Viertes Kapitel. Heinrich III. von Eschenz, XXV. Abt (1359-1380).

Heinrich III., der Konrad I. in der Abtwürde folgte1, stammte aus dem edlen Geschlechte der Eschenz, welches am Untersee im heutigen Thurgau seinen Sitz hatte und den Habsburgern diente2. Sein früheres Leben kennen wir nicht.

Vor Allem hatte Abt Heinrich einen hitzigen Streit mit den reichen Dienstmännern der österreichischen Herzoge Rudolf und Leupold von Aarburg3 auszufechten. Diese gaben vor, einen Brief zu besitzen, vermöge dessen das Kloster Muri ihnen 40 Mark Silber schulde. Abt und Konvent (I-161) wandten sich an ihren Kastvogt, Herzog Rudolf IV., der sich gerade in ihrer Nähe, in Brugg, befand4. Dieser hält die Klagen der Mönche für begründet und befiehlt (1. April 1361) seinem „getreuen Johannes von Büttikon, Pfleger im „Argau“ und Thurgau“, und dem jeweiligen Untervogt zu Baden, das Gotteshaus Muri im Allgemeinen und insbesonders gegen das „Unrecht“ Rudolf's und Leupold's wegen eines in ihrer Gewalt „verlegenen“ Briefes zu schirmen, „weil wir die ehegenannten Klosterleute besonderlich darauf in unsern Schirm genommen haben“. Die Mitwirkung der Königin Agnes zur Erlangung dieses für Muri so wichtigen Dokumentes, das zugleich ein Schirmbrief ist, springt dem Leser sofort in die Augen5. Und doch achteten die zwei Aarburger wenig darauf. Zwar blieben sie, so lange der Kanzler Herzog Rudolf's, der thatkräftige Bischof Johann von Gurk als dessen Statthalter in den vordern Landen (1362-1363) handelte, still und ruhig. Nach dessen Abreise belästigten sie wieder unser Gotteshaus mit den gleichen Anforderungen. Auf eingereichte Beschwerde der Mönche beauftragte der Herzog den Diethelm von Blumenberg, der sein Hauptmann und Landvogt über Schwaben und Elsass war, wegen dieser Angelegenheit einen endgiltigen Spruch ergehen zu lassen. Die zwei Kläger behaupteten, ihre Ansprüche rührten von einer Kirche her6, welche ihr Vater Rudolf selig von dem Muri-Abte Hermann (?)7 bei dem Stuhle von Rom erworben habe. Der Landvogt und seine Räthe sprachen am 23. November 1364 also: „Weil der vorgewiesene, vor 38 Jahren8 ausgestellte Brief „verlegen“ (verjährt) und alle Schuldner und Bürgen gestorben, und weil Herzog Rudolf von Österreich vormals urkundlich erkannt hatte, der genannte Brief binde das Kloster fürderhin nicht mehr; so sollen die Herren Rudolf und Lütold von Aarburg an den Abt Heinrich und den Konvent von Muri und an ihre Nachkommen um die 40 Mark Silber und die deshalb ergangenen Unkosten keine Ansprachen haben“9.

(I-162) In diesen Zeiten verheerten die Türken bereits die Länder des südlichen Europas. Die Päpste Urban V. und Gregor XI. wollten die Fürsten des Abendlandes den Feinden der Christenheit entgegenführen. Um Geld zu diesem Zwecke zu erhalten, forderte Papst Urban V. in Deutschland die Hälfte der Annaten (die Einkünfte eines Jahres der ledig gewordenen Pfründen). Das brachte wenig Geld in die Kriegskasse. Gregor XI. verlangte daher den Zehnten aller Einkünfte der Kirchen, Hochstifte und Klöster. Abt Heinrich III. von Muri und die Meisterin von Hermetschwil, Hedwig von Luwar, verabsäumten die Entrichtung dieser Türkensteuer, indem sie vorschützten, sie seien zu hoch taxirt. Beiden Klöstern wurde gerichtlich die Zahlungssumme festgesetzt und Abt Heinrich schwor, selbe in bestimmter Zeit zu entrichten. Auf diese Weise befreite er sich und die zwei ihm unterworfenen Konvente von der Exkommunikation (8. Febr. 1373)10.

