Zweiter Abschnitt. Die Reformationszeit (1508-1549).

Erstes Kapitel: Laurenz von Heidegg, XXXII. Abt (1508-1549)

1.

(I-271) Neue Gewitterwolken, gefährlicher als je, zogen gegen das St. Martinskloster an den Quellen der Bünz am Lindenberg heran, dass die Worte des Propheten buchstäblich in Erfüllung zu gehen schienen: „Die Vormauer trauert und auch die Mauer ward eingerissen“2. – Abt Laurenz von Heidegg führte jedoch das Steuerruder in den gefährlichen Zeiten mit Muth, und entriss das schwache Schiff mit Hilfe der katholischen Eidgenossen den wilden Wogen der Reformation. Seine ganze Regierung ist fast nur ein Kampf um die Religion, sei es, dass wir ihn betrachten, wie er seine Seele läutert, und sich zum Kampfe rüstet, oder wie er mit den Gegnern ringt, und wie er endlich nach errungenem Siege die Schäden ausbessert und das Schifflein über die ruhigen Wasser dahin gleiten lässt. Daher zerlegen wir diesen Abschnitt in drei Kapitel: in die Zeit vor, während und nach dem Sturme.

Johannes II. Feierabend legte im September 1508 den Hirtenstab von Muri nieder, um in die ewigen Freuden einzugehen. Am 16. Oktober versammelten sich in der Krypte der Klosterkirche von den acht Kapitularen unseres Konventes fünf zur Abtwahl: Herr Georg Flecklin, Prior; Herr Andreas Steiner; Herr Bernard Gir; Herr Laurenz Landolt und Herr Laurenz von Heidegg3. Abwesend waren Herr Ludwig Summerer, Pleban und Dekan in Bünzen, und Herr (I-272) Jakob Heberling, der urkundlich 1491 als Konventual von Muri erscheint4, und endlich Herr Hug Acklin, von dem P. Anselm Weissenbach meint5, er habe 1508 noch gelebt. Den fünf zur Wahl versammelten Kapitularen präsidirten Abt Konrad III. von Einsiedeln, Freiherr von Hohenrechberg, und der berühmte Abt Barnabas Bürki von Engelberg. Herr Laurenz von Heidegg, der jüngste Kapitular, ging als Abt von Muri aus der Wahlurne hervor. Bischof Hug von Constanz bestätigte ihn als solchen am 5. November 15086.

Ausser den persönlichen Verdiensten hatte Laurenz wohl auch seiner Abstammung es zu verdanken, dass ihm die Abtwürde übertragen ward. Er gehörte einem alten und angesehenen Geschlechte an, dessen Stammburg heute noch am Heideggersee, Kt. Luzern, zu sehen ist. Seine Ahnen und Verwandten standen in Ehren am Hofe der deutschen Kaiser und der Herzoge von Österreich7, waren verburgrechtet mit mehreren eidgenössischen Städten, mit Zürich, Luzern, Solothurn, Aarau, Zofingen und Bremgarten, wie auch seit ältesten Zeiten befreundet mit dem Kloster Muri8. Nicht Wenige wandten sich von diesem Geschlechte dem geistlichen Stande zu, wovon mehrere höhere Stellen einnahmen. So folgten die Brüder Fridolin und Ulrich von Heidegg einander in der Abtwürde auf der Reichenau (1149-1170 und 1170-1184), Heinrich und Rudolf von Heidegg leiteten nach einander die Commende in Hitzkirch (1246-1266) und Pantaleon von Heidegg war Comthur zu Beuggen (1424-1428). Auch weibliche Sprossen dieses Geschlechtes standen an der Spitze mehrerer Frauenklöster. So leitete Adelheid von Heidegg (1345-1350) als Meisterin die Nonnen in Engelberg, und Verena von Heidegg lebte als Meisterin in Hermetschwil9.

