Zweites Kapital. Ökonomie und Nächstenliebe des Abtes Georg.

Brand und Krieg hatten unter den Äbten Heinrich III. und Konrad II. die Muri-Ökonomie stark geschädigt. Abt Georg wusste aber neue Quellen für das Einkommen des Klosters zu öffnen; er regelte zugleich die Verwaltung und brachte die alten, unterdrückten Rechte wieder zur Geltung. Letzteres erzielte der kluge Abt durch die in Schrift gesetzten „Offnungen“ oder „Ding-, Hof- und Dorfrechte“. Diese Rechte und Pflichten der Zinsleute verpflanzten sich früher gewöhnlich nur von Mund zu Mund, jetzt wurden sie den versammelten Hof- und Dorfleuten vorgelesen, „geoffnet“. „Und gerade die Dorf- und Städterechte“, sagt Jakob Grimm1, „eröffnen plötzlich einen Blick in das uralte Recht; sie reichen in die Zeit der Volksrechte, ja dahinter zurück, und es darf also aus ihnen eine ganz neue Vorstellung wesentlicher Zustände der Vorzeit abgeleitet werden“.

Muri besass seit den ältesten Zeiten die Dinghöfe zu Muri, Thalwil, Gangolfswil, Wohlen, Gersau, Lieli, Dottinkon und Böllinkon (Bellingen). Die vier letztgenannten Höfe waren am Ende des vierzehnten Jahrhunderts nicht mehr im Besitze unseres Klosters. Abt Georg und Konvent übten nur über die vier erstgenannten die Grundherrlichkeit als Twingherr aus, welche die neuen Landesherren, die Eidgenossen, auch anerkannten. Die drei Höfe zu Muri, Thalwil und Gangolfswil2 hatten zunächst ihre gemeinsamen, dann (I-208) ihre besondern Rechte. Die gemeinsamen Rechte wurden im Jahre 14133, also noch unter österreichischer Herrschaft, abgefasst und haben nachstehenden Wortlaut: „Um des Gotteshauses Eigen und Erb soll Niemand richten denn ein Konvent anstatt des Gotteshauses. Wer Eigen oder Erb von dem Gotteshause hat und dahin zwinghörig ist, der soll in den Gedingen (Rechtstagen) sein, am Mai, Herbst und St. Hilarientag (13. Jänner). Dieselben Gedinge müssen sieben Tage vorher verkündet werden, und wer dahin nicht kommt, soll drei Schilling bessern (Busse zahlen), er bringe denn vor, dass ihn rechtliche Ursache gehindert habe. Wer von dem Gotteshause Erb und Lehen hat, sieben Schuh lang und breit, der ist in den Hof zwinghörig. Man soll auch die Gedinge sieben Tage vorher in der Kirche oder auf dem Wege verkünden. Der beweisen mag, dass es ihm nicht zu Wissen worden sei und er es nicht vernommen habe, der ist von der Busse frei. Wer die Pflicht zu erscheinen hat wegen Erb oder um Eigen, dem soll man vorgebieten zu Hause, zu Hof oder unter den Augen; wäre aber, dass er es also abschlüge, so bringe der Bote des Gotteshauses ein Wortzeichen aus desselben Haus zur Stelle. Von den Bussen, die in den Gedingen entrichtet werden, gehören zwei Theile dem Gotteshause und der dritte Theil dem Vogte, und soll der Vogt des Gotteshauses die Bussen einziehen; widerstünde aber Jemand dem Gotteshause, so leiste diesem der Vogt Hilfe4. Das Eigen des Gotteshauses und das Erb des Mannes mag Niemand (anderswo) gewinnen noch verlieren als zu Muri in den Gedingen und (dies) mag auch Niemand versetzen oder verkaufen auf irgend eine Weise ohne des Abtes oder seiner Amtleute (Willen). Würde dieses aber Einer übersehen innerhalb Jahr und Tag, so ziehe das Gotteshaus das Gut in seine Gewalt, bis der kommt, dem das Gut gehört. Zahlt er den gewöhnlichen Ehrschatz, so leihe man ihm wieder das Gut. Die Gedinghöfe zu Thalwil, Gangolfswil und Böllinkon haben alle die Rechte, welche der Hof zu Muri hat, weil sie von demselben abhängig sind.

