Sechstes Kapitel. Johannes II. Fyrabend (Feierabend), XXXI. Abt (1500-1508).

Abt Johannes II. Fyrabend war gebürtig von Bremgarten und von angesehenen und begüterten Eltern entsprossen1. Als Konventual von Muri war er Leutpriester in Sursee (I-241) und hatte öfters für sein Kloster wichtige Geschäfte zu besorgen2, wodurch er jene Kenntniss erlangte, die er als Abt sehr gut verwenden konnte. Die Wahlakten sind verloren gegangen; daher kennen wir weder den Tag seiner Erwählung, noch genau die stimmenden Mitbrüder. Diese möchten aber, ausser dem Erkorenen, folgende gewesen sein: Leonhard von Rot, Prior; Hugo Acklin, Pleban in Bünzen und Dekan des Ruralkapitels Lenzburg-Mellingen; Ludwig Summerer, Pleban in Muri und Kammerer (Vicepräses) des Ruralkapitels; Georg Flecklin, gebürtig von Schwyz; Bernard Gir; Lazarus Landolt und Jakob Heberling3. Der Wahltag selbst muss wohl einige Wochen vor dem 30. April 1500 gewesen sein, weil Abt Johannes II. damals dem Bischofe von Constanz als neugewählter und bereits bestätigter Prälat von Muri die Annaten, 600 Gulden, bezahlte4. Von einem Nachlasse bei deren Zahlung ist, weil Muri in der Ökonomie erstarkt war, keine Rede.

Abt Johannes II. arbeitete in den wenigen Jahren seiner Regierung mit Eifer für Handhabung der klösterlichen Rechte, für Hebung des feierlichen Gottesdienstes und Ausschmückung der Kirchen. Er liess eine silberne Monstranz im gothischen Stile anfertigen, besorgte eine silberne Platte für den Credenztisch, liess die Wände des Chores in der Klosterkirche erneuern, baute dem Pfarrer Sikust in Muri ein Pfarrhaus (1506), verehrte Glasgemälde in die Pfarrkirche von Merenschwand5 und war bestrebt, dass die Muri-Collaturen an ihrem Einkommen durch die Curtisanen keinen Schaden litten6. Die Ehre Gottes war der Hauptgrund, warum er von Papst Julius II. die Pontifikalien (Inful, Ring und Kreuz), welche seine Vorgänger bisher nicht hatten, zu erlangen trachtete. Der Eingang der hiefür am 12. Juli 1507 ausgestellten Bulle sagt daher: „Deine (des Abtes) ungeheuchelte Liebe zu Gott und die Erhabenheit der Religion verdienen, dass Wir sowohl dich, dem Wir in reiner Liebe zugethan sind, als auch das Kloster Muri nach Verdienst beehren“. Dann verleiht der Papst ihm und seinen Nachfolgern folgende Gnaden: 1. den (I-242) Mitbrüdern die niederen Weihen (Minores) zu ertheilen; 2. Paramente, Glocken, Tabernakel, Reliquienschreine etc. für alle seine Gotteshäuser, die ihm mittelbar oder unmittelbar unterworfen sind, und mit bischöflicher Erlaubniss, für andere Kirchen zu segnen und zu weihen; 3. Friedhöfe und Kirchen durch das vom Bischof geweihte Wasser zu reconciliiren7. – Das neue damals geschriebene Pontifikale stellte den Abt Johannes II. in tiefster Andacht betend dar8. Dieser Abt ist's auch, welcher zum Grabe des seligen Nikolaus von der Flüe nach Sachseln pilgerte und dessen Stock als kostbare Reliquie nach Muri brachte9. Er liess ihn geschmackvoll in Silber fassen. Die Berner nahmen ihn aber bei der Plünderung Muri's 1531 mit in ihre Hauptstadt. Von da kam er später zu den Kapuzinern nach Freiburg. Als Abt Bonaventura I. hievon Kenntniss erhielt, sandte er sofort eine Bittschrift (13. Aug. 1654) an das eben in Freiburg versammelte Kapitel der „ehrwürdigen Väter Kapuciner“. Diese meldeten dem Prälaten: den Stock durch den neugewählten Provinzial dem Kloster Muri zusenden zu wollen. Allein dies unterblieb, und so wird derselbe heute noch in Freiburg i. U. vorgezeigt10.

