Zweites Kapitel. Huno, sechster Abt (1145-?1150). Chuono, siebenter Abt (1150-1166). Walther I., achter Abt (1166-1177). Anselm, neunter Abt (1177-?1195).

Unsicherer und dunkler werden von nun an die Wege unserer Geschichte, weil die Hand des ersten Anonymus schon vor 1145 erkaltete und der zweite Anonymus den historischen Mittheilungen desselben um das Jahr 1278 nur Weniges über das Kloster beifügte; ebenso fliessen die urkundlichen Quellen bis 1300 nur sparsam; bloss das mit Muri verbundene Frauenkloster oder vielmehr sein Todtenbuch aus dem 12. Jahrhunderte bietet verlässliche Anhaltspunkte.

Huno, der als „abbas noster“ (unser Abt) in das eben besagte Nekrologium am 11. Jänner eingezeichnet ist, erscheint weder in einer Urkunde noch in dem Stifterbüchlein (Acta Mur.), und dennoch war er nach jener Quelle gewiss Abt in Muri. Die Hauschronisten lassen ihn um das Jahr 1300 den Hirtenstab führen1. Allein schon Dörflinger, im vorigen Jahrhunderte Coadjutor in Beromünster, ein guter Kenner der alten Handschriften2, hat die Behauptung ausgesprochen, dass dieser Name im 12. Jahrhunderte eingetragen worden sei. (I-079) Weil nun diese Hand viel Ähnlichkeit hat mit jener, welche den Abt Ronzelin eintrug, so folgte vielleicht Abt Huno diesem in der Regierung bis etwa 1150.

Besser bekannt ist die Regierung des Abtes Chuno (Kuno oder Konrad). Gleich den Äbten Luitfrid und Rupert war auch dieser aus St. Blasien postulirt worden3. Die Jahrbücher des eben genannten Klosters rühmen Chuno als einen sehr gelehrten Mann, der auf Zucht und Ordnung sah und die Wissenschaften pflegte4. P. Rusten Heer will zugleich beweisen, dass Abt Chuno der Verfasser der Acta Murensia sei5, ohne den Leser zu befriedigen. Aber das steht fest, dass Abt Chuno eifrig bedacht war, die Rechte des Klosters zu sichern, wozu ihm die Stellung, welche Kaiser Friedrich Barbarossa gegen die Kirche einnahm, hauptsächlich Anlass geben mochte6. Er wendete sich nämlich an Papst Hadrian IV. mit der Bitte um einen Schutz- und Bestätigungsbrief, der ihm auch am 28. März 1159 ausgestellt wurde. Diese Urkunde unterscheidet sich ihrem Inhalte nach sehr von der früher erwähnten des Papstes Innocenz II. Erstlich wird das Kloster nicht bloss einfach unter den Schutz des hl. Petrus gestellt, sondern es werden auch die Rechte und Besitzungen desselben namentlich aufgeführt; jedoch nicht alle. So sind die Kirchen von Muri, Gersau, Urdorf u. s. w. nicht angegeben7; hingegen genannt sind: Hermenswilare (Hermetschwil), Buosh (Buochs in Nidwalden), Stannes (Stans), Rische (Risch), Pozwile (Boswil)[^070_6], Eggenswilare (Eggenwil), Rordorf (Rohrdorf), Urtechun (Urtichon), Tellewilare (Thalwil), Cozelinchon (Göslikon). Sodann erlaubte der Papst, wohl im Hinblick auf die Lenzburger-Grafen, welche zu den Hohenstaufen hielten8, den Konventualen zur Zeit eines allgemeines Interdiktes, mit Ausschluss der Schuldigen, stillen Gottesdienst zu halten. Endlich wurde dem Konvente die freie Wahl eines Abtes zugesichert9. Die Anwesenheit Chuno's in Rom kann nicht erhärtet werden.

(I-080) Nachdem dieser Abt ungefähr 16 Jahre das Kloster mit allem Lobe geleitet hatte, legte er 1166 den Hirtenstab nieder und zog sich in sein Mutterkloster St. Blasien zurück, wo er am 2. November 1188 selig im Herrn verschied. Er schenkte den Klosterfrauen in Hermetschwil ein Psalterium10.

