostolischer Nuntius ohne seine und seiner Nachfolger Genehmigung mit den Frauen in Hermetschwil verhandle, wie es auch in andern Klöstern üblich sei25. Der Kardinalbischof liess durch seinen Rath am 14. Oktober 1592 der Frau Meisterin Meliora, ohne auf alle Wünsche des Abtes Rücksicht zu nehmen, antworten: Die Visitation und Besorgung des Klosters und der dortigen Pfarrei solle der Abt Jakob und seine Nachfolger in Muri zufolge früheren Übereinkommens beibehalten; allein die Klausur müsse beobachtet werden, und der Kardinal befehle, keinem, weder einem Geistlichen noch Weltlichen, ausser im Falle der (I-368) Noth, bei Strafe des Bannes den Eintritt in das Gotteshaus Hermetschwil zu gestatten; sogar der Beichtvater bleibe, es sei denn, dass er kranke Personen versehe oder anderer geistlicher Nothdurft wegen hineingehen müsse, ausserhalb der Klausur.

Trotz dieses kräftigen Auftretens der Nuntien und des Kardinalbischofes gegen die Übelstände in Hermetschwil und Muri blieben selbe dennoch fast ein Jahrzehent bestehen, bis der kluge Abt Johann Jodok Singeisen sie in beiden Klöstern gründlich hinwegräumte. Aber gerade die Reformgeschichte dieser zwei Gotteshäuser bietet uns einen neuen Beweis, dass eine nachhaltige Auffrischung gesunkener Klöster aus ihrer eigenen Mitte zumeist hervorgehen müsse.

Weil unsere Glaubensgegner wie auch Katholiken oft unbillig über den apostolischen Nuntius den Stab brechen, dass er undisciplinirte Klöster zur Ordnung weisen wollte, so lassen wir darüber Dr. Segesser sprechen, ohne dass wir die Handlungsweise der V katholischen Orte in Allem vertheidigen möchten, zumal die ihnen vom apostolischen Stuhle ertheilten Vollmachten für die Schirmung der katholischen Kirche wieder (1579) etwas beschränkt worden waren: „Die katholischen Orte“, schreibt Segesser, „suchten mit dem apostolischen Nuntius Bonomi, den offenen Streit mit den Protestanten über die Durchführung der tridentinischen Reformen möglichst zu vermeiden. Die V katholischen Orte machten auf eingelaufene Klagen der reformirten Orte dem Nuntius Bonomi (1580) Vorstellungen über die Strenge, womit er in den aargauischen und thurgauischen Klöstern die durch das Concil geforderten Reformen betreibe und fügten bei: die Reformirten glauben, der Nuntius wolle, da er sie als Mitregenten in den Vogteien wegen dieser Sache nicht anfrage, den Krieg zwischen ihnen und den Katholiken wieder heraufbeschwören. Dagegen erklärte der Bischof Bonomi: seine Massregeln bezüglich der Klöster Dänikon, Hermetschwil, Wettingen und Ittingen, so wie alle andern Schritte, die er vorgenommen, haben durchaus nicht den Zweck, Zwietracht zu stiften, sondern allein die Ehre Gottes und der katholischen Kirche zu fördern und Ärgernisse zu entfernen; er thue Alles mit Rath und Hilfe der katholischen Obrigkeiten. Diese Verantwortung wurde als vollkommen befriedigend anerkannt“26.


  1. Segesser, Staats- und Rechtsgeschichte von Luzern III., 296 bis 438; Vögelin, Gesch. der Schweiz. Eidgenossenschaft II., 464-474.

  2. Es fällt auf, dass Abt Joachim von Einsiedeln mit seinem Begleiter, Florin Flerch, in der Stereotypausg. des Georg Jos. Manz in Regensburg, 1866, Canones et Decreta Concilii Tridentini, im Catalogus Legatorum, Patrum, Oratorum et Theologorum, qui ad Synodum Trident. convenerunt (S. 210 seqq.) keine Aufnahme fand. Auch die Paduaner Ausgabe vom Jahre 1753 nennt ihn nicht.

  3. Archiv Muri in Gries.

  4. Archiv Muri in Gries F, II.

  5. Das Original hat: „von Mantua“.

  6. Schreiben vom 17. März 1562.

  7. Archiv Muri in Gries. Das Schreiben ist an den Fürstabt Diethebn von St. Gallen gerichtet.

  8. Der Kanzler Flerch beklagte sich (1567), dass einige Prälaten nicht zahlen wollen.

  9. Archiv Muri in Gries, Miscell. F, I.

  10. Die Äbte und Geistlichen verdienen desshalb um so weniger Tadel, weil die V katholischen Orte von ihnen wirklich als Retter und Schirmer im Religiösen wie im Zeitlichen angesehen wurden. Die Regierungen hatten hiefür auch besondere Fakultäten vom päpstlichen Stuhle (Segesser, Rechtsgesch.) erhalten.

  11. Diese Antwort ist mit dem Stadtsiegel von Luzern versehen (Arch. Muri in Gries). Vgl. Segesser Rechtsgesch. III., 381.

  12. Eidg. Abschiede IV., 2, 369.

  13. Segesser, Rechtsgeschichte IV., 383.

  14. Vom Dekanat Lenzburg-Mellingen erschien Michael Schindler, Leutpriester in Sarmenstorf; das Dekanat Hochdorf sandte Heinrich Suter, Pfarrer in Oberrüti, und das Dekanat Bremgarten Georg Vogt, Pfarrer in Zug (Constitutiones Constant., Dillingen 1569, Blatt 286; Segesser, Rechtsgeschichte IV., 385 ff.).

  15. Eidg. Absch. IV., 2, 375.

  16. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 541, 542.

  17. Dieser „Cursus Marianus“ wurde damals in Muri und Hermetschwil, wie in den Cisterzienser Klöstern, fleissig gebetet.

  18. Arch. Gries A. II. 1.

  19. Segesser, Rechtsgesch. IV., 528.

  20. P. Ans. Weissenbach, Eccles., S. 376-380.

  21. Daselbst.

  22. Staatsarchiv in Luzern, Muri-Akten.

  23. Büler von Schwyz, Vogt im Thurgau, u. Amrhyn von Luzern, Vogt in den Freiämtern.

  24. Eidgen. Absch. IV., 2, 698, 701.

  25. Auszüge aus den Schriften im Archive der Frauen zu Hermetschwil.

  26. Segesser, Rechtsgesch., IV., 427, 428.