Von der einst weit verzweigten Familie von Heidegg blühten später noch zwei Linien, die eine auf der Feste Kienberg und die andere auf dem Thurme zu Aarau. Der Vater unseres Abtes hiess Laurenz und setzte die Kienberger Linie fort und nannte sich gleich seinem Vater Herrn zu Kienberg (I-273) und Wagenberg, Vogt zu Werth, Oltingen, Bühl, Lupfingen, Winterswil und Waltenswil. Als er im Jahre 1483 in die Gruft seiner Ahnen gesenkt wurde, war seine Gemahlin Margaretha von Arsent, aus einem Freiburger Geschlechte entsprossen, inmitten von sieben unerzogenen Kindern, untröstlich und rathlos. Doch Barbara von Heidegg, Schwester des verstorbenen Laurenz, stand ihr kräftig zur Seite. Eine Tochter brachte sie im gleichen Jahre bei den Nonnen in Feldbach unter. Den übrigen sechs Kindern: Hemmann, Hans Jakob, Hans Ulrich, Laurenz, Barbara und Magdalena von Heidegg, bestätigte Herzog Sigmund von Österreich auf Bitte des Stadtschreibers Hans von Stall in Solothurn am 10. Nov. 1484 ihre österreichischen Lehen. Von den drei Brüdern unseres Abtes Laurenz wurde der älteste, Hemmann, durch die Vermittlung der Stadt Solothurn und mehrerer adelicher Herren 1488 Konventherr in Olsberg; die zwei andern Brüder, Hans Jakob und Hans Ulrich, kämpften 1499 unter den Fahnen des Kaisers Maximilian I. gegen die Eidgenossen; daher bestätigte ihnen der Kaiser die Lehen ihres Hauses und nahm sie in die Zahl seiner Räthe auf. Hans Jakob, Herr zu Gurtweil, wurde in der Folge Landvogt im Klettgau (1512-1523) und Obervogt zu Küssenberg (1525-1534). Hans Ulrich von Heidegg verkaufte sein väterliches Erbe, das zerstörte Schloss Kienberg, 1523 an die Stadt Solothurn, wozu König Ferdinand endlich seine Einwilligung gab. Hans Ulrich ist es auch, wenn die alte Überlieferung Glauben verdient, welcher der Religion untreu wurde und aus dem Grunde seinen Bruder, Abt Laurenz, verfolgte10. Dagegen erzählen aber protestantische Schriftsteller von Zürich und Aarau, Schultheiss Hans Ulrich von Heidegg sei 1535 gerade desshalb aus dem Rathe in Aarau ausgeschlossen worden, weil er dem Glauben seiner Väter treu geblieben11.

Diepold Schilling sagt, unser Abt Laurenz Heidegg sei bei seiner Erhebung zur Prälatenwürde sehr jung gewesen12. Daher vermissen wir auch in den ersten Jahren seiner Regierung die Charakterfestigkeit und Sittenreinheit. Die Chronisten schildern13 ihn übrigens als einen sehr liebenswürdigen Mann, der im Umgange gewandt, ein beliebter Gesellschafter, mild (I-274) und freundlich gegen Arme und Reiche war und am Unglücke Anderer den innigsten Antheil nahm. So schickte er im Jahre 1513 eine besondere Gesandtschaft nach St. Urban, um dem Konvente sein Beileid wegen des Klosterbrandes zu bezeugen14, und 1537 empfiehlt er eigenhändig der Regierung in Zürich einen Hermann Kling von Geltwil, sie möchte die Gattin Hermann's, welche mit dem Aussatze befallen war, in das Siechenhaus zu St. Jakob aufnehmen15. Seine Milde wie auch seine Verständigkeit rühmte im Jahre 1570 der Basler Heinrich Pantaleon in seinem Buche „Deutscher Nation wahrhafter Helden“16, der Muri besuchte, und dessen Geschichte kennen zu lernen bestrebt war. Zum Unglücke kam Abt Laurenz in Verbindung mit Heinrich Bullinger, Pfarrer in Bremgarten, der öffentlich ein Weib nahm und später Zwingli's Nachfolger in Zürich wurde. Mit diesem17 trieb er das Waidwerk. Daher schreibt auch Bullinger von Abt Laurenz, seinem ehemal. Freund: er sei ein „schidlicher, fründlicher“ Mann gewesen, ein wackerer Jäger und ein Freund der Kunst und Wissenschaft18. Doch während Bullinger den sinnlichen Neigungen nachging und von der katholischen Kirche abfiel, wurde Abt Laurenz ernsthafter, pflegte wirklich die Kunst und Wissenschaft und wurde so der Retter seines Klosters. Zu besserer Hebung der Wissenschaften und der Stiftsschule berief er den tüchtigen Weltpriester Jakob Wüest von Bremgarten und stellte ihn an die Spitze der studirenden Jugend. Dieser hatte in Köln die Würde eines Meisters der freien Künste erhalten und zeichnete sich durch seine Gelehrsamkeit aus. Er starb 1524 als Leutpriester in Lunkhofen19. An seine Stelle war sofort ein anderer Leiter der Schule getreten, dessen Name aber nicht bekannt ist. Er wurde in diesen wilden Zeiten 1535 in der Nacht, als er in das Kloster gehen wollte, „schandlich“ getödtet. Den Mörder, Hans Stöcklin, lud man vor das Landgericht. Er kam jedoch nicht, um sich zu verantworten, als man laut Gewohnheit drei Strassen aufgethan und auf jeglicher Strasse ihn einmal gerufen hatte. Die Mehrheit der Richter wollte in dem vorgelegten (I-275) Falle keinen Mord finden; allein der Landvogt liess das Urtheil nicht gelten, und zog den Handel vor die sieben regierenden Orte20.