Wie Abt Heinrich die unbilligen Forderungen zurückwies, so wusste er auch anderseits neue Quellen für das Klostereinkommen zu eröffnen. Der traurige Klosterbrand mag den Rudolf Megger von Äsch bewogen haben, dass er 1363 die Mühle „zum Bühle“11 nach Friedschatzrechte dem Konvente friedschätzig machte. Megger bestimmte, dass er und seine leiblichen Nachkommen, die ruhig diese Mühle inne haben mögen, jährlich für das Seelenheil zwei Pfennige Zofinger-Münz „Friedschatz“ auf den Kreuzaltar in dem „Münster“ zu Muri legen sollen. Die Zahlenden empfangen jedesmal vom Kloster zwei „Roggen-Weggen“ nach Bescheidenheit12. Die Mühle kam um das Jahr 1412 durch Kauf an das Kloster, wozu Rutschmann Megger von Münster und sein Vetter Konrad, der in Bremgarten wohnte, am 12. Jänner d. J. ihre Zustimmung gaben13. Das Recht des „Friedschatzes“ lässt sich unter den vielen Offnungen (Weisthümern) und Stadtrechten des heutigen Kts. Aargau einzig in der Offnung des Klosters Muri und in der des Dinghofes zu Dottikon auffinden. Daher wurden über dasselbe oft die sonderbarstem Erklärungen abgegeben14. Dessen bester Interpret ist wohl die Muri-Kanzlei, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts dasselbe also erklärt: „Die friedschätzigen Lehensgüter, welche dem fürstlichen Gotteshause Muri mit dieser besondern Verbindlichkeit zugethan sind, haben (I-163) nebst den übrigen Lehenspflichten dieses, dass sie jährlich am St. Martinstag „Friedschatzzins“ gegen Empfang von etwas Brod und Zieger entrichten und, wenn die Inhaber derselben ohne ehelichen Leibeserben absterben, dem Gotteshause eigenthümlich hinfallen“15.

Durch diese Gabe und gute Ökonomie erholte sich Muri allmälig von seinem Unglücke. Im Jahre 1370 konnten Abt und Konvent den Hof des Ritters Johannes Ulrich von Hus zu Wittenheim, der zu Bellikon16 unterhalb Basel lag, um 500 Pfund Stäbler erwerben. Der Ritter hatte den Hof von Rudolf von Neuenburg, Grafen und Herrn zu Nidau17, als Lehen und erhielt von ihm am 12. Jänner besagten Jahres zu Basel die Genehmigung des Verkaufes. Der Graf gestattete zugleich, dass die Vogtrechte auf das Kloster übergehen, welche mit den „Herbergen und Mahlen“ zwei Fuder Wein als Vogtsteuer abwarfen18.

Geringere Veränderungen in der Ökonomie übergehend, erwähnen wir nur den Kauf eines Erblehens in Thalwil von Frauenmünster in Zürich, das beim Tode eines jeweiligen Abtes in Muri einen Mütt Kernen als „Fall“ geben musste19; ferner den Austausch von Eigenleuten zwischen Muri und den Hünabergern20, und den Kauf eines Widdumgutes von drei Schupossen für den neuen Benediktusaltar von Walther von Heidegg21.

Gott und der Fürbitte seiner Heiligen hat Muri es zu verdanken, dass Ingelram von Coucy, der mit seinen englischen (I-164) Schaaren über Elsass und das Juragebirge in's Aarethal 1375 vorgedrungen war und bei Buttisholz im Kt. Luzern endlich geschlagen wurde, nicht in das Bünz- und Reussthal gelangte. Das Kloster St. Urban hatte durch diese Horden unberechenbaren Schaden erlitten22. Doch zurück zu unserem Abte Heinrich III.

Wie seine Vorfahren genoss auch er nahe und ferne das Zutrauen, so dass sogar der päpstliche Stuhl sich seiner bediente. Herr Hans Baselwind, Bruder des durch die Schlacht bei Laupen (1339) bekannten Leutpriesters, Diepold, scheint als Klosterherr im Hofe zu Luzern gegen seine Mitbrüder gefehlt zu haben. Er musste Urfehde schwören und durfte künftig der Stadt Luzern auf vier Meilen sich nicht nähern; dagegen setzte ihm der Konvent eine jährliche Rente aus. Abt Heinrich von Muri bezeugt obiges Abkommen23. – Papst Gregor XI. stellte am 28. Jänner 1373 in Avignon ein Breve aus, worin er den Abt Heinrich von Muri beauftragt, dem Cistercienser-Kloster St. Urban die gewaltsam entfremdeten Güter auf gesetzlichem Wege, oder wenn es nöthig, durch kirchliche Strafen wieder heimzubringen. Besagtes Gotteshaus hatte den Papst um diese ausserordentliche Massregel angegangen und in seinem Bittgesuche ohne Zweifel unsern Abt vorgeschlagen24. Die Lösung dieser schwierigen Aufgabe ist nicht bekannt.

