Viertes Kapitel. Hermann Hürzel, XXIX. Abt (1465-1480).

Hürzel (auch Hirzel) ist ein berühmtes Züricher Geschlecht1. Aus diesem ist unser Abt Hermann entsprossen2. Als Murikonventuale tritt er zuerst 1445 auf3. Später (1454 und 1464)4 erscheint er als Propst, und hatte in dieser Eigenschaft (I-225) im Namen des Abtes die äussere Ökonomie zu leiten und für den Tisch der Brüder zu sorgen5. Dadurch erlangte er für die künftige Erhöhung zum Abte die erforderliche Gewandtheit in der Geschäftsführung. Diese wie auch die Reinheit der Sitten empfahlen ihn für die Leitung des Klosters. Die Mitbrüder, welche am 9. April 1465 Hermann Hürzel zur Abtwürde erhoben, waren: Imer von Widen, Prior, Jakob Hert, Leonhard von Rot und Hugo Acklin. In den vorhandenen Wahlakten6 fehlt der Name des Konventualen Heinrich zum Thor, auch „von Villmergen“ genannt, ungeachtet er vor wie nach 1465 als Kapitular von Muri erscheint7. Ähnlichen Fällen begegnen wir 1410 und 15088. Während Hugo Aklin als Pfarrer in Bünzen und Dekan des Ruralkapitels Lenzburg-Mellingen das Stimmrecht bei der Wahl des Abtes Johannes I. 1480 ausübte, verzichtete er auf dasselbe 1508. Das dürfte zum Schlusse berechtigen, dass die Muri-Konventualen im 15. und 16. Jahrhundert öfters als Mitglieder des Landkapitels Lenzburg-Mellingen das aktive Stimmrecht im Konvente aufgegeben haben9.

Den neugewählten Abt Hermann bestätigte am 14. Mai des Jahres 1465 der Bischof von Constanz, Burkard von Randegg. In Rücksicht der eingelegten Fürbitte von den eidgenössischen Ständen Uri, Unterwalden, Luzern und Zürich, forderte das Domkapitel von Constanz als Primizgeld von Muri statt 15 nur 11 Gulden10, und während der Bischof das Einkommen unseres Klosters auf 600 Gl. schätzte, glaubten die oben genannten eidgenössischen Stände dasselbe nur auf 400 Gl. schätzen zu dürfen11. – Das Wappen des Abtes Hermann war ein rothes Kleeblatt auf weissem Felde12.

Die Zeitverhältnisse boten ihm weniger Gelegenheit, mit politischen Behörden wegen wichtiger Angelegenheiten in Verbindung zu treten. Die Eidgenossen fochten damals ihre Kriege (I-226) entweder im Westen der Schweiz (1474-1477) oder im Süden (1478) aus. Die äussere Ruhe, die unser Gotteshaus jetzt lange Zeit genoss, benützte der sorgsame Abt dazu, die jungen Mitglieder des Konventes tiefer in die theologischen Studien einzuführen. So weit die Muri-Geschichte bis dahin erschlossen, ist Hermann der erste Abt, von dem wir urkundlich wissen, dass er seine Theologen auf eine Universität schickte, damit sie ein gründliches Wissen sich aneignen.13.

Weil das Schisma nun in der katholischen Kirche beseitigt war, so bemühte sich Rom, die eingerissenen Missbräuche namentlich in Deutschland zu entfernen. Die Ortsverhältnisse und Lebensweise hiesiger Bewohner hatten das strenge Fasten nach italienischem Sinne fast zur Unmöglichkeit gemacht. Der damalige Pfarrer in Boswil, Konrad Suter, bat daher den gerade in Zürich (1468) weilenden päpstlichen Nuntius, Bischof Gentilis, er möchte den Pfarrgenossen von Boswil, Bünzen und Wohlen (bei 230 beiderlei Geschlechtes)14 den Genuss von Milch und Eierspeisen in der Fastenzeit erlauben. Der Nuntius dispensirte bereitwillig und ertheilte ähnliche Dispensen auch den Urkantonen15. Im Jahre 1480 erlangte auch Abt Hermann gleiche Nachsicht von der Kirche für seine zwei Klöster Muri und Hermetschwil, für die Bewohner dieser Pfarreien und für die Kirchgenossen der Pfarrei Hitzkirch16.

Besonders gewogen zeigte sich der bischöfliche Stuhl von Constanz dem Abte Hermann bezüglich der Collaturen17. Selbst der Kapitelsvikar, der nach dem Tode des Bischofs Hermann (1474) die Geschäfte leitete, bestätigte am 20. Dezember 1475 das von Bischof Heinrich III. und seinen Nachfolgern dem Kloster Muri verliehene Privilegium, die ihm einverleibten Pfarreien und Pfründen durch seine Religiosen versehen zu lassen18.