In den Jahren seiner Musse 1166-1188 mag er das Chronicon Bürglense, worin er den Anonymus von Muri nachahmt, und die Entstehung des Klosters Bürglen11 erzählt, niedergeschrieben haben. Wegen der Ähnlichkeit dieses Chronikons mit den Acta Murensia hatte P. Rusten die Ansicht, Abt Chuno sei auch der Verfasser der Akten12. Doch seine übrigens geistreiche und mit vielen Worten geführte Begründung erreicht kaum den Grad der Wahrscheinlichkeit und vermag die allgemein herrschende Meinung, der Verfasser der Akten sei ein Mönch von Muri, nicht zu beseitigen.

Nach Chuno's Resignation wurde nicht, wie man bis anhin glaubte13, Werner an die Spitze des Konventes gestellt, sondern Walther I., der von 1166 bis circa 1177 regierte. Ein Abt Werner kommt allerdings im Nekrologium von Hermetschwil am 8. April vor; er gehört jedoch, wie wir seiner Zeit sehen werden, dem 13. Jahrhunderte an. Anlass zu dieser Verwechslung gab die näher zu besprechende Urkunde vom Jahre 1168. Darin ist der Abt von Muri nur mit dem Anfangsbuchstaben „W.“ bezeichnet14. Allein derselbe muss Walther und nicht Werner gelesen werden; denn in einer von Dr. Baumann aufgefundenen Urkunde des Klosters Allerheiligen in Schaffhausen vom 27. Dezember 1167, in welcher Bischof Otto II. von Constanz eine frühere Güterschenkung an das besagte Kloster vom Jahre 1131 neuerdings beurkundet, tritt Walther, Abt in Muri, als Zeuge auf15.

(I-081) Von seiner Regierung ist uns jedoch sehr wenig bekannt. In Gemeinschaft mit Graf Adalbert III., welcher 1167 seinem Vater Werner III. in der Vogtei gefolgt war, wirkte er dahin, dass die schon früher erwähnte Schenkung und Einverleibung der St. Martinskapelle in Boswil16, welche von Bischof Hermann I. von Constanz bereits bestätigt, auf's Neue durch Bischof Otto II. verbrieft wurde. Die Urkunde erwähnt den ruhmreichsten Grafen (gloriosissimus comes), Otto II., der die Kapelle an das von seinen Voreltern erbaute Kloster Muri vergabte; nennt das Stift ein ansehnliches (nobile monasterium), und verpflichtet den jeweiligen Abt in Muri neuerdings für den Gottesdienst und Unterhalt der Kapelle zu sorgen, und bestimmt, dass deren ganzes Einkommen dem Kloster zum Nutzen komme17.

Um dieser Vergabung mehr Halt zu geben, baten Beide, Abt und Schirmvogt von Muri, um die urkundliche Bestätigung des Metropolitanbischofs von Mainz. Die kirchlichen Angelegenheiten waren aber durch Kaiser Friedrich und seine Gegenpäpste noch immer gestört. Der rechte Metropolit von Mainz, Konrad von Wittelsbach, wirkte für Papst Alexander III. in Oberitalien, Österreich und Bayern18; sein Gegner, Christian, war gleichfalls abwesend und arbeitete in Italien für Barbarossa's Partei. In Mainz leitete die kirchlichen Dinge Arnold als Generalvikar oder Dompropst (major in Moguntia præpositus), und zwar nach aller Wahrscheinlichkeit im Namen des Erzbischofes Konrad, weil nämlich die Freundschaft der Habsburger mit den Hohenstaufen noch nicht so innig war, dass man glauben könnte19, Graf Ad albert III. und Abt Walther hätten sich an den Stellvertreter des Afterbischofes gewendet. Dem Propste Arnold, angegangen um die Bestätigung der St. Martinskapelle für Muri, wird ohne Zweifel die bereits verliehene Urkunde des Bischofs Hermann I. von Constanz vorgelegt worden sein; denn er schrieb sie in seiner Bestätigungsurkunde fast wörtlich ab20, nur brauchte er statt nobile monasterium den Ausdruck „honorabile cœnobium“ (ehrenhaftes Kloster).

(I-082) Seit dieser Zeit (1168) verschwindet Abt Walther gänzlich aus der Geschichte. Sein Name ist auffallender Weise nicht einmal im Hermetschwiler-Nekrologium genannt21; daher auch Tag und Jahr seines Todes unbekannt sind. – Mehr wissen wir von dem Nachfolger, Anselm.