Dieses unerwartete Zutrauen, das der höchste Würdenträger der katholischen Kirche ihm schenkte, mag ihn ermuntert haben, denselben für sein Gotteshaus um einen Schirmbrief anzugehen. Papst Gregor XI. entsprach diesem Gesuche am 5. Oktober 1375 und bestätigte in der Bulle namentlich die von den Königen und Fürsten verliehenen Gnaden wegen Befreiung von den Staatssteuern25. Die Edlen von Heidegg lagen zwar 1358 mit dem Kloster Muri wegen der Burghofstatt in Aristau im Streite, aber dessenungeachtet (I-165) stiftete Walther von Heidegg, Ritter und zugleich oberster Marschall der Herzoge von Österreich in ihren Ländern zwischen dem St. Gotthardsberge und dem Eggenbach im Elsass26, eine Jahrzeit („Seelgerät“) in Muri für seine Gemahlin Ursula von Inkenberg mit einem jährlichen Zinse von zwei Mütt Kernengeld27 und ein zweites „Seelgerät“ stiftete er am 27. Juni 1379 am St. Benediktusaltar auf den Todestag der genannten Ursula28.

Derselbe Walther schenkte (im Februar 1378) dem Gerichte unseres Abtes in Muri so viel Zutrauen, dass er es ersuchte, die Heimsteuer von 173 Mark Silber, welche seine zweite Gemahlin Elsbet, eheliche Tochter des Hermann von Landenberg von Greifensee, ihm zubrachte, zu verbriefen. Der damalige Ammann, welcher im Namen des Klosters die Gerichte leitete, Konrad von Tägerfelt, vollzog die Handlung. Der Marschall gab das Mannlehen, welches er von den Herzogen von Österreich in Aristau und Umgebung hatte, als Pfand hin. Neben Walther von Heidegg besiegelte auch Abt Heinrich III. das Instrument und drei Konventualen leisteten Zeugschaft29. Gleichzeitig weist Walther von Heidegg seiner Frau Elsbet eine Morgengabe von 60 Mark Silber an. Das Pfand, das ihm die Herzoge von Österreich auf den Hof zu Büblikon, den zu Wile und auf einen Hof zu Oberkulm gegeben hatten, sollte diese 60 Mark abwerfen30. Nicht lange nach diesem erwiesenen Liebesdienst schied Abt Heinrich III., am 5. April 1380, in die Ewigkeit31. Im Jahre 1620 sei von ihm noch ein Trinkbecher mit seinem Wappen in Muri vorfindlich gewesen32.


  1. Über Heinrich von Froburg etc. s. oben, S. 137.

  2. Im Herm. Nekrol. stehen am 5. und 6. Juli drei von Eschenz, wohl Verwandte unseres Abtes: Johannes von Eschenz, Ritter; Heinrich von Eschenz, Ritter, und Henmann von Eschenz. Ein Herr Henmann von Eschenz ist 1379 genannt (Kopp, Geschtsbl. II., 183); Hans von Eschenz erscheint 1370 (Argovia VIII., 47, 48); Margaretha von Eptingen, geborne von Eschenz, stiftete 1390 am 29. Okt. einen Jahrtag in St. Blasien, und am 9. Jänner 1391 einen solchen im Kloster Engelberg. Ihr Vater war „Herr“ Hanemann und ihre zwei verstorbenen Brüder „Henmann und Heinzmann“, wahrscheinlich Verwandte unseres Abtes.

  3. Die Urkunden vom 29. August 1357 und 1364 haben „Lütold“ (Argovia XI., 344-349). Beide Brüder, Jungherren, waren Söhne des Freiherrn Rudolf von Aarburg, eines treuen Dieners der Habsburger. Gegen Übergriffe des Junkers Rudolf musste schon das Kloster Rüti am 1. August 1350 vom österreichischen Landvogt, Johann, geschirmt werden (Nachweis der Königin Agnes, S. 106, 107 und 161).

  4. Argovia VIII., 255.

  5. P. Aug. Stöcklin, Miscel., p. 405; Dr. Herm. v. Liebenau, S. 161. Die Urkunde unterzeichnete und versah mit seinem Handzeichen Johann von Kandern, Kaplan der Königin Agnes; die Ausstellung der Urkunde geschah in der Kapelle der Königin.

  6. Sie ist nicht genannt. Die zwei Kläger möchten Bünzen gemeint haben!

  7. Ein solcher war vor dieser Zeit nie Abt in Muri.

  8. Im Jahre 1326 war Heinrich II. Abt in Muri.

  9. Gegeben zu Baden. Archiv Muri in Aarau; Kurz u. Weissenbach, Beitr. I., 139-141. Rudolf heisst „Herr“, Lütold ist noch „Junkherr“, Lütold heisst 1361 Leupold.