Gleiche Zuvorkommenheit gaben auch die Eidgenossen dem Abte Hermann zu erkennen. Bei der Versammlung ihrer (I-227) Tagherren in Baden (1475) beklagte sich der Abt, dass man seine Wälder in den Freiämtern schädige, wie auch, dass seine Dienstboten „aus dem Jahre“ gehen, und dennoch den Jahreslohn haben wollen. Die Boten der regierenden Orte verschärften in Folge dessen die Strafen der Holzfrevler und liessen die Dienstboten wissen19, dass die, welche künftig „aus dem Jahre gehen“, nur vom Landvogte den Lohn fordern dürfen. Das folgende Jahr erlauben dieselben Tagherren der regierenden Stände (23. November) unserm Gotteshause, von was immer für einem eidgenössischen Stande ein Empfehlungsschreiben oder einen Boten zu nehmen, um sein Spolienrecht bezüglich des hinterlassenen Gutes vom Pfarrer in Bünzen, in Aarau oder in Bern zu behaupten20.

Als Ökonom war Abt Hermann nicht so fast bestrebt, neue Güter dem Kloster durch Kauf zuzuführen, als die gewonnenen einträglich zu machen. Daher begegnen wir während seiner fünfzehnjährigen Regierung nur zwei Käufen. Im Jahre 1471 erwarb Muri von Laurenz von Kienberg, sesshaft in Kienberg21, den Thurm und die Fischrechte in Waltenschwil, das früher ein österreichisches, jetzt ein eidgenössisches Lehen war22. Im gleichen Jahre kaufte der Konvent eine Gilt von 6 Viertel Kernen. Sie gehörte den Kindern Ulrich Wenger's und war von Junker Hermann von Heidegg gekommen23. Dazu kam noch die Erneuerung des eidgenössischen Lehens einer Taferne in Niederwil (1477) durch den Landvogt, Hans Waldmann, Ritter und Rathsherr in Zürich24, der mit dem Konvente in Muri auf freundschaftlichem Fusse stand. Während seiner Amtszeit als Landvogt (1475 und 1476) in den Freiämtern weilte er gerne im Kloster Muri25. Sein trauriges Ende (am 6. April 1489) besprechen unsere Chronisten nur nach der religiösen Seite: er habe, schreiben sie, drei Stunden lang gebeichtet26. Auch die Stadt Bremgarten gab in diesen (I-228) Zeiten unserm Kloster Beweise der Freundschaft, indem sie die Mitglieder unseres Konventes für immer als ihre Bürger annahm (1475). Muri zahlte hiefür drei Malter Hafer und machte zwei Juchart Ackerland zum Gegengeschenke27. Die drei Malter kamen aus dem Hofe von Lüppliswald. Weil vom besagten Hofe zwei Malter an die Pfarrkirche zu Wohlen gezahlt werden mussten, so siegelte die Urkunde nebst dem Abte von Muri und der Stadt Bremgarten auch Hieronymus Göldlin, Kirchherr zu Wohlen, mit Genehmigung seines Lehensherrn, Junkers Hans von Greifensee28.

Abt Hermann muss ein sehr friedliebender Mann gewesen sein; denn in seine Regierungszeit fällt nur ein einziger Streit, nämlich der mit Kaspar von Hertenstein, Inhaber des Schlosses Buonas, wegen der Fischrechte auf dem Zugersce, und auch der wurde durch den Ammann und Rath der Stadt Zug 1472 vermittelt und gütlich beigelegt29.

Zudem liess er dasselbe Jahr, um die vielen Einkünfte in Sursee und Umgebung besser zu sichern und um Streit zu verhüten, die zinspflichtigen Höfe und Güter durch den Schultheiss von Sursee, Johannes Schnyder zur Sonne, genau aufzeichnen und amtlich bestätigen30.

Nicht weniger bemerken wir bei diesem Anlasse eine werkthätige Liebe gegen Unglückliche und einen kindlichfrommen Sinn für Reliquien der Heiligen. Den Villmergern hatte der Hagel (1479) ihre Ernte zernichtet. Abt und Konvent von Muri schenkten ihnen 30 Stücke31.

Dem Abte Hermann wurde auch die Freude zu Theil, jenes ausserordentlich warme Jahr 1473 zu sehen, von dem die Chronisten erzählen, dass die Bäume im Monate Februar allenthalben blühten, Ende Juni reife Trauben in den Rebgütern sich zeigten und vor dem Feste des hl. Joh. Bapt. der Kornschnitt vollendet war. Die Bäume blühten im Oktober zum zweiten Male und die Kirschen kamen bis zum 11. Nov. wieder zur Reife32.