Die Urtheile, welche in die vier Gedinghöfe gehören, soll man in dem Hofe zu Muri fällen, nach Mehrheit der Hände5; aber die Urtheile, welche in dieselben Gedinghöfe wegen Geldschuld gehören, die gehen vor den Abt; ferner die (I-209) Urtheile, die in das Wochengericht zu Muri gehören, die gehen an das Gericht zu Muri und werden nach der Mehrheit der Hände derer gefällt, die dahin gedinghörig sind. Die Urtheile, die in das Gericht zu Muri wegen Eigen und Erb gehören, die zieht man zu Muri aus einem Geding in das andere, und von dem andern bis in das dritte, wenn es nöthig ist. Die Urtheile, welche in den Gedinghof gehören, darf Niemand dahin ziehen oder deren gewärtig sein, als ein Genoss oder Übergenoss (Beisäss, Niedergelassener). – Wer Zeugschaften oder Versicherungen geben muss wegen Eigen oder Erb, der thue es innerhalb acht Tagen vor dem Ammann des Gotteshauses. – Die Zinsen, welche das Gotteshaus hat, fordern die Boten des Gotteshauses dann, wenn sie fallen; wäre aber, dass sie selbe nicht empfingen, bis zwei Zinsen den dritten berührten, so ziehe das Gotteshaus das Gut zu Handen, bis ihm das Fehlende bezahlt wird. Kommt dann ein Weib oder ein Mann, denen das Gut gehörte, und fordern es, so leihe man es ihnen wieder. Zu den Gütern, welche friedschätzig sind, hat das Gotteshaus folgendes Recht: Stirbt Mann oder Weib ohne eheliche Leibeserben, so fällt das Gut dem Gotteshause ledig; wer den friedschätzigen Zins nicht am bestimmten Tag entrichtet, der büsse das den morgigen Tag mit drei Pfund Pfenningen. – Die Güter, welche Eigen des Gotteshauses sind und Erbe oder Lehen des Mannes, welche sechs Pfund gelten oder mehr, die sind dem Gotteshause fällig, und man gibt vom Erbe das Haupt, welches die Erde baut, und zwar von dem Lehen das zweitbeste; hat er aber Erb und Lehen, so gibt er das beste (Haupt) und hat den Fall gegeben. – Wäre aber, dass Jemand Güter des Gotteshauses hätte, die er selbst nicht baut, so nimmt das Gotteshaus den Fall vom Lehensmann; diesen löst dann sein Lehensherr. Den Fall soll man geben innerhalb der Pfarrei (Muri) von dem Grabe in den Hof (am Begräbnisstag), ausserhalb der Pfarrei innerhalb sieben Nächten. Welcher ausserhalb des Landes (ist), der soll den Fall geben innerhalb acht Tagen, wenn er in das Land kommt; wer das nicht thut, dem ziehe das Gotteshaus die Güter in seine Gewalt, bis der Fall ausgerichtet wird. Stirbt ein Eigenmann des Gotteshauses, der weder Erb noch Lehen vom Gotteshause hat, so gebe man von ihm zum Falle das beste Gewand, womit er zur Kirche und zu Markte gegangen ist. Wird einem Abte ein Fall vorgetrieben, den soll er nehmen; findet es sich aber, man habe nicht recht den Fall gegeben, so ist der erste Fall hin und verloren, und nachher werde der rechte Fall gegeben und gewährt, wie recht ist. – Stirbt Mann oder Weib, die des Gotteshauses Eigen, nicht verheirathet sind und keine Leibeserben haben, die erbt das Gotteshaus. – Wer sein Erbe (I-210) verkaufen will, das er vom Gotteshause hat, der soll es zuerst seinen nächsten Erben anbieten, ob sie es vielleicht kaufen wollen; kaufen es die ebenfalls nicht, so mag man es verkaufen und geben, wem man will. – Den Eigenmann des Gotteshauses soll Niemand strafen oder züchtigen wegen Verletzung des Hofrechtes („Ungenossami“), als das Gotteshaus; wollte aber Jemand dem Gotteshause widerstehen, so sei ihm ein Vogt behilflich. – Die Leute des Gotteshauses zu „Türmelen“ in dem Wey und zu Jtenthal haben durch Recht keinen Vogt; denn es hat ein Abt das Recht zu denselben Höfen, dass er (dort) im Mai und im Herbste mit seinen Dienern und mit seinem „Gejagte“ (Jagdgenossen nebst Pferden und Hunden) ein wohl bereitetes Mahl haben soll, wenn er will; man künde es aber den Meiern drei Tage vorher an. Wäre dann, dass sie das Mahl nicht bereitet hätten, so mag der Herr (Abt) zu einem beliebigen Wirth gehen, und der Meier, welcher das Mahl hätte bereiten sollen, vergüte und bezahle Alles. Das Gotteshaus besehe seine Huben dreimal im Jahre mit den Hubern; bestehen sie wohl, so lasse man sie bestehen; stehen sie übel, so besetze man sie anders. – Kommen fremde Weiber und Männer hieher und bleiben da Jahr und Tag sesshaft, die sollen dann dem Gotteshaus dienen, wie sie ihren Genossen dienen. – Die Masse und Gewichte, welche in der Pfarrgemeinde sind, soll ein Abt besehen und besetzen. Ein Abt besorge auch, dass man in der Kirchgemeinde den Kauf habe von Woche zu Woche an Fleisch und Brod und Wein und andern feilen Kauf, wie man denselben auch zu Bremgarten hat.

