Siebentes Kapitel. Rupert, dritter Abt (1097-1109).

Dem gottseligen Luitfrid folgte in der Abtwürde der frühere Prior in Muri, Rupert1, der aus St. Blasien zum zweiten Male nach Muri übersiedelte. Sein liebevolles Benehmen während seiner kurzen Amtsdauer als Prior, wovon wir schon (I-040) meldeten, war den Konventualen Muri's im lebhaften Andenken geblieben. Daher wählten sie ihn, kurz nach Luitfrid's Tode, 1097 zu ihrem Abte. Die neue Ordnung, welche er als Prior eingeführt und die unter Luitfrid's kluger Leitung tiefe Wurzeln geschlagen hatte, pflegte er mit Vorliebe. Selbe brachte die schönsten Früchte hervor. Die Mönche führten ein tadelloses Leben, waren fleissig im Chore und in der Schule, legten Todtenbücher an2, schrieben Annalen3, Urbarien4, Chorbücher und andere nützliche Werke. Ihr Einfluss auf die umliegende Bevölkerung blieb nicht ohne Segen. Die allseitige Thätigkeit der Konventualen weckte das Zutrauen und die Liebe der Gläubigen zum Stifte, welchem sie gerne für den Empfang geistiger Güter irdische darbrachten. Von diesen Wohlthätern, welche unter Abt Rupert oder auch etwas später ihre Gaben nach Muri brachten, heben wir diejenigen zumeist hervor, welche in anderwärtigen Urkunden entweder gar nicht oder nur selten erscheinen. Ueberdies sei bemerkt, dass diese Widmungen grösstentheils von solchen Händen stammen, welche dem niedern Adel (Habsburgs Ministerialen u. s. w.) angehören, wesshalb Dr. Al. Lütolf5 die Behauptung aussprach: wie der höhere Adel sich zumeist nach Einsiedeln wandte, so fand sich der niedere vom Kloster Muri angezogen.