Für die Aufbewahrung der heil. Reliquien liess er ein Särglein aus reinem Golde im Jahre 1470 anfertigen, das 1700 (I-229) noch in Muri bewundert wurde33 und zur Zeit der französischen Revolution in raubgierige Hände gekommen sein wird. Die Übertragungsfeierlichkeit der hl. Martyrer Urs und Viktor in Solothurn (17. April 1474) erhöhte er mit sechs andern Äbten durch seine Anwesenheit und brachte zur Freude des Volkes eine Reliquie von einem dieser Heiligen nach Muri34.

Bereits hatte Abt Hermann Hürzel den Muri-Konvent, den er in die Wissenschaften einführte und vielfach in der Seelsorge beschäftigte, 15 Jahre still und weise geleitet. Sein Leben war makellos35. Dass er zu wenig für einen zahlreichen Nachwuchs im Konvente besorgt war, möchte einzig an ihm zu tadeln sein. Der Allgütige verlieh ihm die Krone der Gerechtigkeit am 28. Juli 148036.


  1. Leu, Lexikon X., 178; Murus et Antemurale IV., 68.

  2. Ein Hermann Hirzel, vielleicht sein Verwandter, war 1461 Muri-Amtmann in Bremgarten (P. Aug. Stöcklin, Miscell., 142).

  3. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 275.

  4. Daselbst, S. 275, 276; Argovia VIII., 29, 30.

  5. Vgl. Urk. vom 24 Nov. 1418 (Archiv Muri in Aarau).

  6. Archiv Muri in Aarau.

  7. P. Aug. Stöcklin, Miscell., 275.

  8. Vgl. Katalog der Muri-Konventualen, Anhang.

  9. Dieselbe Ansicht hegte auch unser Annalist P. Ans. Weissenbach (Annales, p. 434).

  10. Erzbischöfl. Archiv Freiburg i. B. Diese Taxe blieb künftig nach eingelegter Bitte ständig.

  11. Schwyz, Zug und Glarus scheinen auf dem Tage zu Baden dem Antrage der obigen Stände nicht beigestimmt zu haben (Erzbischöfl. Archiv Freiburg i. Br.).

  12. P. Aug. Stöcklin, Miscell., 175.

  13. P. Aug. Stöcklin, Miscell. p. 274. Vgl. unten VOll. Kapitel: Leben und Wirksamkeit der Konventualen. Wo die Muri Patres früher ihre philosophischen und theologischen Studien machten, ist nicht bekannt Meistens wohl im Mutter-Kloster.

  14. Archiv Muri in Aarau; Annales, p. 436. Unter diesen 230 Pfarrgenossen beiderlei Geschlechtes der drei genannten Pfarreien, die heute nebst Waltenschwil bei 7000 Seelen haben, können wohl nur die Häupter der Familien verstanden sein.

  15. Vgl. Staatsarchive in Sarnen, Stans etc.

  16. Archiv Muri in Aarau; Annales, p. 444.

  17. Archiv Muri in Aarau.

  18. Archiv Muri in Aarau; Annales, p. 441.

  19. Archiv Muri in Aarau; Kopialbuch des P. Leodegar Maier C, S. 199.

  20. Eidgen. Abschd. II, 630. – Der verstorbene Pfarrer scheint aus dem Gebiete der Berner gewesen zu sein.

  21. Schloss bei Gösken, Kt. Solothurn.

  22. Archiv Muri in Aarau (H, 3. N, 1). – Hans Unterderflue von Obwalden leiht es als Landvogt dem Kloster Muri am 31. Mai 1471 (H, 3. N, 2).

  23. Archiv Muri in Aarau H, 2. X, 6. Fridolin Maier, Ammann zu Muri, fertigte den Kauf, und der Landvogt siegelte.

  24. Archiv Muri in Aarau E, 3. H, 6.

  25. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 232.

  26. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 453.

  27. Archiv Muri in Aarau; Extrakt vom Bürgerbuch in Bremgarten (Argovia VIII., 31). Die Urkunde ist am 23. April 1475 ausgestellt.

  28. Eidgen. Abschd. II, 630. – Der verstorbene Pfarrer scheint aus dem Gebiete der Berner gewesen zu sein.

  29. Geschichtsfrd. XXVIII., 27, 28 und XXXIII., 172.

  30. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 439.

  31. Eidgen. Abschd. III., 1, 58 (Zürich, am 27. Febr. 1480). „Stück“ ist ein Getreidemass.

  32. Archiv Muri in Aarau E, 3. H, 6.

  33. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 172; Murus et Antem. IV.

  34. Theodor Scherer, Helden und Heldinnen.

  35. P. Ans. Weissenb., p. 444.

  36. Murus et Antem. IV. 68.