Die obgenannten Stücke und Artikel wurden von Wort zu Wort also geoffnet im Maiengeding im Wey6 vor gemeinen Genossen in Mitte Mai 1413, da bei jeglichem Stücke besonders nach Umfrage eidlich von den Genossen gesprochen worden: dass dies also hergekommen wäre, und sie von ihren Vordem und Eltern anders nie gehört, noch vernommen“7.

Diese Offnung spricht klar genug dem Abte und Konvente von Muri die niedere Gerichtsbarkeit zu; denn der Abt wacht über Mass und Gewicht, er nimmt zwei Theile der Bussen, an ihn (I-211) gehen die Streitigkeiten wegen Geldschulden u. s. w. Wie die Herzoge von Osterreich, so gönnten obige Rechte unserm Kloster auch die Eidgenossen. Daher wandte sich Abt Georg, als im Jahre 1424 die Uezwiler Hofleute und die Hunnen von Sarmenstorf nicht bei den Mai- und Herbstgerichten erscheinen wollten, mit einer Klage an selbe. Diese überwiesen die Angelegenheit dem Luzerner Vogte in Hitzkirch Peter Goldschmied8.

Der Muri-Frohnhof in Wohlen hatte gleichfalls seine Offnung, die 1406 niedergeschrieben wurde9. Ihr Inhalt hat Ähnlichkeit mit der Offnung des Muri-Gedinghofes. Die Grund und besondern Rechte haben wir bereits aus dem Anonymus beim Ankauf dieses Hofes kennen gelernt10. Deshalb gehen wir sofort zu den besonderen Rechten der Gedinge in Gangolfswil11 und Thalwil über.

Zu dem Gedinghof Gangolfswil gehörten die Höfe Zwyern, Waltrat, Berchtwil, Dersbach und Holzhäusern, welche in den Pfarreien Cham und Risch lagen. Neben den genannten Höfen hatten auch die Edlen von Hünenberg ihre Höfe, Rechte und Nutzungen, welche auf die Gerichtstage zugleich einen Richter schickten. Die Ausscheidung der Rechte für beide Grundherren ist bislang wegen Mangel an Quellen nicht möglich12. Nur wissen wir, dass die Edlen ihre „gebannen“ (offene) Gerichte gewöhnlich am Montag nach St. Martin abhielten13. Die Vogtei, ein österreichisches Lehen, war bei den Hünenbergern; denn die Frevel wurden zu Hünenberg abgethan. Sie kam im Jahre 1415 nach Zug14. Von den Bussen nahm laut Offnung das Kloster Muri zwei Drittheile und der Vogt ein Drittheil. Vom Gedinghofe bezogen die Habsburger Grafen eine Steuer. Im österreichischen Urbar vom Jahre 1305-1309 heisst es nämlich: „Zu Gangolfswil und zu Zwyern liegt ein Hof, der des Gotteshauses von Muri eigen ist, er gilt der Herrschaft Österreich 5 Pfund Pfennige“15. Durch Vergabungen und Ankäufe erhielt dieser Stammhof einen bedeutenden Zuwachs16.