Siegfrid, Ritter von Hünigen6 schenkt und verkauft mehrere Güter an Muri7; Imino von Buochenas, Vater der Hazecha, einer Klosterfrau in Hermetschwil, vergabt um das Jahr 1100 unserm Gotteshause Güter in Waltrat8. Arnold, ein habsburgischer Ministerial, gibt Muri mit seiner Gemahlin Ita und der Tochter Hedwig Güter in Engelberg (I-041) und in der Pfarrei Wolfenschiessen (Eien ?)9. Berinherus, Ritter des Grafen Adalbert II. von Habsburg, wohnhaft in Rotweil bei Freiburg i. Br., verkauft zwei Mannwerke und schenkt zugleich ein gutes Rebland an Muri10. Chouno, Edler von Borron, vergabt Güter in Urdorf für seine Söhne und Töchter11. Luitolfus und Chuono, Edle von Bürron12, gaben ihr Gut am Wilberg13, damit der Jahrtag ihres Vaters Chuono am 26. November in Muri gehalten werde14. Ein Chuno, Ritter, wird Mönch in Muri und schenkt mehrere Güter und Rechte in Sempach und Umgebung unserm Gotteshause. Ein Edler von Rudan15, ebenfalls Chuono genannt, vergabt nebst Gütern jährlich 40 Fische nach Muri, Heinrich, von (der Familie) Habsburg, stiftet für sich einen Jahrtag am 23. Juli und gibt hiefür ein Gut in Rüti16. Den vierten Theil von den Zehnten der Kirche in Rohrdorf und Anderes schenkt Heinrich von Salinporron (Seldenbüren), der Stifter von Engelberg17 und Wohlthäter von St. Blasien18. Wegen des fünften Theiles des Zehnten von der ganzen Pfarrei Rohrdorf waltete 1188 ein Streit zwischen Muri und dem Priester Thipold19. Bucco20, ein habsburgischer Ministerial, gibt Geld und Güter in Butwil und Geltwil ins Kloster, indem er die Bedingung setzt, dass er für sein Lebtag genügendes Auskommen vom Gotteshause erhalte21. Hier begegnen wir dem ersten Beispiele eines Pfründners in Muri, wovon wir künftig oft zu sprechen Gelegenheit haben werden. Ymzo22, ein Edler von Uffhusen23, schenkt einen Mansus (Hube), damit man seinen Todestag am 19. Februar feierlich begehe. Adelbold von Nüheim24 schenkt den sechsten Theil der Kirche in Niederwil; (I-042) Nocker von Aristau den dritten Theil in Werd; Beringer von Altbüren 12 Tagmen (diurnales) in Buochs25. Wico, der Mönch, gibt Güter daselbst zwischen den Wäldern (inter silvas);26 zu den nach Muri gehörenden vier Theilen der Pfarrkirche in Stans hat Luitolf den dritten Theil gegeben, und Nanger von Ötelfingen27 widmet Güter für ein Licht in die Schlafzellen der Laienbrüder („fratres exteriores“). Aus dem Elsass kommen Männer28 und Frauen29, legen in Muri und Hermetschwil die hl. Profession ab und widmen ihre Güter dem hl. Martin. Von Berklint, einer Frau von grossem Ansehen30, erzählt der Anonymus: das Dorf Böllikon (Bellingen) unterhalb Basel am rechten Rheinufer, welches von den Stiftern nach Muri vergabt worden, habe ursprünglich dieser Matrone gehört und „Stallhof“ (stabuli curtis) geheissen. Weil nicht bloss der Haupthof, sondern auch die niedere Gerichtsbarkeit („bannus“) in den Händen dieser mächtigen, Frau lag, so wagte keines der vielen umliegenden Dörfer einen Zuchtstier oder Widder, dort „Ram“ genannt, zu halten. Betrat eines dieser Thiere Gärten oder Saaten, so getraute sich Niemand, es zu jagen oder in Verwahr zu bringen. Die Dorfbewohner waren durch Berklint wie in einem Gott geweihten Orte geschirmt. Hatte in jenen Zeiten die Gewalt dies vermocht, so möge dasselbe jetzt im Hinblick auf die Güte und Heiligkeit des hl. Martin geschehen! Eine Judenta von Herznach verehrt Muri mehrere Reliquien; Vaspurg gibt mit ihrem Sohne Arnold, Mönch und Priester in Muri, und ihrer Tochter Irmengart31, einige Tagmen in Kalpach32. Berchta von Boswil stiftet mit zwei Mannmahd für sich einen Jahrtag in Muri33.

Den grössten und wichtigsten Zuwachs an irdischen Gütern erlangte das Gotteshaus unter Abt Rupert durch den Ankauf der zwei Höfe in Wohlen, wovon einer ein Dinghof34 war.

Der Anonymus wird in der Darstellung der Geschichte dieses Besitzes ungewöhnlich weitläufig und verliert sich scheinbar in das Sagenhafte. Vergleicht man aber das Erzählte mit ähnlichen Ereignissen damaliger Zeit und berücksichtigt die Zeit und Ortsverhältnisse, in denen sich selbe abwickelten (im 11. Jahrhunderte an der Grenze zwischen Kleinburgund und Alamanien)35, so müssen wir gestehen, dass der Anonymus auch hier auf historischem Boden stehe, zumal wenn wir erkennen, das Gemeldete sei mit begründeten Thatsachen damaliger, Zeit im Einklange.

