Drittes Kapitel. Gründung des Klosters Muri.

Muri ist heute, wie auch in der Gründungszeit des Klosters, eine ziemlich umfangreiche Pfarrei1. Die Mönche, welche das „Stifterbüchlein“ (Acta Murensia) verfassten, schrieben „Mura“2 und leiteten den Ortsnamen vom alamannischen Worte „Murilon“ her. Mehrere Funde haben es schon längst ausser Zweifel gesetzt, dass Muri eine römische Bevölkerung hatte3. Die Pfarrei umfasste anfänglich das Dorf Muri mit den Höfen in Nidigen (-Wei), wo die Pfarrkirche stand, in Egga, Hasle, Wile, ferner Walaswil, Geltwile und Butwile. Die übrigen Theile der heutigen Pfarrei: Aristau, Birri, Althäusern und Isenbergschwil, waren grösstentheils noch Waldesgrund4. Sie wurden aber bald nach der Klostergründung vielfach gelichtet5. Von deren Ausrodung in Althäusern, Birri und Aristau wird in den Akten insbesonders gesprochen. Althäusern und Birri wurden (I-015) unter dem Propst (Ökonom) Gottfried von Muri durch Leute, die „Winda“ hiessen, cultivirt; während den Sumpf in Aristau vorzüglich die Grafen von Habsburg durch ihre Jäger austrocknen und hernach bevölkern liessen6.

In den Zeiten des Grafen Kanzelin, Guntram's Sohn, gehörte die Pfarrkirche in Muri zu einem Hofe, den reiche und freie Leute inne hatten. Diese gingen zu dem benannten Grafen und baten ihn um seine Schutzherrlichkeit. Dasselbe thaten auch andere freie Bauern der Gemeinde und zahlten ihm das gesetzliche Schirmgeld. Der Graf entsprach ihrer Bitte; handhabte aber die Schutzvogtei derartig, dass Hab und Gut besagter Leute am Ende mit Recht oder Unrecht sein Eigenthum wurde; dann jagte er die bisherigen Eigenthümer und ihre Erben fort und siedelte auf ihren ehemaligen Gütern seine Knechte und Mägde an7. Als er gestorben war, erhoben sich die Eigenthümer der Höfe in der Hoffnung, ihr Erbe wieder zu erlangen und rückten in starker Anzahl bis zum Grenzwasser8. Weiter kamen sie nicht, denn dort hatte Lanzelin' s Sohn, Radeboto, seine Knechte aufgestellt, welche die Anrückenden mit blutigen Köpfen zurücktrieben und ihnen für immer die Lust benahmen, ihr Erbe zurückzufordern. Die zwei Klosterfrauen, welche das rechtliche Begehren der freien Leute unterstützten9, möchten vom Frauenmünster in Zürich gewesen sein; denn im 9. und 10. Jahrhunderte bezog dieses Kloster Zinsen von Muri10. Unser Mitbruder schreibt dann, ohne etwa der Ungerechtigkeit das Wort zu sprechen: dass Gott die dem Menschen verliehene Freiheit achtend, zwar die Bosheit der Sünde zulässt, aber in seiner unendlichen Güte doch Alles zu seiner Ehre lenkt; ferner tadelt er das Verfahren Kanzelin's und Radeboto's und glaubt, die in Folge dieses Vergehens erfolgte Sühne, – die Stiftung des Klosters in Muri – habe grössere und segensreichere Wirkungen hervorgebracht, (I-016) als die begangene Ungerechtigkeit Nachtheile nach sich zu ziehen vermochte. Endlich schliesst er diese Reflexion mit einem Mahnworte an die nachkommenden Brüder: „Wer immer diesem Kloster sich anschliesst, erflehe zunächst von Gott das Erspriessliche für sich; dann erbitte er den Erben Gnade, den Vertreibern Nachlassung, den Stiftern und Erbauern aber himmlischen Lohn, und so möge er ohne Furcht und Zagen, jedoch durch ein frommes Leben und getreue Befolgung des göttlichen Willens getrost den Tag des Herrn erwarten.“

Graf Radeboto betrachtete nach Abweisung der Erbansprecher deren Besitz als seinen Antheil, zog ihn zu seinem Eigen, verwaltete ihn sorgfältig, baute auf demselben für sich ein Haus und versah es mit allem Nöthigen, um mit seiner Familie daselbst zu wohnen. Die herrliche Aussicht – hinein in den Schneekranz der Alpen und hinab bis zum Schwarzwalde, mag ihn angezogen haben. Sein Bruder Rudolf, welcher Ottmarsheim im Elsass baute, wollte diese Höfe in Muri, wie den übrigen Besitz, der Theilung unterwerfen. Dem widersetzte sich Radeboto; allein Rudolf überfiel gewaltsam den Ort und plünderte und verbrannte ihn, ohne jedoch den Bruder zu einer Abtretung bestimmen zu können.