(I-212) Von grosser Wichtigkeit waren für Muri die dortigen Fischrechte. Die nahe gelegene Herrschaft Buonas theilte sich mit unserm Gotteshause in diese Rechte im Zugersee17. Auch die Zinsrechte auf den Äckern und Wiesen griffen beiderseits stark ineinander. Doch Muri stand mit diesen Grundherren, den Hertensteinern, im friedlichen Verhältnisse. Erst im Jahre 1472 begegnen wir einem Streite, den Muri mit ihnen wegen Fischrechte auszufechten hatte18. Hartmann von Hünenberg verkaufte seine Rechte in Gangolfswil im Jahre 1408 an Hans Maier von Knonau, Altbürgermeister in Zürich. Doch schon 1410 überliess dieser Hans das Erworbene einem Andern19. Statt dieser Güter kaufte unser Konvent wenige Jahre darnach (1413 am 28. Jänner) einen bedeutenden Gütercomplex im nahe gelegenen Hünenberg für 531 Gulden von Petermann von Moos, Bürger von Luzern20. Unter den genannten Gütern erscheinen drei Juchart Reben, worauf die Hertensteiner eine Gilt (1422 26. Jänner) von zwei Saum hatten21. Doch nach 60 Jahren veräusserte Muri diesen Complex und kaufte dafür einträglichere und näher gelegene Rechte in Wohlen.

Wie in Gangolfswil mehrten sich auch unter Abt Georg die Güter in Thalwil am Zürchersee. Zunächst erwarb der Konvent daselbst (1413) einen Weinberg22, dann löste er 5 ½ Mütt Kernen, die wegen der Vogtei von dortigen Gütern an den Rath von Zürich gingen, um 110 Gulden ab. Der Rath versprach zugleich (G. November 1430), das Einkommen Muri's in Thalwil für immer zu schirmen23. In demselben Jahre bekam unser Kloster um 30 Gulden einen Mütt Kornzins vom Spital in Zürich24. Wichtiger ist das Übereinkommen, das Muri gleichzeitig (23. April) wegen des Waldes Bannegg und der 11/2 Juchart Reblehen mit den Bewohnern seiner 12 Höfe in Thalwil traf: Die Holznutzung wird den Hofleuten um 500 Pfd. Pfennige und einen jährlichen Zins eines Schillings vom Gotteshaus überlassen, jedoch mit Vorbehalt der Grundherrlichkeit25. Die Stellung der St. Martinsleute von Thalwil zu Muri erlitt dadurch eine Veränderung. Daher mussten die Rechtsverhältnisse (I-213) zur Abwendung künftiger Streithändel genau bestimmt werden. Die neue Offnung, welche die 12 Höfe erhielten, sagt: Der Holzbau geschehe in Gegenwart und nach Anweisung eines Abgeordneten von Muri; die Zwiste wegen ungebührlichen Hauens entscheiden als Richter Bürgermeister und Rath in Zürich. Ohne des Abtes Erlaubniss werde der Wald weder eingefriedet, noch getheilt, noch daraus Holz verkauft; aber auch der Abt darf künftig aus dem Bannegg kein Holz verkaufen. Das nöthige Holz für seine Trotten26 darf er jedoch nehmen und sogar dessen Abfall ansprechen. Dem Leutpriester müssen die zwölf Hofstätten jährlich aus diesem Walde zwei der besten Buchen geben, wofür derselbe nach der Gewohnheit jeden Sonntag bei der hl. Messe und auf der Kanzel der Äbte und Herren in Muri gedenken soll. Will einer seine Hofstatt oder seinen Theil des Holzes in Bannegg verkaufen, so hat das Kloster Muri das Zugrecht. Die Veräusserung geschehe aber immerhin mit des Abtes und Gotteshauses Willen, dem sodann der Ehrschatz zu entrichten ist. Das Gotteshaus darf in Thalwil seinen Amtmann nach Belieben wählen und entsetzen, ohne an die Inhaber der 12 Hofstätten und der l ½ Hofstatt Reblehen gebunden zu sein. Der Amtmann schwört dem Abte und dem Gotteshause Treue und empfängt den Lohn, was bisher vom Gerichte und laut Einigung ihm zugefallen; ist er aber kein Inhaber obiger Hofstätten, so hat er keinen Hau in der Bannegg. – Wer obige Rechte nicht einhält, zahlt nach Mahnung zur Strafe eine Mark Silber; wenn alle genannten Hofstätten die Rechte überschreiten, so entrichte jede derselben dem Gotteshause Muri zur Strafe eine Mark. Am Schlusse der Rechtsbestimmung quittirte Muri die 12 Hofstätten für die gezahlten 500 Pfund Pfennige. Dem zweiten Artikel besagter Urkunde wurde 1566 folgende Erläuterung beigefügt: „Wer Holz im Banneggwald hauen will, der zeige es zuvor an; das Hauen geschehe aber im Beisein der dazu Verordneten“27.