Abt Laurenz legt in seinen Briefen, von denen mehrere im Staatsarchiv Zürich liegen, eine gediegene Bildung an den Tag und schrieb eine zierliche Hand. Als Beweis für seinen Kunstsinn führen wir an, dass er jährlich laut Rechnung vom Jahre 1528 für 100 Gulden Fenster (Glasgemälde) an „Ehrenleute“ verschenkte21. Von solchen Glasgemälden, die damals oft vergabt wurden, verehrte Abt Laurenz zweierlei: kleinere, mit dem Wappen von Heidegg und Muri, über welchen Inful und Stab angebracht sind;22 grössere, mit dem Bilde des heil. Laurenz und dem Wappen von Muri und Heidegg. Selbst als die erschreckenden Töne des ausbrechenden Religionskrieges 1528 in Muri vernommen wurden, dachte der hochgebildete Abt an die Erweiterung der Schule; denn in diesem Jahre baute er im geschmackvollen Stile einen Saal (Museum)23, der zum gemeinschaftlichen Studium und zur Abhaltung von Musikproben bestimmt war. Er war mit kostbaren Bildwerken aus Stein und Holz geschmückt und mit einer werthvollen Oberdecke versehen.

Hiemit verband Abt Laurenz auch die Sorge für Herbeischaffung des Schmuckes zum Gottesdienste und den Bau anständiger Gotteshäuser. Im Jahre seiner Erhebung zur Abtwürde baute er jene Kapelle im Kloster, die dem Abt für seine Privatandacht dienen sollte. Das folgende Jahr (1509) war sie vollendet. Später zierte er sie gleichfalls mit einer kunstvollen Oberdecke24. Den Bau der Pfarrkirche in Lunkhofen förderte er mit allen Mitteln. Am St. Katharinentag 1516 wurde sie in Gegenwart des Abtes Laurenz und seines Priors, Georg Flecklin, feierlich zu Ehren des heil. Leodegar eingeweiht25. Gleichzeitig segnete der Weihbischof von Constanz, Balthasar, den erweiterten Friedhof ein. Auch die nach Lunkhofen gehörige Kapelle (jetzt Pfarrkirche) des hl. Mauriz in Berikon wurde damals umgebaut und (1518?) am Sonntag vor Epiphanie eingeweiht26. (I-276)

Die Kapelle (jetzt ebenfalls Pfarrkirche) U. L. Frau und des hl. Johann Baptist in Jonen, der gleichen Pfarrei zuständig, erscheint urkundlich zuerst 1521. Sie war anfänglich die Feldkapelle eines wohlhabenden Landmannes. Viele Hilfsbedürftige verehrten dort Maria mit Vertrauen und erlangten durch ihre Fürbitte von Gott Erleichterung in den Leiden. Zum Danke brachten die Geheilten nicht selten Opfer dar, woraus eine grössere Kapelle zu Ehren der allerseligsten Jungfrau mit Genehmigung des Abtes von Muri gebaut wurde27.

Auch die zur Pfarrei Boswil gehörenden Waltischwiler wollten in der Mitte ihres friedlichen Dörfleins eine Kapelle des hl. Bischofs Nikolaus besitzen. Gerne gestattete es der Abt Laurenz (1516) mit seinem Konvente, nur wollte er die Rechte der Pfarrkirche in Boswil und des Klosters in Muri gewahrt wissen28.