Dem Bischofe Werner fiel indessen ein Hof als väterliches Erbe in Muri zu, der, wie es scheint, an denjenigen stiess, welchen die Gräfin Ita als Mitgift erhielt und auf dessen Gütern die Pfarrkirche stand11.

Ita's Willensäusserung, ihre Mitgift, welche sie als unrechtmässig erworbenes Gut anerkannte, für die Stiftung eines Klosters Gott zum Opfer zu bringen, war dem Bischof Werner um so lieber, als er selbst bereits einen ähnlichen Entschluss, veranlasst durch die sittlichen Zustände der Bevölkerung, in seinem Innern gefasst hatte. „Im Herrn sich erfreuend, bestärkte er (der Bischof) die Gräfin in ihrem Vorhaben und versprach ihr jeden ihm möglichen Beistand. Auch rieth er ihr, sobald sie die Einwilligung ihres Mannes erlangt hätte, den Ort und die etwa noch beizufügenden Güter einem freien und mächtigen Manne zu übergeben, der Alles zur Sicherung der Freiheit am Altare des hl. Petrus zu Rom gegen rechtmässigen Zins niederlegen sollte. Ihre Wahl fiel auf den Grafen Kuno von Rheinfelden, (I-017) den Bruder (Ita's) von der Mutter her12. Graf Radeboto verweigerte längere Zeit seine Zustimmung. Endlich kam doch eine Urkunde („carta firmitatis“) zu Stande, in der die Zahl und Grösse der Höfe, die Amtsleute und die dem neuen Kloster hörigen und zinspflichtigen Familien und andere Vergabungen verzeichnet waren. Sie wurde gemäss obiger Verabredung dem Grafen Kuno eingehändigt.

Diess Alles hatte sich noch vor Bischof Werner's Abreise nach Constantinopel ereignet. Auch war von ihm, obwohl er persönlich nie in Muri gewesen, der Klosterbau schon angeordnet und die Stiftung dem hl. Bischof Martin von Tours gewidmet worden. Wenn auch die wichtigsten Gebäude 1027 hergestellt waren, so fehlten noch die Nebengebäude, eine eigene Kirche, die Vollendung des bereits Begonnenen und – die Mönche. Das Ganze war somit erst im Werden begriffen.

Mitten in diesen Arbeiten musste der Bischof, der die Seele des Unternehmens war, die für ihn so traurig endende Reise in die Hauptstadt des griechischen Kaiserreiches antreten, wo er 1028 starb.

Ein Glück für Muri war es, dass der Bischof vor seinem Scheiden aus Strassburg ein besonderes Testament wegen Muri hinterliess. Dieses allein wurde zur Erlangung eines kaiserlichen Schirmbriefes von Heinrich IV. (V.) 1114 in Basel anerkannt und diente, in Form einer Urkunde gebracht, mit Hinweglassung der einleitenden Formeln, und so wahrscheinlich vom Kastvogte Muris besiegelt, künftig als Grundlage für fernere päpstliche und königliche Schirmbriefe13. In welcher Art dieser Entwurf einer Stiftungsurkunde Bischof Werner's vorhanden war, und in welcher Form bei der Kirchweihe 1064 in Muri vom Grafen Werner II. die Stiftungsgüter dem hl. Martin gewidmet worden sind, sagen die Verfasser der Akten nicht klar. Die Uebergahe der Güter selbst mag durch symbolische Handlung geschehen sein, indem man einen Rasen etc. aus jenen Grundstücken, welche man dem hl. Martin schenken wollte, herausnahm und auf den Altar legte und das Geopferte nach den vorhandenen Symbolen dem anwesenden Volke verkünden liess,14 oder auch durch eine förmliche Urkunde, (I-018) die aber bald verloren gegangen sein mag. Die Verkündigung der geopferten Güter in Muri vollzog der Kaplan des Grafen Werner II., Eppo. Ebenso wird die später in Otwisingen15 wegen der Advokatie zwischen den Habsburgern und ihren Verwandten auf der Lenzburg festgesetzte Norm16 schwerlich eine besondere rechtsgiltige Verbriefung erhalten haben.

Bischof Werner's Testament („praesenti testamento“), in heutiger Form vor 1114 abgefasst und zurückdatirt auf das Jahr 1027, ist somit für unsere Geschichte das älteste und wichtigste Dokument und verdient, dass wir seinen Inhalt nach den Hauptpunkten angeben.