Sehen wir noch, welche Güter und Rechte Muri unter Abt Georg ausser den Kreisen genannter Dinghöfe erwarb.

Dieser Abt verglich sich bald nach seiner Wahl mit den Edlen von Lütishofen wegen Zehenten in Sursee und kaufte solche im Dorfe Wey nahe beim Kloster28. Die Bühlmühle kam „friedschätzig“ im Jahre 1412 nach Muri29. Dagegen veräusserte (I-214) das Gotteshaus einen Theil seiner Fischrechte in der Reuss an das Kloster Frauenthal30. Im Grüt bei Muri kam der Küchibrandhof an unseren Konvent (1415), den Imer von Seengen besass31. Die Eigenschaft des Hofes in Unterniesenberg wurde Muri im Jahre 1426 zuerkannt32. Von Heinrich Holzapfel von Heidolsheim erstand der Konvent im gleichen Jahre den vierten Theil des Kellerhofes in Boswil und zahlte mit Johannes Merklin von Bremgarten, der Mitkäufer war, 750 Gulden. Jedoch der Antheil Merklins kam noch dasselbe Jahr nach Muri33. Im Jahre 1362 hatte diesen vierten Theil Walther von Hallwil dem Konrad Schultheiss von Lenzburg um 430 Gulden überlassen34. Die Güter in Aristau, welche die Frauen von Hermetschwil ehemals von Walther von Heidegg gekauft hatten35, kamen 1429 um 50 Gulden nach Muri. Dieses Jahr stürzte Abt Georg einen Gütertausch mit Hermetschwil aus dem Grunde um, weil sein Vorgänger, Abt Konrad II., denselben ohne Einwilligung des Konventes abgeschlossen36. Gleichzeitig erstand Muri ein Höflein in Wiggwil37, und nach vier Jahren mit der Regierung von Zürich von Hans und Berchtold Schwenden die Vogtsteuer in Lieli (Pfarrei Oberwil)38. Der Konventuale Herr Hans Flach brachte 1430 mit Herrn Ulrich Junkher einen Mütt Kerngeld an unser Kloster39. Beträchtlicher war die Erwerbung der Vogtsteuer und des vierten Theiles von Twing und Bann nebst andern Rechten, die an den Frohnhof in Wohlen kamen, und wofür unser Konvent 1437 an Ritter Rudolf von Hallwil und seine zwei Söhne, Rudolf und Burkart, 440 Gulden zahlte40; dagegen veräusserte Muri drei unwichtige Vogtsteuern an das Kloster Gnadenthal (5. Aug.) 12, an Rudi von Hensch41 und an die (I-215) Kirche und das Spital in Bremgarten42. Gleiches Jahr verkauften die Eidgenossen ihre Vogtsteuer in Boswil um 16 Gl. an unser Gotteshaus43.

Unter Abt Georg begegnen wir das erste Mal einem besondern Einkommen, das die Kusterei im Kloster Muri besass, und das der Custos im Auftrage des Abtes verwaltete und für die Zwecke seines Amtes benützte. Männer von Waltenschwil und Boswil beschwören nämlich, dass mehrere Äcker vom erstgenannten Orte an die Kusterei in Muri zinspflichtig seien44. Ebenso war 1427 ein Gut, das sonst zur Pflegschaft des Spitals in Mellingen gehörte, mit fünf Schillingen zinspflichtig an die Kusterei in Muri45.

