Sechstes Kapitel. Leben und Wirken der Konventualen (1549-1596).

Die Nachwehen der Religionskriege waren im Kloster Muri noch lange fühlbar. Wohl hatten die Konventualen einen gemeinsamen Tisch. Allein Abt Laurenz scheint am Ende seines (I-348) Lebens etwas zu nachsichtig gewesen zu sein, indem er gestattete, dass Einzelne aus den vierteljährigen Zuschüssen sich selbst das Essen verschafften und so ein Leben nach Art der Kanoniker einführten. Abt Johann Christoph verpflichtete aber mit Ernst alle Konventualen am gemeinsamen Tische nach der Regel des hl. Vaters Benedikt zu erscheinen. Sie wollten jedoch nicht gehorchen1. Einer derselben schrieb sogar an die Regierung von Luzern (1551) zwei Briefe, worin er über die neue Ordnung des Abtes klagt und sich als „Kanoniker von Muri“ unterzeichnet2. Die Abgeordneten der V katholischen Orte wiesen ihn zur Ordnung. Er unterwarf sich demüthig, kam als Kaplan nach Villmergen und starb daselbst im Jahre 15713.

Ein anderer Konventuale wagte es (1553) den Abt Joh. Christoph beim Landvogte, Hans Furrer von Schwyz, zu verklagen. Dieser unterstützte den ordnungsliebenden Abt. Der Konventuale erkannte seinen Fehler und übte Werke erbauender Busse4.

Abt Johann Christoph war nicht geneigt, den Konventualen die jährlichen Zulagen zu erhöhen. Nach dessen Tode hofften sie eine solche Erhöhung vom neuen Prälaten Hieronymus Frei; allein auch dieser weigerte sich mit Entschiedenheit, dem Begehren zu entsprechen. Das Kapitel drang desshalb auf einen Schiedsspruch. Derselbe erging wirklich am 6. November 1565 von den Herren Thomas Trübmann, Leutpriester zu Bremgarten und Konventherr zu Ettenmünster, und Laurenz Manhart, Leutpriester in Sins und Konventherr zu Engelberg. Diese sprachen: a. Der Abt gibt jedes Jahr allen Konventherren zusammen 128 Mütt Kernen, 16 Malter Hafer, 1 Malter Korn, 43 Luzerner Gulden, und jedem Priester, deren 7 sein sollen, sieben Saum Wein und in guten Jahren 8 Saum Wein mittlerer Qualität5. Daraus mögen sich die Konventherren bekleiden und ihre Schulden bezahlen; b. sind nur 6 Konventherren, so halte der Konvent einen Kaplan, der alle Tage Messe liest6; c. der Abt halte den Grosskellner an, so viel (I-349) möglich in den Chor und zum Gottesdienst zu gehen7. – Gerade diese erhöhten Zuschüsse lockerten die Zucht der Kapitularen. Nicht bloss Jakob Maier, wie bereits gemeldet wurde, auch der Konventherr Schumacher bereiteten dem Abte Hieronymus Verdruss. Dieser musste sogar aus dem Kloster entlassen werden, erhielt aber später von demselben aus Güte eine Unterstützung und starb zu Luzern 15728. Beide hatte der Rath von Luzern empfohlen und unserm Kloster gleichsam aufgenöthigt. – Im Jahre 1577 glaubte der Abt, den Tagherren der V katholischen Orte den Wunsch ausdrücken zu müssen, sie möchten an den ganzen Konvent ein Mahnschreiben richten. Sie entsprachen dem Wunsche und ihre Worte wurden den Kapitularen vorgelesen9.