Bischof Werner nennt sich darin ausdrücklich „Erbauer des Schlosses Habsburg“; dann sagt er: auf seinem väterlichen Eigen, in der Grafschaft Rore, in Muri habe er zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit, der hl. Gottesmutter Maria und aller Heiligen ein Kloster erbaut und für immer dem Schutze des hl. Bischofs Martin gewidmet.17 „Diesem vermache ich“, fährt er weiter, „durch die Hand meines leiblichen Bruders Lanzelin,18 der, mit der Ritterwürde geziert, mein Eigenthum bisher geschirmt hat, all' mein väterliches Erbtheil ...; ich verfüge dann, dass die Mönche daselbst nach der Regel des hl. Benedikt leben und entweder aus ihrer Mitte oder aus einer andern Brüderschaft sich frei einen Abt wählen; ferner soll der Abt stets im Einverständnisse mit seinen Mitbrüdern einen Sprössling meines Hauses, welcher auf dem Schlosse Habsburg wohnt, und zwar den Aeltesten, zum Kastvogt bestellen.19 Würde dieser jedoch an der Mönchsgemeinde sich Bedrückungen erlauben und nach wiederholter Ermahnung unverbesserlich bleiben, so soll der Abt einen andern aus demselben Hause, der auf besagter Habsburg wohnt, ohne Widerspruch zum Vogte einsetzen. Stirbt der Mannsstamm der habsburgischen Linie aus, so geht die Vogtei an die Erbtochter über, die auf dem Schlosse Habsburg sitzt. Die Kastvogtei vergibt nur der Abt; wer sie von einem Andern empfängt, ist ein Eindringling. Die Advokatie ist kein Lehen, sondern eine freiwillig übernommene Pflicht, das Kloster zu schirmen. Daher wage es kein Kastvogt, dem Kloster etwas zu entfremden. (I-019) Uebrigens dürfen Habsburgs Dienstleute beiderlei Geschlechtes von ihrem Eigenthume frei und unwiederruflich Vergabungen an das Kloster machen; die Leibeigenen (familia minor)20 aber, die sowohl der Herren auf der Habsburg als auch die des Klosters sollen nach gleichem Rechte und Gesetze das Ihrige besitzen und ihre Zins- und Dienstpflicht erfüllen.“ Zum Schlusse folgen die gewöhnlichen Androhungen des Bannes gegen solche, die den letzten Willen des Bischofs anzutasten wagen. „Also geschrieben im Jahre des Heiles tausend zwanzig und sieben, in der Römerzahl zehn, unter der Herrschaft des glorreichen Kaisers Konrad.“21

Abgesehen von den segensreichen Folgen der Stiftung Werner's offenbart diese Urkunde den religiösen Geist und den Scharfblick des Verfassers. Um ein Werk für Jahrhunderte zu gründen, will der Bischof, dass die Mönche nach der Regel des hl. Benedikt leben, die in den einzelnen Klöstern eine monarchische Verfassung vorschreibt und durch die Verpflichtung, dass der Abt in wichtigen Fällen seine Brüder befrage, gemässigt ist;22 dann trifft er die nicht gewöhnliche Verfügung, dass die Vogtei über Muri stets dem Aeltesten des Hauses zustehe und nur, wenn dieser sich untauglich erwiesen, an den Nächsten -- im Falle aber der Mannsstamm erlösche, an die habsburgischen Erbtöchter übergehe.23 Diese Verordnung ist geradezu aus dem deutschen Charakter genommen, welcher der Erstgeburt besondere Vorrechte zuerkennt, und hat nicht bloss dem Kloster Muri grossen Nutzen gewährt, sondern auch der habsburgischen Familie selbst, welche dieses Statut zugleich für sich acceptirte und dadurch jene deutsche Ehrenhaftigkeit stets bewahrte, die wie ein unverletztes Juwel an allen Gliedern dieses Hauses glänzt. Die Grundlagen für das Kloster Muri, irdische Güter, die nothwendigen Gebäude, gesetzliche Bestimmungen und schriftliche Aufzeichnungen waren vorhanden; allein der Mann, der dies Alles in's Leben gerufen, Bischof Werner, war vor dem Abschlusse der Stiftung in (I-020) das Grab gesunken. Doch Ita, welche den ersten Anstoss zur Gründung dieses Gotteshauses gegeben, und ihr Gemahl, Graf Radeboto, lebten noch, und sie waren es, welche dem Ganzen Leben gaben, – die Mönche beriefen.