Die Zeit der Amtsführung dieses Abtes ist reich an grossen Ereignissen in der Weltgeschichte. Am 24. und 25. Juli 1177 findet die feierliche Sühne zwischen Papst und Kaiser in Venedig statt; Friedrich I. liegt in den Armen des Papstes Alexander III. und gibt das seit 1159 genährte Schisma auf; im März 1179 wird das grosse Lateranconcil gehalten; Heinrich der Löwe in Bann und Acht gethan; Kaiser Friedrich I. erscheint im Juni 1183 zu Constanz und schliesst Frieden; die Christen werden am 5. Juli 1187 bei Hittin in Palästina von Sultan Saladin geschlagen; 1189 unternimmt Barbarossa den dritten Kreuzzug, stirbt aber plötzlich am 10. Juni 1190 in der Nähe von Seleucia am Taurusgebirge. Durch die Aussöhnung zwischen Papst und Kaiser in Venedig war das Ansehen des erstem um Vieles gestiegen. Die Ankündigung des dritten Lateranconcils auf das Jahr 1179 wurde mit Jubel entgegen genommen. Hunderte von Bischöfen und Prälaten eilten in die ewige Stadt, um an den allgemeinen Verhandlungen des Concils Theil zu nehmen. Wie 1159 erhielten auch jetzt viele Klöster Süddeutschlands, z. B. Tegernsee, St. Mauriz in Wallis, St. Blasien, St. Georg und St. Peter im Schwarzwalde, Chiemsee u. s. w. Schutzbriefe vom hl. Stuhle, und am 18. März d. J.22 wurde auch Muri mit einem solchen erfreut. Wahrscheinlich hatte Abt Anselm persönlich die Gräber der Apostel besucht, und mag schon im Winter dieses Jahres dem heiligen Stuhle seine Bitte vorgetragen haben, welche ihm dann im März gewährt wurde. Im Eingange des Schirmbriefes verordnet der Papst, dass in Muri allezeit die Regel des hl. Benedikt beobachtet werde. Darauf nimmt er sämmtIiche Besitzungen und Rechte des Klosters unter seinen Schutz. Bei der namentlichen Aufzählung des Besitzstandes werden zuerst die Kirchensätze23, die Muri damals entweder ganz oder theilweise besass, und dann die Höfe aufgezählt. Dabei (I-083) wird ähnlich, wie in den Akten, die topographische Reihenfolge eingehalten. Von den Höfen sind meistens nur jene genannt, welche einen Maier oder Kellner hatten, was durch den Ausdruck „cum pertinentiis suis“ (mit ihrem Zubehör) angedeutet ist24. Die inkorporirten Kirchensätze von Muri und den drei Kapellen in Boswil, Hermetschwil und Wohlen sind den übrigen Kirchen und Höfen und Gütern nachgestellt. Die St. Anna-Kapelle in Wohlen erscheint in dieser Urkunde das erste Mal; wer aber deren Kirchensatz schenkte und dem Kloster einverleibte, ist nirgends gesagt. Vielleicht möchte sie im Kaufe der zwei unter Abt Rupert 1106 erworbenen Höfe daselbst einbegriffen gewesen sein25. – Ferner wird dem Konvente in Muri gestattet, an die Stelle eines raubgierigen oder gewaltigen Vogtes einen andern zu wählen26.

Dann erhielten Abt und Konvent die Erlaubniss, diejenigen innerhalb ihrer Klostermauern zu begraben, welche es wünschen, jedoch unbeschadet der Rechte eines Dritten; auch gestattete ihnen der Papst, in den Zeiten des Interdiktes stillen Gottesdienst zu halten. Die Zuerkennung der freien Abtwahl und die Anempfehlung, jährlich ein Goldstück an den apostolischen Stuhl zu zahlen, bilden den Schluss der Urkunde. Papst Alexander III. nebst mehreren Kardinälen, darunter der mächtige Hupold von Ostia, unterschrieben die Bulle eigenhändig.