Entsprechend dem frommen Sinne des Abtes Johannes II. bildete sich damals eine erbauliche Sage von unserm Kloster: Ein Lamm soll 1507 unter den Mönchen zu Muri in traulicher Gesellschaft, gleich jenem des heil. Franciscus, geweilt haben. Auf das Zeichen der Glocke eilte es auf den Chor und blieb dort ruhig, bis der letzte Ton der Betenden verklungen war. Ertönte die Glocke in stiller Mitternacht, so kam das Lamm vor die Zelle eines jeden Mönches und weckte ihn, damit er Gott lobe. Vermisste es einen Betenden im Chore, so eilte es zu der Zelle des Betreffenden zurück und blöckte so lange, bis der Schläfrige erwachte11.

Wenden wir uns jetzt zu den Beziehungen des Abtes Johannes II. zum Staate und zu seinen Bestrebungen in der Ökonomie. – Von Käufen und Verkäufen wissen unsere Hauschronisten unter diesem Prälaten wenig zu melden12. Mit den (I-243) Schutzherren, den Eidgenossen, verkehrte er nur dann, wenn wichtige Anlässe oder die Rechte des Gotteshauses es verlangten. Unlieb war ihm der Streit mit den Bauern von Lieli wegen des „Falles“. Abt Johannes II. glaubte, die Bauern von Lieli sollen auch wegen desselben vor den Gedingen in Muri erscheinen; er wurde aber von den Eidgenossen mit seinem Begehren abgewiesen13. Doch half ihm die Regierung von Luzern in der Abschaffung des Unfuges, den die Zehentpflichtigen von Sursee und Umgebung bei dem Zehentverleihungsmahle oder dem sogenannten „guten Tage“ ausübten. Der hohe Rath verordnete nämlich: wer dem Abte keinen Zehenten gibt, der empfängt von ihm auch kein Mahl; wer aber Teller und Schüssel beim Mahle zerschlägt, den soll der Rath von Sursee strafen; der Zehent werde jährlich ausgerufen, und der Meistbietende soll ihn erhalten, sei er ein Einheimischer oder Fremder14. Neue Misshelligkeiten mit den Zehentpflichtigen in Neuenkirch, Rot, Ruswil u. s. w. schlichteten Jakob Bramberger, Schultheiss, und Ludwig Feer, Stadtschreiber in Luzern. Muri soll nach deren Vorschrift die Zehenten gehörig auskünden lassen, die zehentpflichtigen Behausungen fleissig aufzeichnen und den ab- und auftretenden Zehentpflichtigen für das Mahl 2 Schill. zahlen; dagegen sollen die dem Kloster zehentschuldigen Zelgen nicht eingeschlagen oder zu Weiden gemacht werden15. Allein im Jahre 1507 musste Abt Johannes II. schon wieder in ähnlicher Angelegenheit wegen der Neuenkircher und Kottwiler vor der Luzerner Regierung erscheinen. Diese bestimmt: 1. Muri gibt am Zehentleihtage 14 Pfund Haller, und ist dann aller Pflicht wegen des Mahles entledigt; 2. die Bürger sollen der Mahnung des Abtes gehorsam sein; 3. Muri hat das Recht, dem Meistbietenden den Zehenten zu geben, und die Andern sollen Steg und Weg hiefür nicht versagen; 4. die Abgaben sind nach Pflicht und Rodel zu geben16. Das folgende Jahr stand Georg Flecklin, Prior von Muri, neuerdings vor dem hohen Rathe in Luzern und beschwerte sich, dass mehrere Surseer ihre Abgabe nicht entrichten wollen17. Diesmal handelte die Regierung gegen die Fehlenden mit Strenge.

Diese Streitigkeiten wegen Nichtabgabe des Zehenten sind ein neuer Beweis, wie mit der Genussucht auch der Geist der (I-244) Unzufriedenheit und der Auflehnung in den unteren Schichten immer mehr zu Tage tritt. Jene Volkssage, welche über den frommen und bescheidenen Abt Johannes II. nach seinem Tode im Luzernergebiete sich ausbildete und von Diepold Schilling in seiner Chronik aufgenommen wurde18, wird daher im Hinblick auf das Gesagte ihre gebührende Werthschätzung finden19.