In der Pfarrei Wohlen war seit uralten Zeiten ein Missverhältniss wegen der Pfarrgenössigkeit29. Abt Laurenz suchte es im Einverständnisse der Collatoren in Göslikon (das Spital in Baden) und Niederwil (das Stift Schännis) zu beseitigen. Der Ausgleich kam im Murihof zu Bremgarten am 7. April 1518 zu Stande. Derselbe bestimmte: künftig sollen die 19 Haushaltungen, die pfarrgenössig nach Niederwil sind, und die 18 Haushaltungen, welche zur Pfarrkirche in Göslikon gehören, in Wohlen selbst die Pfarrrechte geniessen, dort mögen sie künftig die Taufe und die übrigen Sakramente empfangen und das Begräbniss finden, jedoch ohne Nachtheil der Zehentrechte und der Einkünfte, welche die Collatoren von Niederwil und Göslikon bisher in Wohlen hatten. Die in Bremgarten Versammelten waren: Abt Laurenz mit seinem Pleban in Wohlen, Johannes Hösli30; Thomas Trüllerey, Pleban in Niederwil für sich und das Frauenstift in Schännis; Paul Erlacher aus Lachen, Pleban in Göslikon für sich und die Stadt Baden; Johannes Nägelin und Johannes Fluri, als Bevollmächtigte der Bewohner in Wohlen31. Die 37 Haushaltungen hatten schon am 19. Februar d. J. die Vorbedingungen – Abfindung mit (I-277) den betreffenden Collatoren - für die Ausscheidung erfüllt. Die bischöfliche Genehmigung hiefür erfolgte 152132.

Je näher der Ausbruch der traurigen Reformation kam, desto schwieriger wurde die Leitung der klösterlichen Genossenschaft. Zwar bleibt Abt Laurenz vermöge der guten Erziehung, die er von seiner Mutter, Margaretha von Arsent, und seiner Tante, Barbara von Heidegg, erhalten hatte, und vermöge seiner Charakterfestigkeit dem hl. Glauben treu. Allein die Ungebundenheit und Genussucht, die sich in den Städten wie auf dem Laude vielfach zeigten, dann die Unsittlichkeit der Geistlichkeit, so die des Dekans Heinrich Bullinger in Bremgarten und Sikust's33, des Leutpriesters in Muri, welche gegen alle kirchliche Satzungen öffentlich eine Familie hielten, wirkten höchst nachtheilig auf die Konvente von Muri und Hermetschwil. Einen üblen Einfluss übten besonders auf die Mitglieder des Muri-Konventes die Versammlungen in der Chorherrenstube in Zürich, welche die eifrigsten Reformatoren besuchten und denen unsere Mitbrüder nicht immer ferne blieben34, zumal Herr Jakob Schmid, der aus Zürich selbst gebürtig war35. Konrad Pellikan und Werner Steiner, welche der neuen Lehre anhingen und sich längere Zeit in Muri aufhielten, werden wenig zur Erbauung der Konventualen beigetragen haben36. Die Haltung eines Hofnarren, der 1531 von den Bernern erstochen wurde, war zur Wahrung der klösterlichen Zucht ebenfalls nicht geeignet. Von der Jagdgesellschaft, die aus Junker Hans von Seengen, Junker Hans Krieg von Bellikon, den Segessern von Mellingen und Meister Heinrich Bullinger bestand37, mag sich Abt Laurenz seit 1519 fast gänzlich zurückgezogen haben. Zum Glücke des Konventes vertrat im Innern seine Stelle der tüchtige und den ungeziemenden Vergnügen abholde Prior, Georg Flecklin. Leider musste dieser gleichzeitig die nahegelegene, aber ausgedehnte Pfarrei Boswil besorgen und so seine Kraft theilen. Der Pfarrei stand er mit allem Lobe vor, legte daselbst im Jahre 1512 ein (I-278) Jahrzeitbuch an, wovon noch kleine Überreste vorhanden sind38. Auf Georg folgte in der Pfarrei Boswil der glaubenstreue Johann Rappold, später Dekan des Landkapitels Mellingen. Er leitete die Gläubigen daselbst 28 Jahre lang39.

Abt und Prior waren seit 1520 mit vereinten Kräften bestrebt, für das Wohl des Klosters zu sorgen. Ihrer Wachsamkeit und der Hilfe der katholisch gebliebenen Landesherren müssen wir es zuschreiben, dass der Muri-Konvent trotz der vielen Verlockungen an dem alten hl. Glauben in seiner Mehrheit festhielt, und dass denselben nur zwei verliessen, nämlich Sebastian von Fulach, der, weil er später in das Nekrologium aufgenommen wurde40, sich wahrscheinlich auf dem Todbette bekehrte, und Jakob Schmid. Deren Untreue wird aber durch die Treue und Standhaftigkeit eines andern Mitbruders (Ulrich Schnyder) aufgewogen, der in jenen aufgeregten Zeiten für den hl. Glauben sein Blut vergoss41.