Wenden wir uns zu den Frauen nach Hermetschwil. Auch diesen vertheilte die Frau Meisterin einen bestimmten Theil, „Pfründe“ genannt, alljährlich vom Einkommen des Klosters. Um Martini legte sie dem Abte von Muri oder dessen Stellvertreter und den versammelten Mitschwestern, grösstentheils 6, allgemeine Rechnung ab. Die Frauen waren nicht streng verpflichtet, an den gemeinsamen Tisch zu gehen; sie konnten das Essen durch ein eigenes Zimmermädchen, das jede haben durfte, besorgen und sich bringen lassen. Ihre Kleidung war nicht immer schwarz, sondern oft nach Art der Weltleute buntfarbig10; Klausur bestand keine. Die Frauen durften frei ausgehen, Wallfahrten und Besuche machen und sogar bei Hochzeiten erscheinen. Den Brautleuten hatten sie aber dann ansehnliche Geschenke zu verabreichen. Dasselbe galt auch bei den Primizen der Weltpriester und Klostergeistlichen. Am Sonntage gingen die Frauen gewöhnlich zum Gottesdienste in die Klosterkirche nach Muri, wo sie zugleich ihre Begräbnissstätte hatten. Besuche konnten sie frei annehmen, ausgenommen in nächtlicher Zeit nach Schliessung der Klosterpforte. Nebst dem Antheil, den jede Frau vierteljährig vom Kloster bekam, hatten die Nonnen noch besonderes Einkommen von den Jahrzeiten, Vigilien oder von den sogenannten „Leibgedingen“, indem Verwandte der Chorfrau bei ihrer Profession alljährlich ein Gewisses zu ihrem bessern Unterhalte zu zahlen versprachen. Jedoch befahl Abt Hieronymus, dass jede Klosterfrau über die Verwendung ihres Einkommens alljährlich der Frau Meisterin Rechnung ablege. War eine „Pfründe“ (so (I-350) nannte man das Einkommen der 6 Frauen) unbesetzt, dann vertheilten die übrigen das Einkommen derselben unter sich. Die Auslagen für den Konventtisch (wenn ein solcher war), für die Novizinnen, den Arzt, die Almosen, Geschenke, Gäste u. s. w. wurden von dem Haupttheile des Klostereinkommens bestritten. Die Almosen geben einen Einblick in die damaligen Zeitverhältnisse. So gab das Kloster 1590-1591 unter Anderm: „4 Bazen einem armen Schulmeister, 2 dicke Pfennige zwei armen welschen Mönchen, 4 Bazen an das Spital auf dem Gotthard, 4 Bazen einem armen Priester“11. Als Geschenke kommen meistens gemalte Glasfenster vor. So lesen wir in den gleichen Rechnungen von Hermetschwil (1560-1561): „Dem Glaser Balthasar Mutschli 9 Pfund 5 Schilling um Herrn Hieronymus (Abtes) Fenster; ein Fenster gegen Boswil und eines gegen Wettingen. – Zum „guten Jahr“ gab man den Schülern zu Bremgarten, den deutschen und lateinischen, 6 Schill.“12.

Die Mittel, um diese Gaben zu spenden und Verehrungen machen zu können, wusste die damalige Frau Meisterin, Meliora von Grüt, durch ihre treffliche Wirthschaft herbeizuschaffen. In ihrem Alter fand sie hierin an der gebildeten Meliora Muheim, die auch die lateinische Sprache verstand, eine ausgiebige Stütze. Seit 1581 war es diese, welche mit kräftiger Hand die Rechnungsbücher führte13.

Doch wenden wir uns wieder zu den Mitbrüdern nach Muri. Die Liebe zu den Wissenschaften war bei diesen grösser, als man vermöge der damaligen Zeitverhältnisse und innern klösterlichen Einrichtung glauben möchte.

Die Zahl der Konventualen – 12, war wie es die Landesherren wünschten und das Kapitel auch beschlossen hatte14, oft vollständig. So sind 1558 mit Johann Schumacher, der in Hägglingen pastorirte, 12 Kapitularen genannt15; im Jahre 1573 erscheinen 10 und 1596 mit dem Abte 11 Mitglieder16. Sie bekamen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihren Unterricht in der Theologie grösstentheils ausserhalb des Klosters. Die Äbte sandten ihre jungen Mitbrüder, wie gemeldet wurde, entweder nach Mailand und Modena in die Priesterseminarien oder zu den Jesuiten nach Dillingen17. Dadurch wurde der (I-351) Grund zur künftigen Blüthe unseres Klosters gelegt. Leider starb ein junger Theologe, Leodegar Brandenberg, den Abt Hieronymus nach Modena geschickt hatte, am 11. Dezbr. 1570 im dortigen bischöflichen Seminar. Der Bischof hatte ihn 1569 auf Verlangen des Papstes in seine blühende Anstalt aufgenommen. Die Leiter des Seminars stellten dem Dahingeschiedenen die besten Zeugnisse aus, und die Mitschüler beklagten seinen Tod in Gedichten18.