Krieg und der Wechsel der Landesherren hatten verschiedene Rechte unseres Klosters in Frage gestellt. Abt Georg war für die Sicherstellung derselben öfters genöthigt, die Gerichtshöfe zu benützen. Eine Beschwerde, welche (1423) die Schiffsleute wegen erlittenen Schadens bei Jonen in der Reuss in Folge „Überschlacht“46 erhoben, kam bis zum obersten Gerichtsstuhl der Eidgenossen, und wurde erst nach vier Jahren erlediget47. Wegen der streitigen Frage, ob alle Güter im Twinge Waltenschwil, welche sechs Pfennige gelten, dem Gotteshaus Muri fällig seien, wurde in dem Gerichte zu Boswil (1424) eine Kundschaft aufgenommen48. Ein wichtigerer Streit wegen des Falles, als dieser, entstand mit den in Merenschwand ansässigen St. Martins-Eigenleuten49. Die Tagherren der Eidgenossen sprachen als oberste Behörde: „Welche die Eigenschaft (Herrschaftsrechte) und Ansprache des Abtes von Muri anerkennen, sind gebunden, den Fall zu geben und in andern Sachen wie St. Martins-Leute zu thun; welche aber die Eigenschaft und Ansprache des Abtes nicht anerkennen, die mag der Abt zu „besetzen“ (zu überweisen) trachten. Vermag er das, so sollen sie des Abtes Eigenschaft anerkennen und (I-216) wie andere St. Martinsleute den Fall geben. Vermag er sie nicht zu besetzen, so sind diese der Eigenschaft und Ansprache des Abtes ledig. Die „Besatzung“ (Überweisung) geschehe zu Baden vor Marquard Zelger, Vogt in Baden, Heinrich Mülischwand, Vogt zu Maienberg „und daselbst umb“50, und Ulrich Klingelfuss, Schultheiss zu Baden“. – Kaum 10 Tage (28. Dezember 1438)51 vor dem Tode des Abtes Georg entschieden drei Richter zu Gunsten des Klosters52 einen Streit wegen Weidgang im Weiler Rüti, den Jungherr Kunzmann ansprach.

Die Verleihung der Güter und Höfe ist unter Abt Georg nicht so zahlreich, wie unter seinem Vorgänger; die Gemüther scheinen ruhiger und zufriedener geworden zu sein. Im Jahre 1420 leiht der Abt eine Wiese aus dem Widmungsgut der St. Mauritienkapelle in Berikon einem Gerber in Bremgarten53; sechs Jahre später erhalten Imer von Seengen, Zwingherr in Zuffikon, sein Vetter Heinrich von Seengen und der Pfarrer in Zuffikon, Götz Vassnacht, den Muri Zehenten von Bremgarten bis Bibellos54 zum Lehen; endlich begegnen wir noch einer Leihung von Gütern in Aristau (1428) an einen Rudolf Stierli. Dieser zahlte dem Kloster 70 Gulden, damit es mit dem Zinse nicht höher steige55.

Gleiche Sorgfalt, wie für Muri, verwendete Abt Georg auch für die Ökonomie der Frauen in Hermetschwil. Käufe und Verkäufe von Gütern geschehen mit seiner Zustimmung, und neben dem Konventsiegel der Nonnen hängt auch das unseres Abtes56. Auch den Urkunden für Privatpersonen lieh Abt Georg sein Siegel57.

Das Herz dieses kräftigen Abtes schlug warm für alle Menschen, wessen Standes und Geschlechtes sie immer sein mochten. Die Klosterdienstboten, die innerhalb der Mauern(I-217) des Gotteshauses wohnten, betrachtete er als seine Kinder und sorgte für ihr geistiges und leibliches Wohl; denn aus diesem Grunde hatte er für sie beim päpstl. Stuhle und bei den Eidgenossen, wie bereits gemeldet wurde, um besondere Gnaden nachgesucht. Er war nicht bloss den Gesslern einen Liebesdienst zu erweisen bestrebt, indem er für sie bei den Eidgenossen Fürbitte einlegte, sondern er schrieb sogar eigenhändig als „Abt von Gottes Gnaden zu Mure an die wisen, und fürsichtigen Schultheissen und Rät der Statt Lutzern“ für eine einfache Weibsperson, Hermannin, einen Brief, und ersuchte die Räthe, sie möchten sich derselben, die aus „wohlbekannten Gründen“ dort im Gefängnisse liege, erbarmen und zwar „um Gottes und U. L. Frau und aller Frauen Ehre willen“58