„In Wohlen“, schreibt er, „hauste ein Mann, mit Macht ausgerüstet, der Guntram hiess36. Er war im Besitze vieler Güter und es gelüstete ihn, selbe nahe und ferne zu vermehren. Freie Männer dieses Dorfes hielten ihn für gerecht und mild, stellten ihren Besitz unter seinen Schutz und zahlten ihm das ausbedungene Schirmgeld. Guntram trachtete sofort, zuerst auf gütliche und dann auf gewaltsame Weise nach deren gänzlicher Unterwerfung37, behandelte sie als seine Grundholden und befahl ihnen, seine Äcker zu bestellen, die Wiesen ihm zu mähen und die Ernte in seine Scheune zu bringen. Die freien Bauern sträubten sich dagegen; er aber warf ihnen vor, er beziehe von ihren Gütern und Hütten gar nichts, während sie seine Äcker und Gärten beschädigen und Holz in seinen Wäldern hauen. Daher solle Keiner von ihnen künftig mit einer Hacke die Wälder betreten, er zahle denn, falls er diesseits des Flüsschens (Bünz) wohne, jährlich zwei Hühner; oder ein Huhn, wenn er jenseits bleibe. Unvermögend zum Widerstande kamen sie nur gezwungen seinen Anordnungen nach. Um jene Zeit weilte der König in Solothurn38. Die Bauern von Wohlen gingen dahin und erhoben Klage gegen Guntram's Gewaltthätigkeit. Doch wegen der Menge der anwesenden Fürsten und wegen ihres eigenen thörichten Benehmens konnte die Beschwerde nicht zu den Ohren des Königs gelangen, und so wurde ihre Lage von jetzt an noch schlimmer als früher. Den reichen Guntram erbte seine Tochter Euphemia, welche das so ungerecht Erworbene wieder ihrem Sohne Rudolf hinterliess. Von diesem kauften sodann die Mönche von Muri im J. 1106 alles, (I-046) was er in Wohlen rechtlich oder mit Unrecht besass, um 200 Pfd. Silber, zerbrachen zur Aufbringung des nöthigen Geldes einen kostbaren mit Edelsteinen besetzten Kelch und zwei silberne Kreuze, Geschenke der Gräfin Richenza von Lenzburg, Schwester des Grafen Werner II. von Habsburg, veräusserten auch mehrere einträgliche Grundstücke und beraubten so das Kloster beinahe allen Schmuckes.“ Der Anonymus beklagt dann mit scharfen Worten das in Wohlen verübte Unrecht.

Für unsern Abt Rupert mag gerade dieser Güterkauf in Wohlen verhängnissvoll geworden sein. Bischof Gebhard III. von Constanz39 weihte am 28. Dezbr. 1108 einen Altar in der Krypta zu Beromünster40. Dort verklagte eine verläumderische Zunge bei ihm den Abt Rupert von Muri wegen Fahrlässigkeit in seinem Amte41. Dieser, tief gekränkt wegen des zugefügten Unrechtes, legte bald seine Würde nieder und zog sich zum zweiten Male in die geliebte Zelle von St. Blasien zurück (1109), wo er nicht lange darauf, am 26. Jänner 1110, sein verdienstvolles Leben beschloss42. Die Muri-Hauschronisten schildern Abt Rupert als einen Mann von engelreiner Unschuld und jungfräulicher Sittenreinheit43, in welches Lob auch Bucelin einstimmt44.


  1. Über sein Verhältniss zu Graf Werner II. vgl. Vorwort, E.

  2. Das noch vorhandene Herm. Psalterium stammt aus dieser Zeit; ins Kalendarium sind mehrere Verstorbene eingezeichnet.

  3. Die Acta .Murensia mögen unter Abt Rupert angefangen worden sein!

  4. Diese, wie auch die Pacta (Saalbücher) u. s. w. werden in den Acta erwähnt (Blatt 14 a).

  5. Gestorben als Professor der Kirchengeschichte in Luzern am 8. Apr. 1879 (Geschichtsfrd. XXXIV., S. VIII.-XVIII).

  6. Wohl das Hünigen unterhalb Basel am rechten Rheinufer (Histor. geogr. Atlas der Schweiz, Karte III.).

  7. Acta Mur. Bl. 29 b.

  8. Waltrat ein abgegangener Hofname in Risch oder Cham, Kt. Zug. P. Aug. Stöcklin gibt in seinen Miscell. von Siegfrid u. Imino Wappen, die kaum auf Aechtheit Anspruch machen können (p. 190). Eine Hazecha erscheint im Herm. Nekrol. am 14. April. Über Schloss Buonas am Zugersee s. Geschtsfrd. XXXIII., 138 ff. Muri hatte später öfters Gelegenheit, mit den Herren von Buonas wegen Gütern u. Rechten zu verhandeln (daselbst).