Ausser den Äbten Hieronymus und Jakob, wovon der erste sich als Kenner der Geschichte und Kunst hervorthat, und der zweite eine klassische Bildung besass, haben wir besonders als Freund der Wissenschaften den schon öfters genannten Rudolf Gwicht zu erwähnen. Entsprossen einer Patricierfamilie in Freiburg an der Saane begann er 1552 das Noviziat in Muri und legte daselbst am l. Mai 1553 die heil. Profession ab. Wegen seiner Kenntnisse und Tugenden wurde er bald zur Würde eines Priors erhoben. Um seinem religiösen Sinne höheren Aufschwung zu geben, unternahm er mit Genehmhaltung der kirchlichen Obern eine Wallfahrt (1564) nach Jerusalem und zur hl. Katharina auf dem Berge Sinai19. An beiden Orten wurde er mit der Ritterwürde geschmückt. Während seiner Abwesenheit starb sein Abt, Johann Christoph von Grüt. Die Freiburger Regierung empfahl dem Muri-Kapitel ihren Mitbürger, Rudolf Gwicht, dringend als Abt20. Der Konvent wählte jedoch Hieronymus Frei zu seinem Prälaten und Rudolf erhielt nach seiner Rückkehr die Würde eines Priors zum zweiten Male. Im Jahre 1572 übertrug ihm der Abt die Muttergottes Kaplanei in Sursee21. Dort wirkte er segensreich bis 1574. Im Winter dieses Jahres hatte die Pest im Kloster Engelberg nebst dem Abte Jodok Krämer, alle Konventualen, bis auf Georg Staub von Menzingen, hin weggerafft22. Die Schirmherren des schwer geprüften Klosters, Luzern, Schwyz und Unterwalden, stellten an Muri die Bitte, diesem Gotteshause einen Abt zu geben. Der Konvent gab die Zusage, und so wurde am 22. März 1574 Rudolf Gwicht zum Abte von (I-352) Engelberg gewählt. Seine Regierung währte nur zwei Jahre. Vor Allem suchte er junge Kräfte in die leeren Klosterzellen einzuführen; um diesen das Psalmengebet ruhiger und leichter zu machen, trennte er in der Klosterkirche, die zugleich Pfarrkirche ist , den Chor vom Langhaus durch ein Gitterwerk. Doch schon am 19. März 1576 traf ihn um 2 Uhr Nachmittag der Schlag. Er verschied bald darauf selig im Herrn.

Abt Rudolf IV. hinterliess in Handschriften mehrere Werke, worin er sein umfassendes Wissen niederlegte. Er besass viele Kenntnisse in der Mathematik und Astronomie. Die Engelberger- wie die Muri-Chronisten spenden ihm in Rücksicht seiner profanen Wissenschaften und zumeist wegen der Mathematik ungetheiltes Lob23. Eine Handschrift, welche vor 200 Jahren noch in der Muribibliothek aufbewahrt wurde, legte hiefür lautes Zeugniss ab24. Der gleichzeitige Dichter, Abraham Werlich aus Erfurt, rühmte ihn in seinem lateinischen Lobgesang auf Muri namentlich wegen seines umfassenden Wissens. Er singt:25

„Unter ihnen leuchtet ein Mann, den ziert die Liebe zum Höchsten,

In dem Morgenroth, würdig des Liedes ein Stern.

Jetzt durchdringt Rudolf das Gottesgebot, jetzt Apollo's

Heilige Kunst; mit Geschick führt er als Prior die Schaar,

Die er Brüder sich nennt; er beleuchtet das Dunkel des Weltalls,

Dringt in die Gotteslehr mit dem Verstand und erklärt,

Was er im Geiste geschaut und was die Seele gekostet,

Sagt, was des Menschen Kraft zu erfassen vermag,

Ja, Rudolfus ist fromm und treu im Dienst des Gesalbten,

Und dem heil'gen Verein glänzt er mit Würde voran“26.

Nach Werlich's Andeutung war Rudolf nicht bloss ein ausgezeichneter Astronom und Dogmatiker, sondern auch ein Freund der Poesie. Dass diese hl. Kunst wirklich in den Schulen zu Muri gepflegt und auch in den Zellen unseres Klosters damals geübt wurde, sagt wieder genannter Dichter, indem er vom Leiter der Knabenschulen, Johannes Bronbüler, schreibt:

„Dort ist Johannes gerühmt mit Recht als ein Liebling der Musen,

Der die Knaben belehrt, führt zu der edleren Kunst“27.

