Sechstes Kapitel. Luitfrid, zweiter Abt (1085-1096).

Die Mönche Muri's vereinigten mit der Bitte, Graf Werner II. möchte die Kastvogtei wieder in seine Hände nehmen, noch eine zweite, dass sie vermöge ihrer Freiheiten einen Abt wählen (I-036) könnten. Der Anonymus gibt nicht zu erkennen, ob die Zeitverhältnisse die Wahl verhinderten oder Graf Werner II. oder der Abt von St. Blasien. Weil aber Luitfrid schon vor der Beilegung der Vogteiangelegenheit aus St. Blasien als Abt nach Muri kam, und Rupert, nachdem er fast 3 Jahre Prior daselbst gewesen, wieder in sein Mutterkloster zurückkehrte, so müssen wir annehmen, dass keines dieser drei Hemmnisse von Bedeutung war.

Luitfrid, allgemein als zweiter Abt von Muri anerkannt, wird als ein Mann voll religiöser Gesinnung und der reinsten Sitten geschildert1, der mit den Satzungen Cluny's vollständig einverstanden war und an der Hand derselben den neuen Konvent in der klösterlichen Zucht2, wie in den Wissenschaften zu einer hohen Blüthe brachte. Er trat mit Hirschau und andern Klöstern in eine besondere Verbrüderung. Leider währte seine Regierung nur vom Jänner 1085 bis 31. Dezember 1096.

Kaum hatte Graf Werner II. in Anwesenheit des würdevollen Abtes zu Othmarsingen die Angelegenheiten der Kastvogtei geordnet, so war er bestrebt, um das Hauskloster allseitig sicher zu stellen, die Bestätigung und den Schutz des apostolischen Stuhles zu erlangen, damit, wenn seine Nachkommen die Stiftung entweder nicht schützen könnten oder nicht schirmen wollten, dieselbe beim Stuhle Petri Sicherheit fände. Zu diesem Zwecke schickte er einen Edelmann, Eghard von Küsnach3, der auf einem Schlosse am Zürichsee hauste, als Mittelperson mit den nöthigen Dokumenten nach der Hauptstadt der Christenheit. Als dieser im Frühjahr in Rom ankam4, traf er den Papst nicht mehr daselbst. Er theilte daher sein Anliegen den noch anwesenden Kardinälen mit, welche seiner Bitte mit Freuden entsprachen und einen Schutzbrief ausfertigten. Unser Chronist führt die Urkunde, nur mit wenigen Auslassungen, wörtlich an. Im Eingange sagen die Kardinäle, dass sie als gesetzliche Vertreter des abwesenden Papstes die Sache in die Hand genommen hätten. Sodann bemerken sie, dass Graf Werner, den sie ausdrücklich „comes de Habspurg“ (Graf von Habsburg) nennen, mit seiner Gemahlin Reginlint und seinen Kindern zum Heile ihrer Seele durch die Hände (I-037) Eghard's das Kloster Muri nebst seinen Besitzungen unter den Schirm und die Hoheit des Papstes gestellt habe, damit es ebenso frei sei, wie andere Klöster, unter der Bedingung jedoch, dass es künftighin alljährlich ein Goldstück5 an den Stuhl Petri erlege. Sogar die Zeugen jener Willenserklärung Werner's sind von den Kardinälen namhaft gemacht. Es sind seine Neffen, nämlich Ulrich, Arnolf und Rudolf von Lenzburg.6 Daraus ergibt sich zugleich, weil diese die Hauptvertreter der Kunkelseite (weiblichen Abstammung) sind, dass Graf Werner auf dem Tage zu Otwingen das ganze vom Strassburger Bischof gegebene Hausgesetz, mithin auch die Succession der weiblichen Linie nach dem Erlöschen des Mannsstammes anerkannt habe, da sonst die Lenzburger gewiss nicht als Zeugen beigetreten wären7. Die Urkunde der Kardinäle schliesst mit der wirklichen Aufnahme des Klosters Muri in den Schutz der römischen Kirche unter den gewöhnlichen Formeln.