Wie den Zehentleuten in Sursee und der Umgebung konnte es Abt Johannes II. auch dem im öffentlichen Concubinate lebenden Pfarrvikare in Muri, Johannes Sikust 20, nicht recht machen. Das neugebaute Haus gefiel ihm nicht. Er liess es umbauen und klagte bei den Eidgenossen, dass er wegen Baukosten in Schaden gekommen sei, dass ihm der Abt das schuldige Holz nicht liefere, und die Klosterbewohner seinen Pfarrrechten entzogen werden. Die Schirmherren erkannten das Unbillige dieser Forderungen, und befahlen ihm: die Leutpriesterei sammt den zwei Filialen (Aristau und Waleswil) soll er treulich besorgen; einem Herrn Abte zu Muri gehörig dienen und, wenn er Holz nothwendig habe, selben darum bitten; die Leute, welche im Gotteshause wohnen, sollen dem Custos daselbst und nicht dem Leutpriester gehören; für seine Baukosten am Wohnhause werde ihm der Erbfall (Spolium) nachgelassen; übrigens könne er in der Stiftspfisterei backen21.

Diese Missachtung der göttlichen und menschlichen Gesetze mag auf die zartfühlende Seele des Abtes Johannes II. einen schmerzlichen Eindruck gemacht, ihn mit trüben Ahnungen für die Zukunft erfüllt und seine Lebenstage verkürzt haben. Der Tod ereilte ihn am 16. September 150822. Nach einem vorhandenen Porträt war er ein kräftiger Mann mit einem Vollbarte. (I-245) Sein Familienwappen zeigt auf goldenem Felde einen schwarzen Triangel, dessen Spitze ein Kreuz ziert23.


  1. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 462.

  2. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 63, 265 ff. Am 10. Februar 1500 handelte er beim Ankaufe des Glättlizehenten als Konventuale (P. Ans. Weissenb., Eccles., p. 175).

  3. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 462.

  4. Erzbisch. Archiv in Freiburg i. Br.

  5. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 465, 469; P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 175, 219.

  6. Annales, p. 466-468.

  7. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 468,469; Murus et Antem.II., S. 29-33.

  8. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 219.

  9. Möglich, dass Abt Johannes II. im März 1508 in Sachsein pontificirte.

  10. Acta Capituli von Muri in Gries. J. Ming, der selige Bruder Nikolaus von Flüe II., 176, 511, 512.

  11. A. Kobler's Übersersetzung aus dem Englischen: Studien über die Klöster des Mittelalters von K. Dighy, S. 530, geschöpft aus Wadding, Annales Minorum XV.

  12. In Boswil kaufte er von einem Johannes Hilfiker (1504) zwei Wiesen nm 70 Gl. (P. Ans. Weissenb., Annales, p. 176).

  13. Eidgen. Abschiede III., 2, 155, 155, 159, 162, 163.

  14. Staatsarchiv Luzern, Akten: Kloster Muri.

  15. Archiv Gries A. I. II., 3.

  16. Archiv Muri in Gries A. I. II., 4.

  17. Daselbst, A. I. II. und B. III. VII.

  18. Diepold Schilling, Luzern, 1862.

  19. Darnach wäre Abt Johannes II. der prachtliebendste Herr gewesen, der bei Erwerbung der Pontifikalien nur seine und nicht Gottes Ehre gesucht hätte und auch desshalb von Gott bestraft worden sei; denn vier Wochen vor St. Martini (es waren wenigstens sieben), wo er das erste (?) Mal feierlich mit der Inful habe Messe halten wollen, sei er hinweggenommen worden. Ferner meldet die Sage: Abt Johannes habe lange (nur 8 Jahre) wohl regiert; seine Klosterkirche sei aber „fast“ baulos (wird sehr bezweifelt) gewesen, während das Gotteshaus jedoch reich und eine gefürstete (unrichtig) Abtei war. – Man muss wirklich staunen, dass Diepold Schilling, der gleichzeitig lebte und nur 7 Stunden von Muri entfernt war, in wenigen Sätzen so viele Unrichtigkeiten niederschreiben konnte!

  20. Staatsarchiv in Zürich.

  21. Urk. vom 17. März 1506 (Arch. Muri in Aarau); P. Augustin Stöcklin, Miscell., p. 672, 677; P. Ans. Weissenb., Eccles., p. 406.

  22. P. Ans. Weissenb. Annales, p. 469,470; Murus et Antem. IV., 70, 71.

  23. Porträtsammlung der Muri-Äbte in Gries.