(I-353) Ferner liegen uns von Mitbrüdern damaliger Zeit gut gelungene Proben der Dichtkunst vor28.

Die Leitung der Klosterschulen lag bis 1596 noch immer in den Händen eines Weltpriesters oder eines Laien. Wir begegnen nach 1534 folgenden Präfekten: Johann Sigg von Diessenhofen im Jahre 155629; am 2. Februar 1578 ernannte Abt Hieronymus seinen Vetter Hans Elgessen mit dem jährlichen Gehalte von 42 Gulden 4 Bazen und 2 Schill.30 zum „Schulmeister“; ob Melchior Gottfried, der 1581 Organist in Muri gewesen, zugleich an der Spitze der Schulen stand, ist nicht ersichtlich31; Meister Wilhelm Knopp, ein Laie, hatte 1596 schon 13 Jahre lang in Muri die Stelle eines Schulmeisters und Organisten versehen32.

Wenn die Konventualen schon die mühevolle Präfektur bei den Zöglingen nicht übernahmen, so ertheilten sie doch Unterricht in den verschiedenen Fächern33.

Die Aufnahme der Zöglinge war laut Verordnung vom Jahre 1579 an gewisse Bedingungen geknüpft. Zunächst mussten sie in ehelicher Geburt von katholischen Eltern abstammen; dann sich eines gesunden Körpers und guten Leumundes erfreuen und keine Leibeigenschaft auf sich haben; hatte der Zögling Musikgehör und eine klangvolle Stimme und vermochte er beim Gottesdienste und im Chor auszuhelfen, so wurde ihm das Kostgeld entweder ganz oder theilweise erlassen, sonst mussten die Eltern oder Vormünder des Zöglings schriftlich geloben, diesen mit Büchern und allem Nothdürftigen zu versehen und als Kostgeld für das ganze Jahr 12 Kronen zu bezahlen. Die Oberaufsicht über die Schule hatte der Prior, dem auch der Schulmeister (Präfekt) unterworfen war. „Der Prior“, sagt die damalige Schulordnung, „soll auch die Jungen mit Ernst zu der Lehr und Schule halten und auf sie acht haben, dass sie fleissig und ordentlich studiren; auch habe er ein treues Aufsehen, dass der Schulmeister wohl und fleissig zur rechten gebührenden (I-354) Zeit Alles versehe; endlich halte der Prior die jungen Schüler dazu an, dass sie, ehe man in den Chor kommt, die Verse, Antiphonen, Versikel und Anderes, was zum Dienste Gottes gehört, wohl übersehen und einstudirt haben“34. Den Religionsunterricht scheint meistens der Prior den Studirenden ertheilt zu haben. Daher singt Werlich von Prior Rudolf Gwicht:

„Der auf des Abtes Geheiss sie schmückt mit besserem Wissen,

Dass der Same mit Lust wachse gestreuet zuvor

In die schuldlose Seel', der Grund des nie wankenden Glaubens

Und der Religion, wahre Verbindung mit Gott“.

Um Neujahr gingen die „Schuoler“ von Muri nach Hermetschwil und sangen den Klosterfrauen religiöse Lieder, die ihnen dann zum Danke ein angemessenes Geschenk verabreichten35. Dieser Ausflug war bis in's 17. Jahrhundert üblich. Die Eltern hielten es für ein grosses Glück, wenn ihre Söhne in Muri studiren konnten. Die Regierung von Luzern richtete daher wiederholte Bittgesuche an die Muri-Äbte, sie möchten Waisenkinder in ihre Schule aufnehmen, so 1573 und 158836. Beidemal wurde entsprochen. Das erstemal antwortete Abt Hieronymus dem Schultheiss und Rath: Obwohl er „mit vielen Knaben und Jungen“ versehen, wolle er doch auf ihre Fürbitte hin Hans Maler, als armen vaterlosen „Weyselinen“, aufnehmen.