Zehn Jahre später, am 13. März 1189, beglückte unsern Abt Anselm Papst Clemens III. ebenfalls mit einem Schirmbriefe27. Dieser stimmt ganz mit dem vorhergehenden überein und beruft sich auch auf denselben. Nur erscheinen in der zweiten Bulle mehrere Hofnamen, welche in der vom Jahre 1179 nicht vorkommen, wie Bottenwil28, der Hof in Bözberg29, (I-084) Eggerschwil30, Hagenbuch31, Holunstrasse32, Ibikon33, Lennes34, Otwisingen35, Rattlisberg36, Siseln37, Tägering und Wohlenschwil38. Ob diese Höfe und Besitzungen erst seit 1179 an Muri gekommen oder schon früher Eigenthum des Klosters waren, ist nirgends bemerkt.

Ausser diesen zwei päpstlichen Schutzbriefen erlangte Abt Anselm auch zwei bischöfliche Einverleibungs- und Bestätigungsurkunden hinsichtlich der Pfarrei Muri und der drei Kapellen in Boswil, Hermetschwil und Wohlen. Die erste Bestätigung gab Bischof Berchtold II. von Constanz und die zweite sein Nachfolger, Bischof Hermann II.39; die erste ging verloren und die zweite, welche vorhanden, trägt leider kein Datum. Weil aber Bischof Hermann II. sich auf die Bulle des Papstes Alexander III., nicht aber auf die des Papstes Clemens III. beruft, so fällt ihre Ausstellung zwischen 1182 und 118840. Hermann II. rühmt in dieser Inkorporationsurkunde die Mildthätigkeit Muri's gegen die Armen und die hilfsbedürftigen Pilger. Denken wir an die zahlreichen Kreuzfahrer nach Palästina und die vielen Wallfahrer, welche nach Rom pilgerten, so werden wir begreifen, dass die Auslagen an die bei Muri Vorüberreisenden nicht gering waren41. Aber gerade deshalb scheint der Segen des Himmels den Besitz des Abtes Anselm vermehrt zu haben. Ihm stand in dieser Beziehung wahrscheinlich der thätige und einsichtsvolle Mönch Konrad als Kellner zur Seite42. Mit Erlaubniss des Abtes kaufte derselbe Güter in Werd (am linken Ufer der Reuss), in Wiggwil, Butwil, und in den Pfarreien Cham und Risch, und versah sie mit den nöthigen (I-085) Ökonomiegebäuden. Eine besondere Erwähnung verdient der Ankauf des Hofes Horw auf dem Lindenberge mit ausnehmender Aussicht in den Alpengebirgskranz, zwei bis drei Stunden von Muri entfernt. Das Kloster zahlte hiefür 30 Talente. Die Verbriefung dieser und anderer erworbener Güter in Wiggwil geschah in Gegenwart der edelgebornen Gerhart, Adelbercht und Ludwig und aller ihrer Mitbürger43.

Der zweite Anonymus, welcher zu den Acta des ersten diese schätzbaren Zusätze machte, theilt uns zugleich einen Kapitelsbeschluss mit, der als der älteste, der uns bekannt ist, hervorgehoben zu werden verdient. Er lautet: „Kein Propst (Ökonom), Kellner oder irgend ein Mitbruder darf die oben angedeuteten und vom Mönch Konrad erworbenen Güter veräussern, ausser nach festgesetzter Norm“44.

Diesen Güterzuwachs unter Abt Anselm mögen die Kreuzzüge auch begünstigt haben; die Pilger bedurften nämlich des Geldes und verkauften daher oft ihre Güter an Klöster45.

Es ist beinahe ausser Zweifel, dass Graf Adalbert III. von Habsburg, Landgraf im Elsass und Kastvogt von Muri und Murbach, das Kreuz genommen habe und 1189-1190 mit Kaiser Friedrich 1. nach dem Orient gezogen sei. Das Reliquien- (oder Jagd-) Horn, welches er im Jahre seines Todes (1199) dem Kloster Muri schenkte, bekräftiget diese Vermuthung. Dieses Horn, das im Jahre 1702 nach Wien kam46, möchte Graf Adalbert in Constantinopel erworben und später mit Reliquien gefüllt haben, wie Dr. Hermann von Liebenau meinte. Den Beweis hiefür schöpfte dieser aus Andreas Camill Locarnus47, welcher angibt: Johann Friedrich Gonzaga beschwört am 22. Juni 1190 in Constantinopel für Graf Adalbert von (I-086) Habsburg den Orden des hl. Georg, den Kaiser Isaak Angelus sonst nur für Fürsten gestiftet hatte.