Schlimmer stand es bei den Frauen in Hermetschwil. Der Prior, Georg Flecklin, konnte ihnen wenig Aufmerksamkeit schenken. Der Pfarrer Heinrich Bullinger im nahen Bremgarten übte auf dieselben einen verderblichen Einfluss aus. Sein Sohn, Hans, verführte später Elisabeth Zehnder, Klosterfrau daselbst, heirathete sie am 7. März 1529 im Grossmünster zu Zürich und erhielt am 18. April d. J. schon einen Sohn, Josua, von derselben42. Den Keim zu diesem und andern traurigen Ereignissen in Hermetschwil legte wohl die unwürdige Meisterin Kunegunde von Effringen, aus Basel gebürtig, welche dem Konvente von 1507-1511 vorstand. Die kräftige Anna Segesser, die als Meisterin ihr folgte, verklagte wahrscheinlich den Ammann ihrer Vorgängerin und ihre Knechte bei den Landesherren; denn am 18. April 151343 besprachen die eidgenössischen Gesandten den Handel, der zu Hermetschwil der Knechte wegen ergangen, und es wurde der Ammann gefangen und nach Zürich gebracht. Dieser hat für „400 Gl. vertröstet“. Dann setzte man einen Tag in Baden an, wo den Frauen von Hermetschwil auf ihr Begehren bewilliget wurde, ihre Anliegen und ihre Verantwortung auch anzubringen. Die (I-279) Frau Meisterin ergriff wieder mit Ernst die Rechnungs- und Lehensbücher, die ihre Vorgängerin in den Winkel gestellt hatte, setzte sie mit Fleiss fort und suchte das Verabsäumte nach Möglichkeit nachzutragen. Im Jahre 1513 legte sie dem Abte in Muri und ihrem Konvente in Hermetschwil Rechnung ab, nannte Güter und Orte, wo das Kloster Zinsen und Zehenten besass, in alphabetischer Ordnung, und fand, dass die Zinsen im besagten Jahre 212 rheinische Gulden und 44 Pfd. gewesen44; die Höfe übergab sie treuen Lehensleuten45. Am Dienstag nach St. Urban 1514 liess sie die Rechte des Klosters, welche schon lange nicht mehr den Lehensleuten verkündet worden, feierlich an einem Maigeding offnen46.

Schmerzlich wird es die eifrige Meisterin empfunden haben, dass sich eine ihrer Mitschwestern dieser strengen Handhabung der Ordnung nicht unterziehen wollte. Herr Prior, Georg Flecklin, war im Auftrage seines Abtes Laurenz genöthigt, mit seinem Mitbruder, Ludwig Summerer, das Entlassungsbegehren der Konventfrau, Barbara Payern von Rotweil, durch ein gefälltes Urtheil rechtsgiltig zu machen. Der Spruch geschah am 26. März 1514 in Gegenwart der Meisterin und des ganzen Konventes, wie auch des frommen Benedikt Mett, Benediktiners aus Regensburg, damals Leutpriesters in Hermetschwil, und des Kaplans in Bremgarten, Hans Lämmlein, u. A.47

Zur Hebung der Andacht und des Gebetes liess die Meisterin Anna das „grosse Gebet des Herrn der Eidgenossen“ im Jahre 1517 abschreiben. Die Abschrift besorgte wohl eine Klosterfrau von Hermetschwil von einer Einsiedler Handschrift. Sie bittet am Schlusse um ein einziges Ave Maria und fügt den 130 Absätzen folgende Verse bei:

„Dis gebet hat ein end. Gott uns allen sin gnad send, Der es gebet und geschrieben hat, Der vergeh Gott allen jr missedat!“48

Doch alle Mühe der sorgsamen Meisterin, einen bessern Geist in die Klostermauern zu bringen, fruchtete wenig. Hier wie in Königsfelden und Zürich herrschte unter den (I-280) Gott geweihten Nonnen eine Ungebundenheit, die nicht wenig zum Abfall von den ewigen Wahrheiten beitrug49. Dies brach der edlen Meisterin Anna Segesser das Herz. Sie stiftete noch 1521 einen Jahrtag und segnete bald darauf das Zeitliche50.