Neben der Poesie fand in Muri damals von den freien Künsten auch die Musik eine besondere Pflege. Die Zöglinge erhielten darin von den Konventherren fleissig Unterricht. Der berühmte Heinrich Loriti Glarean37 fand sich daher bewogen, von seinem Musikwerke „Dodekachordon“38 ein Exemplar dem Abte Johann Christoph im Jahre 1553 zu verehren, wofür er von diesem ein anständiges Geschenk empfing39. Der Ruf von den gut eingeschulten Chorsängern des Klosters Muri war sogar bis Constanz gedrungen. Der Kardinalbischof, Andreas von Österreich, bat desshalb im Jahre 1591 den Abt Jakob um einen guten Diskantisten40. In wie fern die Figuralmusik, die in diesen Zeiten aus Italien nach Deutschland drang41, auch in (I-355) Muri Freunde fand, ist nicht bekannt, jedoch das Orgelspiel war sehr beliebt und wurde häufig zur Hebung des Gottesdienstes gebraucht. M. Michel aus Basel erstellte 1556 in der Klosterkirche zu Muri eine schöne Orgel. Dieser schalt aber in seiner Betrunkenheit einen Lunkhofer einen „Herrgottsfresser“ und zückte gegen ihn den Dolch. Michel wurde sofort gefänglich eingeführt; allein auf Verwenden des Abtes Hieronymus von Muri und der Stadt Basel erlaubte der Landvogt, dass Michel die Orgel vollende, dann aber das Land sogleich meide und die Busse des Friedbruches dem Landvogte bezahle42. – Wie die Konventherren in Muri pflegten auch die Frauen in Hermetschwil fleissig den Choralgesang und erfreuten sich am Orgelspiel43.

Noch eine freie Kunst war in Muri und Hermetschwil im XVI. Jahrhundert beliebt, die Zeichnungskunst, womit auch die Vorliebe zu den Glasgemälden und zur Heraldik verbunden wurde. Wir besitzen noch einige Proben von den neuen Konvent- und Klosterwappen von Muri, die Abt Hieronymus stechen liess. Auch vom Konventual Georg Scheublin, Profess 1580, besitzen wir einige Versuche seiner Zeichnungs- und Malerkunst44. Selbst die früher rühmlich erwähnte Frau Meliora Muheim in Hermetschwil hinterliess Versuche in der Wappenzeichnung45. Dem Meister Jopp, Maler in Muri, schenkten sowohl die Herren in Muri wie auch die Frauen in Hermetschwil alle Aufmerksamkeit46.

Gemalte Glasfenster waren im 16. und 17. Jahrhundert eine Hauptzierde für Kirchen und Wohnhäuser. Wer Jemanden ehren wollte, der schenkte ihm sein Wappen in Glas gebrannt. Muri und Hermetschwil empfingen nicht bloss solche Glasfenster, sondern vergabten auch viele an Regierungen und Klöster47 und zierten ihre eigenen Kirchen- und Klostergänge mit sinnigen Darstellungen. Die dazu nöthigen Ausgaben sind nach den Rechnungsbüchern beider Gotteshäuser bedeutend48. Wilhelm Lübke hielt es der Mühe werth, in seinem Werke: „Ueber die (I-356) alten Glasgemälde der Schweiz“49, eine besondere Abhandlung über die Glasgemälde in Muri zu schreiben. Er sagt: „Trotz aller Zerstörungen und Verschleppungen ist immer noch eine Fülle dieser prächtigen Arbeiten auf Schweizerboden erhalten. Ich muss mich indessen begnügen auf die drei wichtigsten Cyklen hinzuweisen, welche an solchen gemalten Scheiben jetzt noch zu treffen sind, und die hoffentlich noch so viel Pietät finden, um niemals gleich so vielen, früheren, in's Ausland verschachert und verschleppt zu werden, ich meine die Glasgemälde von Wettingen, Muri und Rathhausen“.

„Von grossem Werthe sind die Glasgemälde aus dem Kreuzgange von Muri, die leider bei der Aufhebung des Klosters aus den Fenstern herausgehoben worden sind und jetzt in Aarau in Kisten verpackt stehen50 ... Die Ausführung (von 54 Scheiben, die den Künstler vielleicht gerade wegen ihrer Schwierigkeit zu den glänzendsten Leistungen begeisterten) hat mit dem Jahre 1555 begonnen und ist in den folgenden Dezennien bis in die 90er Jahre grösstentheils vollendet worden ... So gehört also die Mehrzahl dieser Fenster der Glanzperiode der Schweizermalerei an ... Sie enthalten Wappen der eidgenössischen Orte51, so wie der bei der Schweiz accreditirten Gesandten der katholischen Mächte von Spanien, Frankreich und Österreich, ferner der befreundeten Gotteshäuser von Rheinau, Einsiedeln, St. Gallen, Engelberg und St. Blasien und endlich mancher angesehener Privatpersonen. Mit besonderer Vorliebe und reicher Phantasie sind die architektonischen Einfassungen ausgeführt“ ...