Abends um die fünfte Stunde, am 4. März 1435, stürzte die niedere Gasse der Stadt Zug in den See, der in wenigen Sekunden 26 Häuser nebst Thürmen und Stadtmauern und 45 Menschen verschlang. Unter den vielen Wohlthätern, welche der unglücklichen Stadt zu Hilfe eilten, ist der Name unseres Abtes Georg einer der ersten, – er sandte 4 Mütt Kernen, während die Stadt Bremgarten 8 Pfund Haller spendete59.

Hiemit schliessen wir das Leben dieses „erhabenen“ Mannes60, der den besten Äbten Muri's beigezählt werden darf. Nebst der Klugheit zierte ihn noch ein hoher Grad wissenschaftlicher Bildung, wie selbe in seinen gedankenreichen und zierlich geschriebenen Briefen zu Tage tritt. Seine Vorliebe zur Jagd mag mehr der Zeit als seiner Person zur Last fallen61. Gott rief ihn zum Empfang der ewigen Krone am 10. Jänner 1439 von der irdischen Laufbahn ab62. P. Anselm Weissenbach spendet ihm ein besonderes Wort des Lobes: „Würdiger des Himmels als der Welt verliess er die nichtigen Sorgen dieses Lebens, die er jedoch stets geheiligt hatte, und entschwand glücklich zum ewigen Leben, zur verdienten Ruhe“63.


  1. Weisthümer IV., S. 4.

  2. Abgegangener Hofname im Kt. Zug am Zugersee. – Ehemals galt diese Offnung auch für den Hof in Böllinkon.

  3. Arch. Muri in Aarau; Argovia IV., 292-295. Die fast gleichzeitig niedergeschriebene Offnung von Hermetschwil ist dieser ähnlich (Argovia IV., 239-242).

  4. Beromünster Urk. vom 25. Mai 1223 (Geschichtsfrd. XXVIII., 316-318).

  5. Ähnlich, wie auf den Landsgemeinden zu Uri u. Unterwalden.

  6. Nahe beim Kloster Muri.

  7. Zeugen waren: Herr Niklaus, der alte Leutpriester in Cham, Dekan des Dekanats Bremgarten; Heinrich Bar, Notar und Schreibmeister zu Bremgarten; Heini Propst von Staffeln, Ammann zu Hermetschwil; Heini Brem, des Gotteshauses Ammann zu Gangolfswile; Henni Senn, Kühmatter; Jenni Schwab; Hensli Merz, der ältere, beide von Visbach; Ulrich Rey von Kryenbüel; Ruedi Spiller von Aristau; Hensli Mental; Ruedi Maier von Muri; Ulrich Kaufmann von Muri, Ammann, der auch hiefür Richter war. - Friedschatz, Fall und Ehrschatz waren als Abgaben im Vergleich zu den heutigen Staatssteuern sehr gering.

  8. Luzerner neues Rathsbuch, Fol. 68, b.

  9. Argovia IV., S. 313, Aargauer Offnungen von Welti.

  10. S. oben, S. 51 ff.

  11. Die Schreibweise dieses Namens ist verschieden: Gangolz wilare, Gangoltswile, Gangolfswilare, Gangolfswile. Zurlauben meinte, der Name, stamme vom hl. Gangolf her (Stadlin, Kt. Zug II., 138).