Graf Werner und Abt Luitfrid regierten in Eintracht die Brüderschaft, indem der eine für die äussere Sicherheit, der andere für deren innere Wohlfahrt besorgt war. Im Kloster herrschte der ungetrübteste Friede, was nicht wenig zum glücklichen Gedeihen der Genossenschaft beitrug8. Der Anonymus theilt uns zwar keine wichtige Handlung mehr vom Grafen Werner II. mit; aber die Aeusserungen des Schmerzens, womit er dessen Tod meldet, lassen schliessen, wie innig das Verhältniss zwischen ihm und dem Hausstifte gewesen sei. „Ach, nur allzufrühe“, schreibt er, „wurde Graf Werner vom Tode hingerafft. Er beschloss sein Leben am 11. November 1096, und für ihn wurde sein Sohn Otto (II.) als Vogt bestellt“9. Auch der Reichschronist Bernold erwähnt den Todestag des Grafen Werner II. im gleichen Jahre; er fügt aber, ob zufällig oder absichtlich, den Stammnamen „Habsburg“ nicht bei10. (I-038) Zugleich stellt er ihn zwischen zwei ausgezeichnete Äbte damaliger Zeit, Sigfrid von Schaffhausen und Luitfrid von Muri, hinein, woraus erhellt, dass Bernold den Habsburger zu den ausgezeichneten Männern des Reiches zählte, dessen Tod der Nachwelt überliefert zu werden verdiente. Seine Gemahlin Reginlint starb am 30. Juni11, jedoch das Jahr ihres Hinganges kennen wir nicht. So viel bekannt, war diese Ehe mit zwei Söhnen gesegnet, Otto II. und Adalbert II.

Abt Luitfrid überlebte den Grafen Werner nicht lange, schon am 31. Dezember desselben Jahres 1096 verschied er selig im Herrn. Auch ihn hatte der Chronist Bernold, wie oben angedeutet ist, der Erwähnung werth gehalten. Er ist in mehreren Nekrologien12 genannt. Rambeck13, Bucelin14 wie auch Muri's Hauschronisten des 17. und 18. Jahrhunderts, rühmen von den Tugenden Luitfrid's vorzüglich seine Geduld, wodurch er die Herzen Aller gewann15, ferner die Liebe für klösterliche Zucht und Ordnung, worin er seinen Brüdern in St. Blasien und Muri während 30 Jahren vorleuchtete, den Geist der Abtödtung und die innige Vereinigung mit Gott. Der Gepriesene erreichte ein hohes Alter16. Nach St. Blasianischen Berichten hatte er öfters himmlische Erscheinungen. Einmal lag er krank auf dem Schmerzenslager. Da bat er Gott um eine kleine Linderung; nicht lange währte es und er sah eine Schaar Religiosen, Psalmen singend, durchs Krankenzimmer (I-039) ziehen Luitfrid war darüber erstaunt, aber eine himmlische Stimme sagte ihm, dass einer seiner Mitbrüder, der ausserhalb des Klosters wohnte, soeben das Zeitliche gesegnet habe17. Als er selbst seinem Lebensende nahe war, versüssten Engelsstimmen ihm die Todesstunde18.

Der hl. Wilhelm, Abt von Hirschau, der Hauptförderer der Cluny-Satzungen in Deutschland, hatte schon im Juli 1091 die Krone der Gerechtigkeit erlangt; Abt Sigfrid von Allerheiligen in Schaffhausen, der diesen bei der Einführung der neuen Ordnung in Muri unterstützte, schied im gleichen Jahre mit Abt Luitfrid aus dem irdischen Leben. Daher waren Beide in jenem Chroniken des 12. Jahrhunderts, welches ehemals in der Muri-Bibliothek als „Chronicon Murense“ aufbewahrt wurde, wie zwei im Tode noch unzertrennliche Brüder bei dem J. 1096 in folgender Weise eingezeichnet: „Sigefridus abbas scafusiensis et Luitfridus abbas Murensis obierunt“ (Hingang des Abtes Sigefrid von Schaffhausen und des Abtes Luitfrid von Muri)19. Wegen des Lobes, das dem Abte sowohl gleichzeitige als auch spätere Schriftsteller spenden, nahm der Konvent von Muri seit dem 17. Jahrhunderte keinen Anstand, ihn wie den Propst Reginbold als einen „im Rufe der Heiligkeit“ Dahingeschiedenen zu betrachten und seinen Namen neu eingetretenen Mitgliedern beizulegen20.