„Neben den Wappen enthalten hier die Felder am Sockel und über den Bögen zahlreiche kleine Darstellungen, in welchen sich die verschiedenen geistigen Interessen der Zeit aussprechen; man sieht biblische und legendarische Scenen, so David und (I-357) Goliath, letzterer durch aufgefahrene Kanonen gedeckt, gegen welche der kühne Hirtenknabe bloss mit seiner Schleuder anrückt (vom Jahre 1563)... Als Wappenhalter sind abwechselnd Pannerträger oder Schutzpatrone verwendet. Auch Zürich hält in seinen beiden Scheiben von 1557 an Felix und Regula fest und besonders die letztere ist durch den herrlichen Lockenkopf, den sie in den Händen hält, ausgezeichnet ... Vom Todtentanz, diesem in der Schweiz so heimischen Thema, findet sich ebenfalls eine Scene auf einer Scheibe vom Jahre 1562. Es sind Reiter, die in voller Hast vor Gerippen fliehen, welche aus einem Beinhause hervorbrechen. Vaterländische Heldenthaten kommen mehrfach vor: Uri hat seinen Tellschuss, Unterwalden seinen Winkelried und Nikolaus von der Flüe. Auf einer Scheibe vom Jahre 1563 ist eine Conciliumsversammlung. Sodann überraschen uns dicht neben den christlichen Heiligen Scenen aus der antiken Mythologie. So sieht man auf einer Scheibe mit dem heil. Fridolin den Orpheus auf dem Viloncell die Thiere bezaubern“.

„Von ausgezeichneter Schönheit sind aber vornehmlich die Füllungen aus den Fenstermasswerken. Sie enthalten Blumen und Arabesken, bei denen die Schönheit der Zeichnung mit der Pracht der Farbe wetteifert; ferner mythologische Fabelwesen, Genrebilder, Jagdscenen und mehrere meisterhaft ausgeführte biblische Darstellungen: Die Geburt Christi, die Flucht nach Ägypten, den Kindermord und die Anbetung der Könige“.

Weil der kunstliebende Abt Johann Christoph die Ausschmückung des Muri-Kreuzganges mit diesen Prachtstücken begann, so ist erklärlich, dass der Ruf hievon bis nach Innsbruck in Tirol drang und die dortige Kammer diesen Prälaten 1562 ersuchte, ein Glasfenster mit den alten und neuen österreichischen Wappen in Zürich zu besorgen52.

Mit der Thätigkeit in der Schule und der Pflege der Wissenschaften war die Wirksamkeit der Konventualen nicht abgeschlossen, sie entwickelten zugleich einen grossen Eifer in der Seelsorge. In der Eidgenossenschaft war noch immer ein grosser Mangel an guten Priestern53. Die Muri-Äbte besetzten daher in diesen Zeiten ihre Collaturen häufig mit Priestern aus ihrem Konvente. So hatten die Muttergottespfründe (I-358) in Sursee von 1570-1596 drei Konventualen inne, Gwicht, Studer und Füchsli, und vor 1562 war ein ungenannter Konventuale Pfarrer in Lunkhofen54. Vor allen diesen Mitbrüdern zeichnete sich als Seelsorger besonders Ludwig Studer aus. Er versah längere Zeit die Pfarreien Muri und Bünzen und wurde vom Landkapitel Mellingen mit der Würde eines Kammerers und Dekans beehrt. Er starb in Sursee am 10. November 1584, bis zur letzten Zeit thätig für das Wohl der Nebenmenschen. Mit der Gewandtheit in den Geschäften verband er grosse Klugheit55. Die Pfarrei Bünzen besorgten die späteren Abte Jakob Maier und Johann Jodok Singeisen. Auch für Pfründen, welche keine Muricollaturen waren, begehrte man Herren aus unserem Konvente. So verlangten die Collatoren in Münster und die Bauern von Hägglingen Johann Schumacher als Pfarrer56, und die Kaplanei zu St. Wolfgang in der Pfarrei Cham wurde 1596 gleichfalls mit einem Konventualen aus Muri besetzt57.