  9. Acta Mur., Bl. 30 b, 31 a.

  10. Acta Mur., Bl. 35 b.

  11. Acta Mur., Bl. 28 b. Urdorf, Pfarrdorf im Kt. Zürich; Borron vielleicht Baar, Kt. Zug.

  12. Büren, Pfarrdorf im Kt. Luzern.

  13. Wilberg, Höfe und Waldungen bei Willisau, Kt. Luzern.

  14. Ein Cuono ist am gleichen Tage im Herm. Nekrol. als „Monachus“ eingetragen, desgleichen in einem Kalendarium vom 12. Jahrh. (Bibl. Gries).

  15. Rued, Schloss im Bez. Kulm, Kt. Aargau.

  16. Acta Mur., Bl. 33 a,

  17. Versuch einer urk. Darstellung d. Gesch. von Engelb., S. 2.

  18. Gerbert, hist. nigræ silvæ I., p. 177 ff.

  19. Arch. Muri in Aarau; Quellen zur Schw. Gesch. III., Kloster Muri, S. 127, 128.

  20. Ein Bucco erscheint im Herm. Nekr. am 25. Apr.

  21. Acta Mur., Bl. 25 a.

  22. Vgl. Herm. Nekrol. am 18. Jän. u. 20. Febr.

  23. Pfarrei im Kt. Luzern.

  24. Pfarrei im Kt. Zug.

  25. Pfarrei im Kt. Nidwalden.

  26. So übersetzte Frz. J. Rohrer, Professor der Kirchengesch. in Luzern, die Worte „inter siluas“.

  27. Pfarrdorf im Kt. Zürich.

  28. Walk, Einhart, Nopili und Dietrich (Acta Mur., Bl. 36 a), die zugleich im Herm. Nekrol. erscheinen.

  29. Tietilla, Truta, Sulphicia, Hedwig, Mechthild, Berkta, Wendelmut, – sind gleichfalls im Herm. Nekrol. genannt.

  30. Acta Mur., Bl. 35 a.

  31. Alle drei Namen stehen im Herm. Nekrol. am 23. Okt. und 28. Dezbr.

  32. Dorf im Kt. Luzern.

  33. Acta Mur., Bl. 32 a.

  34. Unter einem Dinghof versteht man einen Hof, auf welchem die Gerichte zweiter Instanz abgehalten und den nach diesem Hofe zinspflichtigen Leuten Gebote und Verbote verkündet wurden.

  35. Vergl. oben S. 4-5.

  36. Acta Muriensia, Bl. 25 a-26 a.

  37. Man denke an das, was Lanzelin in Muri gethan (Acta, Bl. 1 b, 2 a).

  38. Weil dem in den Akten angegebenen Jahre 1106 drei Generationen vorausgegangen waren, so mögen die Wohler-Bauern in den Jahren 1034-1048 nach Solothurn gekommen sein, also entweder unter Konrad II. oder Heinrich III. Innerhalb dieser Zeit waren besagte Häupter Deutschlands öfters in Solothurn (s. oben, S. 6).

  39. Regirte 1084-12. Nov. 1110 (Egb. F. von Mülinen, Helvetia sacra I., 9).

  40. Arch. Muri in Gries A. I. I.

  41. „pro quadam ignavi re“ (Acta Mur., Bl. 11 a).

  42. Auch die Bemerkung der spätem St. Blasien-Chronisten, Muri sei gegen Abt Rupert undankbar gewesen, lässt durchblicken, der Güterkauf in Wohlen habe den Anlass zur Verläumdung geboten.

  43. P. Anselm Weissenb., Ecclesiast., p. 134; Murus et Antemur. IV., 18-20.

  44. Chronol, Constant., p. 231 u. Germania sacra II., 239.