Der religiöse Sinn des Grafen Adalbert leuchtet uns aber nicht bloss aus obigem Reliquienhorn entgegen, das er seinem Hausstifte Muri verehrte, sondern auch aus vielen Gaben und Wohlthaten, die er an Kirchen und Klöster im Elsass spendete48. Eine Vergabung, welche der zweite Anonymus den Akten am Schlusse beifügt49, beweist rühmlichst seine Liebe zum heiligsten Altarssakramente. Nebst andern Gütern schenkte er nämlich dem Kloster Muri zwei Malter Weizen jährlichen Zinses unter der Bedingung, dass der Konvent für alle Kirchen des Landes die nöthigen Oblaten (Hostien) zur Begehung der hl. Geheimnisse bereite. Der gelehrte Calmet sagt darüber: „Solch' eine Vergabung habe ich noch keine wahrgenommen“50. Stadlin bemerkt in seiner Geschichte vom Kt. Zug51: dass man die Hostien (im Kt. Zug) für das hl. Messopfer aus dem Kloster Muri bezog, wofür Graf Adalbert von Habsburg eine Kerngilt gestiftet habe, und P. Anselm Weissenbach fügt diesem bei52: dass diese Hostien nach Luzern, Zug, Baden, Bremgarten, Sursee und Beromünster geschickt wurden und von diesen Kirchen wieder in die Nachbarpfarreien.

Graf Adalbert segnete das Zeitliche am 25. November 119953. Er ruht im Kloster Lüzel54, dessen Kastvogtei er neben Muri, Säckingen und Murbach inne gehabt hatte55. Er heisst mit Recht der Reiche; denn zu seinen Lebzeiten starben zwei mit Habsburg verschwägerte Grafengeschlechter aus, Lenzburg 1172 und Pfullendorf-Bregenz 1180, und von beiden kamen Güter an sein Haus. Er selbst hatte Ita, die Erbtochter Rudolfs II. des letzten Pfullendorfers geheirathet56. Daraus (I-087) ist erklärlich, dass er auch reichliche Gaben, besonders seinem Hausstifte Muri spendete.

Endlich müssen wir noch eines Streites gedenken, den unser Kloster unter Anselm mit dem Priester Thipold wegen des fünften Theiles des Zehenten vom Kirchensatze der Pfarrei Rohrdorf auszufechten hatte. Sehen wir dabei auf das Gericht, das den Handel zum Austrag brachte, so möchte man glauben, Abt Anselm von Muri habe in Rom und bei der Partei, welche in Deutschland der kaiserlichen Gewalt kühn entgegenstand, einen Namen gehabt. Dasselbe sass 1188 in Constanz. An dessen Spitze ist der unbeugsame Konrad aus dem Hause Wittelsbach, Kardinal mit dem Titel der hl. Sabina, päpstlicher Legat und Erzbischof von Mainz, lange ein entschiedener Gegner Kaiser Friedrichs I.57, jetzt mit ihm ausgesöhnt58; ferner sehen wir in diesem Gerichte sitzen Hermann II., Bischof von Constanz; Ulrich, Dompropst, und Heinrich, Domdekan von Mainz. Die hohen Schiedsrichter sprachen, gestützt auf ein schon in dieser Sache ergangenes geistliches Urtheil des Bischofes Otto von Bamberg und auf die vorgeführten Zeugen, den Zehentantheil dem Kloster Muri zu59. Als Zeugen erschienen Marquard, Abt von Kreuzlingen; Heinrich, Abt von Rheinau; Burchard, Abt von der Kirche St. Johann, und Bertold, Abt von Engelberg.

Drei Jahre vor dem Austrage dieses Rechtshandels (1185) erwies auch Anselm der Abtissin von Schänis einen Liebesdienst, indem er ihr bei einem Streite ebenfalls wegen Zehentbezuges als vierter Zeuge beistand. Heinrich, Pleban in Wohlen, stand der Abtissin Adelheid, Inhaberin des Collaturrechtes in Niederwil, gegenüber. Das Urtheil lautete: Adelheid solle den Zehenten besitzen und der Pleban von seinen unbilligen Rechtsforderungen abstehen; jedoch zahle die Abtissin, nicht aus Schuldigkeit, sondern zu dessen Beruhigung 10 Pfund Zürcher-Münz60. Wegen der vielen angeführten Zeugen gewinnt diese (I-088) Urkunde ein besonderes Interesse, indem der niedere Adel aus der Umgebung von Muri dabei zahlreich vertreten ist61.