Wenn unsere Mitbrüder schon zum Wohle der Mitmenschen sich aufopferten, so waren sie dennoch nicht bei allen Leuten beliebt. Wir haben bereits gemeldet, dass am 29. Oktober 1530 Ulrich Schnyder an der Klosterpforte erstochen wurde. In diesem Zeitabschnitte ereignete sich ein ähnlicher Fall. Herr Jakob Fischer lustwandelte 1576 ausserhalb des Klosters längs des Fischteiches. Ein Bösewicht kam des Weges, stürzte ihn in das Wasser und tödtete so den Unschuldigen58.


  1. Staatsarchiv Obwalden, Rathsprotokoll (1550). Obwalden gab auf einer Conferenz der V katholischen Orte folgende Stimme ab: es wolle beim Abschiede wegen des Konventes in Muri bleiben; es werde nicht so weit kommen, dass man den Konvent zertheilen muss.

  2. „Canonicus Murensis“ (Staatsarchiv Luzern, Muri-Akten); P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. 21.

  3. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 177; Annales, p. 524, 545.

  4. Archiv Muri in Aarau.

  5. Vgl. Rationarius vom Jahre 1574, Muri-Archiv in Aarau.

  6. Im Jahre 1574 finden wir Herrn Jakob Wendeli und 1578 Herrn Adam Brendli als Kapläne in Muri angestellt (Arch. Muri in Aarau).

  7. P. Aug. Stöcklin, Miscellan., p. 274. Die Urkunde wurde doppelt, für den Abt und Konvent, ausgestellt.

  8. Staatsarchiv Luzern, Muri-Akten.

  9. Eidgen. Abschd. IV., 2, 1131.

  10. Klosterchronik von Hermetschwil,

  11. Rechnungsbücher der Frauen von Hermetschwil.

  12. Daselbst.

  13. Archiv der Frauen in Hermetschwil.

  14. Staatsarchiv Luzern u. a. O. vom Jahre 1565.

  15. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 526.

  16. P. Aug. Stöcklin, Miscell., 191 u. a. O.

  17. Die jungen Konventualen vom Jahre 1596 hatten alle in Dillingen studirt (Staatsarchiv in Aarau, Abtheil. Muri).

  18. Archiv Muri in Aarau. – Ein Klagelied verfasste Joachim Fr. Thäantro.

  19. Am 13. September 1564 stellt ihm F. Bonifacius de Regutio, Guardian des Klosters auf dem Berge Sinai, ein Zeugniss über seine vollbrachte Pilgerreise aus (P. Leodegar Maier, Comp. Arch. B, 163).

  20. Eidgen. Abschd. IV., 2, 1131. - Vorzüglich war sein Schwager, Franz Werro, Venner und Rathsherr, für Rudolf thätig.

  21. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 546.

  22. Egb. Fr. v. Mülinen, Helvetia sacra I. S. 84, Leu, Lexikon, Art. „Engelberg“.

  23. P. Aug. Stöcklin, Miscell., 357 u. a. O.

  24. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 549.

  25. P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. XXII.

  26. „Inter quos pietate gravis, quoque carmine dignus Lucet ut auroræ splendida stella novæ. Divina celeber nunc Lege et Apollinis arte, Confratrum Prior atque ipse Rudolphus erit, Cryptica qui Mundi perplexaque dogmata sensu Rimatur cupide, quique profunda notat, Ardua qui meditatur et affert, quæ senserat Unus, Quæ captum possent exuperare hominis. Hic pius et Christi fidelis amicus habetur, Quem dignum merito concio sancta facit“.

  27. „Illic qui pueros doctrinâ pascit et arte In Musis celeber rite Johannes adest“. Bei diesem Anlasse rühmt genannter Dichter begeistert den Werth der Poesie: „Wer verkündet mit Glück des Herrn Worte dem Volke, Dass er es bilde, wenn er selber der Bildung ein Feind? Oder wie löst im Staat den verworrenen Knäuel der Geschäfte, Der mit Apollo's Trank nie je die Lippen benetzt? Ungeglättet und geistlos ist die Rede der Jugend, Wenn des Pernassus Quell ihr nicht die Frische verleiht“.