Die Mehrheit der Nonnen wählte Margaretha Göldlin zur Meisterin51, die bereits Christus, dem himmlischen Bräutigam, die Treue gebrochen und einen hinterlistigen Menschen auserkoren hatte. Kurz nach ihrer Wahl verliess sie das Kloster und heirathete einen Schuster. An ihre Stelle kam Anna von Effringen, ebenfalls, wie Kunegunde, von Basel; sie scheint aber ihre Aufgabe besser erfüllt zu haben. – Auf der eidgenössischen Tagsatzung erschien am 15. Juni 1520 Ritter Kaspar Göldlin von Zürich und brachte vor: er habe eine Tochter (Margaretha) im Kloster Hermetschwil, die dort Meisterin gewesen und die Ausgaben und Einnahmen besorgt habe; von der lutherischen Sekte angesteckt, sei diese aus dem Kloster gelaufen, habe ihre Kleider, Kleinodien, Hab und Gut mitgenommen, ohne dem Kloster Rechnung zu stellen, und einen Schuhmacher aus Bremgarten geheirathet. Das werde keinen Bestand haben; der Mann werde sie bald verstossen, wenn er die Werthsachen habe, so dass sie in Armuth und Mangel komme. Er bitte also um Hilfe und Rath. Die Tagherren beschlossen: Klosterfrau und Schuster sollen gefangen genommen, und letzterer auf ewig verbannt werden. Auf dem Tage zu Bern sei das Weitere zu berathen, Margaretha wurde wirklich als Gefangene in's Kloster Hermetschwil zurückgebracht, aus dem sie 1529 oder 1530 mit Hilfe der Züricher zum zweiten Male entwich52. Sie lebte am 19. Februar 1541 mit einem Konrad Holzhalb aus Zürich zu Hallau, im Kanton Schaffhausen, und bezeugte handschriftlich, dass die Konventfrauen in Hermetschwil eine frühere Anforderung von 60 Gld. ihr voll und ganz ausbezahlt haben53.

Die übrigen Nonnen blieben den hl. Gelübden und der Meisterin, Anna Effringer, treu. Diese floh im Jahre 1531, als die Kriegsschaaren der Berner heranrückten, mit ihren Mitschwestern nach Brunnen am Vierwaldstättersee, führte hierüber genaue Rechnung, kehrte mit den Ihrigen nach dem Abschluss des Friedens wieder in die friedlichen Zellen zurück und restaurirte das Kloster und die Kirche, welche die Berner rein ausgeplündert hatten54. Sie starb 1541. (I-281)

Ihr folgte als Meisterin Anna Trüllerey von Schaffhausen (1541-1553). Sie entwickelte während dieser 12jährigen Regierung eine segensreiche Thätigkeit bezüglich der klösterlichen Zucht und der Ökonomie55.

Vor dem Abschluss dieses Kapitels werfen wir noch einen Blick auf die Ökonomie Muri's in den Jahren 1508-1532.

Die Geschichtsforscher machen die Erfahrung, dass die Ökonomie (1520-1532) von den religiösen Angelegenheiten in den eidgenössischen Orten stark in den Hintergrund gedrängt worden sei. So finden wir, dass Abt Laurenz von 1508 bis 1532 keine Güterankäufe gemacht habe; verkauft wurden in diesen Zeiten einzig die Muri-Rechte im Dörflein Lieli in der Pfarrei Oberwil im Jahre 1522 um 120 rheinische Gulden. Die Einwohner Lieli's hatten schon 1502 mit Muri einen langen Streit wegen Besuch des dortigen Maigerichtes56. Nebst diesem Streite hatte der Konvent in diesen Jahren nur Einen auszufechten, nämlich im Jahre 1513 den wegen des Heuzehenten in der Pfarrei Eich am Sempachersee57. Ausserdem lesen wir noch von einer Bereinigung der Einkünfte und Rechte (1520) in Thalwil, worüber ein Urbar angelegt und Alles fleissig eingetragen wurde58. Das Ende des Urbars lautet: „Das sind die grichtzwingigen hofstetten und er eins Herrn von Mure stab“. Von denen, welche auf den Hofstätten des Muri-Gerichtszwinges in Thalwil sassen, waren 15 Hausinhaber verzeichnet. Im Jahre 1565 wurde eine weitere Bereinigung dieser Güter vorgenommen59.