  1. Sie zählte im J. 1880 bei 3800 Seelen.

  2. Die Schreibweise „Mura“ statt „Mure“ wird der Copist der Acta im 14. Jahrhunderte sich erlaubt haben, die übrigens meistens nur in diesem Jahrhunderte vorkommt. Ein Zinsrodel der Abtei Fraumünster in Zürich von ca. 853 hat „Murahe“ (Schwarzwasser), entsprechend dem schwarzen Wasser der Bünz. Eine etwa hundert Jahre jüngere Hand schrieb in denselben Rodel „Mure“ (Geschtsfrd. XXVI., 287 ff.). Diese letztere Schreibweise blieb bis 1600, und musste dann dem beliebteren „Mury“ jetzt „Muri“ (ad Muros) weichen. Etwa hundert Schritte vom Kloster Muri entfernt, ist heute noch „Mürlen“, wie auch das „Mürlenfeld“ beim Walde „Maiholz“, wo römische Mauerüberreste und Münzen gefunden wurden.

  3. Sammlung der Bezirksschule in Muri; Mittheilung von P. Aug. Stöcklin, Miscel. vom J. 1630, S. 157.

  4. Acta Mur., Bl. 1 b.

  5. Daselbst, Bl. 7 a.

  6. Daselbst, Bl. 27 a, b.

  7. Weil der Anonymus sagt: Lanzelin habe theils rechtliche, theils unrechtliche Mittel angewendet, muss man sich den Hergang etwa so denken: der Graf forderte den Schutzzins unerbittlich streng u. das war – „iuste“; denselben aber steigerte er bei jeder günstigen Gelegenheit u. das war – „iniuste“. Da nun Einer um den Andern seine Verbindlichkeit nicht decken konnte, so machte der Graf sich selbst bezahlt und jagte die säumigen Schuldner von Haus und Hof (Gfrörer, Gregor VII., Bd. I., 324 ff.).

  8. Besser „Marchwasser“, an der Grenze zwischen den Pfarreien Muri und Boswil, eine gute Viertelstunde von der Pfarrkirche in Muri entfernt.

  9. Acta Mur., Bl. 1 b.

  10. Geschichtsfrd. XXVI., 287 ff.

  11. Bischof Werner baute nämlich das Kloster auf seinem „väterlichen Eigen“ (Urk. vom J. 1027); die Pfarrkirche, die später versetzt werden musste, weil sie zu nahe beim Kloster war (Acta Mur., Bl. 4 a), gehörte zum Hofe der freien, später vertriebenen Leute (Acta Mur., Bl. 1 b), welchen dann die Gräfin Ita bekam.

  12. „fratrem suum de matre“ (Acta Mur., Bl. 3 a).

  13. Gelehrte sprechen sich dahin über diese Urkunde aus: die heute im Staatarchiv Aarau liegende Urk., dd. 1027 stamme aus dem Anfange des 12. Jahrhunderts. Das Recognitionszeichen der Urk. (rechts unten) gibt zu erkennen, dass sie von der kaiserlichen Kanzlei in Basel anerkannt wurde, wesshalb an eine dolose Fälschung nicht zu denken ist (Quellen zur Schw. Gesch. III. Acta Mur., Urkunden).

  14. Quellen zur Schweiz. Gesch. III., 174, 177.

  15. Das jetzige Othmarsingen, Dorf bei Lenzburg, Kt. Aargau.

  16. Acta Mur., Bl. 9 b.

  17. „construxi – et dicavi“, Unter „dicavi“ ist wohl nur die einfache Widmung und nicht eine wirkliche Einweihung der Bauten, zumal Bischof Werner nie persönlich in Muri war, zu verstehen. (Act. Mur., Bl. 4 b).

  18. S. oben, S. 8, Anm. 6.

  19. „abbas communicato fratrum consilio advocatum de mea posteritate, que ... castro Habesburch dominetur, qui maior natu fuerit, ... eligat“.

  20. Diese Leibeigenen als familia minor sind verschieden von den mancipiis u. servis u. dienten entweder unmittelbar der Herrschaft oder sassen auf den Gütern (Alb. Jäger, Gesch. der landständ. Verfass. I. 517).

  21. „Anno ab incarnatione domini millesimo uigesimo septimo, indictione decima, regnante Conrado Imperatore augusto scripta sunt hec“. Diese Worte sind in Majuskelschrift geschrieben. - Die Urk. ist abgedruckt bei Tschudi, Chronikon I., 9-10; Murus et Antem. II., 3-6; Gallia christiana V., 511; Geschichtsfrd. XXVII., 258-259; Quellen zur Schweizer Gesch. III., Kloster Muri, S. 107-110. - Böhmer, Ergänzungsheft u. Regesten, Nr. 1289 u. nach ihm Hidber, Regesten der Schweiz, hielten sie für unecht.

  22. Regula s. Benedicti, Cap. 2, 3.

  23. Gfrörer, Gregor VII., Bd. I, S. 332. Vgl. Vorwort, D, 2.