  28. Archiv Muri in Gries (Sammlung für die Muri-Geschichte).

  29. Staatsarchiv von Luzern (Mittheil. von Th. v. Liebenau).

  30. Archiv Muri in Aarau, Rationarius vom Jahre 1574.

  31. Archiv Muri in Aarau, Rationarius vom Jahre 1574.

  32. Staatsarchiv in Luzern, Kloster Muri-Akten.

  33. Staatsarchiv in Luzern, Kloster Muri-Akten.

  34. Archiv Muri in Gries A. II., 1.

  35. Rechnungsbücher vom Frauenkloster Hermetschwil. Anfänglich erhielten die Muri-Schüler 12 Bazen und die von Bremgarten 4 Bazen, später die von Muri 1 oder 2 Pfund und die von Bremgarten seit 1560 sechzehn Schillinge.

  36. Staatsarchiv Luzern, Muri-Akten.

  37. Freuler, Jahrbuch des hist. Vereins in Glarus, 1875.

  38. Herausgegeben in Basel, 1547.

  39. Schreiber, Lorit Glarean, 1837, S. 109.

  40. Brief des Kardinals (Archiv Muri in Gries).

  41. Ziegelbauer, T. I., p, 94.

  42. Eidg. Abschd. IV., 2, 1127.

  43. Archiv der Frauen in Hermetschwi!.

  44. Sammlung von Zeichnungen und Bildern in Gries. Zwei kleine colorirte Bilder vom Fr. Georg sind aus dem Jahre 1593 vorhanden.

  45. Archiv der Hermetschwiler Klosterfrauen u. a. O.

  46. Im Jahre 1599 malte er in Hermetschwil ein Muttergottesbild und die Auferstehung (Arch. der Frauen daselbst).

  47. Rechnungen von Muri 1596 u. s. w. (Archiv Kloster Muri, R. 21; Mitthl. von Dr. Hermann Meyer).

  48. Archiv Muri in Aarau und Archiv der Frauen in Hermetschwil.

  49. Zürich, Verlag der Schabelitz'schen Buchhandlung. Vgl. daselbst S. 46 ff. Vgl. H. E. Berlepsch, Entwickl. der Glasmalerei i. d. Schweiz, Vortrag, Münch. 1885.

  50. Anmerk. von W. Lübke: „Ich verdanke der zuvorkommenden Güte des Herrn Regierungsrathes Urech die Möglichkeit eines eingehenden Studiums dieser trefflichen Glasscheiben, denen übrigens eine Fassung in Holzrahmen dringend noth, thut, wenn sie nicht trotz aller Schonung untergehen sollen. – Könnte man sie doch in einer öffentlichen Sammlung aufstellen!“ – Dieser Wunsch Dr. Lübke's hat sich verwirklicht. Die aarganische Regierung liess die schönsten Stücke, bei 40, in der Kantonsbibliothek und fast ebensoviele im Regierungsgebäude angemessen aufstellen; mehrere sind noch im Murl-Archiv.

  51. Der Stand Zürich verehrte: 1536/1537 ein Wappen gegen Muri mit der Landschaft (Verfertiger: Uli Ban); 1543 ein Fenster (Uli Ban); 1551 wieder ein Fenster (Verfertiger: Karl von Ägeri); 1560 drei Fenster in den Kreuzgang zu Muri (Karl von Ägeri); 1569 den Herren zu Muri ein Fenster; ebenso das Ehrenwappen 1592 und 1604 (Züricher Säckelamtsrechnungen; Mitth. von Dr. Herm. Meyer).

  52. Mone's Anzeiger, Bd. VII., 606.

  53. An Priestern, die ein unstetes Leben führten, scheint es nicht gefehlt zu haben. Die Frau Schreiberin, Meliora Muheim, nennt vom Jahre 1582-1607 fünfzehn Priester, welche die Pfarrei Hermetschwil inne hatten (Klosterarchiv Hermetschwil).

  54. Vgl. Katalog der Konventualen und P. Leod. Maier, Comp. Arch. C., 144.

  55. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 554; Eccles., p. 469.

  56. Meng, Landkapitel Mellingen, S. 55, 57, 58, 64, 85.

  57. Stadlin, Kt. Zug, IV. Bd., S. 452, Anm. 46.

  58. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 549; Eidgen. Abschiede IV., 2, 1131.