Es waren bereits 27 Jahre verflossen, dass die VI Schirmorte von Muri keine Rechnung verlangt hatten. Als sie im Jahre 1527 aus dem einzigen Grunde von Abt Laurenz diese Rechnung verlangten, weil selbe allen Klöstern im Thurgau abgenommen worden60, so stellte er persönlich an die Abgeordneten der katholischen Orte in Luzern das Bittgesuch, ihm die begehrte Rechnung zu erlassen. Die Bitte wurde abgeschlagen. Am 2. März 1528 erschienen die Abgeordneten von Luzern, Uri61, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus in Muri; es waren jene, welche im Februar vorhin laut Befehl (I-282) ihrer Regierungen die „lutherischen Bücher“ in Bremgarten abverlangt und verbrannt hatten62. Diese Männer wurden von Abt und Konvent so vollständig zufrieden gestellt, dass die Landesherren lange Zeit keine Rechnung mehr forderten. Die vorhandenen Rechnungen weisen wirklich auf eine blühende Ökonomie in Muri hin. In den Hof zu Bremgarten gingen einzig 990 Stück Zehenten verschiedener Feldfrüchte ein; Sursee lieferte über 800 Stück; in den Speichern waren 600 Malter Korn und Hafer als Vorrath; in der Sennerei im Senten bei Muri ernährte man 33 Kühe, 30 Stück Galtvieh, 1 Rinderzug, 11 Hengste zu 2 Zügen und 2 Reithengste, 5 Faselrosse und 36 Ochsen an verschiedenen Orten63. Schulden wurden keine entdeckt; dagegen betrugen die Geldzinsen aus den Kapitalien 125 Gulden.


  1. Vgl. Katalog der Konventualen. Herr Jakob möchte Pleban u. Kämmerer von Muri gewesen sein.

  2. Luxit antemurale et murus pariter dissipatus est (Jerem. Klagel. 2, 8).

  3. P. Aug. Stöcklin, Miscell., S. 142; P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. 178; Annales, p. 470.

  4. Vgl. Katalog der Konventualen. Herr Jakob möchte Pleban u. Kämmerer von Muri gewesen sein.

  5. Annales, p. 470. Herr Itel Hans, der 1501 in Muri das Ordenskleid nahm, wird 1508 nicht mehr am Leben gewesen sein.

  6. Arch. Muri A, 1. D; P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 142; P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 470.

  7. Hartmann von Heidegg war Vogt in Zug und Rath des Herzogs Rudolf IV. von Österreioh (Vgl. Monatrosen, XV. Jahrg. S. 2).

  8. Vgl. den vorangehenden Abschn. der Muri-Geschichte.

  9. Fr. E. v. Mülinen, Helv. s. II., S. 72, 78.

  10. P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. 185.

  11. Leu, Lexikon, X., 24; Chr. Ölhafen, Chronik von Aarau, Seite 44-49. – Hans Jakob von Heidegg war 1537 schon todt, Hans Ulrich von Heidegg lebte 1555 noch (Monatrosen, S. 3, 4).

  12. Arch. Muri A, 1. D; P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 142; P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 470.

  13. Stumpf, Chronik (1606), S. 523; Hafner, Solothurner'scher Schauplatz; Solothurner Wochenblatt 1821, S. 106; P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. 288.

  14. Geschichtsfreund III., S. 183.

  15. Staatsarchiv Zürich.

  16. Basel, 1570, III. Theil, S. 123. Pantaleon hat einen Holzschn., einen segnenden Abt, beigegeben und nennt Laurenz den 23. Abt des Klosters Muri.

  17. Bullinger hielt bei 12 Hunde aller Art.

  18. Hottinger, Helvetische Kirchengeschichte IV., L 70; Argovia VI., 17 ff.; Salomon Hess, Bullinger's Biographie, Zürich, 1828, S. 6.

  19. Balthasar, Helvetia I., 109.

  20. Staatsarchiv Luzern, Akten: Kloster Muri.

  21. Staatsarchiv Zürich und Luzern.

  22. Ein gut erhaltenes Exemplar eines solchen Ehrengeschenkes vom Jahre 1544 befindet sich im Museum zu Basel.

  23. „Aedificavit odeum valde artificiose“ (Eccles., p. 179).