Das Todesjahr des Abtes Anselm kann nicht genau bestimmt werden. Weil aber dieselbe Hand, welche den am 2. Dezember 1193 verstorbenen Mönch Konrad in das Hermetschwiler-Nekrologium eintrug, auch den Abt Anselm am 9. Mai einzeichnete, während den Grafen Adalbert († 25. Nov. 1199) schon eine jüngere Hand einschrieb, so möchte der Abt etwa 1195 gestorben sein. Die Hauschronisten preisen ihn mit Grund als den sorgsamen Wächter des Stiftes62.


  1. P. Ans. Weissenb., Eccles., p. 146, 147; Murus et Antem. IV., 47.

  2. Arch. Muri in Gries A. I. I. Dörflinger facsimilirte das Hermet. Nekrologium. Wenn daher der Verfasser „Zur Frage über die Anfänge des habsburgischen Hauses“ (Adler, XV. Jahrg., S. 112) sagt: „Huno ist von einer Hand aus dem XIV. Jahrhundert eingetragen“, so ist diese Behauptung ohne Einsehung des Nekrologiums hingeworfen worden.

  3. Handschr. des P. Meinrad Bloch im Arch. Muri in Gries A. I. I. IV. nach Wülperz, Kurze Notizen von St. Blasien, Kap. XXIV.

  4. Gallia christiana V., 1038.

  5. Anonymus denudatus, p. 101-115.

  6. ^079_4

  7. Die Bulle deutet das Uebergehen nicht genannter Kirchen mit den Worten an: „in quibus hæc propriis duximus exprimenda vocabulis“.

  8. Damberger, Synchron. Gesch. VIII., 646 ff.

  9. Original im Arch. Muri in Aarau. Abdruck: Murus et Antem. III., 7-10. - Gerbert, hist. silvæ nigræ III., 91, 92. - Quellen zur Schw. Gesch. III., Kloster Muri, S. 114-116.

  10. Vgl. Hermetschw. Nekrol. Dort steht er von späterer Hand in 2. Spalte mit Majuskelschrift eingetragen; Wülperz, Kurze Notizen (Hdschr. in Einsiedeln). Schon P. Rusten Heer bewies, dass er nicht am 11. November gestorben sei (Anonymus denud., p. 365).

  11. Bürglen, Kloster, später eine Propstei des Stiftes St. Blasien, im obern Breisgau, Grssh. Baden.

  12. Anonymus denud., 366-383 und Cap. XII., p. 101-118.

  13. Wenn die Reihenfolge der Muri-Äbte sich anders gestaltet, als sie ehemals festgestellt war, so liegt der Grund in den neu aufgefundenen Dokumenten, welche den Murichronisten unbekannt waren (vgl. Murus et Antem. IV., S. 28., von Mülinen, Helv. sacra I., S. 107).

  14. Quellen zur Schweiz. Gesch. III., Kloster Allerheiligen, S. 124.

  15. Quellen zur Schweiz. Gesch. III., Kloster Allerheiligen, S. 124.

  16. Murus et Antem. I., 31, 32 u. a. O.

  17. Arch. Muri in Aarau.

  18. Ant. J. Weidenbach, Kalend. historico-christianum, p. 226; Damberger, Synchronistische Gesch. VIII., 863, 925.

  19. Guillimannus, Habsburg., ed. Tigur., p. 67.

  20. Arch. Muri in Aarau; Dom. Tschudi, Origo et Geneal., ed. 1702, p. 74-77; Eccard, Orig. habsb., p. 243; Herrgott, Geneal. II., 186; Murus et Antem. I., 29, 30; Quellen zur Schweizer Gesch. III., Kloster Muri, S. 125, 126.