  1. Acta Mur., Bl. 9 b., „vir valde religiosus“.

  2. Gerbert, historia nigræ silvæ III, 248.

  3. In einer Urkunde des Klosters Allerheiligen in Schaffhausen erscheint am 2. Juni 1087 ein Eggehardus von Cussinach (Quellen zur Schweiz. Gesch. III. 16). Er ist wohl derselbe.

  4. Es möchte 1095 gewesen sein, da Urban II. auf dem Stuhl Petri sass und sich in Clermont befand.

  5. Aureus denarius, in andern Urkunden nummus aureus (Schilling), jetzt ungefähr 25 Frk. (K. J. Glatz, Gesch. des Klosters Alpirsbach, S. 22). Wie Muri wurde auch Allerheiligen 1090 ein „Zinskloster des römischen Stuhles“, Abbatia libera, das anfänglich jährlich eine Stola und ein Cingulum, später eine Unze Gold nach Rom zahlen musste. (Quellen zur Schw. G. III., 26, 29).

  6. Acta Mur., Bl. 10 b.; Quellen zur Schw. G. III, Kloster Muri, S. 12; Geschichtsforscher XI., Lenzburgerstammbaum.

  7. Vergl. Vorwort, E.

  8. „et (locus iste) a dive memorie Luitfrido abbate ad regularem uitam perfecte et decenter ordinatus est“ (Acta Mur., Bl. 10 b, 11 a).

  9. Acta Mur., Bl. 11 a.

  10. Pertz, Monum. SS. v., 385 ff. Das Hermetschwiler Nekrol. stimmt genau mit dem Anonymus: „III. Jdus Nov. Werinherus comes“, überein. Sein Name ist durch rothe Punkte zwischen den einzelnen Buchstaben hervorgehoben.

  11. Herm. Necrol.: „Reginlint cometissa“.

  12. Herm. Necrol.: „Luitfridus abbas noster IIus.“; das Nekrol. von St. Blasien hat ihn am gleichen Tage (Böhmer, Fontes IV., 149); ein Kalender aus dem XII. Jahrh. hat: „Luitfridi abbatis“, Das Nekrol. von Ottobeuern nennt ihn am 1. Febr. (Zeitschr. des histor. Vereins von Schwaben und Neub. III., 371).

  13. P. Äg. Rambeck vom Kloster Scheyern, Kalendarium Benedict. IV., 785, 19.

  14. Menologium Benedict. (ed. Feldkirch, 1655) für den 30. Apr. nach Bernold von Constanz (Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen, 299), welcher also schreibt: „Luitfridus sanctæ recordationis abbas de Monasterio s. Martini (Muri), iam pene triginta annis mundo crucifixus et soli Deo vivus in senectute bona, videlicet plenus dierum, diem clausit extremum secundo Kalend. Maii“ (Pertz, Monum. h. Germ. V., 464; Chronicon Urstisii, Germ. h., ed. 1585, p. 376).

  15. „inde fuit, ut omnium in se animos Luitfridus raperet“ (Rambeck).

  16. Arnold Wion, Martyrologium monasticum; Philipp Ferrarius, Katal. Sanctorum, Germanica sacra, p. 239; St. Blasianer-Handschriften (Wülperz etc.) in St. Pauls; Einsiedler-Handschriften (P. Luitfrid Egloff); P. Anselm Weissenb., Handschr, in Gries, Eccles., p. 132; Murus et Antem. IV., 14-17.

  17. Murus et Antem. IV., 17, nach Abt Dominik Tschudi.

  18. Daselbst.

  19. Büdinger veröffentlicht in der „Silvestergabe“ vom J. 1859 ein „Necrologii Sanblasiani fragmentum“ nach einer um das J. 1078 angelegten und bis 1167 fortgesetzten Handschrift, die sich gegenwärtig in der Hofbibliothek in Wien befindet. Darin erscheint Seite 4 folgende Stelle: „Luitfridus abbas, II. Kal. Jan.“ (31. Dezembr.). Auch der Anzeiger des germanischen Museums in Nürnberg nahm dieses Fragment auf.

  20. Der Erste, welcher in der hl. Profession den Namen Luitfrid in Muri erhielt, war, so weit es sich aus den vorhandenen Aufzeichnungen nachweisen lässt, ein Zey von Art 1644, ein anderer – Egloff von Baden 1674-1722. Dieser hinterliess über seinen Namenspatron handschriftlich eine schöne Legende (Bibl. Einsiedeln).