  24. P. Ans. Weissenb., Eccles., p. 179.; Annales, p. 492. Leider musste dieses Kunstwerk beim Umbau des Klosters am Ende d. 17. Jahrhunderts der Renaissance weichen.

  25. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 478; Anniversarienbuch in Lunkhofen.

  26. P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. 603.

  27. P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. 504, Annales, p. 484.

  28. P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. 479.

  29. Vgl. vorstehenden Abschnitt, S. 248, 249.

  30. Nicht Hümbelin, wie einige haben.

  31. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 482, 483; Kurz u. Weissenbach, Beiträge I., 511. Die Urkunde schrieb Nikolaus Christen, Notar, Kanoniker in Zofingen und Prediger (prædicans) in Bremgarten. Zeugen waren: Heinrich Bullinger, Pleban u. Dekan in Bremgarten; Johannes Loichli, Kaplan in Bremgarten; Johannes Sikust, Pleban in Oberkirch zu Muri und Kämmerer des Kapitels Lenzburg; Heinrich Nagel, Pleban in Hermetschwil.

  32. Archiv zur Schweiz. Gesch. II., 173. Wir finden in dieser Urkunde dieselben Namen wie in der vom 7. April 1518.

  33. Sikust hatte viele Kinder; im Jahre 1527 trachtete er einen tobsüchtigen Sohn im Spitale von Zürich unterzubringen (Staatsarchiv Zür.).

  34. Neujahrsblatt der Staatsbibliothek in Zürich, 1853, S. 9, zum Jahre 1522.

  35. Staatsarchiv Zürich.

  36. Bekenntniss merkwürdiger Männer von sich selbst, Band VI., S. 115, und Kirchhofer, W. Steiner, S. 53. Steiner musste wegen des neuen Glaubens Zug 1629 verlassen und fand in Muri ein Asyl.

  37. Salomon Hess, Bullinger's Biographie, Zürich 18281 S. 8.

  38. Pfarrlade Boswil. Er besass „Parapleastes“, eine Erklärung der 4 Evangelien aus dem 13. Jahrhundert (Muri-Handschrift, Staatsbibliothek in Aarau). Das Buch erbte nach 1530 Johannes Schornegk. Es kam später wieder nach Muri.

  39. Pfarrlade und Gemeindearchiv in Boswil; P. Ans. Weissenbach, Annales, S.485.

  40. Vgl. Nekrologium in Gries.

  41. Archiv für die Schweiz. Reformationsgeschichte III., 616.

  42. Balthasar, Helvetia I., 101.

  43. Eidgen. Abschiede III., 21 707, n.

  44. Von den 1000 Gulden an der Sane im Uechtland 50 Gulden, von Graf Rudolf von Sulz 19 Gulden u. s. w.

  45. Am 11. November 1513 erhielt die Mühle in der Stadt Bremgarten ein Hans Wiederkehr um 28 Mütt Kernen (Argovia VIII, 16).

  46. Staatsarchiv Luzern, Akten: Kloster Muri.

  47. Archiv der Frauen in Hermetschwil; P. Ans. Weissenbach, Eccles., 363, 364.

  48. Balthasar, Helvetia I., 101.

  49. Th. von Liebenau, das Kloster Königsfelden, S. 112, 113.

  50. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 454.

  51. Riffel, Kirchengeschichte III., 506.

  52. Th. v. Liebenau, Abt Laurenz, Monatr. XV. Jahrg. S. 7.

  53. Copie in der Hermetschw. Hauschronik.

  54. Hauschronik der Frauen und Rechnungsbücher.

  55. „Regnauit bene annos 12“; vgl. Todtenbuch von Hermetschwil und Marquart Herrgott, Geneal. III., 835.

  56. Argovia VIII., 80, 81.

  57. P. Ans. Weissenbach, Eccles. p. 1., 178, 179.

  58. Archiv Muri in Aarau, B, 25. – „Diser Urben (1520) ist gemacht in dem vorgeschribnen jar und sind die zinslütt all güchtig gsin.“

  59. Archiv Muri in Aarau Bd. 19.

  60. Eidg. Abschied IV., 1 a, 1278.

  61. Uri erschien nicht von Rechtswegen, sondern ward Ehren halber von den übrigen Orten beigezogen.

  62. Eidg. Abschiede IV., 1 a, 1278.

  63. Staatsarchiv Luzern. Rechnung vom Kloster Muri 1528.