  21. Wohl kommen in demselben mehrere Walther vor, aber keiner mit dem Zusatz „abbas“ oder „abbas noster“.

  22. Nach dem damals in der päpstlichen Kanzlei gebräuchlichen „calculus Florentinus“ umfasste das Jahr 1178 die Zeit vom 25. März 1178 bis 24. März 1179.

  23. Diese sind: Buochs, Stans, Risch, Küssnach, Ättenschwil (Kapelle in d. Pfarrei Sins), Thalwil, Rohrdorf, Tershofen (? Tägerst in d. Pfarrei Stallinkon), Cozlinckoln (Göslikon), Urtechun (Uerzlinkon bei Affoltern) Stalinkon (den 4. Theil), Riffrinswil (den 12. Iheil), Sursee (den 20. Theil).

  24. Solche Höfe sind: Sprettenbach (Seelisberg, Kt. Uri), Gangolfswil (Dinghof), Terespac (Deresbach), Halincho (Alikon), Wicwilare (Wiggwil), Schonuntullun (Schonuntül oder Schönentüel im Kt. Bern, oder eher das Schöntüllon, Kt. Luzern), Gepponouve (Gettnau, Kt. Luzern), Chalpach, (Kalpach, Kt. Luzern), Wilperc (Wilberg bei Willisau), Cholunbare (Kulm, Kt. Aargau), Cholumbronwo (Kulmerau , Kt. Luzern), Chuitingen (Küttingen, Kt. Aargau), Tintinchon (Dintinken), Haclinge (Hägglingen, Kt. Aargau), Totinchon (Dottikon, Kt. Aargau), Talheim (Kt. Aargau), Rotwilare (Ober- und Niederrothwil, im Breisgau), Pellinchon (Bellingen, unterhalb Basel am Rhein), Urdorf (Kanton Zürich) u. s. w.

  25. S. oben, S. 42, 43.

  26. S. oben, S. 47, 48 und Vorwort.

  27. Arch. Muri in Aarau; Murus et Antem. III., 16-21; Herrgott, Genealog. II., 202-204; Quellen zur Schweizer Gesch. III., Kloster Muri, 120-123.

  28. Bezirk Zofingen, Kt. Aargau.

  29. Bezirk Brugg, Kt. Aargau.

  30. Pfarrei Nottwil, Kt. Luzern.

  31. Pfarrei Lunkhofen, Kt. Aargau.

  32. Berghöfe an der Reppisch, Pfarrei Dietikon, Kt. Zürich.

  33. Höfe in der Pfarrei Risch, Kt. Zug.

  34. Abgegangener Hofname in Boswil.

  35. Othmarsheim bei Lenzburg, Kt. Aargau.

  36. Jetzt „Bruder Albis“, A. Knonau, Kt. Zürich.

  37. Im Frickthal, Kt. Aargau.

  38. Pfarreien im Kt. Aargau.

  39. Berchtold II. reg. 1174-1182 und Hermann II. von 1182-ca. 1190.

  40. Arch. Muri in Aarau; Herrgott, Geneal. II., 204; Neugart, Episcop. Const. II., 148; Kopp, Geschichte der eidg. Bünde., 2, 478; Quellen zur Schw. Gesch. III., Kloster Muri, S. 129.

  41. Im Hermetschwiler-Nekrol. stehen mehrere solcher Pilger: am 15. Okt., 16. und 19. Nov. etc., welche wahrscheinlich in Muri oder Hermetschwil starben und Vergabungen machten.

  42. Dieser sei nach P. Rusten Heer (Anonymus denud., p. 55) im Jahr 1193 gestorben.

  43. Leider sind alle diese Kaufbriefe verloren gegangen; auch erscheinen die oben genannten Edelgebornen in keiner Urkunde; ob diese und ihre Mitbürger vom nahen castrum Maienberg waren, ist in den Acta Murensia (Bl. 37 a, 6) nicht gesagt. Nach Alb. Jäger (Rechtsverhältnisse in Tirol I., 633 ff.) ist es denkbar, weil auch die in einem befestigten Orte Wohnenden „cives“ oder „burgenses“ hiessen.