  12. Stadlin, Kt. Zug II., 55, 139 ff.

  13. Arch. Muri in Aarau Q, 14, E, 2.

  14. Stadlin, Kt. Zug II., 139, Anm. 17; Geschichtsfrd. XXXIII.,

  15. Pfeiffer, Habsb.-Österr. Urbar, Lit. Verein in Stuttg. XIX, 89.

  16. Stadlin, Kt. Zug II., 141, Anmerk; 21 ff.

  17. Geschichtsfrd. XXXIII., 142.

  18. Geschichtsfrd, XXXIII, 27; Stadlin, Kt. Zug II., 125.

  19. Stadlin, II. 141, Anmerk.

  20. Geschichtsfrd. XXVIII., 25.

  21. Archiv Muri in Aarau Q, 4. E, 1.

  22. P. Anselm, Eccles., p. 164.

  23. Staatsarchiv Zürich. Die Urkunde nennt 14 Zunftmeister der Stadt.

  24. P. Anselm, Eccles., p. 168.

  25. Staatsarchiv Zürich; gleichzeitige Abschrift im Archiv Muri in Gries.

  26. Kelterhaus in den Weingütern oder anderswo.

  27. Zeitschrift für das Schweizer Recht IV., 164-166; Staatsarchiv Zürich (vgl. oben, S. 182, 183).

  28. Arch. Mttri in Aarau Q, 4. P., 1.

  29. Archiv Muri in Aarau.

  30. Geschichtsfrd. X., 96.

  31. Archiv Muri in Aarau.

  32. Archiv Muri in Aarau. Die dortigen Höfe, ein Enklave von der Pfarrei Boswil und Sarmenstorf, gehören zur Pfarrei Bünzen.

  33. Archiv Muri in Aarau; Eccles., p. 167.

  34. Argovia VIII., 154.

  35. Archiv Muri in Aarau; P. Aug. Stöcklin, Mise., 219.

  36. Archiv Muri in Aaran G, 3. D, 8.

  37. P. Anselm, Eccles., p. 168.

  38. Argovia VIII., 79.

  39. Archiv Muri in Aarau. Die Fertigung geschah in Hermetschwil in Gegenwart des Ulrich von Herrenstein, der die Urkunde siegelte.

  40. Archiv Muri in Aarau L, 1. E, 1; P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 195.

  41. Archiv Muri in Aaran L, 1. H, 7.

  42. Argovia VIII., 131 (irrig 6. für 8. Dezbr. 1437).

  43. Archiv Muri in Aarau.

  44. Argovia VIII., 38.

  45. Stadtarchiv Mellingen, geschehen zu Mellingen.

  46. Eine Vorrichtung zum Fischfange.

  47. Argovia, Jahrgang 1862 und 1863, S. 215. Die Abgeordneten der Eidgenossen sprachen: „Die Vögte (Untervögte) zu Muri u. Maienberg sollen streng befehlen, dass die „Überschlag“ in der Reuss wenig stens ein Drittbeil des Flusses weggethan werden“.

  48. Archiv Muri in Aarau H, 3. L, 2.

  49. Archiv Miuri in Aarau, am 28. Juli 1435. Alle Siegel der acht Tagherren hangen.

  50. D. h. in den Freiämtern; denn dieser Sammelname war für die Ämter Maienberg, Muri etc. noch nicht geläufig.

  51. Die Urkunde ist hier offenbar nach altem Stile (Montag nach Weihnachten 1439) datirt, wornach das Jahr mit Weihnachten (25. Dez.) begann (H. Grotefend, Handbuch der historischen Chronologie, S. 29, 30).

  52. Archiv Muri in Aarau; Rocholz, Aarg. Gessler, 162, 163. Siegler: Wilhelm Gessler, Jungherr.

  53. Archiv Muri in Aarau I, 3. K, 1.

  54. Argovia VIII., 50.

  55. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 277. Schon damals, wie später, wurden die Güter nach allem Anscheine jährlich vor der Ernte geschätzt und demgemäss der Zins bestimmt.

  56. Archiv des Frauenklosters Hermetschwil.

  57. Dem Hans Itenthal siegelte er seinen Lehensbrief (Weihnachten 1424) für die Taferne in Boswil (Gemeindearchiv Boswil).

  58. Staatsarchiv Luzern, Papier, geg. am 12. Sept. 1482.

  59. Stadlin, Kt. Zug IV., 179.

  60. „Excelso, uti erat, animo“, sagt P. Anselm Weissenbach (Eccles., p. 17).

  61. Man beschuldigte ihn, die Grenzen seines Jagdrechtes bei Merenschwand überschritten zu haben (Rathsbuch von Luzern II., 45).

  62. Die Murichronisten liessen ihn bisher 1440 sterben. Die Beweise für 1439 bringen wir sogleich im folgenden Kapitel.

  63. Ecclesiast., p. 170.