  10. Arch. Muri in Aarau; P. Aug. Stöcklin, Miscel., p. 506-508.

  11. Früher möchte der dortige Hof „in der Rüti“ geheissen haben.

  12. Archiv Muri in Aarau; Copie im Archiv Gries. Die Urkunde siegelte, weil Megger kein eigenes Siegel hatte, Herr Peter von Stoffen, Comthur des deutschen Hauses zu Hitzkirch.

  13. Archiv Muri in Aarau; Copie im Archiv Gries.

  14. Vgl. Argovia, Jahrg. 1861, S. 211; Arg., Bd. IV., 294, 431 und Bd. IX., S. 40.

  15. Arch. Muri in Aarau; P. Aug. Stöcklin, Miscel., p. 506-508.

  16. Bellingen, wo Muri ehemals viele Besitzungen gehabt hatte, die aber wahrscheinlich nach dem ersten Brande (1300) verkauft werden mussten.

  17. Er wurde zu Büren von den Engländern 1375 erschlagen (Trouillat, Monum. IV., 348).

  18. Urkunde Staatsarch. Luzern. Der Kauf geschah am 10. Jänner 1370.

  19. Urkunde vom 7. Nov. 1377 (Stadtarchiv Zürich; Mitth. von Dr. Herm. Meyer).

  20. Urkunde vom 25. Jänner 1377 (Arch. Muri in Aarau). Ein Doppel lag im Archiv Merenschwand beim Banner (Stöcklin, Mise., p. 206). Die Hünaberger-Herren waren: Hartmann, genannt Wolf; Heinrich, Kirchherr zu Merenschwand, und Hans, Gebrüder.

  21. Urkunde, Donnerstag nach St. Georg 1376 (Archiv Muri in Aarau G, 3. D, 6). Siegler: Walther von Heidegg; Zeugen: Herr Cunr ad, Abt in Trub; Herr Johannes von Stein, Propst zu Wangen u. s. w.

  22. Abt Nikolaus II. von St. Urban schrieb in den Twinrodel des Dorfes Roggwil: „Do haben sich zu den ziten gross krieg uferhoben, besunder da die Engelschen, der Herre von Cussin in unserm gotzhus lag XVIII Tag. Do wort es verbrönt mit dem hof zu Roggwil“ (Grim, Weisthümer I., 176). - Ingelram forderte, weil seine Mutter, Katharina († 1349), eine Tochter Herzog Leopold's von Österreich war, von seinen Vettern, den österreichischen Herzogen, die schwäbischen Herrschaften als Erbtheil.

  23. Staatsarchiv Luzern, Akten: Stift im Hof; Urkunde vom Jahr 1370, ohne Tag.

  24. Staatsarchiv Luzern, Abtheil.: St. Urban (Mittheil. von Th. v. Liebenau).

  25. Urkunde, dd. zu Avignon; Archiv Muri in Aarau C, 1. G.; Copie bei Stöcklin, Miscel., p. 430, – „libertates et exemptiones secularium exactionum a regibus ... indultas“.

  26. Urkunde vom 22. September 1362 (Arch. Muri in Aaran H, 1. I, 6). Walther von Heidegg verkaufte den vierten Theil des Zwinges in Boswil an Konrad Schultheiss von Lenzburg und dessen Frau Anna um 930 Gl. wegen „schweren unlidigen schulden“. Zeugen: Herren Johannes, Rudolf und Thüring von Hallwil und Walther, Gebrüder etc. Im Jahre 1379 kauften diesen 4. Theil Rudolf und Thüring von Hallwil (Argovia VI., 159).

  27. Staatsarchiv Luzern, Akten: Stift im Hof; Urkunde vom Jahr 1370, ohne Tag.

  28. Arch. Muri in Aarau B, 3. E; Stöcklin, Miscell., p. 124, 125.

  29. Urk. dd. Muri (Arch. Muri in Aarau Q, 4. B, 6). Zeugen: Herr Walther von Geltwil (das Gericht war vor seinem Hause), Herr Hans der Stülinger und Herr Otto von Seengen, Konventherren; Herr Ulrich, Dekan und Leutpriester zu Mun. Vogt der Frau Elsbet war Jungherr Heinrich von Rüssegg, Freie.

  30. Kurz und Weissenb., Beitr. I., 149.

  31. Herm. Nekrol.: „Heinricius de Eschenz noster abbas“; Murus et Antem. IV., 58.

  32. Mittheil. von P. Joh. Kasp. Winterlin (Arch. Gries A. I. IV.).