  44. Quellen zur Schweiz. Gesch. III., Kloster Muri, S. 99 („Decernimus igitur ...“).

  45. P. Maur. Feyerabend, Ottobeuern II., 211 ff.

  46. Das im Archiv Aarau befindliche Horn ist nur eine Imitation, und zwar nach Angabe P. Meinrad Bloch's (Arch. Muri in Gries F. II.) aus Ebenholz. P. Fridolin Kopp liess hievon einen Kupferstich in seinen Vindicise Actorum Mur., p. 282 machen. Rings um die grösste Weite ist eine Jagdscene in Basrelief angebracht, der eine Inschrift folgt: „Notum. sit. omnibus. Cornu. istud. aspicientibus. quod. comes, Albertus. Alsatiensis. Lantgravius. de Habispurc. natus. sacris. reliquiis. cornu. istud. ditauit, Hec. acta. sunt. anno. M. C. XC. VIIII.

  47. Regulæ equitum S. Georgii, Venetiis, p. 6.

  48. Herrgott, Geneal. I., 131, 136.

  49. Acta Mur., Bl. 38 a. Das Original ist verloren gegangen. Ob diese Urkunde nebst der von der Martinskapelle in Boswil vom zweiten Anonymus im 13. oder vom Copist im 14. Jahrhundert den Akten beigegeben wurde, kann nicht entschieden werden.

  50. Diarium helvet., p. 23.

  51. Band IV., 59.

  52. Ecclesiastica, p. 325, 326; vergl. auch Lang, Topogr. Beschreibung, S. 1097.

  53. Hermetschwiler Nekrol.

  54. Grosslüzel in Oberelsass, hart an der Schweizer Grenze und nahe bei Kleinlüzel, Kt. Solothurn.

  55. Böhmer, Ergänzungsheft II., 458; Schöpflin, Alsat. II.; Arch. Muri in Gries.

  56. Riefer, Geschichte Bayerns I., 585; Hopf, Histor. geneal. Atlas I., 981; Fickler, Geschichte von Heiligenberg, S. 96, 106.

  57. Ant. Jos. Weidenbach, Calend. historico-christ., p, 226 ; Aug. Potthast, Supplem., p. 354; L'Art de verifier les dates des faits historiques V., 107-109, Paris 1819.

  58. Damberger, Synchron. Gesch. IX., 26-33 und 117-131.

  59. Arch. Muri in Aarau; Neugart, Episc. Const. II., 149; Gerbert, hist. nig. s. III., 110; Kurz und Weissenbach, Beitr. 131; Quellen zur Schw. Gesch. III., Kloster Muri, S. 127, 128; Hidber, Diplomata Helvet., S. 90. Die Handlung scheint am Anfange des Jahres 1188 vorgefallen zu sein; die Urkunde wurde aber erst am 29. September d. J. ausgestellt.

  60. Staatsarch. St. Gallen, Abth. Sehänis; Tschudi, Chronikon I., 91. Kastvogt von Schänis war damals Kaiser Friedrich I., der nach dem Aussterben der Lenzburger (1172) diese Vogtei für sich behielt. Die Urkunde ist wohl vor dem 24. Sept. ausgestellt, weil sie die Indiktion III. hat. – Wer das Collaturrecht in Wohlen damals inne hatte, ist aus dieser Urkunde nicht ersichtlich.

  61. Diese Zeugen, ausser dem Abte Anselm, sind: Konrad von Tegerfeld, Kanoniker in Constanz; Rudolf, Pleban in Frauenmünster in Zürich; Ulrich von Eglisau; Wigram, Pleban in Muri; Nogger, Dekan in Windisch; Heinrich, Pleban von Schänis; Ulrich von Oberndorf (bei Regensberg, Kt. Zürich), Kleriker derselben Kirche; Albert von Boswil (? Pleban daselbst); Burkard von Seingen (Seengen); Chunrad von Sarmenstorf; Chunrad von Niederwil (Wilare); Heinrich, Präbendar (Ehrenkaplan) von Villmergen; Burkard, Ritter von Baden (Ministerial der Grafen von Baden); Walther von Hüneberg; Heinrich von Heideck; Diepold, Kleriker von Rohrdorf; Hartmann, Ritter von Oberdorf und sein Bruder Heinrich; Egelolfus von Butinkofen (Bütikon bei Villmergen); Hartmann von Kienberg (Kt. Solothurn); Walther, Kastvogt der Kirche von Wohlen; Gerung von Birrwil (am Hallwilersee, Kt. Aargau).

  62. Murus et Antem. IV., 31.